Anfang Dezember 2000 hielten sich Lyndon und Helga LaRouche zu einem Besuch in der ungarischen Hauptstadt Budapest auf. Seit nun mehr 10 Jahren ist das Schiller-Institut in Ungarn aktiv. Zum ersten Mal hatte die Präsidentin des internationalen Schiller-Instituts, Helga Zepp-LaRouche, Budapest am 23. Oktober 1990 auf Einladung der Organisation für politische Gefangene (Pofosz) besucht. Damals hielt sie bei einer Veranstaltung anläßlich des ungarischen Nationalfeiertages eine Rede und stellte die Politik des "produktiven Dreiecks" als realwirtschaftliche Entwicklungsperspektive für Mittel-Ost-Europa vor.
Im Zentrum des jetzigen Besuches stand ein Seminar, das Dr. Tibor Kováts, der Vertreter des Schiller-Instituts in Ungarn, organisiert hatte. Außerdem standen Treffen mit Politikern, Wissenschaftlern und Vertretern von kirchlichen Einrichtungen auf dem Programm. Dr. Kováts gehört zu den Gründungsmitgliedern von Pofosz, die die Veteranen der Revolution von 1956 vertreten. Er hatte 1990 nach der Wende als erster Vertreter eines osteuropäischen Landes den politischen Gefangenen Lyndon LaRouche in den USA in Rochester, Virginia, im Gefängnis besucht. Um so größer war die Freude des Ehepaars LaRouche, Kováts jetzt in Budapest zu begrüßen zu können.
Ungarn ist nach 10 Jahren IWF-Reformpolitik und den Balkankriegen wirtschaftlich stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Inflationsrate liegt offiziell bei 10% mit steigender Tendenz. Die Preise für Energie und Benzin, Telekommunikation und viele andere Dienstleistungen haben bald westliches Niveau erreicht. Im Vergleich dazu sind die Renten jedoch nicht gestiegen. Die heimische Industrie existiert so gut wie nicht mehr oder ist von ausländischen Investoren übernommen. Ungarn hatte eine große Aluminium-Industrie, die heute dem Erdboden gleichgemacht ist. Auffallend sind die McDonalds und die vielen westlichen Einzelhandelsketten, die wie Pilze aus dem Boden schießen.
Besonders der Balkankrieg und die Tatsache, daß bis zum heutigen Tag die Donau als Wasser- und Wirtschaftsstraße nicht instandgesetzt ist, haben dem Land großen wirtschaftlichen Schaden zugefügt. Die konservativ-liberale Koalitionsregierung von FIDESZ-MPP und der Kleinlandwirtepartei unter Ministerpräsident Viktor Orbán, sitzt spätestens seit der Mitgliedschaft in der NATO zwischen allen Stühlen. Zudem wird das Land von Korruptionsskandalen erschüttert. Wegen der politischen Nähe zu den USA reagierte man in Ungarn zwar auch ein wenig schadenfroh auf das Wahldebakel des amerikanischen Wahlkampfes, aber die Sorge um das "Was kommt danach?" überwiegt. Deshalb treffen die Überlegungen und politischen Vorschläge von LaRouche bei einem Teil der ungarischen politischen und wirtschaftlichen Elite auf offene Ohren, zumal auch die Börse in Ungarn eine Berg und Talfahrt vollführt.
Zu dem von Dr. Kováts organisierten Seminar waren viele Gäste erschienen: Vertreter von Botschaften, politischen Parteien, Wirtschaftsinstitutionen, Wissenschaftler, Ökonomen, Studenten und zahlreiche Freunde des Schiller-Instituts. In seiner Eingangsansprache drückte Dr. Kováts seine Freude über den Besuch des Ehepaares LaRouche aus. Er begrüßte Herrn LaRouche "als Freund Ungarns" und bedankte sich dafür, daß er gekommen sei, um "seine Weisheit und seinen Rat über Politik und Ökonomie mit den Ungarn zu teilen".
Frau LaRouche wies in ihren kurzen Bemerkungen darauf hin, daß ihr Mann und das Schiller-Institut bereits nach der Wende, die Menschen in Polen, Ungarn, Rußland und vielen anderen Staaten im Osten vor den Krisenentwicklungen, die wir heute haben, gewarnt hatten. Sie verglich den Kollaps des westlichen Wirtschaftssystems heute mit dem Kollaps der Sowjetunion 1989/90, nur sei die Lage heute noch katastrophaler, wenn man Afrika oder Lateinamerika betrachtet. Andererseits würden sich als Reaktion auf das Überdehnen des anglo-amerikanischen Empires die Staaten Südostasiens jetzt mit China, Japan und Südkorea zu einem regionalen Block zusammenschließen, um sich gegen eine neue Finanzkrise wie 1997 zu wappnen. In diesem Teil der Welt werde aktiv daran gearbeitet die Politik der Eurasischen Landbrücke, wie sie das Schiller-Institut vorgeschlagen hat, aktiv umzusetzen. Frau LaRouche warnte alle Anwesenden: "Wir gehen auf harte Zeiten zu. Der Schock wird kommen. Die Lösungen für die Probleme liegen aber auf dem Tisch."
In seinen Ausführungen zog LaRouche die Verbindung von der weltweiten Finanzkrise und dem drohenden Kollaps des Dollar-Systems zur der Wahlkrise in den USA. LaRouche bezeichnete die Wahl als eine besondere Art von Theater, bei dem die beiden Kandidaten nicht gewählt, sondern ernannt wurden, da jegliche potentiellen Gegenkandidaten schon im Vorfeld ausgeschaltet worden waren. Sein vernichtendes Urteil über Bush und Gore lautete, der eine habe kein Gehirn und der andere ein krankes. In jedem Fall sei keiner in der Lage mit der Finanzkrise kompetent umzugehen. Dann beschrieb LaRouche, wie seit 1966 erst die Republikanische Partei unter Nixon und ab den 70er Jahren die Demokraten unter Carter eine Allianz mit rassistischen Kreisen wie dem Ku-Klux-Klan eingingen. Diese Allianz ging wirtschaftspolitisch mit der Adaption radikaler neoliberaler Reformen einher, die das Ende der Wiederaufbauphase im Geist von Franklin Delano Roosevelt nach dem Krieg markierten. Gleichzeitig gab es Absprachen mit den angeblichen Feinden NATO und Sowjetunion.
Ein weiterer Faktor, der den Prozeß des Kollapses beschleunigte, war nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1990 die Tatsache, daß Margret Thatcher, François Mitterrand und George Bush Osteuropa einen Kurs aufzwangen, der nicht die Realwirtschaft dieser Nationen förderte, sondern lediglich McDonalds, Einkaufszentren und eine gewisse Verschönerung der Innenstädte zuließ. Die Menschen im Osten hatten statt dessen eigentlich eine gerechte partnerschaftliche wirtschaftliche Zusammenarbeit erwartet, ähnlich der Zusammenarbeit zwischen den USA und Westeuropa in der Zeit von 1945 bis 1965.
Seit 1971 sei eine gigantische Spekulationsblase aufgebläht worden, statt in reale Industrie und Landwirtschaft zu investieren, sagte LaRouche und demonstrierte am Zustand der USA, welche katastrophalen Folgen dies für die Gesellschaft hat: 80% der amerikanischen Bevölkerung verdienen heute weniger als die Hälfte des Nationaleinkommens. Das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen. Die Kosten für den Unterhalt einer Wohnung explodierten, die Familien gehen kaputt, weil die Eltern keine Zeit haben, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen, da sie mehreren Jobs nachgehen müssen, um zu überleben. Die Schulen werden zur Höllenlöchern, kranke Computerspiele machen aus Kindern psychotische Killer. Die Rentner wissen nicht, wie sich sich über Wasser halten sollen.
Unter diesen Bedingungen sei die Moral der amerikanischen Bevölkerung degeneriert. Gleichzeitig werde eine riesige Finanzblase dadurch aufrechterhalten, daß die USA den Rest der Welt ausplündert. Die USA verfüge inzwischen über ein Handelsbilanzdefizit von 600 Mrd Dollar. Heute seien wir an einem Punkt, wo durch die Kombination eines durch Hyperinflation ausgelösten Finanzkraches und eines durch Deflation zusammenbrechenden Handels das gesamte System zu jeden Zeitpunkt kollabieren könne, sagte LaRouche.
Dann entwickelte LaRouche einen Lösungsansatz für die Krise am Beispiel von Franklin Delano Roosevelt. Dieser Lösungsansatz basiert auf dem Verständnis von Agape, wie es im klassischen Griechenland, im Christentum und der Renaissance entstand. Agape, so LaRouche, sei nicht nur Wohltätigkeit gegenüber den Schwachen, sondern beinhalte mehr. Es gehe um das Prinzip Wahrheit und Gerechtigkeit, wie es in Platons "Der Staat" entwickelt wird. Da der Mensch Ebenbild Gottes sei, müsse das Verhalten gegenüber der Menschheit immer auf Wahrheitssuche und Gerechtigkeit basieren. Jedes Gesetz welches dieses Prinzip verletze, sei falsch, betonte er. Roosevelt, der in der Zeit der Großen Depression Präsident wurde, habe die USA vor einer völligen Desintegration gerettet, weil er Institutionen schuf, deren Ziel es war, dieses Prinzip zur Grundlage eines weltweiten Wiederaufbaus zu machen.
Keiner der heutigen politischen Führer in der Welt, auch nicht Präsident Clinton, habe zum jetzigen Zeitpunkt den Mut und das Wissen etwas gegen die weltweite Depression zu unternehmen. Wir brauchen heute einen Plan, nicht notwendigerweise einen detaillierten Plan, aber ein Konzept, was wir machen wollen und das finden wir anhand der angeführten Beispiele aus der Geschichte. LaRouche unterstrich, daß ein wirklicher Staatsmann mit diesen Beispielen im Kopf sofort darauf zurückgreifen würde. Und so habe er sich immer bemüht Präsident Clinton dazu zubewegen, eine internationale Konferenz zur Errichtung eines neuen Weltfinanzsystem einzuberufen, so wie es Präsident Roosevelt tat.
Am Schluß rief LaRouche zu regionaler Zusammenarbeit nach dem Vorbild der ASEAN-Staaten auf. Die Länder des Karpartenbeckens und des Donauraums über den Balkan bis zum Schwarzen Meer sollten sich zusammentun, um einen "Zusammenschluß zur Kooperation" in dieser Region Europas zu schaffen, die seit den Verträgen von Trianon auf unnatürliche Weise auseinandergerissen wurde. So könne wirtschaftliche Entwicklung, wie sie eigentlich möglich wäre, angestoßen werden. Regionale Kooperationen bedeuteten nicht eine Teilung der Welt in konkurrierende Blöcke, sondern seien als "Einheiten der Zusammenarbeit" gedacht, die auch in dieser Region zum Kern eines neuen Weltfinanzsystems werden müssen. LaRouche gab der Hoffnung Ausdruck, daß nach wir nach 35 Jahren großer Fehler an einem Punkt stehen, diese zu korrigieren, um unseren Kindern und Enkeln ein Erbe zu hinterlassen, dessen sie sich nicht schämen müssen.
Am 7. Dezember 2000 fand in Kiew eine Konferenz zu Ehren des ukrainischen Ökonomen Sergej Podolinskij (1850-1891) statt, der einer der Pioniere der physischen Wirtschaftswissenschaft war. Unter den 140 Teilnehmern waren Ökonomen, Akademiemitglieder, Politiker und Journalisten. Veranstalter der Konferenz war die Podolinskij-Gesellschaft, die im März 1999 von Kreisen der Christlichen Republikanischen Partei der Ukraine gegründet wurde und als Sammelpunkt für Kräfte aus vielen politischen Richtungen dienen soll, die in der physischen Ökonomie eine positive Alternative zur kommunistischen Planwirtschaft wie auch zur Freihandelspolitik suchen. Der Zusammenbruch von Wirtschaft und Infrastruktur ist in der Ukraine noch gravierender als in Rußland.
Zur Eröffnung der Konferenz sprach der Rektor der Nationalen Wirtschaftsuniversität Anatolij Pawlenka, gefolgt vom Ehrenpräsidenten der Podolinskij-Gesellschaft Mykola Rudenko. Rudenko hatte in der Sowjetzeit jahrelang als Dissident im Gefängnis gesessen. Er verwies besonders auf die Bedeutung des Patrioten Podolinskij für eine Wiederbelebung der wahren ukrainischen Wirtschaftstradition -- gegen den offiziellen sowjetischen Marxismus ebenso wie gegen das kritiklose Übernehmen der Vorgaben sogenannter Experten aus dem Westen. Anschließend stellte Prof. Ludmilla Kornijtschuk ein neuerschienenes ukrainisches Buch mit Schriften Podolinskijs vor.
Zwei Vertreter des Schiller-Instituts aus Deutschland, Dr. Jonathan Tennenbaum und Karl-Michael Vitt, sprachen auf der Konferenz in der Nationalen Wirtschaftsuniversität. Tennenbaum schilderte Podolinskijs Pionierarbeit über den Zusammenhang zwischen steigender Arbeitsproduktivität und dem Anstieg von Pro-Kopf-Energieverbrauch und Energieflußdichte als Schlüsselelemente der Theorie der physischen Wirtschaft, die Lyndon LaRouche in der fortgeschrittensten Form entwickelt habe. Viele der Teilnehmer, darunter Gründungsmitglieder der Podolinskij-Gesellschaft, hatten Vorträge LaRouches gehört, als dieser sich im Juni 1995 in Kiew aufhielt, sowie eine Ausstellung und Konferenz anläßlich des 15jährigen Bestehens des internationalen Schiller-Instituts im April 1999 in der Kiewer Wernadskij-Bibliothek besucht.
Gerade sind die Menschen in Polen noch damit beschäftigt, ihre Wunden nach dem Präsidentschaftswahlkampf im Oktober zu lecken, da bietet sich kurzweilige Ablenkung durch das Wahldebakel in den USA an. Eine kleine Delegation des Schiller-Instituts besuchte unser östliches Nachbarland Ende November und erlebte dabei in vielen Gesprächen die auf polnisch-verschmitzte, humorige Weise anklingende, nicht ganz heimliche Schadenfreude darüber, daß nun aller Welt vorgeführt werde, wie es tatsächlich um die angeblich größte Demokratie der Welt bestellt sei. Von Diplomaten, Ökonomen oder Politikern hört man des öfteren die Bemerkung: "Und im Juni war Frau Albright noch hier in Warschau, um der ganzen Welt Demokratie beizubringen. Zum Glück wurde sie vom französischen Außenminister Védrine gebremst."
Das allgemeine Gelächter darüber, daß ein Land, das angeblich vollkommen computerisiert sei, nicht einmal in der Lage ist, ein paar Stimmen richtig auszuzählen, war überall unüberhörbar. Aber erst im Verlauf verschiedener Seminare, an denen u.a. Abgeordnete des Parlaments sowie Wirtschaftsprofessoren und Studenten in Warschau und Krakau teilnahmen, und in vielen Gesprächen, wurden die großen strategischen Implikationen der amerikanischen Krise deutlich. Ganz besonders ist hierbei ein Seminar mit Abgeordneten des polnischen Parlaments Sejm am 29. November hervorzuheben, auf dem Hartmut Cramer und Frank Hahn sprachen. Es waren zehn Abgeordnete verschiedener Parteien zusammengekommen, um trotz wichtiger Abstimmungen im Plenarsaal fast drei Stunden lang über die weltweite ökonomische Krise und ihre Lösung zu debattieren.
Mit großer Aufmerksamkeit wurde die folgende Analyse der strategischen Lage registriert:
1. Das Wahldebakel in den USA reflektiert den tieferliegenden Machtverlust der anglo-amerikanischen Finanzoligarchie.
2. Dies hängt direkt mit dem Aufbrechen der schweren ökonomischen Krise in den USA selbst zusammen, wo der Aktiencrash der "new economy", das Rekordhandelsbilanzdefizit sowie die interne Verschuldung der USA nur die äußeren Eckpunkte der desaströsen Lage darstellen.
3. Gerade diese ökonomischen Tatsachen -- auf die der führende amerikanische Ökonom und Staatsmann Lyndon LaRouche seit langem immer wieder hingewiesen hat -- haben den Asienexperten Prof. Chalmers Johnson in seiner Analyse bestärkt, daß das amerikanische Empire genauso kollabieren werde, wie das sowjetische Empire 1989. Diese in vielen Interviews sowie in Buchform veröffentlichte These weist auf die enorme Chance hin, das Führungsvakuum in Washington zu nutzen, um bis dato undenkbare Maßnahmen zur Lösung der globalen Krise zu ergreifen.
4. Genau so ist der große Erfolg des ASEAN-plus-3-Treffens in Singapur zu verstehen, wo sich die ASEAN-Länder sowie China, Japan und Südkorea auf konkrete Maßnahmen geeinigt, als Alternative zum bankrotten IWF einen Asiatischen Währungsfonds AWF mit dem Ziel zu gründen, sich gegen spekulative Attacken auf ihre Währungen zu schützen und gleichzeitig die neue regionale Stabilität zu nutzen, um in große, langfristig angelegte Infrastrukturprojekte zu investieren.
5. Auch in Europa gibt es konstruktive Ansätze in diese Richtung, wie man am Beispiel Italiens sehen kann, wo es nun eine offizielle Initiative des italienischen Senats zur Einberufung einer internationalen Bretton-Woods-Konferenz gibt.
6. Da diese italienische Initiative im direkten Zusammenhang mit dem Jubeljahr 2000 der katholischen Kirche steht, sollte das katholische Polen nicht länger zögern, diesem Beispiel zu folgen.
In der Diskussion spielte vor allem die Frage eine Rolle, wie die Gewerkschaften in den USA jetzt auf die Situation reagieren und was die Rolle Lyndon LaRouches und seiner Fraktion in der demokratischen Partei sei. In seiner abschließenden Erklärung betonte Cramer dazu: "Die USA stehen jetzt am Beginn eines revolutionären Prozesses. Wer auch immer neuer Präsident wird, muß im Rahmen der globalen Finanzkrise handeln, die jetzt in ihre Endphase eingetreten ist; die Lage ist völlig offen. Gore steckt in großen Schwierigkeiten, da er alles versucht hat, um die traditionelle Demokratische Partei zu ruinieren. Deshalb gewinnt LaRouche nun innerhalb der Demokraten mehr und mehr an Einfluß, gerade auch die Gewerkschaften und andere ,Minderheiten' bewegen sich auf ihn zu. Dies bietet eine ungeheure Chance zur Veränderung, denn LaRouche könnte die Rolle des ,Königsmachers' übernehmen, um die USA auf eine Politik im Geiste FDRs zu orientieren. Dies würde bedeuten, daß Amerika eine echte Partnerschaft für wirtschaftliche Entwicklung mit Europa, Afrika, Asien und Lateinamerika aufbaut, so wie Roosevelt es vorhatte, bevor er im April 1945 verstarb."
Die Abgeordneten bezeichneten diese Sichtweise als "sehr konstruktiv" und bedankten sich für das Seminar, denn sie "seien nicht nur weiser geworden, sondern auch moralisch gestärkt." Die Resolution des italienischen Senats für ein neues Bretton Woods lag bereits in polnischer Sprache vor und ging von Hand zu Hand -- die nächsten Wochen werden zeigen, inwieweit Polen sich in Richtung auf ein neues Bretton Woods bewegt.
Auf einer öffentlichen Veranstaltung des Schiller-Instituts in Warschau, an der Freunde des Instituts sowie ehemalige Regierungsmitglieder teilnahmen, wurde angeregt, die italienische Bretton Woods Resolution gezielt in die politische Debatte hineinzutragen.
Die Krise im Lande
Momentan beherrscht zwar noch die neoliberale und postkommunistische Klientel mit Erpressung, Korruption und ideologischer Mediendominanz die Szene. Aber es deuten sich auch in Polen große Risse im politischen Konsens an. Denn ganz allgemein herrscht eine beklemmende Angst vor der herannahenden Lawine einer großen wirtschaftlichen Zusammenbruchskrise -- ein Phänomen, das in den letzten zehn Jahren nach dem Umbruch in Polen niemals so spürbar gewesen ist. Von Ministerialbeamten bis hin zu Ökonomen, Studenten und dem berühmten Durchschnittsbürger hört man die übereinstimmende Ansicht, daß der nachkommunistische Boom (der ja in Wirklichkeit immer nur eine Scheinblüte war) nun jäh und unweigerlich in sich zusammenklappen werde. Die offizielle Arbeitslosigkeit im Land liegt bei 14,5%, soll aber selbst nach offiziellen Schätzungen am Beginn des neuen Jahres schon mehr als 17% erreichen. Die Nationalbank verfolgt eine strikte Hochzinspolitik. Mit 23 Prozent weist Polen die höchste Zinsrate in ganz Europa auf, und will damit ausländisches Kapital im Land halten bzw. ins Land ziehen. Der Abzug von auch nur einigen 100 Millionen Dollar ausländischen Kapitals würde sofort zu einer Währungskrise und damit einer drohenden Zahlungsunfähigkeit führen. Die hohen Zinsen haben den Markt für private Bankenkredite fast völlig ausgetrocknet. Da die öffentlichen Haushalte ebenfalls am Rande des Bankrotts operieren, ist die Investitionstätigkeit fast zum Erliegen gekommen, Firmenzusammenbrüche häufen sich und ein Klima der Angst vor Schlimmerem macht sich breit.
Und die katholische Kirche?
Nun hat in solchen Zeiten die katholische Kirche in Polen immer eine herausragende Rolle der Integration und des hoffnungspendenden Wegweisers gespielt. Kann sie dies heute noch? Wir können diese Frage hier nicht beantworten. Allerdings konnten sich Vertreter des Schiller-Instituts selbst ein Bild von der Gemütslage im katholischen Milieu machen, da sie neben den politischen Seminaren am 24./25.November auch zu einem zweitägigen Kongreß aller polnischen katholischen Laienverbände eingeladen waren.
Hier fielen zwei bemerkenswerte Reden auf, die wie ein Appell zum Überleben an die katholischen Laien gerichtet waren. Zum einen sprach der Vorsitzende des europäischen Episkopats, der Prager Kardinal Vlk, der von seinen ganz persönlichen Erlebnissen unter dem Kommunismus berichtete. Als Priester war ihm das Predigen verboten wurde, und er mußt sich daraufhin als Gelegenheitsarbeiter durchschlagen. Er habe sich damals voller Bitterkeit über sein hartes Schicksal beklagt, bis er sich entschieden habe, als Mensch das Evangelium zu leben. Damit habe er eine größere Wirksamkeit erlangt, als es Kraft seines Amtes nur zu lehren. Er habe sich mit Gleichgesinnten zusammengeschlossen, und schon bald hätten sie mit ihrer Botschaft von Gerechtigkeit, Liebe und Versöhnung immer größere Kreise, vor allem auch Nichtgläubige erreicht -- ein wahrhaft paulinisches Konzept der Verbreitung christlicher Ideen.
Im weiteren Verlauf sprach der polnische Pater Adam Schulz, Geschäftsführer der Bewegung aller polnischen katholischen Laienverbände. Auch seine Botschaft war unmißverständlich: Die Menschen im heutigen Polen seien emsig damit beschäftigt, im täglichen Existenzkampf einigermaßen "über die Runden zu kommen", so daß keine Zeit bliebe, über religiöse oder philosophische Ideen wirklich tief nachzudenken. "Wie also sollen wir die Aufgabe denn erfüllen, ein Beispiel für die Kraft der christlichen Lehre zu geben?" fragte Pater Schulz. Sogleich fügte er warnend hinzu, viele Leute führten zwar ständig irgendwelche Zitate aus den päpstlichen Enzykliken im Munde, beteiligten sich aber gleichzeitig willensschwach und heuchlerisch an Korruption, Bestechung und öffentlicher Lüge. Also, war seine Schlußfolgerung, müsse man zum "Heiligen" werden, und zwar zum "professionellen Heiligen", nicht zu einer abstrakten, esoterischen Schwebefigur, sondern gewissermaßen zu einer "Vollblutheiligen" wie Mutter Teresa.
Die Kernausage beider Reden war eindeutig: Hört auf mit der Bigotterie, das reale Leben erfordert reale Antworten auf reale Probleme! Und wenn die Kirche diese Antworten nicht zu geben vermag, dann ist es um sie geschehen.
Die Hilflosigkeit der Kirche wurde leider dann auch bei Diskussionen zum Thema Arbeitslosigkeit deutlich, die am zweiten Kongreßtag stattfanden. Vor allem aber im kulturellen Bereich zeigt sich die rasante, gefährliche "Umwertung" innerhalb der polnischen Gesellschaft. In einer Diskussion am Rande des Laienkongresses der Katholiken wurde von einem Vorfall in Katowice berichtet: Der Chef der größten Konzerthalle am Ort hatte sich geweigert, einen Kontrakt für ein Rockkonzert mit der amerikanischen Gruppe Marilyn Manson abzuschließen, da diese Gruppe ganz offen satanische Kulte praktiziert. Daraufhin wurde in den liberalen und postkommunistischen Medien eine beispiellose Hetzkampagne gegen ihn losgetreten. Man zeterte, er wolle den Rückfall in alte Zeiten, als Kunst der Zensur unterlag, und er plane wohl, einen Index für verbotene Kunstwerke aufzulisten etc. Schließlich warf man ihm vor, am völlig veralteten und nicht mehr zeitgemäßen Christentum festzuhalten. Diese Tendenzen -- Wahrheit und Menschenwürde unter dem Schein der Liberalität zu mißachten -- sind im Westen offenkundig, aber für ein bisher durch und durch katholisches Land wie Polen ist dies alles äußerst schockierend. Die Kirche ist in der Tat dabei, in die Defensive gedrängt zu werden.
Umso wichtiger ist es, daß sich katholische Kreise mit den großen Themen dieser Welt befassen. Mit diesem Ziel hatte der polnische katholische Sozialverband (PZKS) am ersten Tag des Laienkongresses eine abendliche Veranstaltung organisiert, auf der Grégoire Mukengechay vom Schiller-Institut über das Thema "Afrika zwischen Schulden und AIDS" sprach. Mukengechay, der aus dem Kongo stammt, hatte in den 60er Jahren in Polen studiert und spricht nach wie vor fließend polnisch. Er schilderte sehr lebendig die Auswirkungen der IWF-Politik der Globalisierung und des neoliberalen Freihandels in Afrika und ging auf die dramatische Verschuldung und den damit zusammenhängenden verheerenden Zusammenbruch des Gesundheitswesens ein, wobei natürlich die Ausbreitung der AIDS-Epidemie besonders besorgniserregende Ausmaße angenommen habe. Katholiken aus Polen und Weißrußland debattierten leidenschaftlich mit ihm über die Lösungswege für die afrikanische Tragödie. Dabei wurde einmal mehr deutlich, daß "afrikanische Verhältnisse" gar nicht so weit weg sind, wenn wir die Wirtschaftspolitik nicht auf globaler Ebene ändern.
Und damit kommen wir zum Ausgangspunkt zurück: Polen steht am Wendepunkt hin zu einer schweren Krise, nachdem man zehn Jahre unterwürfig alle brutalen Auflagen der anglo-amerikanischen Finanzelite erfüllt hat. Die Klügsten im Lande sehen jetzt die einzigartige Chance, das Vakuum in den USA zu nutzen, um endlich souverän politisch zu handeln.
Im hessischen Weinstädchen Hochheim versammelten sich am 25. November 2000 rund 70 aktive Mitglieder des Schiller-Instituts sowie ein Dutzend teilweise internationaler Gäste, um die ordentliche Mitgliederversammlung abzuhalten. Zu den internationalen Gästen gehörten vor allem zwei Delegationen aus Kanada und Rußland, die auch deshalb nach Deutschland gekommen waren, um die Arbeit des Schiller-Instituts in ihren Ländern auszuweiten und zu intensivieren.
Rainer Apel, zweiter stellvertretender Vorsitzender des Schiller-Instituts, moderierte die Veranstaltung. Die Vorsitzende Helga Zepp-LaRouche gab zunächst mit ihrer Rede, die viele aktuelle Bezüge enthielt, den Rechenschaftsbericht ab. Vor allem betonte sie, wie die Arbeit des Schiller-Instituts der vergangenen Jahre genau die Lösungen vorbereitet habe, die in der nun auch von der breiten Öffentlichkeit und den Eliten anerkannten Krise umgesetzt werden müßten.
Heute stehe das anglo-amerikanische Empire vor dem Zusammenbruch, und es drohe der Absturz in ein "neues finsteres Zeitalter", gerade weil die Vorschläge des Schiller-Instituts oft rüde zurückgewiesen wurden. Beispielhaft war die Entwicklung in Osteuropa, auf die das Schiller-Institut schon früh reagiert hat. Lyndon LaRouche, Helga Zepp-LaRouches Ehemann, hatte bereits 1983 und erneut 1988 das Ende der Sowjetunion und die deutsche Wiedervereinigung prognostiziert. 1988 legte LaRouche das Programm vom "Produktiven Dreieck Paris-Berlin-Wien" vor, welches vom Schiller-Institut dann weltweit propagiert wurde, um Osteuropa an die wirtschaftliche Entwicklung Westeuropas anzuschließen. Dieses Programm wurde dann zur "eurasischen Landbrücke", zur wirtschaftlichen Entwicklung durch den Aufbau modernster Infrastruktur bis nach Fernost und darüber hinaus, ausgeweitet. Leider wurde statt dessen die Politik der "Globalisierung" und "Privatisierung" betrieben mit den entsprechenden Folgen.
Heute entfalteten sich mehrere Krisenfronten gleichzeitig, führte sie aus. Neben der strategischen Krise, für die der ungelöste Nahostkonflikt beispielhaft ist, der politischen, wie sie in dem amerikanischen Wahldebakel zu Tage tritt, schlage sich vor allem die kulturelle Krise in verbreitetem Kulturpessimismus nieder. Die Eliten der Industrienationen seien erbärmlich und die Bevölkerung reagiere mit der Ausrede: "Man kann ja doch nichts machen."
Das Schiller-Institut, das sich die Programmatik der deutschen Klassik und der amerikanischen Revolution zu eigen gemacht hat, sieht einen wesentlichen Aspekt seiner Aufgabe darin, die Bevölkerung über die Auseinandersetzung mit großen Ideen zum eigenen Denken anzuregen. "Es geht nicht um Leitkultur -- das Wort will ich nur in Klammern sagen --, sondern um Kultur", so Helga Zepp-LaRouche.
Zwischen dem Finanzbericht der scheidenden Kassenwartin Angelika Beyreuther-Raimondi und der Wahl des neuen Vorstands wurde angeregt diskutiert. Neben der BSE-Problematik, die symptomatisch für die wahnwitzige Wirtschaftspolitik des Neoliberalismus sei, wie Rosa Tennenbaum vom Vorstand in einem Kurzbeitrag betonte, wurde vor allem über die Lage in den USA und die Romantik debattiert. Ein junges Mitglied verwies darauf, daß unter Jugendlichen bereits "Gegenkulturen" gegen die heute vorherrschende Gegenkultur der 68er entstünden, wie der sogenannte "Underground". Viele dieser jungen Menschen stünden den politischen Ideen des Schiller-Instituts durchaus wohlwollend gegenüber, hätten aber von Klassik keine Ahnung.
Eindringlich beschrieb Jurij Gromyko die politische Lage in Rußland, und Konstantin Tscheremnych ergänzte dies mit einem Beitrag über zwei Ausstellungen in Moskau, wo einerseits moderne Comic-Kunst und andererseits Nazi-Kunst ausgestellt würden, die frappierende Ähnlichkeiten aufwiesen. Statt solcher "Kunst" müsse das Menschliche und die Menschlichkeit wieder im Mittelpunkt der Kultur stehen.
Der neue Vorstand des Schiller-Instituts besteht aus Helga Zepp-LaRouche, Rosa Tennenbaum, Rainer Apel und Ortrun Cramer, die sich nun der Verantwortung der Schatzmeisterin stellt.
Die Schillerfeste der Dichterpflänzchen in Mainz und Wiesbaden jeweils im November des Jahres sind schon zur schönen Tradition geworden, anders kann man sich den regen Zulauf von jeweils 120 Gästen, den die Veranstaltungen dieses Jahr fanden, kaum erklären. Dabei ließ der Titel "Die Bestimmung des Menschen" nun nicht gerade leichte Kost erwarten. Doch offenbar suchen viele Zeitgenossen noch etwas außerhalb des von "Big Brother" und Seifenopern geprägten Fernsehens.
Was ist der Mensch, was soll er sein? Ist er ein etwas kultivierteres Tier oder -- ganz zeitgenössisch aktuell -- ein hochkomplizierter Computer, dessen Funktionsweise wir lediglich noch nicht richtig verstehen? Solche Fragen wurden an diesem Abend von Philosophen und Dichtern erörtert. Gabriele Liebig, die Verfasserin des Programms, hatte Moses Mendelssohn, Gotthold Ephraim Lessing und Friedrich Schiller zu einer Art Talk-Show eingeladen, bei der sie selbst die Fragen stellte und moderierte. Die Versammlung wurde immer wieder von der "Gegenwart" unterbrochen, die gleich zu Beginn der Runde kundtat, daß sie ganz anderer Meinung sei als das Schiller-Institut, daß alles, was die Dichterpflänzchen präsentierten, viel zu unmodern und langweilig sei. Die Gegenwart, das Hier und Heute zähle, und die wolle sie vertreten. Nun gut; so saß denn auch die Gegenwart mit am Tisch.
Der jüdische Philosoph Moses Mendelssohn, der Großvater des Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy, wurde zu seiner Zeit der "deutsche Sokrates" genannt. Zusammen mit seinem Freund Lessing griff er mächtig in eine damals hitzig geführte Debatte über das Wesen des Menschen ein. Was sollte so einmalig an ihm sein? Wenn er geboren wird, ist er hilfloser und elender als die meisten Tiere. Doch gleich "arbeitet schon die gesamte Natur, ihn vollkommener zu machen", damit er seinen Schöpfer erkenne und strebe, ihm ähnlicher zu werden, meinte Mendelssohn. Dies rief prompt den Protest der Gegenwart hervor. Seele, Religion, Gott, das seien Erfindungen des menschlichen Gehirns, weil wir noch nicht begriffen hätten, wie dieser Computer denn eigentlich funktioniere.
Mit derlei Argumenten der mechanischen Aufklärung habe er sich schon vor 250 Jahren herumgeschlagen, erzählte Lessing, nachdem der Franzose La Mettrie mit seinem Buch L'homme machine, "Der Mensch als Maschine", die Gemüter aufgewühlt hatte. Er sei zu der Einsicht gelangt, daß der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen und deshalb bestimmt sei, seine geistigen Fähigkeiten auszubilden und nach Wahrheit zu suchen. Doch was ist Wahrheit, wie kann man wissen, was wahr ist? Stellt sich die Wahrheit nicht für jeden anders dar? Nicht erst seit der Frankfurter Schule ist die Haltung, es gäbe keine Wahrheit, sondern nur Meinungen, die sich in jedem Kopf anders darstellten, weit verbreitet. Aber wenn es die Wahrheit nicht gibt, warum sollte man dann nach ihr suchen? "Und wer aufhört, nach der Wahrheit zu suchen, der verliert bald alle Kriterien für Gut und Böse. Diese entsetzliche Beliebigkeit ist im Effekt genauso schlimm wie der finsterste Aberglaube", schimpfte Lessing.
Und schon war man mit der nächsten Frage konfrontiert: Was ist Religion? "Gott ist tot!", tönte die Gegenwart. Gott sei lediglich ein Phantasiegebilde der Menschen, was man schon daraus ersehen könne, daß es nicht nur "Gott", sondern auch "Jehova" und "Allah" gebe. Das rief wieder Lessing auf den Plan: Sie sind alle drei Abbild des Einen, wie Nathan in der Ringparabel wunderbar erklärt.
Komödie und Tragödie
Eine Erörterung über Erziehung und die Bedeutung des Theaters schloß sich an. Lessing vertrat lebhaft die Meinung, die Bestimmung der Tragödie sei, "unsere Fähigkeit, Mitleid zu fühlen, (zu) erweitern". Und das nicht nur in einem konkreten Fall, sondern "sie soll uns so weit fühlbar machen, daß uns der Unglückliche zu allen Zeiten, und unter allen Gestalten, rühren und für sich einnehmen muß." Der mitleidigste Mensch sei der beste Mensch, weil er großmütig sei.
Natürlich war das der Gegenwart viel zu "anstrengend"; Tragödie sei "out", Unterhaltung sei gefragt. Das Theater solle erfreuen und unsere Seele erweitern, schaltete sich der Dramatiker Schiller ein. Auf der Bühne sehen wir Menschen agieren, Menschen mit ihren Fehlern und Schwächen, geradeso wie wir selber sind. Hier können wir über unsere Schrullen lachen und über unsere Fehler urteilen, ohne daß wir uns direkt angegriffen fühlen müssen. So werden wir gebessert, ohne belehrt zu werden. Und selbst wenn wir nicht gebessert werden, so werden wir wenigstens mit uns selber besser bekannt gemacht. In der Tragödie lernen wir fremde Schicksale kennen und sehen, wie der jeweilige Held daran zerbricht oder an seinem Unglück wächst.
Lessings Biographie ist ein solches Beispiel. Erst spät hatte er in Eva König sein Lebensglück kennengelernt, dann dauerte es Jahre, bis die vielen Widrigkeiten, die eine Heirat immer wieder hinausschoben, überwunden waren. Schließlich heirateten sie, doch das Glück währte nur ein Jahr. Eva König starb an den Folgen der Geburt des ersten Sohnes, dem nur einen Tag zu leben vergönnt war. Die beiden Briefe, die Lessing an seinen Freund Eschenburg schrieb, erschüttern zutiefst. Wenn man bedenkt, daß er nach diesem Schicksalsschlag sein größtes Schauspiel Nathan der Weise schrieb, das ein Appell für Mitmenschlichkeit und Toleranz darstellt, ist man sprachlos. In der großen Szene zwischen Nathan und dem Klosterbruder, in der Nathan erzählt, wie die Christen seine Frau und seine sieben Söhne ermordeten und wie er kurze Zeit später das Waisenkind Recha bekam, verarbeitet er sein hartes Schicksal. Er nimmt es als von Gott gegeben an und wächst damit über sich selbst hinaus.
Dies war der Höhepunkt des Programms, und selbst die Gegenwart mußte zugeben, daß Lessing wohl "doch so etwas wie eine Seele" gehabt haben müsse. Wenn man der Ansicht ist, daß das Leben nur Spaß machen sollte, dann wird einen solch ein Schicksalsschlag vernichten, das war jedem im Publikum so klar wie der Gegenwart. Das ist einer jener Momente, wo "uns das Schicksal erhebt, wenn uns das Schicksal zermalmt". "Gottgleichheit ist die Bestimmung des Menschen", sagte Schiller, wir sollen uns dem Vollkommenen immer ähnlicher machen. Und das Unvermeidliche, das wir nun einmal wegen der Natur der Sache nicht ändern können, annehmen.
Ein Bedürfnis der Zeit
Mit Auszügen aus Schillers Gedicht Die Künstler wurden die großen Themen, die am runden Tisch philosophisch erörtert worden waren, noch einmal in Versen behandelt und auf eine höhere Ebene gehoben. Denn Wissenschaft, Religion und Philosophie setzen jeweils nur bestimmte Anlagen in uns in Tätigkeit, wohingegen die schöne Kunst den ganzen Menschen erfaßt und bewegt. Gedichte und Fabeln von Lessing und Schiller, die zwischen die philosophischen Diskurse gestreut waren, taten das gleiche: Sie spiegelten das soeben Gehörte oder führten das Gesagte weiter aus; gleichzeitig gewährten sie dem Zuhörer eine kleine Pause, Atem zu schöpfen und sich neu zu sammeln. Sechs Lieder von Beethoven, die von Sängern, welche von der Lohmann-Stiftung gefördert werden, vorgetragen wurden, rundeten das Programm ab und machten es zu einem äußerst erhebenden und erhellenden Abend.
Das Publikum war begeistert. Offenbar ist die Erörterung solcher Sinnfragen ein dringendes Bedürfnis unserer Zeit. Einige waren ausgesprochen dankbar für den Rückhalt und die Bestätigung, die sie an diesem Abend fanden. Die Einsprüche der Gegenwart gegen den hohen Anspruch der Ideen drückten aus, was wohl so mancher in diesem Augenblick gedacht haben wird. Die unmittelbaren Reaktionen zeigten das überdeutlich. Man war dankbar, daß ein anderer sich exponierte, und indem man über die Gegenwart lachte, lachte man gleichzeitig über seine eigene Torheit.
Wenn sich die monetären Fesseln lösen
In Düsseldorf wurde am 15. November 2000 die Serie von Seminaren der Nachrichtenagentur "Executive Intelligence Review" (EIR) fortgesetzt, bei denen die neue Studie "Hyperinflation und Weltfinanzkrise" vorgestellt wird. Helga-Zepp-LaRouche, die Präsidentin des internationalen Schiller-Instituts, und der Wirtschaftsjournalist Lothar Komp, Mitautor der EIR-Studie, zeichneten ein schonungsloses Bild der politischen und wirtschaftlichen Lage.
Komp zeigte die Parallelen der Hyperinflation 1923 zu den Entwicklungen der letzten fünf Jahre monetärer Politik der internationalen Zentralbanken auf. Damals wie heute gab es eine politische Entscheidung, alle monetären Fesseln zu lösen, um durch Gelddrucken das bankrotte System aufrechtzuerhalten. Was im Mai 1919 mit den Vereinbarungen in Versailles bezüglich deutscher Reparationszahlungen begann, endete im Herbst 1923 mit einer Hyperinflation, bis ein Brot Milliarden Reichsmark kostete.
Im Sommer 1922 bot sich jedoch noch einmal eine Gelegenheit, aus diesem Teufelskreis auszusteigen, als in Genua eine internationale Finanz- und Währungskonferenz abgehalten wurde. Diese Konferenz blieb jedoch ohne Ergebnis, da der Hauptgläubiger Deutschlands, die USA, nicht anwesend waren. Walter Rathenau, der die deutschen Interessen vertrat, versuchte deshalb über eine Kooperation mit Rußland, einen Ausweg zu finden. Es kam zu dem berühmten Treffen in Rapallo. Durch den Mord an Rathenau und infolge einer Kombination politischer Intrigen blieb dieser Weg versperrt und der unheilvolle Gang der Geschichte bis 1945 nahm seinen Lauf.
Da das EIR-Seminar eine Woche nach der US-Wahl stattfand, hatte Frau Zepp-LaRouche die Gelegenheit, eine ausführliche Einschätzung der Lage zu geben. Sie stellte im Detail den spezifischen amerikanischen Typus von Faschismus vor, den die Welt bei einer Präsidentschaft Bush oder Gore zu erwarten habe. Sie schlug den historischen Bogen zurück zur Kennedy-Ermordung, die bis heute ein Trauma der amerikanischen Bevölkerung ist, und zur Bürgerrechtsbewegung von Dr. Martin Luther King, die das Wahlrecht für die schwarzen Amerikaner erstritt. Nach der Unterzeichnung des "Voting Rights Act" durch Präsident Johnson sei die Gegenreaktion der Republikaner unter Nixon erfolgt, die die sogenannte Strategie für den Süden formulierten. Diese Leute arbeiteten Hand in Hand mit den christlichen Fundamentalisten übelster und irrationalster Sorte. Unter Jimmy Carter gewannen diese Fundamentalisten auch Einfluß auf die Demokratische Partei. Frau LaRouche verglich die Sklavenhalter-Ideologie des Südens mit der heute populären Shareholder-Value-Ideologie der Wallstreet-Interessen. Beide seien gegen das Gemeinwohl gerichtet.
Der Unilateralismus, der nach dem Niedergang der Sowjetunion 1990 in der amerikanischen Politik unter Bush sen. und der britischen Premierministerin Margret Thatcher zum Tragen kam, habe den letzten ruinösen Schub für das bankrotte System der Globalisierung gegeben und viele Freunde Amerikas zu Feinden Amerikas gemacht. Deshalb empfand alle Welt das Wahldebakel in Amerika als eine Art Erleichterung. Frau LaRouche ging dann auf die regionalen Widerstandsinitiativen gegen das bankrotte Dollar-System ein und forderte jeden im Saal zu einer aktiven Mitarbeit für den Kampf um ein neues Bretton-Woods-System und eine gerechte Weltwirtschaftsordnung auf.
Eine Runde von deutschen Gemeindemitgliedern und Mitgliedern der italienischen katholischen Gemeinde fand sich am 21. Oktober 2000 in St. Anna in Karlsfeld bei München zusammen, um über die aktuelle Bedeutung des Jubeljahres 2000 zu diskutieren. Nach einer musikalischen Einleitung (es erklang der erste Satz der Klaviersonate KV 333 B-Dur Mozarts, gespielt von Michael Gründler) eröffnete Pfarrer Robert Krieger die Veranstaltung.
Er stellte in seinen einleitenden Worten heraus, daß das Christentum keine "individualistische Religion" im egoistischen, auf den persönlichen Bereich beschränkten Sinne sei. Dies werde besonders in den Sozialenzykliken der katholischen Kirche seit "Rerum Novarum" (Leo XIII, 1891) über die Arbeiterfrage deutlich. Die Wurzeln des Jubeljahres reichten bis zum Judentum zurück, erklärte er. Im Alten Testament kündigt Jesaja den Armen "gute Nachricht" mit dem "Gnadenjahr des Herrn" an. Bei dem damaligen Jubel- oder Sabbatjahr wurden u.a. alle Schulden zu erlassen. In jedem 50. Jahr wurden Grund und Boden neu verteilt, weil die Erde Gott und nicht einzelnen Menschen gehöre. So sei den Menschen die Chance eines Neuanfangs gegeben. Heute gehe es darum, daß der "arme Lazarus" nicht mehr nur die Brosamen von den Tischen der Reichen erhält, vielmehr müsse es in einer gemeinsamen Anstrengung gelingen, eine neue Weltordnung zu errichten, in der die Wirtschaft wieder dem Menschen diene.
Paolo Raimondi von der italienischen Bürgerechtsbewegung Movimento Internazionale per i Diritti Civili -- Solidarietà referierte über die verschiedenen Initiativen, die auf Grundlage des Jubeljahres für eine gerechte neue Weltwirtschaftsordnung insbesondere in Italien entstanden seien. Er stellte diese Initiativen in den Zusammenhang des internationalen Finanzkollapses und illustrierte mit Schaubildern die Verschuldungsdynamik der Dritten Welt und die Entwicklung der globalen Spekulationsblase. Die Lösung dieser wirtschaftlichen Probleme, so Raimondi, sei nur auf der Basis einer grundsätzlich neuen Finanzarchitektur, eines neuen "Bretton Woods" möglich, wobei jedoch lokalen und regionalen Initiativen eine Schlüsselrolle zukomme.
Klaus Fimmen vom Münchner Schiller-Institut zeigte dann detailliert auf, wie nach dem Zweiten Weltkrieg durch das Londoner Schuldenabkommen die komplizierten Probleme der Umschuldung Deutschlands auf vernünftige Weise gelöst worden seien. Und die gleiche Herangehensweise habe man auch beim Wiederaufbau der Industrie im Rahmen des Marshallplans und der Arbeit der Kreditanstalt für Wiederaufbau gewählt. Wenn der politische Wille dazu existiere, sei dies heute genauso möglich. In diesem Sinne handele es sich beim Wiederaufbau Deutschlands also nicht um ein "Wunder", wie oft gesagt werde, sondern um gut durchdachte Maßnahmen und harte Arbeit.
Während des folgenden gemeinsamen Kaffeetrinkens kam das Thema zum Vorschein, das eigentlich alle bewegt: Wie konnte es dazu kommen, daß sich unsere Gesellschaft sich heute so weitgehend von fundamentalen moralischen Prinzipien und der Freude am schöpferischen Tätigkeiten abgewandt hat und statt dessen nur noch Äußerlichkeiten und dem schnellen Geld hinterherläuft? In ihrem Vortrag versuchte Elke Fimmen darauf eine Antwort zu geben. Ihrer Ansicht nach sei die Idee der "Übervölkerung", die vor mehr als dreißig Jahren durch den "Club of Rome" in die Welt gesetzt wurde, die Wurzel des Übels des heutigen "Wertewandels". Die christliche Sicht des Menschen als "Krone der Schöpfung" sei zunehmend durch ein Weltbild ersetzt worden, das den Menschen als "Krebsgeschwulst der Erde" definiere. Heute seien es nicht mehr nur die Menschen der Dritten Welt, sondern auch die älteren Menschen, Kranken und Schwachen, die im Zeitalter der Finanzspekulation "zu teuer" seien. Verblüfft waren die Zuhörer über einige vergleichende Statistiken der Bevölkerungszahlen pro km2 von Industrieländern und unterentwickelten Nationen, aus denen klar hervorging, daß es gar keine Übervölkerung, sondern nur einen Mangel an Entwicklung gibt.
Anhand von Zitaten aus der berühmten Enzyklika "Populorum progressio" ("Über den Fortschritt der Völker") von Papst Paul VI. aus dem Jahre 1967 wurde deutlich, welch eine "Umwertung der Werte" in den letzten 30 Jahren stattgefunden hat. Frau Fimmen betonte, diese Enzyklika, wie auch die ein Jahr später folgende "Humanae vitae" ("Über das menschliche Leben"), sei eine klare politische Intervention von Papst Paul VI. gewesen, um der Umorientierung hin zum Malthusianismus und einem irrationalen, triebbestimmten Menschenbild ("New Age") sowie den zerstörerischen Auswirkungen des liberalistischen Finanzkapitalismus entgegenzutreten. Anhand des LaRoucheschen Konzeptes der potentiellen relativen Bevölkerungsdichte zeigte sie, daß es das entscheidende Merkmal einer gesunden Wirtschaft sei, mehr Menschen eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Die Weiterexistenz einer Gesellschaft wiederum hänge von den kreativen Erfindungen des Menschen ab, mit denen er die Schöpfungsgesetze immer mehr erforsche und sich zunutze mache. Dieser Prozeß, der sich insbesondere in der europäischen Bevölkerungsentwicklung seit dem 15. Jahrhundert zeige, sei sozusagen der empirische Beweis für das Gebot der Genesis: "Seid fruchtbar, mehret euch und machet euch die Erde untertan."
Besonders bei den älteren Teilnehmern wurden mit dem Gesagten wohl auch die eigenen Erfahrungen und Werte wieder wachgerufen: der Wert der Arbeit, der Stolz darauf, im Aufbau nach dem Krieg die Grundlage für die Zukunft geschaffen zu haben. So erzählte ein Ehepaar, wie es nach dem Krieg als Vertriebene aus den Ostgebieten in Karlsfeld eine neue Heimat gefunden hatte. Die älteren Italiener der Gesprächsrunde waren als Gastarbeiter in den fünfziger Jahren nach Deutschland gekommen. Für sie hatte immer im Vordergrund gestanden, mit ihrer Arbeit ihren Kindern eine Zukunft aufzubauen. Dies werde heute als "altmodisch" abgetan. Alle Teilnehmer, darunter eine ganze Reihe Jugendliche, waren am Ende einig, daß diesem Diskussionsnachmittag konkrete Initiativen folgen sollen, um dem "Zeitgeist" entgegenzuwirken und das Jubeljahr mit Leben zu erfüllen.
Der krönende Abschluß des Nachmittages war die feierliche Abendmesse in St. Anna. Pfarrer Krieger ging in seiner Predigt auf das 20. Kapitel des Matthäus-Evangeliums ein. Darin bitten zwei der Jünger Jesu, zu seiner Rechten und Linken sitzen zu dürfen, wenn er die Herrschaft erlange. Jesus antwortet ihnen, daß sie nicht wissen, was sie da verlangen. Die Frage sei die Nachfolge Christi und nicht die Teilhabe an weltlicher Macht, woran auch die Kirche sich öfters erinnern sollte, so Pfarrer Krieger. Darüber hinaus sei ein System, das nur noch auf Spekulation basiere, ohnehin zum Untergang verurteilt. Wenn Kinder auf die Frage, was sie einmal werden möchten, nur noch antworten "Ich will Geld machen", statt sich, wie früher, für einen konkreten Beruf zu begeistern -- etwa Feuerwehrmann, Lokomotivführer oder Polizist -, sei mit dieser Gesellschaft etwas grundlegend nicht in Ordnung. Jeder müsse sich fragen, so Pfarrer Krieger zum Schluß seiner Predigt, auf welcher Seite er stehen wolle.
Am 9./10. September 2000 versammelten sich Mitglieder und Freunde des Schiller-Instituts in der schönen niederbayerischen Stadt Landshut zu Vorträgen und Diskussionen über die Frage: Wie können wir heute aus der zusammenbrechenden alten Ordnung mit all ihren schrecklichen Symptomen eine neue Renaissance schaffen? Wie stellen wir uns dieser Herausforderung, und wie können wir andere dazu inspirieren, die innere Freiheit in sich selbst zu entdecken und zu entwickeln, um die nötigen Lösungen zu finden und entsprechend zu handeln?
Die meisten Gäste, die sowohl aus der näheren Umgebung, aber auch aus Sachsen und Österreich angereist waren, begannen das Programm mit einem Besuch des bei Landshut gelegenen Kernkraftwerks Isar I und II. Am Sonntagnachmittag fand das Seminar seinen krönenden Abschluß mit einem von Rudolf Schanze geführten Rundgang durch die Landshuter Altstadt, die durch die besondere städtebauliche Konzeption des geschlossenen Stadtkerns und die Schönheit der teils gotischen, teils aus der Renaissancezeit herstammenden Gebäude einen erhebenden Eindruck auf den Besucher hinterläßt -- das beste Beispiel für den Erfindungsgeist des Menschen und seine Liebe zur Harmonie. Die Städtebauer der Vergangenheit konnten Ästhetik und Funktionalität perfekt vereinen. Unwillkürlich kam einem Schillers Ausspruch aus seinem Gedicht "An die Freunde" in den Sinn, in dem es heißt: "Könnte die Geschichte davon schweigen, tausend Steine würden redend zeugen..."
Die Schönheit der Umgebung trug auch sichtbar zur "inneren Gestimmtheit" der Teilnehmer bei. Aus dem Fenster des Tagungslokals blickte man auf die ruhig dahinströmende Isar und hinüber auf die am anderen Ufer gelegene Altstadt. Die Themen, die drinnen diskutiert wurden, waren jedoch alles andere als beschaulich.
Um die Frage, von welchem Standpunkt aus überhaupt wissenschaftliche Problemlösungen, die für das Überleben der Zivilisation entscheidend sind, entwickelt werden können, ging es bei den Vorträgen am Sonntagvormittag. Dr. Jonathan Tennenbaum behandelte in seinem faszinierenden Vortrag das Prinzip der Ordnung durch Kreativität im Universum. Nur wenn bereits ein höheres "Kompositionsprinzip" in der Schöpfung selbst angenommen wird, ergibt die Evolution des Lebens, wie wir sie sehen, überhaupt einen Sinn. Diesen wissenschaftlichen Untersuchungsansatz verfolgten Plato, Nikolaus von Cusa, Leibniz, und in neuerer Zeit der russische Geobiologe Wladimir Wernadskij sowie Lyndon LaRouche mit seinem Konzept der nachweisbaren Kohärenz zwischen wissenschaftlichen Entdeckungen der Prinzipien des Universums und der Erhöhung der relativen Bevölkerungsdichte. Wissenschaftler, die sich weigern, die Entwicklungsgesetze des Universums als Ganzes zu erforschen, glichen dem Mann, der seinen verlorenen Ring unter einer Straßenlaterne sucht, sagte Tennenbaum in Anlehnung an einen russischen Witz. Darauf angesprochen, daß er den Ring doch dort gar nicht verloren habe, antwortet der Mann: "Aber hier ist Licht!"
Mit dieser erkenntnistheoretischen Sackgasse des platten Empirismus und der Sinnengewißheit, wie sie im Kult der "Künstlichen Intelligenz" und der "neuen Ökonomie" auf breiter Front in die Bevölkerung getragen wird, setzte sich auch der Beitrag von Martin Kaiser auseinander. Er ging auf die politische Umsetzung dieses Manipulationsmechanismus ein, wie sie der Club von Rom mit seiner falschen Methodik der sogenannten "begrenzten Ressourcen" verwandt hatte, sowie auf das von Bertrand Russell definierte Ziel, Methoden zu entwickeln, Kinder glauben zu machen, daß "Schnee nicht weiß, sondern schwarz ist". Heute sind wir mit dem katastrophalen Effekt dieser Zerstörung unserer Jugend und des gesamten gesellschaftlichen Zusammenhalts konfrontiert.
Elke Fimmen hatte am Tag zuvor in ihrem strategischen Situationsbericht die Dimension der zivilisatorischen Krise beleuchtet und damit die Vorträge eröffnet. Sie warnte vor der Gefahr einer kriegerischen Eskalation, wenn sich die -- durchaus im Ansatz vorhandenen internationalen Kräfte -- für eine Neuordnung des Weltfinanzsystems nicht rechtzeitig um das Konzept des neuen "Bretton Woods" zusammenfinden. Mit Originaltondokumenten aus der Zeit des 1. und 2. Weltkriegs rief sie die Dramatik der gegenwärtigen Lage wach, die wir heute als internationale politische Kraft -- im Unterschied zu unseren Eltern und Großeltern -- politisch herumreißen können, wenn sich genügend Menschen finden, die die Courage dazu aufbringen. Auch damals seien es politische Prozesse gewesen, die sich lange vorher angebahnt hatten, durch die das "plötzliche" Ausbrechen der Kriege überhaupt möglich gemacht wurde. Um den großen Verwerfungen, die auf uns zukommen, begegnen zu können, sei es notwendig, sich emotional und intellektuell darauf vorzubereiten.
"Warum Bach ein Revolutionär war"
Überraschend für manchen war es, daß ausgerechnet Johann Sebastian Bachs Musik zur Illustration diente, wie ein Genie aus den Fesseln eines alten überkommenen Systems heraus völlig neue Freiheitsgrade schaffen kann. Birgitta Gründler, die den Musikabend am Samstag eröffnete, betonte, daß Bach mit dem "Wohltemperierten System", basierend auf den Arbeiten zur musikalischen Stimmung von Andreas Werckmeister, den Ton- und Harmonieraum so erweiterte, daß Kompositionen in zuvor noch nie dagewesener Mannigfaltigkeit möglich wurden. Bach blieb hierbei nicht stehen, sondern formulierte in seinem "Musikalischen Opfer" neue musikalische Probleme, die man bisher noch nicht angegangen war bzw. gelöst hatte wie z.B. die gleichzeitige Verwendung von Dur und Moll.
Bach machte seine Schöpfungen, besonders in der Kirchenmusik, dem Choral- und Kantatenwerk, zum Allgemeingut der Bevölkerung. Er war und ist ein großer Volkserzieher. Dazu gehört auch, daß er durchaus polemisch gegen die Plattheit der seichten Unterhaltungsmusik seiner Zeit zu Felde zog, wie sich dies zum Beispiel in der Kantate "Geschwinde, geschwinde, Ihr wirbelnden Winde" BWV 201 zeigt, in der König Midas zwischen der Musik von Phoebus und Pan wählen soll. Wegen seiner Eselhaftigkeit, in der er sich für Pan entscheidet, erhält er die berühmten Eselsohren. Pans "Gesang" lautet in etwa: "Da tanzt man, da springt man, da wackelt das Herz!" Wie Frau Gründler feststellte, drängen sich beim Hören der Kantate deutliche Parallelen zur heutigen Zeit auf. Heute sei es "Rock", damals "Rokoko" gewesen, was den angeblichen Zeitgeist traf.
Es war vor allem die französische empiristische Schule, die nur das als erlaubt gelten ließ, was "sinnengefällig" daherkam und nicht "zu schwierig" war. Bach und sein Kreis arbeiteten direkt daran, Friedrich den Großen, der die Musik liebte und Bach-Schüler an den preußischen Hof geholt hatte, zu einem Philosophenkönig in der klassischen Tradition zu erziehen, was durch persönliche Intervention Voltaires nach Bachs Tod 1750 zunichte gemacht wurde. Mit seinem Wirken, so Frau Gründler, hat Bach auch den Boden für die Herausbildung der Idee der deutschen Nation bereitet. Der Bach-Biograph Forkel erklärte 1802 die Erhaltung des Angedenkens an Bach zur "Angelegenheit der Nation". Im selben Jahr verfaßte Friedrich Schiller sein Fragment "Deutsche Größe", in dem er sagt: "Das ist nicht des Deutschen Größe, obzusiegen mit dem Schwert. In das Geisterreich zu dringen, siegreich mit dem Wahn zu kriegen, das ist seines Eifers wert..."
Bach, der Volkserzieher
Manuela Schoeppel, die den Münchner Chor des Schiller-Instituts leitet, zeigte in ihrem Beitrag auf, worin Bachs "Neue Methode im Chorgesang", eine weitere seiner Revolutionen, bestand. Bis 1750 war es in Deutschland Frauen nicht erlaubt gewesen, in Chören öffentlich zu singen. Als dies in England und Frankreich Fuß faßte, war es vor allem Bach, der diese neue Möglichkeit, vierstimmige Chorstücke zu komponieren, aufgriff und als erster systematisch entwickelte. Dabei machte er sich die unterschiedlichen Qualitäten der menschlichen Singstimmen zunutze, die jahrhundertelang durch die Einschränkung auf die Männerstimmen brach gelegen hatten. Pädagogisch klar zeigte Frau Schoeppel zunächst die verschiedenen Register der menschlichen Stimmgattungen auf, die an der Stelle des jeweiligen Registerwechsels erkennbar sind, aber sich auch in den verschiedenen "Klangfarben" ausdrücken. Ihr Beispiel des Autofahrens verdeutlichte auch dem musikalischen Laien, welche Folgen ein falsches "Umschalten" für die Stimme haben kann. Dann demonstrierten Birgitta Gründler (Sopran) und Carl Schoeppel (Baß) die Registerwechsel gut hörbar.
Nach diesen grundlegenden Vorbereitungen ging es um den vierstimmigen Choral Nr. 3 aus der "Johannespassion", den der Münchner Chor präsentierte. Es ist der erste Choral, der auf den Anfangschor "Herr, unser Herrscher" und den Bericht des Evangelisten folgt. Jesus gibt sich dem Volk, das aufgebracht "Jesus von Nazareth" sucht, zu erkennen und bittet darum, seine Jünger gehen zu lassen. Der Text des darauf folgenden Chorals lautet: "O große Lieb, o Lieb ohn alle Maßen, die Dich gebracht auf diese Marterstraße. Ich lebte mit der Welt in Lust und Freuden, und Du mußt leiden." Zunächst einmal betonte Frau Schoeppel, daß die Bachschen Choräle von der Gemeinde gesungen oder mitgesungen wurden, so daß es sich hier nicht, wie bei heutigen Aufführungen -- um ein passives "Genießen" handelt -- sondern um die bewußte geistige Reflexion jedes einzelnen Zuhörers. Dies wird auch in der Komposition des Chorals selbst deutlich. Bach setzt hier das erste Stimmregister zur Betonung der irdischen Verhaftung des Menschen an seine Lüste und Freuden ein, wohingegen das zweite und dritte (das hier überhaupt nur einmal beim Tenor vorkommt) den inneren Kampf unterstreicht, der aus der Konfrontation zwischen dem eigenen gedankenlosem Jagen nach Vergnügen und dem freiwilligen Leiden Christi für die Menschheit entsteht.
Bevor Michael Gründler zu seinem abschließenden Vortrag über den Dialog der drei großen Komponisten Bach, Mozart und Beethoven über die in Bachs "Musikalischem Opfer" gestellten Aufgaben ansetzte, waren noch einmal die Zuhörer, ganz im Bachschen Sinne, gefordert, selbst mit dem Kanon "Viva la musica" eine Hymne auf die Musik anzustimmen. Solcherart "überrumpelt", waren einige derjenigen, die sich trauten, mitzusingen, hinterher über sich selbst ganz verblüfft: "Ich habe noch nie gesungen!" Frau Schoeppel lud alle ein, sich der Chorarbeit des Schiller-Chores in München anzuschließen, der Zuwachs gut brauchen kann.
Das Prinzip geistiger Freiheit in der Musik
Michael Gründlers Vortrag überzeugte dann wohl auch den letzten Skeptiker, daß Musik eine Sprache ist, die jeder Mensch verstehen und lernen kann. Die Klippe, daß sich viele nicht an die "große" und "schwere" Musik eines Bach, Mozart und Beethoven herantrauen, schon gar nicht, wenn es auch noch mit Notenlesen verbunden ist, umschiffte er, indem er den Schwerpunkt auf die praktische Demonstration der entsprechenden thematischen Elemente am Klavier legte. Gleichzeitig wurden die Notenzitate auf der Leinwand gezeigt. Auf diese Weise war es möglich, den verschiedenen Verwandlungen der thematischen Aufgaben, die Bach im "Musikalischen Opfer" gestellt hatte, zu folgen und ihre Auflösung durch die Komponisten auch tatsächlich zu hören.
Nach der Vorstellung des Themas aus dem "Musikalischen Opfer" (BWV 1079, komponiert 1747), ging Michael Gründler auf Mozarts Sonate KV 457 (1784), die dazugehörige Fantasie KV 475 von 1785 und Beethovens letzte Klaviersonate op. 111 (1821/22) ein. Das Faszinierende dabei war die Verschiedenheit des Ansatzes, den Mozart und Beethoven wählten. Weil auch der Kontext der jeweiligen Passage vorgespielt wurde, erhielt man einen Eindruck des unterschiedlichen musikalischen Gesamtcharakters, der die jeweilige Komposition beseelt. Unterschied sich schon Mozarts Herangehensweise gänzlich von der Bachs, so sprach aus dem Ausschnitt des ersten Satzes der Beethovensonate eine wiederum ganz andere, noch höhere Ebene der Freiheit, die einen fast überwältigenden Eindruck machte.
Es ist die gottgegebene geistige Fähigkeit des Menschen, schöpferisch zu wirken, was in diesem Dialog der Erarbeitung musikalischer Aufgabenstellungen der großen Genies in der Musik über die Jahrhunderte hinweg sichtbar wird, oder wie man es sonst in der Naturwissenschaft bei Platon, Kepler oder Gauß in der Erforschung der Geheimnisse des Universums findet. Dieses Geschenk bei sich und anderen zu entwickeln, ist die wahre Bestimmung jedes Menschen, durch die er einen Beitrag zur Fortführung der Zivilisationsgeschichte leisten kann.
Am letzten Augustwochenende 2000 fand in der Nähe Freudenstadts ein zweitägiges Sommerseminar des Schiller-Instituts mit Teilnehmern aus sieben verschiedenen Nationen statt. Der rote Faden, der alle Vorträge miteinander verband, war die Frage der Möglichkeiten des einzelnen, Einfluß zu nehmen und sich ständig weiterzuentwickeln.
Michael Liebig veranschaulichte mit seiner Schilderung der äußerst kritischen strategischen Weltlage nach Ausschaltung des russischen Atom-U-Boots Kursk -- mutmaßlich durch ein amerikanisches oder britisches U-Boot --, wie wichtig es ist, daß jeder einzelne sich qualifiziert, indem er sich mit entsprechendem Wissen "wappnet". Angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise müsse jeder gerüstet sein und genau wissen, wie zu reagieren und was zu tun sei, um die wirtschaftspolitischen Lösungen des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers LaRouche durchzusetzen.
In der anschließenden Debatte wurde darauf hingewiesen, daß es uns heute nicht so ergehen dürfe wie den Bürgerrechtlern 1989 in der ehemaligen DDR, die unglaublich mutig bei der Vorbereitung der Revolution waren, aber dann in der entscheidenden Phase des wirtschaftlichen Aufbaus vom westlichen System überrollt und "plattgemacht" worden sind, weil sie keine Ahnung von Wirtschaft hatten.
Im nächsten Vortrag setzte sich Andrea Andromidas mit der Frage auseinander, wie die Tragödie und die klassische griechische Dichtung den Menschen erhebt. Angesichts der sich immer weiter ausbreitenden Gewalt als Inhalt vieler Unterhaltungsmedien müsse in der heutigen Zeit die vornehmste Aufgabe der Dichter, die Menschen zu verbessern, wieder in den Mittelpunkt gestellt werden. Homers Dichtungen entstanden nach vier Jahrhunderten "dunkler Zeit", und mit ihnen begann der Aufstieg des klassischen Griechenland, in dem Europa zu recht die Wiege seiner Kultur erblickt. Die Parallelen zu heute sind offensichtlich. Die modernen Dichter sollten wie die griechischen Tragödienschreiber die Größe, aber auch die Schwäche der menschlichen Seele zu ihrem Thema machen. Auch die Inhalte der griechischen Tragödie, z.B. Euripides' Auseinandersetzung mit dem Gesetz der Blutrache oder die Aufgabe des Menschen, seinen freien Willen einzusetzen und sich freiverantwortlich zu entscheiden, sind für uns aktuell.
In der sich anschließenden Diskussion wurde erläutert, welch eine enorme Tragödie sich heute in Afrika vollzieht und wie bedauernswert es sei, daß viele Afrikaner ihre eigene Geschichte und Kultur gar nicht mehr kennen. Afrika sei noch die Farbe geblieben, aber die Kultur sei zerstört. Anmerkungen zum Sinn und Inhalt der Erziehung heute bildeten einen Bogen zur nächsten Rednerin.
Die Aufgabe der Kultur
Gabriele Liebig eröffnete ihre Rede über "Gedankenfreiheit heute" mit der Frage: Wo sind die Millionen denkender Bürger -- sind selbständig denkende Menschen überhaupt gefragt?
Anhand von Schillers berühmtem Dialog im Don Carlos, in dem Marquis von Posa an den spanischen König Philipp II. appelliert: "Sire, geben Sie Gedankenfreiheit", erläuterte sie die Qualität der Idee der Gedankenfreiheit. Nicht bloß Religions- oder Meinungsfreiheit sei gemeint, sondern die Freiheit zu denken. Letztere aber sei durch die Praktiken zur "sozialen Kontrolle" der Menschen über die Medien äußerst bedroht und eingeschränkt. Sie erinnerte an die Rolle der Frankfurter Schule und an Bertrand Russell, der geschrieben hatte, mit modernen Methoden werde man Kindern künftig weismachen können, Schnee sei schwarz. Im Gegensatz dazu definierte sie als Aufgabe der Kunst und der Erziehung: den Menschen zur Freiheit des Denkens zu entwickeln. Was Denken überhaupt ist, wurde anhand einiger Beispiele dargestellt: eine Idee aus einem Gedicht zu erkennen, oder eine Erfindung, die ein neues Naturgesetz definiert, im eigenen Kopf nachzuvollziehen. Ideen ließen sich nicht auf formalem Wege vermitteln, man könne nur mit den Mitteln der Poesie dafür sorgen, daß die betreffende Idee "im Kopf des Zuhörers entsteht". Das aber erfordere, "mit der Seele zu sprechen", zu malen, zu komponieren oder zu schreiben. In diesem Prozeß liege die Macht der Idee.
Im anschließenden "bunten Kulturabend" wurden neben Gedichten von Schiller, Goethe und Heine Fabeln von Lessing und seine berühmte "Ringparabel" aus Nathan der Weise zelebriert. Musikalische Beiträge auf dem Fagott und der Gitarre rundeten das Programm ab. Zum Abschluß wurde ein höchst aktuelles Gedicht von Erich Kästner Der synthetische Mensch vorgestellt. Den Höhepunkt des Abends bildete der darstellerische Auftritt eines jungen Mitglieds, der für seine improvisierten Charakterstudien und eine Satire auf verschiedene Versionen von "Revolution" großen Beifall bekam. Bei gutem Wein und viel Zeit für weiteren Gesang und Diskussion waren alle Teilnehmer in außerordentlicher guter Stimmung.
Am Sonntag entwickelte Renate Leffek die Idee, daß Staatschefs Philosophenkönige sein sollten -- angesichts unserer heutigen politischen Vertreter auf den ersten Blick eine abwegige Vorstellung. Sie erinnerte jedoch an den Besuch und die Rede des iranischen Staatschefs Chatami im klassischen Weimar, wo er über Goethes "Kulturdialog" mit dem persischen Dichter Hafis sprach. Das Gemeinsame der Völker im Sinne des Kardinals Nikolaus von Kues, der immer wieder versuchte, neue Wege zum Frieden aufzuzeigen, ist eine sehr aktuelle Botschaft. Aus verschiedenen Dialogen von Kues lasen zwei Teilnehmer Passagen, in denen die gemeinsame Grundlage der Religionen und der Kultur der Gattung Menschheit in der Idee, daß es nur einen Gott gibt, deutlich wurde.
In der lebhaften Debatte wurde die Situation im Nahen Osten angesprochen und der Ermordung Rabins, der sich für einen Frieden in der ganzen Region eingesetzt hat, gedacht. Aktuelle Fragen tauchten auf wie die Notwendigkeit des Dialogs der Völker, anstatt andere, nicht genehme Staaten zu "Schurkenstaaten" zu erklären. Auch diesmal wieder war die Situation in Afrika Gegenstand der Diskussion. Ein Freund aus Angola berichtete über die Friedensanstrengungen mehrerer großer afrikanischer Politiker und erläuterte die Bemühungen Präsident Mugabes in Simbabwe um Gerechtigkeit für Afrika.
Oligarchisches Denken
Michael Weißbach stellte in seinem abschließenden Vortrag die Denkmethode des politischen Gegners dar, der auch heute noch gegen die existierenden Nationen eine "Weltregierung", eine tränenlose Diktatur über gleichgeschaltete Menschen aufzubauen versucht. H.G. Wells, der im Ersten Weltkrieg den britischen Auslandsnachrichtendienst leitete, legte diese Ziele zu Anfang des Jahrhunderts in seinem Buch Die offene Verschwörung dar. Ausführlich ging Weißbach auf die Romane Schöne Neue Welt von Huxley und Orwells 1984 ein, die nur vorgeben, das zu bekämpfen, was sie beschreiben.
Es ist immer wieder schockierend zu hören, daß Lord Bertrand Russell -- der zum Machterhalt des britischen Empire und der angestrebten "Weltregierung" für den Einsatz der Atombombe plädiert hatte -- nach dem Krieg als Guru der Friedensbewegung Millionen gutwilliger junger Leute zu täuschen verstand. Seine Reisen nach Rußland in den 20er Jahren brachten ihm die Erkenntnis, daß Lenin viel "gefährlicher" war als die Yankees in den USA in ihrem Bemühen um eine industrielle Entwicklung des Landes. Seinen abgrundtiefen Haß auf die Idee, daß die Wissenschaften die Gesellschaft positiv verändern könnten, hat er nie verborgen. Seine Vorstellung war, die Menschen durch moderne Methoden "sozialer Kontrolle" zu Sklaven zu machen, ohne daß sie es erkennen.
Die abschließende Diskussion brachte zum Ausdruck, daß der politische Gegner zwar viel erreicht hat auf dem Weg der Desinformation und Manipulation, aber gerade heute angesichts des drohenden Finanzkrachs und zunehmender "Schutzbündnisse" nationaler Regierungen rund um die Welt durchaus besiegbar ist. Impotenten "Verschwörungstheoretikern", die immer nur überzeugt sind, daß man "doch nichts ändern kann", ist das Schiller-Institut allerdings immer entgegengetreten.
Anfang August 2000 veranstaltete das Schiller-Institut ein Wochenendseminar im niedersächsischen Bad Bentheim. Das Vortragswochenende war gekoppelt mit einem Besuch der Versuchsanlage des Transrapids im Emsland -- eine gelungene Verbindung zwischen dem Studium wissenschaftlicher Methode und angewandter Erkenntnis in Form neuer Technologien. Für alle Teilnehmer war es völlig unverständlich, daß in Deutschland der Transrapid nicht gebaut wird.
Ziel des Seminars war es, das Verständnis über die klassische Denk- und Erkenntnismethode, auf der die historische und politische Analyse des Schiller-Instituts basiert, zu vertiefen. Die Polemik richtete sich gegen die bewußt propagierte und -- insbesondere vor dem Hintergrund der Entwicklungen im Informationstechnologie-Bereich -- bereits weitverbreitete Ansicht, daß bald der Computer dem Menschen das Denken abnehmen und ihn in vielen Bereichen ersetzen werde. Deshalb war der Gegenstand der Untersuchung in den vier Vorträgen im wesentlichen: Was ist Erkenntnis, wie kommt der Mensch zur Erkenntnis, welche Rolle spielt die menschliche Seele und wie schlagen sich diese grundsätzlichen Fragen im politischen wie ökonomischen Bereich nieder.
Frau Zepp-LaRouche, die Präsidentin des Schiller-Instituts, eröffnete das Seminar mit einem Bericht über die allgemeine strategische Lage, die für sich genommen bereits ein Aufruf zum persönlichen Engagement ist. Die Blutspur, die das sterbende Finanzsystem in seinem Todeskampf hinterläßt, ist breit. Der Kollaps der physischen Ökonomie in großen Teilen der Welt, die dramatische Ausbreitung der Seuche AIDS in Afrika und Asien, alte und neue Krisenherde sowie das Phänomen der Neuen Gewalt in den westlichen Industrienationen sind Facetten eines Prozesses, dem sich seit einigen Monaten jedoch ein wachsender Widerstand in Asien und Europa entgegenstellt. Im Zentrum dieses Widerstandes steht die Initiative des Präsidentschaftskandidatenbewerbers der Demokratischen Partei Amerikas Lyndon LaRouche für ein neues Bretton-Woods-System.
Der ökonomische Aspekt wurde dann von Dr. Tennenbaum vom Wissenschaftsmagazin Fusion erneut aufgegriffen, um LaRouches Methodik bei der Prognose wirtschaftlicher Entwicklungen zu untersuchen. Tennenbaum diskutierte diese Frage im Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Methode des berühmten ukrainischen Geologen und Chemikers, Wladimir Wernadskij, der sich intensiv mit der Biosphäre sowie den Gesetzmäßigkeiten von nicht lebenden und lebenden Prozessen beschäftigte.
Zwei weitere Vorträge hatten die Zeit des klassischen Griechenlands zum Gegenstand, die zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte -- insbesondere aber in großen Krisen -- einen Orientierungspunkt darstellte. Andrea Andromidas führte das aufmerksame Publikum in die Welt der griechischen Tragödie ein. Sie behandelte die Bedeutung der Tragödie als Erziehungsinstrument für die damalige Bevölkerung, in der die Regungen der menschlichen Seele ausgeleuchtet wurden, um dann dem Zuschauer das Urteil über die Taten des jeweiligen Helden zu überlassen. Stefan Marienfeld veranschaulichte anhand dreier Dialoge Platons -- Menon, Theaitetos und Timaios -- die sokratische Methode der Wahrheitsfindung.
Das einstündige Kulturprogramm am Samstagabend, vorgetragen von aktiven Mitgliedern des Schiller-Instituts, fand bei den Gästen großen Anklang und provozierte zu spontanen Beiträgen. Es erstreckte sich von Gedichtrezitationen deutscher Klassiker bis zum Vortrag von Chor- und Instrumentalmusik von Mozart, Mendelssohn und Schubert. Es war die Überleitung in einen Abend mit Wein und intensivem Gespräch zwischen den Teilnehmern und Referenten. Angeregt durch die Vorträge und Diskussionen haben sich einige der Teilnehmer vorgenommen, die Werke der großen Denker selbst zu studieren und sich stärker politisch zu engagieren.
In der letzten Juniwoche 2000 besuchte eine Delegation des deutschen Schiller-Instituts Ungarn, um auf einem Seminar die aktuelle strategische Weltlage darzustellen und um sich ein Bild über die Situation in Ungarn zu machen. Zehn Jahre nach der Wende zeigen sich jetzt tiefgehende Auswirkungen der sogenannten Reformpolitik, die durch Ungarns NATO-Mitgliedschaft verstärkt werden.
Auf dem gut besuchten Seminar in Budapest begrüßte Dr. Tibor Kováts vom ungarischen Schiller-Institut als Referenten Elisabeth Hellenbroich und den Wirtschaftsjournalisten Lothar Komp von der Nachrichtenagentur EIR.
Frau Hellenbroich stellte den Hoffnungen von 1989 die heutige politische Realität gegenüber: "Statt einer erhofften ökonomischen und kulturellen Renaissance wurde Mittel- und Osteuropa mit Hilfe drakonischer Programme des Internationalen Währungsfonds die sog. ,Neue Weltordnung' übergestülpt: ein Modell ähnlich dem des heidnischen Römischen Reiches, wobei die USA mit Hilfe ihrer militärischen Macht den Rest der Welt unter die finanzpolitische Globalisierung zwingt. Das Resultat der verpaßten Chance von 1989 ist die heutige weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise, die das Ende des globalen Finanzsystems eingeläutet hat. Die weltweiten Folgen der anglo-amerikanischen Politik der Globalisierung, des Neoliberalismus, der Deregulierung und des Malthusianismus sind wirtschaftliche Ausplünderung, Narkoterrorismus, separatistische Aufstände und die unkontrollierte Ausbreitung von Pandemien wie AIDS."
Die Zerstörung von Afrika, Asien und Lateinamerika sowie das Ende des trilateralen Konsenses zwischen Europa, Japan und Amerika habe zu regionalen Widerständen und Initiativen wie der für einen Asiatischen Währungsfonds in Chiang Mai geführt, berichtete Frau Hellenbroich. Auch die transatlantischen Spannungen zwischen Europa und Amerika seien noch nie so groß gewesen wie zur Zeit. Ursachen dafür seien unter anderem der NATO-Krieg im Kosovo, die Spekulationsattacke auf den Euro und das geplante Nationale Raketenabwehrsystem (NMD) der USA.
Lothar Komp entlarvte in seinem Beitrag den Mythos der "New Economy" und die Propaganda über den angeblichen amerikanischen Wirtschaftsaufschwung aufgrund der neuen Technologien. In Wahrheit handele es sich um eine riesige Spekulationsblase, die nur aufrechterhalten werden könne, weil die US-Ökonomie pro Tag wie ein großer Staubsauger 1-2 Mrd. Dollar ausländisches Kapital aufsaugt. Bliebe dieses aus, wäre das System am Ende. Komp schilderte anschaulich, daß während die Finanzblase wächst, 80% der Bevölkerung ärmer werden und die Bildungs- und Sozialsysteme zerfallen.
Wirtschaftsprobleme
Auch Ungarn wird offiziell auf das Informationszeitalter vorbereitet. Die Regierung hat eine entsprechende Arbeitsgruppe im Amt des Ministerpräsidenten eingerichtet. Gleichzeitig entwickelt sich eine "20 zu 80%"-Teilung der Gesellschaft in Arme und Reiche.
70% der Industrieproduktion wird von ausländischen Konzernen kontrolliert, die höhere Löhne zahlen als ungarische Firmen oder als Lehrer, Krankenschwestern, Bauern und andere gesellschaftlich relevante Berufsgruppen verdienen. Zugleich bilden die bei den Multis untergekommenen Arbeitnehmer nur einen geringen Prozentsatz der gesamten Arbeitskraft dar.
So gibt es heute das Phänomen, daß die jungen Leute, die bei der Wende 1989/90 im Teenageralter waren und mittlerweile ein anspruchsvolles Studium absolviert haben, nun lieber Versicherungen verkaufen oder als Sekretärin arbeiten. Wer seinen Beruf aus Idealismus und Verantwortungsbewußtsein wählt, hat materielle Nachteile. Eine Lehrerin verdient zwischen 200 und 300 DM im Monat. Auf diese Weise verliert das Land die kommende wissenschaftliche, kulturelle und politische Elite. Über diesen Punkt äußerten sich die Gesprächspartner aus Kirche, Politik, Wirtschaft und Regierung gegenüber den Vertretern des Schiller-Instituts mit großer Sorge.
Ebenso offenkundig ist, daß die Anbindung der kleineren und mittleren Unternehmen an die ins Land geströmten ausländischen Konzerne bislang völlig mißlungen ist. Die in Ungarn tätigen Multis vergeben ihre Aufträge zum größten Teil an Unternehmen außerhalb Ungarns, wodurch unzählige heimische Zulieferer in den Ruin getrieben wurden. Besonders groß ist der Unmut, wenn die ausländischen Unternehmen nach Ablauf der für die Anfangsjahre gewährten Steuerprivilegien dann plötzlich die Segel streichen und ihre Produktionsstätten in ein anderes Land verlagern.
Es wurde sehr deutlich, daß die Regierung eigentlich nicht Herr im eigenen Hause ist -- daß bei der kleinsten Abweichung von NATO- oder EU-Positionen der "unsichtbare Hammer" niedergeht und Wohlverhalten angemahnt wird. Dennoch gibt inzwischen jeder offen zu, daß der NATO-Krieg im Kosovo und vor allem der "Stabilitätspakt" eine totale Katastrophe für das Land und die Region ist. So besteht hinter den Kulissen durchaus das Potential, im Konzert mit den anderen Visegrád-Staaten Tschechien, Slowakei und Polen einen "mitteleuropäischen Reflex" gegen die übermächtige anglo-amerikanische Kontrolle zu entwickeln.
Zu beobachten bleibt auch die sich nach den Kommunalwahlen in Rumänien zuspitzende Lage in Siebenbürgen, Transsilvanien. Dort werden jetzt mehrheitlich ungarische Dörfer von rumänischen Bürgermeistern regiert, und es kam sofort zu neuen Auseinandersetzungen zwischen beiden Volksgruppen, die sowohl in Rumänien als auch in Ungarn von interessierter Seite benutzt werden.
Kaum berichtet von den westlichen Medien kam es Mitte Juni 2000 in Tschechien fast zu einem dominoartigen Zusammenbruch des Bankwesens. Die Kunden der drittgrößten tschechischen Bank -- gemessen an der Zahl ihrer drei Millionen Kunden sogar die größte -- Investicni a Postovni Banka (IPB) begannen aufgrund der öffentlich bekannt gewordenen Probleme der Bank ihre Einlagen abzuheben. Allein am 12. Juni wurden 1,35 Mrd. Kronen (1 DM entspricht etwa 19 Kronen) zurückgefordert.
Es war nicht die erste, aber die bisher schwerste Krise des tschechischen Bankwesens. 1997/98 mußte die Regierung massiv eingreifen, um eine Krise der Agrobanka zu meistern, und seither hatten mehrere kleinere Krisen -- wie letztes Jahr die vorübergehende Einstellung der Banktätigkeit von vier bedeutenden Genossenschaftsbanken -- das Vertrauen der Bevölkerung bereits schwer erschüttert.
Am 16. Juni wurde die Großbank IPB, die seit der Privatisierung 1998 von der japanischen Investmentbank Nomura kontrolliert war, von der Regierung und Notenbank unter Zwangsverwaltung gestellt -- der Zwangsverwalter "besetzte" die Bank mit einer Spezialeinheit der Polizei und verweigerte dem Management den Zugang, um weiteren Schaden abzuwenden. Dann wurde die Bank nach einem hektischen Verhandlungswochenende bereits drei Tage später, am 19. Juni, an die tschechische Großbank CSOB weiterverkauft, die erst letztes Jahr an den belgischen Konzern KBC verkauft worden war. Damit wurde die CSOB zur größten Bank Tschechiens.
Nur das dramatische staatliche Eingreifen erhielt die Stabilität des Bankenwesens und schützte die Einlagen der drei Millionen Kunden. Sonst hätte die IPB, wie der Chef der Bankenaufsicht Pavel Rococha erklärte, wenige Tage später ihre Geschäftstätigkeit einstellen und in den Konkurs geschickt werden müssen.
Offenbar gab es nicht nur Eigenkapitalprobleme der Bank, sondern, so wird Rococha am 5. Juli im Handelsblatt zitiert, "die Transparenz der Bank habe sich auch verschlechtert durch den Transfer von Aktiva im Volumen von 60 Mrd. Kronen innerhalb Tschechiens sowie ins Ausland. Trotz wiederholter Anfragen sei es der Bankaufsicht nicht gelungen, aus der IPB Daten über damit verbundene Risiken zu erhalten."
Der Umfang der staatlichen Garantien wird auf bis zu 10% des Staatshaushalts geschätzt.
Angesichts dieser Situation erweisen sich die Ratschläge des IWF erneut als ausgesprochen zynisch: Der IWF warnte letztes Jahr, daß Tschechien Probleme bekommen werde, wenn es nicht bald das Rentensystem radikal reformiere und die hohen staatlichen Ausgaben für die soziale Absicherung der Bevölkerung reduzieren werde. Etwa 40% der Staatsausgaben fließen derzeit in das soziale Netz.
Industrie unter Druck
Da das Bankwesen mit schätzungsweise 30% faulen Krediten und einem geschätzten "Schuldenstau" von rund 300 Mrd. Kronen operiert, sind Unternehmen, die nicht über solvente ausländische Partner verfügen, mittlerweile existentiell gefährdet, weil sie kaum noch kommerzielle Kredite erhalten können.
Die Struktur der Industrie hat sich seit 1989 dramatisch verändert. Die 135 großen Komplexe, die früher 90% der Industrie ausmachten, sind heute entweder bankrott oder in kleine Teile zerstückelt. Ein ehemaliger Generaldirektor drückte es so aus: "Diese Industriekomplexe haben den Ersten und Zweiten Weltkrieg überstanden, aber die zehn Jahre in Freiheit haben sie nicht überlebt!"
Heute kommen multinationale Konzerne für 40% des BSP auf und haben einen Exportanteil von 60%. Volkswagen besitzt nun bald 100% der Autoproduktion von Skoda und verkauft dieses Jahr voraussichtlich 440 000 in Tschechien produzierte Skodas und stellt damit 9,5% des gesamten tschechischen Exports. Andere Konzerne produzieren nichts, sondern bieten lediglich Dienstleistungen feil: McDonalds, Penny-Markt, Plus, Baumarkt, Leiser-Schuhe etc. findet man in jeder Stadt, sogar in vielen Dörfern. Es gibt aber auch interessante Joint Ventures, besonders im Bereich des traditionell starken tschechischen Maschinen- und Werkzeugmaschinenbaus mit mittelständischen Firmen aus Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern.
Unter dem Eindruck dieser aktuellen Krise ist es nicht verwunderlich, daß das Ad Hoc Komitee für ein Neues Bretton Woods und die damit zusammenhängenden Fragen der Reorganisation der internationalen Finanzarchitektur und der Revitalisierung der physischen Ökonomie auf großes Interesse in allen politischen Kreisen Tschechiens stoßen. Eine Delegation des Schiller-Instituts, die sich letzte Woche in Prag zu Gesprächen mit Politikern und Wirtschaftsfachleuten traf, mußte viele konkrete Fragen zur praktischen Reorganisation eines bankrotten Bankensystems beantworten.
Minderheitskabinett unter Druck
Ministerpräsident Milos Zeman, sein sozialdemokratisches Kabinett und seine 74köpfige Parlamentsfraktion sind in dieser Situation nicht zu beneiden. Nach dem knappen Wahlsieg 1998 bildeten sie eine von Vaclav Klaus und dessen ODS (63 Sitze) "tolerierte" Minderheitsregierung. In dieser absurden Situation -- und angesichts der großen Begeisterung des Staatspräsidenten Vaclav Havel für Madeleine Albrights Politik -- ist der Spielraum für eine im guten Sinne wirklich sozialdemokratische Politik äußerst gering. Ein Beispiel: Für die Zustimmung ("Tolerierung") des Haushalts 2000 verlangte Klaus eine Veränderung im Kabinett, und der Minister für regionale Entwicklung und der Verkehrsminister mußten ihre Hüte nehmen.
Das Parlament beschloß am 4. Juli die Einrichtung eines überparteilichen Untersuchungsausschusses zur IPB-Affäre, der seinen Abschlußbericht spätestens in einem Jahr vorlegen soll. Auch wenn bis dahin viel Wasser die Moldau heruntergeströmt sein wird und neue Finanzkrisen nicht nur Tschechien erschüttert haben werden, wird dies vermutlich interessante Verbindungen zwischen der IPB und dem ehemaligen Premier Vaclav Klaus (Regierungschef 1992-97) zu Tage fördern.
"Der kleine Mann"
Auch der Durchschnittsbürger ist nicht zu beneiden. Die Arbeitslosigkeit ist zwar von offiziell 9,8% im Januar auf 8,7% im Mai zurückgegangen, in manchen nordböhmischen und nordmährischen Industriegebieten beträgt sie aber über 20%, ohne Aussicht auf Besserung. Über 60% der Bevölkerung verdienen weniger als das Durchschnittseinkommen von ca. 12 000 Kronen (rund 600 DM), das Existenzminimum liegt bei etwa 240 DM. Allein die Ausgaben für Menschen ohne Arbeit verschlingen etwa 12% des Staatshaushalts. Die unerwarteten Benzinpreiserhöhungen treffen nicht nur den Normalverbraucher hart, auch die ohnehin hochverschuldeten Krankenhäuser -- und ebenso z.B. Polizei und Feuerwehr -- haben dies nicht für ihr Jahresbudget eingeplant.
Die Tschechischen Eisenbahnen, einer der größten Arbeitgeber, haben bereits angekündigt, daß die Mittel für die Lohnzahlungen immer knapper werden. Viele Betriebe sind nicht mehr in der Lage, Löhne regelmäßig auszuzahlen.
Die Krise macht sich in stagnierendem Bevölkerungswachstum bemerkbar: Verglichen mit den Zeiten vor 1989 ist die Zahl der Geburten um ein Drittel gesunken. 1994 wurden 106 579 Kinder geboren, 1995 weniger als 100 000, ein Jahr später weniger als 90 000.
Es ist höchste Zeit, daß Politiker den Mut aufbringen, eine andere Richtung einzuschlagen. Um das enorme naturwissenschaftliche Potential und die große Begabung im Ingenieurswesen zu erhalten, um die große und reiche kulturelle Tradition des Landes wiederzubeleben, muß die tschechische Bevölkerung sich an einer positiven Zukunftsperspektive orientieren können: Als gleichberechtigter Partner sollte Tschechien gemeinsam mit Deutschland, Frankreich, Italien und den wenigen anderen Ländern, die dazu im Augenblick in der Lage sind, hochqualifizierte Maschinen und Werkzeugmaschinen für die Länder produzieren, die dringend für ihre eigene industrielle Entwicklung auf diese hochentwickelten Industriegüter angewiesen sind.
In Italien wird intensiver als anderswo über einen Schuldenerlaß für die Entwicklungsländer und eine Neuordnung des Weltfinanzsystems diskutiert. Mit Lyndon LaRouche wurde der wichtigste Vordenker einer neuen gerechten Weltwirtschaftsordnung zu einer Konferenz im italienischen Parlament eingeladen.
Am Freitag, den 23. Juni, hielt Lyndon LaRouche, die Hauptrede auf einer Konferenz im bekannten Cenacolo-Saal des italienischen Parlaments. Die Konferenz, die unter dem Thema "Für ein Neues Bretton Woods" stand, wurde von Paolo Raimondi, dem Vorsitzenden der italienischen Movimento Internazionale per i Diritti Civili -- Solidarietà geleitet. Parlamentarier, Ökonomen, Geschäftsleute, Gewerkschafter, Vertreter der katholischen Kirche, Journalisten und Unterstützer der Movimento Solidarietà nahmen an der Veranstaltung teil. U.a. hatten der italienische Abgeordnete Giovanni Bianchi von der katholischen PPI (das Pendant zur deutschen CDU), der auch die Forderung nach einem Schuldenerlaß für die Entwicklungsländer im Rahmen des Jubiläumsjahres unterstützte, und die Ministerin für die Beziehungen zum Parlament, Patrizia Toia (ebenfalls PPI), zu der Konferenz eingeladen.
Schon seit einigen Monaten wird in Italien parallel zu dem Schuldenerlaß, den Papst Johannes Paul II. zu Beginn des Jahres gefordert hatte, intensiv über die dringende Notwendigkeit eines Neuen Bretton Woods debattiert. Denn mit dem Schuldenerlaß sollten zugleich strukturelle Änderungen des Weltwirtschaftssystems erfolgen. Die vorherrschende Wirtschaftsideologie müsse geändert werden. Sie sei nicht nur wirtschaftlich gescheitert, sondern werde auch als unmoralisch gegenüber den Entwicklungsländern empfunden. An dieser Debatte beteiligen sich sowohl Politiker der Regierungsparteien als auch der Opposition, die im Papst einen gemeinsamen Bezugspunkt sehen.
Unter Führung von Senator Pedrizzi legten in den vergangenen Monaten Mitglieder des italienischen Senats und des italienischen Abgeordnetenhauses aus Oppositionsparteien, wie der Forza Italia, der Alleanza Nationale und der italienischen CDU, dem Senat einen Vorschlag für ein neues Bretton Woods vor. Pedrizzi gehört auch der jetzt auf 5000 Personen angewachsenen Internationalen Parlamentariergruppe für das Jubiläumsjahr an. Eine Konferenz dieser Internationalen Parlamentariergruppe ist für den kommenden November in Rom geplant.
Der Vorschlag für ein Neues Bretton Woods war von verschiedenen anderen Abgeordneten -- darunter dem Abgeordneten Michele Rallo, der zusammen mit LaRouche an der Konferenz in Rom teilnahm -- in das italienische Parlament, das Europäische Parlament sowie die Stadträte von Rom und Mailand eingebracht worden.
Die Zeit drängt
Lyndon LaRouche erklärte zu Beginn seiner Ausführungen, das derzeitige weltweite Finanz- und Währungssystem sei jetzt in eine Phase eingetreten, die man in der Physik als "Grenzbedingung" bezeichnet -- etwa vergleichbar der Veränderung des Aggregatzustandes von Wasser zu Eis oder der Situation kurz vor dem Durchbruch der Schallmauer, wenn eine Stoßwelle aufgebaut werde. Damit gebe es nur noch vier Möglichkeiten, wie das Finanzsystem in Kürze untergehen werde:
¨ 1. ein deflationärer Kollaps;
¨ 2. eine hyperinflationärer Desintegration;
¨ 3. eine "militärische" Lösung der Krise und
¨ 4. die Errichtung eines Neuen Bretton Woods.
"Heute befindet sich die Welt, was die Hyperinflation angeht, in einer Situation, die mit der Lage in Deutschland 1923 vergleichbar ist", sagte er weiter. Jetzt sei die Zeit gekommen, eine gerechte Weltwirtschaftsordnung aufzubauen, in der "souveräne Nationen zum allgemeinen Wohle der Menschheit in Frieden miteinander leben". Um dieses Ziel zu erreichen, müßten die Regierungen jetzt Maßnahmen zur Einrichtung eines Neuen Bretton Woods ergreifen, wobei sie sich an dem erfolgreichen Vorbild der Kriegsmobilisierung in den USA im Rahmen des "New Deal" unter Präsident Franklin D. Roosevelt und am Nachkriegsaufbau in Europa orientieren müßten. Aber diesmal müßten die Entwicklungsländer direkt einbezogen und das Kolonialsystem endgültig abgeschafft werden, was Roosevelt beabsichtigt hatte, aber nicht mehr realisieren konnte, da er 1944 starb.
In der letzten Zeit, erklärte LaRouche weiter, seien international Anstrengungen sichtbar geworden, sich des vom IWF beherrschten Finanzsystems zu entledigen. Er verwies in diesem Zusammenhang auf die Chiang-Mai-Initiative und das historische Gipfeltreffen der beiden Koreas im asiatischen Raum: "Auch die Ereignisse in Euroland, was die Veränderungen der Maastricht-Vorgaben angeht, reflektieren die Entschlossenheit der Europäer, Europa und sich selbst gegen diese Drohung aus London und New York zu verteidigen. So sehen die unmittelbaren Umstände aus. Die Welt steht kurz davor zu sagen: ,Wenn die USA untergehen, wenn Britannien untergeht, wenn das Währungssystem untergeht, müssen wir überleben, und wir müssen damit beginnen, Alternativen zum derzeitigen IWF und zum jetzigen Finanzsystem festzulegen.' In anderer Form kommt das gleiche Konzept auch in den Vorschlägen zum Jubiläumsjahr zum Ausdruck -- dem Schuldenerlaß für die Länder, die maßlos ausgeraubt wurden. Diese politischen Entwicklungen in verschiedenen Ländern -- die internationale Bewegung für ein Neues Bretton Woods und die internationale Bewegung für das Jubiläumsjahr -- fallen tendenziell zusammen."
Auf die Frage zum Beitrag Johannes Pauls II. sagte er: "Der Papst ist unter allen derzeit lebenden maßgeblichen Persönlichkeiten der großartigste Missionar weltweiter Gerechtigkeit. Er ist eine der größten Persönlichkeiten der modernen Geschichte, wenn seine Bescheidenheit das auch manchmal verdeckt. Wir als Politiker müssen die Bedingungen schaffen, unter denen das, was er den Völkern der Welt verheißen hat, erfüllt werden kann. Dann wird er sich über uns freuen."
Nach LaRouches Rede ergriff der Abgeordnete Michele Rallo das Wort. Er stimme mit LaRouches Analyse des Zusammenbruchs des derzeitigen Finanzsystems und dessen Vorschlägen überein, erklärte er und verwies im besonderen auf die explosive soziale Lage in Süditalien und seiner Herkunftsregion Sizilien. Er beklagte, daß sich viel zu wenige Menschen für eine Alternative zur Globalisierung einsetzten, obwohl sie deren verheerende Auswirkungen erkannt hätten. In seiner Antwort hob LaRouche die positive Rolle hervor, die Sizilien als Brücke zwischen Italien bzw. Europa und dem Nahen Osten sowie bei der Eurasischen Landbrücke vor allem im Bereich der Wasserversorgung spielen könnte.
Die Bedeutung umfassender Infrastrukturvorhaben wurde in der Diskussion von der Vorsitzenden des Schiller-Instituts Helga Zepp-LaRouche unterstrichen. Sie betonte noch einmal die Bedeutung des historischen Gipfeltreffens zwischen dem südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-jung und dem nordkoreanischen Führer Kim Jong-il, das weitreichende Chancen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit nicht nur zwischen den beiden koreanischen Staaten, sondern auf dem ganzen asiatischen Kontinent eröffne. Zepp-LaRouche erinnerte daran, daß die verheerende Wirtschaftskrise in der Weimarer Republik Hitler an die Macht gebracht habe. Wenn jetzt mit der derzeitigen Finanzkrise nicht angemessen umgegangen werde, drohe in den USA und auch anderswo ein neuer Faschismus.
In der Antwort auf die Frage eines Journalisten zur zukünftigen Entwicklung der Industriegesellschaft bezeichnete LaRouche die bekannten Planspiele, wonach die industrielle Produktion in die aufstrebenden Länder verlegt und Europa sowie die USA wieder in Agrarproduzenten verwandelt werden sollen, als pure "science fiction". Um eine Weltbevölkerung von sechs Milliarden Menschen angemessen zu ernähren, müßten etwa 2-3 Prozent der Arbeitskräfte einer Wirtschaft in der Landwirtschaft und 60-70 Prozent in der Industrie tätig sein. Der Rest müsse in der wissenschaftlichen Forschung beschäftigt werden, was aber etwas anderes wäre, als das, was an der Börse als "High Tech" bezeichnet werde. Hier gehe es um Entdeckungen universeller Prinzipien, die die Entwicklung neuer Technologien ermöglichen.
Zur Jahreskonferenz des Schiller-Instituts am 26.-28. Mai sind hochrangige Vertreter aus allen Kontinenten zusammengekommen: der frühere ugandische Staatspräsident Dr. Godfrey Binaisa (heute Präsident der Afrikanischen Bürgerrechtsbewegung), der frühere Vizepräsident der Tschechoslowakei Dr. Jozef Miklosko, der Leiter des Luxemburger Robert-Schuman-Zentrums für Europa, die Herausgeber der russischen Zeitung Ekonomitscheskaja Gaseta und der armenischen Zeitung Iravunk, Vorstandsmitglieder der Widerstands- und Menschenrechtsbewegungen CNND aus Burundi und RPR aus Ruanda, Politiker, Ingenieure, Wissenschaftler, Musiker, Ökonomen und viele andere. Zwei Teile der Welt, die jetzt schon am Rande des wirtschaftlichen und sozialen Abgrunds stehen, waren besonders stark vertreten: Osteuropa und Afrika.
Es war ein historisches Ereignis, denn allen Teilnehmern war bewußt, daß die nächste Jahreskonferenz wohl erst nach dem "großen Knall" der Finanzmärkte stattfinden wird.
Lyndon LaRouche und andere betonten in den Diskussionen immer wieder, daß es keinerlei Chance mehr gebe, "kleinere" nationale oder regionale Probleme für sich gesondert zu lösen. Die Gründerin des Schiller-Instituts Helga Zepp-LaRouche warnte: "In früheren Perioden geschah es, daß eine Kultur in einem Teil der Welt unterging, während eine andere in einem anderen Teil neu erblühte. Das gibt es nicht mehr. Heute finden wir alle zusammen die Lösung, oder wir gehen alle zusammen unter."
Lyndon LaRouche sprach als einziger Gegenkandidat von Al Gore bei der Präsidentschafts-Vorwahl der Demokratischen Partei in den USA. Die Frage sei nicht, ob, sondern auf welche von drei möglichen Weisen das gegenwärtige Weltfinanzsystem untergehe: 1. durch eine hyper-deflationäre Implosion der Finanzmärkte, 2. in einer hyper-inflationären Explosion wie in Deutschland 1923 oder 3. durch die vernünftige Reorganisation des Weltfinanzsystems im Rahmen eines Neuen Bretton-Woods-Systems. Alle Kräfte müßten daher auf letztere Option konzentriert werden. Den Wortlaut der Rede finden Sie hier.
In der Diskussion ging LaRouche mit den führenden Regierungen hart ins Gericht. Ob Clinton-Gore, Blair, Schröder oder Putin: überall gehe es nur darum, um der Macht willen an der Macht zu bleiben. Die jahrzehntelang gültigen Absprachen der "trilateralen" Gruppe USA-Europa-Japan seien nur noch Makulatur, nachdem US-Finanzminister Summers damit begonnen habe, Euro und Yen zu demontieren, um die eigenen Finanzmärkte zu retten.
Da der Präsident der USA die weltweit stärkste Machtposition innehat, kommt es wesentlich darauf an, wer der nächste Präsident wird -- bzw. daß Gore oder Bush es nicht werden. Da Gore in der eigenen Partei zunehmend als unwählbar erkannt wird, wächst die Bedeutung von LaRouches Person und Programm. Die große alte Dame der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, Amelia Boynton Robinson, stellte die US-Lage in den historischen Zusammenhang des Kampfes um das Wahlrecht der Schwarzen.
Sie habe 35 Jahre lang für das Wahlrecht gekämpft, bis es 1965 von Präsident Johnson umgesetzt wurde, sagte sie. Jetzt, nach wiederum 35 Jahren, hätten die Führung der Demokratischen Partei und der Oberste Gerichtshof der USA begonnen, das Wahlrecht wieder zu kippen. Damit wollten die Rassisten "zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen": 1. das verhaßte Wahlrechtsgesetz rückgängig machen und 2. den verhaßten Herausforderer LaRouche loswerden.
Klassik gegen Romantik
Muriel Mirak-Weißbach verwies zu Konferenzbeginn auf eine entscheidende Tatsache: Die Weltfinanz- und Wirtschaftskrise ist eine Folge der weltweiten Kulturkrise. Wenn die Menschen nicht so dumm wären (Habgier z.B. sei eine Form von Dummheit), hätten sie es nicht so weit kommen lassen. Wenn die Menschen die Augen vor der Wirklichkeit des laufenden Finanzkollapses verschlössen, dann sei dies auch eine Folge mangelnder Kultur und Charakterbildung. Deshalb mache es die Konferenz dieses Jahr zu einem Hauptthema, welche Art von Kultur und Denken die Menschen brauchen, um aus der Krise herauszukommen und dann mit wirtschaftlichem Aufbau (Stichwort Neue Seidenstraße) und klassischer Bildung für alle Menschen eine neue Renaissance zu schaffen.
"Nur eine klassische Renaissance sichert das Überleben der Menschheit" lautete entsprechend der Titel von Helga Zepp-LaRouches Vortrag. Die heutige Kultur sei mit dem alten Rom und seinen "Brot und Spielen" vergleichbar, sagte Zepp-LaRouche. Sie verfolgte den Ursprung der heutigen selbstmörderischen Kultur auf die Zeit vor 200 Jahren zurück. Die feudale Oligarchie fürchtete damals, der Einfluß der Amerikanischen Revolution und der Weimarer Klassik könnten das Ende ihrer Herrschaft bedeuten, und riefen deshalb als Gegenbewegung zur Weimarer Klassik die "Romantik" ins Leben.
Während die Klassik beim klassischen antiken Griechenland anknüpfte, pries die Romantik das Mittelalter mit seiner abergläubischen Irrationalität und der strikten Teilung der Gesellschaft in Oberschicht und Untertanen. Romantiker wie F. Schlegel, Tieck, Stolberg, de la Motte-Fouqué suchten nicht wie Schiller und Goethe die ewigen Gesetze der Kunst, sondern schwelgten nur in momentanen "Eingebungen", möglichst weit ab von Realität und Vernunft. Aus den Werken von Novalis und E.T.A. Hoffmann spreche klinischer Wahnsinn. Die Übereinstimmungen mit der heutigen Hollywood-Kultur sind verblüffend: Es entstanden Geistesprodukte ohne Anfang und Ende ("Seifenopern"), voller Todessehnsüchte und Faszination gegenüber Geistesstörungen.
Das Gegenteil davon verkörperte Schillers Johanna, die über sich selbst hinauswächst und die Verantwortung für ihre ganze Nation auf sich nimmt. Am Ende ihrer Rede forderte Zepp-LaRouche die Zuhörer auf: "Denken Sie wie Schiller, handeln Sie wie Johanna und seien Sie Sie selbst -- ein wahrer Mensch!" In der Diskussion ergänzte ein Theaterdirektor aus Österreich, Schillers Kunst und Ästhetik seien für positive politische Veränderungen unverzichtbar: "Wir müssen schillerisch fühlen und handeln!"
Erkenntnis statt Information
Mehrere Vorträge behandelten das grundlegende Denkproblem der heutigen Zeit, daß nämlich die Menschen nicht mehr den Unterschied zwischen schöpferischer Erkenntnis und "Information" kennen. (Im Extremfall steigert sich das bis zu der Idee, Computer könnten eines Tages den Menschen ganz ersetzen.) In seinem Beitrag "Wie Ideen die Ordnung der Raumzeit verändern" erläuterte Dino De Paoli dazu das falsche und richtige Verständnis des Begriffes "Entropie": Für Leibniz oder Lazare Carnot war Entropie eine physikalische "relativ-absolute Grenze". D.h. auf einem bestimmten Niveau von Wissenschaft und Technik stößt man an Grenzen (z.B. der Bevölkerungsdichte), die erst durch neuen wissenschaftlich-technischen Fortschritt überwunden werden können; bleibt der Fortschritt aus, sind die Folgen meist katastrophal. Die Überwindung der Grenzen kann man als "Anti-Entropie" bezeichnen. Für die heutige Wissenschaft, besonders die Kybernetik, ist "Entropie" dagegen nur ein mathematisches Spiel mit Zufall und Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Wenn man schöpferischen Fortschritt aus der Welt verbanne, lasse sich sogar das Verhalten der Menschen vorausberechnen, warnte De Paoli. Eine solche Welt werde von den Propagandisten der "nachindustriellen Informationsgesellschaft" angestrebt.
Dr. Jonathan Tennenbaum beleuchtete den Gegensatz zwischen linearem, Newtonischen Denken und echtem kognitiven Denken am Beispiel der Musik: "Bach als Nachfolger Keplers: der polyphone Charakter wahren Denkens". Schon Konfuzius habe gesagt, man könne den Zustand einer Gesellschaft an ihrer Musik ablesen, weil sich darin ihre Denkweise spiegele -- und wenn Konfuzius die heutige Rock- und Unterhaltungsmusik gehört hätte, hätte er sicherlich gefolgert: "Das muß eine sterbende Kultur sein."
Zu Bachs Zeit wurde die Newtonische Richtung von Jean Philippe Rameau vertreten, dessen Kompositionslehre sich nur auf Dreiklänge und andere vertikale Akkorde stützt. Bachs Wohltemperiertes Klavier aus der gleichen Zeit widerlege Rameaus Theorie. Alle vertikalen Klänge sind darin nur "Übergänge". Die Musik ist eine Sprache, in der mehrere Stimmen singen, miteinander gesetzmäßig Dissonanzen schaffen und auflösen und so ein größeres Ganzes schaffen.
Sehr anschaulich (besser "anhörlich") wurde dies, als zwei Sänger demonstrierten, wie eine Melodie in ihrem Charakter völlig verändert wird, wenn eine zweite Stimme jeweils eine andere Gegenstimme dazu singt. Zur Grundlage dieser Demonstration nahm Tennenbaum Studien von Bachs Schüler Kirnberger. Anschließend wurde in einem kurzen Dialog erläutert, daß Bachs Musik auf der Vorstellung eines gekrümmten Universums beruhe, wie sie Johannes Kepler beschreibe.
Ein Klavierabend mit Prof. Günter Ludwig mit Werken von Bach, Haydn und Schubert rundete den zweiten Konferenztag ab.
Die Bach-Revolution
"Musik ist eine rezeptfreie Medizin für den menschlichen Geist" -- so formulierte ein Ingenieur im Publikum treffend die unverzichtbare Bedeutung der klassischen Musik für den Menschen. Der Sonntagvormittag war dem großen Komponisten Johann Sebastian Bach gewidmet, dessen 250. Todestag in diesem Jahr begangen wird. (So finden am Todestag am 28. Juli in 250 Städten der Slowakei parallel Bach-Konzerte statt, wie ein Musikprofessor aus Bratislava stolz bekanntgab.)
Anno Hellenbroich sprach einleitend zum Thema "Mit Leibniz Bach und Mozart besser verstehen". Die Ideen von Gottfried Wilhelm Leibniz, knapp 40 Jahre älter als Bach, haben diesen stark beeinflußt. Leibniz begründet seine These, daß "dies die beste aller möglichen Welten" ist, damit, daß in unserem Universum "die größte Vielfalt im Rahmen der größten Ordnung" herrsche; und finde man nicht in Bachs Musik genau "die größte Vielfalt im Rahmen der größten Ordnung?", fragte Hellenbroich. Ein von Leibniz in den Regeln zur Förderung der Wissenschaften beschriebenes zeitloses Prinzip der Kunst -- daß Musiker Einfälle früherer Komponisten studieren, um die Kompositionskunst weiterzuentwickeln -- zeigte Hellenbroich anhand der Verbindung zwischen Bachs Musikalischem Opfer und Mozarts Großer Messe c-moll auf.
Prof. Elena Wjaskowa von der Moskauer Gnesin-Musikakademie hat u.a. an der Veröffentlichung von Beethovens Skizzenbüchern mitgewirkt. Sie sprach über "Rätsel und Bedeutung von Bachs Kunst der Fuge", ein Werk, mit dem sie sich seit Jahrzehnten beschäftigt. Wjaskowa hat eine Theorie über die richtige Anordnung der Fugen und Kanons der Kunst der Fuge aufgestellt, die davon ausgeht, daß in Bachs Musik die Proportionen innerhalb eines größeren Stücks harmonisch und gesetzmäßig sind. Möglicherweise habe Bach die letzte große Fuge des Stücks bewußt nicht vollendet, sagte sie, und die Notenfolge B-A-C-H, die er in die Komposition einfügte, lasse sich als seine "Unterschrift" auffassen.
Es folgte der Vortrag von Ortrun Cramer "Über Bach hinaus: Aspekte von Beethovens Bach-Studien". Schon als Knabe kannte Beethoven Bachs Wohltemperiertes Klavier in- und auswendig. Später arbeitete er in Wien eng mit Kreisen zusammen, die Bachs Werk unter widrigen Umständen am Leben erhielten, wie die Familie von Moses Mendelssohn und Erzherzog Rudolph. Auch in späten Jahren notierte er immer wieder interessante Passagen von Bach in seine Skizzenbücher.
Eine Kunst, die in solcher Meisterschaft nur Bach und danach Beethoven beherrschten, war die, vier Stimmen so zu setzen, daß jede einzelne notwendig und gleichzeitig völlig frei ist. Als Beispiele dafür spielte Cramer einen Choral aus Bachs Matthäuspassion und Auszüge aus Beethovens späten Streichquartetten vor. Dazu wurde auf Video ein Ausschnitt aus einer Meisterklasse mit Norbert Brainin vom Amadeus-Quartett gezeigt.
Für ein Neues Bretton Woods
Im letzten Themenkreis ging es um das Beispiel einer produktiven Wirtschaftspolitik, die gegen den Widerstand der Finanzwelt durchgesetzt wird: den "New Deal" von US-Präsident Franklin Roosevelt in den 30er Jahren. Hartmut Cramer schilderte, wie Roosevelt das völlig bankrotte US-Bankenwesen in den ersten hundert Tagen seiner Amtszeit einem Bankrottverfahren unterzog. Gleichzeitig setzte er gigantische Infrastrukturprojekte in Gang, u.a. die Elektrifizierung der gesamten USA und die Verwandlung des Tennessee-Tals vom Armenhaus Amerikas in eines der modernsten Industriegebiete. Den Wortlaut der Rede finden Sie hier
Jacques Cheminade aus Paris knüpfte daran an in seinem Beitrag "Franklin D. Roosevelt und Jean Monnet: Wie der Kampf gegen die Methoden des britischen Imperialismus erfolgreich geführt werden kann". Die Mobilisierung der US-Wirtschaft vor und im Zweiten Weltkrieg war vor allem das Verdienst des Franzosen Jean Monnet. Wenn alle anderen Experten sagten: "Die Ziele sind zu hoch gesteckt", konterte Monnet: "Im Gegenteil, zu niedrig." Er behielt stets recht, die Produktionsziele wurden noch übertroffen. Nach dem Krieg beeinflußte Monnet wesentlich die dirigistische Wirtschaftspolitik in Frankreich und die Gründung der Europäischen Kohle- und Stahlunion.
Cheminade beschrieb anschaulich Roosevelts Pläne, nach dem Krieg alle Kolonialreiche abzuschaffen und die ehemaligen Kolonien mit großen Infrastrukturprojekten aufzubauen. Sein Konflikt mit Churchill darum ging so weit, daß er einmal in einem Brief schrieb: "Nach dem Krieg werden wir mit den Briten mehr Ärger haben als jetzt mit den Nazis." Leider starb Roosevelt bekanntlich, bevor er diese Pläne verwirklichen konnte. Das sei jetzt unsere Aufgabe in der Gegenwart, sagte Cheminade.
Neben den Diskussionen mit den Sprechern gab es am Rande der Konferenz zahlreiche kleinere Treffen, auf denen Pläne für die weitere Arbeit des Schiller-Instituts debattiert wurden. Die italienische Delegation überreichte Lyndon LaRouche Ehrenmedaillen vom Mattei-Zentrum für internationale Studien und von der Stadt Padua, die ihm kürzlich für seine wirtschaftswissenschaftlichen Arbeiten verliehen wurden.