Aktivitäten des Schiller-Instituts


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Rede von Hartmut Cramer auf der Jahreskonferenz von Schiller-Institut und ICLC vom 26.-28. Mai 2000 in Bad Schwalbach.

Roosevelts "New Deal" -- Beispiel des Amerikanischen Systems

Bei meinem Vortrag geht es im Kern darum, daß entgegen aller Lügen, die über Roosevelts "New Deal" erzählt werden -- und gerade hier in Europa kursieren davon außerordentlich viele -- diese Politik ein sehr gutes, wenn auch bei weitem nicht vollkommenes, Beispiel für das Amerikanische System der Ökonomie war. Das scheint ein sehr ungewöhnliches Urteil über die Politik eines Sprößlings einer der führenden amerikanischen Patrizierfamilien im 20. Jahrhundert zu sein; vor allem da diese Familie mit Theodor Roosevelt -- einem Cousin von Franklin Delano Roosevelt, kurz FDR -- einen Präsidenten gestellt hatte, der eine völlige Katastrophe war. Denn "Teddy" hatte die USA an das Britische Empire verraten, an Amerikas "Erzfeind", gegen den die Gründerväter einen erbitterten Krieg geführt -- und gewonnen -- hatten, da das kolonialistische britische System von Ausbeutung und Zerstörung von Nationen und das humanistische Amerikanische System von Entwicklung und Aufbau eines Staatswesens einfach nicht auf Dauer zusammen existieren können -- nicht auf demselben Kontinent, nicht auf demselben Planeten und letztendlich auch nicht im selben Universum.

Was ich Ihnen angesichts eines sehr komplexen Stoffes in aller gebotenen Kürze, aber doch, wie ich denke, auf überzeugende Art und Weise darstellen will, ist, daß der hochbegabte, im wesentlichen jedoch probritische FDR durch die erfolgreiche Bewältigung einer existentiellen Krise seine Persönlichkeit in solch einer außergewöhnlichen Weise entwickelte, daß er emotional stark und mutig genug war, seine Nation aus einer tiefen Krise herauszuführen; einer Krise, die fast schon zur völligen Desintegration des gesamten Landes geführt hatte. Mithilfe einer dirigistischen Finanz- und Wirtschaftspolitik setzte er große Infrastrukturprojekte in Gang und baute damit die Wirtschaft bzw. die ganze Nation wieder auf; wobei die Wurzeln dieser bewährten politischen Methode bis in die Anfangsphase der Amerikanischen Revolution zurückreichen.

Das ist der wirkliche New Deal, der im Prinzip überhaupt nichts Neues war. Bei meiner Vorbereitung konnte ich mich stark auf die bahnbrechenden Forschungsarbeiten stützen, die unsere internationale Organisation über FDR erarbeitet hat: Neben den zahlreichen Beiträgen von LaRouche zu diesem Thema verweise ich vor allem auf die in unseren Publikationen veröffentlichten Arbeiten von Lonnie Wolfe und Marsha Freeman, ganz besonders aber auf die jüngsten Forschungsarbeiten von Richard Freeman über FDRs Wirtschaftspolitik, deren Ergebnisse in höchst interessanten -- allerdings bisher unveröffentlichten -- Papieren festgehalten wurden. Ich hoffe, daß Richard bald die Zeit findet, das von ihm zusammengestellte Material aufzuschreiben.

Noch eine kurze Vorbemerkung: Da wir auf dieser Konferenz so viel über die Bedeutung von Musik und die Prinzipien der klassischen Kompositionskunst diskutiert haben, möchte ich Sie bitten, in der Zeit, in denen ich Ihnen darüber berichte, wie FDR die USA aus der Depression herausgeführt hat, LaRouches augenblickliche politische Aktionen im Hinterkopf zu haben -- gewissermaßen als eine Art "Generalbaßlinie". Diese Übung im "politischen Kontrapunkt" hilft Ihnen mehr über FDR und seinen Kampf -- und dessen Bedeutung für uns heute -- zu verstehen, als ich in Worten ausdrücken könnte.

 

Mit einem "goldenen Löffel im Mund" geboren

In den ersten 40 Jahren lief für FDR alles "normal". Da er einer der führenden Familien der Vereinigten Staaten angehörte, erfüllte er weitgehend die Erwartungen seiner pro-britischen "Klasse": Erstklassige Erziehung und Ausbildung, Sport (Golf, Segeln etc.) und häufige Europareisen. Allerdings stechen auch schon in seiner Jugend einige ganz außergewöhnliche Dinge hervor: Die Tatsache, daß er stark seinen Ur-Ur-Großvater "Isaak, den Patrioten" bewunderte, der Seite an Seite mit den Gründervätern für die Amerikanische Revolution gekämpft hatte und sehr eng mit Alexander Hamilton befreundet war; die Tatsache, daß FDR stolz darauf war, zu dem Zweig der Roosevelts zu gehören, der sich auf die Revolutionäre in Amerika bezog, und daß sein Vater, Inhaber einer Eisenbahngesellschaft, in den patriotischen Kreisen um Abraham Lincoln aktiv gewesen war; und schließlich sein Harvard-Papier über Hamilton, in dem FDR zeigte, daß er in der Tat die Bedeutung einer dirigistischen Wirtschafts- und Finanzpolitik für den Aufbau einer Nation verstand.

Als FDR aber 1910 in die Politik ging, hatte der "Roosevelt-Clan" nichts zu befürchten. Im Großen und Ganzen folgte der seinen Cousin Theodore Roosevelt stark bewundernde FDR der damals in den USA tonangebenden pro-britischen Linie. Teddy seinerseits tat alles, um sicherzustellen, daß das auch so blieb; besonders während FDRs langer Zeit als Marinestaatssekretär. Wenn FDR in dieser Zeit -- der Zeit des Ersten Weltkriegs -- durch die aktive Teilnahme an der Kriegsmobilisierung seines Landes auch eine ausgezeichnete Lektion in physischer Ökonomie erhielt, so war er in diesen jungen Jahren doch eher ein "schrecklich gemeiner Hund", wie er sich später selbst erinnerte. Ein arroganter, zynischer Streber, der sich bei Kriegsausbruch in einem Brief an seine Frau Eleanor darüber lustig machte, daß sein Boß, Marineminister Daniels, "sehr traurig darüber war, daß sein Glaube an die menschliche Natur und die Zivilisation und ähnlich idealistischer Unsinn einen derart rüden Schock erhielt".

Solch ein Verhalten zeigte FDR auch nach außen: als kaltblütiger Rechtsanwalt, als steifer Politiker und als gemeiner, arroganter Marinestaatssekretär. Kein Wunder, daß der "Roosevelt-Clan" ihn als einen Vertreter "ihrer Klasse" betrachtete. Daß er Präsident werden und sich nach Kräften für ihre Interessen einsetzen würde, war klar; es war nur noch eine Frage von Zeit, Manipulation -- und Geld.

Doch dann kam die Katastrophe: Im August 1921 erkrankte FDR im Alter von 39 Jahren urplötzlich an Polio. Über Nacht wurde er zum Krüppel und hatte praktisch keine Chance mehr, je wieder gehen und ein normales Leben führen zu können -- geschweige denn Präsident zu werden. Doch was zunächst als Katastrophe erschien, erwies sich laut Eleanor in der Folge als "verdeckter Segen": FDR nutzte diese tiefe persönliche Krise und die gesunde Distanz vom politischen Tagesgeschäft außerordentlich konstruktiv. Mit einer riesigen Willensanstrengung kämpfte er nicht nur für die Wiederherstellung seiner Gesundheit und lernte sogar -- mit Hilfen -- wieder zu gehen, sondern er dachte auch intensiv und gründlich nach. Er nahm seine historischen Studien wieder auf -- besonders über die Amerikanische Revolution -- und schrieb Aufsätze; einen davon über die Geschichte der USA, in dem er Amerika als Fortsetzung der Entwicklung der europäischen Zivilisation behandelte. Darin findet sich u.a. eine so erstaunliche Beobachtung wie die über "Ludwig XI. von Frankreich, der den großen Feudalherren ihre Macht nahm".

Die Persönlichkeit, die sich während dieses jahrelangen Kampfes um das physische -- und seelisch-geistige -- Überleben herausbildete, war eine völlig andere als der "gemeine Hund": Das ist immer noch ein Patrizier, aber einer der stolz darauf ist, daß er wieder gelernt hat, aufrecht zu stehen, und der dabei demütig die Hilfe seines Arztes und seines schwarzen Dieners annimmt; ein Politiker, der herzlich lachen kann, wenn er auf Krücken geht; ein Gouverneur von New York, der ernsthaft dem sprichwörtlichen "vergessenen Mann" zuhört; ein kämpferischer Kandidat der Demokraten, der sogar in strömendem Regen Wahlkampf macht; ein entschlossener US-Präsident, der heftig die "Wirtschaftsroyalisten" der Wallstreet attackiert.

Um die wirkliche Natur dieses Wandels zu verstehen -- und das war eine riesige Veränderung, eine nicht-lineare Entwicklung -- muß man sich klarmachen, was die entscheidende Passage der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung über die "unveräußerlichen Rechte" aller Menschen, zu denen "Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit" gehören und die Gemeinwohl-Klausel der Amerikanischen Verfassung für den arroganten Streber -- der nichts als eine große Persona zur Schau trug -- bedeutete; und wie anders dieser reife Mensch, der sich durch die Überwindung einer existentiellen Krise zu einer wirklichen Person, einer Persönlichkeit entwickelt hatte, über genau diese Konzepte dachte bzw. fühlte.

 

Die Nation in einer Existenzkrise

Nach einer solchen Konfrontation war FDR emotional in der Lage, darüber nachzudenken, welche Mittel man benötigte, um mit der existentiellen Krise einer Nation erfolgreich umgehen zu können. Und so eine Krise zeichnete sich für Amerika in den 20er Jahren klar am politischen Horizont ab. Es war also überhaupt keine Überraschung, daß FDR in diesen Jahren mit Politikern in Kontakt kam, die darum kämpften, die immer schlimmer werdende Wirtschaftskrise mit den traditionellen Methoden des Amerikanischen Systems sowie mit Lincolns berühmtem Programm der "internen Verbesserungen" zu lösen, mit dem die infrastrukturelle Entwicklung der Nation umschrieben wurde. Zu diesen Politikern, die später beim New Deal eine große Rolle spielen sollten, gehörten u.a.: George Norris, der sich schon jahrelang energisch für die Entwicklung des Tennessee-Tals und die Elektrifizierung der ländlichen Gebiete Amerikas eingesetzt hatte; William Lemke, der entschlossen für die Wiederbelebung der Hamiltonschen Kreditpolitik eintrat und Robert Wagner, Vorreiter für die Rechte der Arbeiter und die Entwicklung der Arbeitskraft.

Es ist auch kein Wunder, daß FDR während dieser Zeit offen mit der imperialistischen Politik seiner Klasse brach. In einem Foreign Affairs-Artikel vom Juli 1928, in dem sich FDR mit der zukünftigen US-Außenpolitik (besonders gegenüber den Staaten Lateinamerikas) beschäftigte, schlug er eine Politik der "guten Nachbarschaft" vor; d.h. die Respektierung der Souveränität anderer Staaten -- ein klarer Seitenhieb auf die Briten.

Die Umrisse einer zukünftigen Politik von FDR wurden deutlich: Als US-Patrizier kannte er alle politischen "Spielregeln" sehr gut und direkt von innen; als intellektuell brillanter Kopf war ihm klar, daß keine andere Großmacht, noch nicht einmal das Britische Empire, Amerika Paroli bieten konnte, wenn die USA ihre Wirtschaft -- und ihr Militär -- stark machten; als Patriot sah er keinen Grund, daß die USA weiterhin als dummer "Arm des britischen Gehirns" agieren sollten, wenn erst die Macht der Wallstreet durch einen starken Präsidenten gebrochen worden war; und sein politischer Instinkt -- durch die Entwicklung seiner Persönlichkeit in hohem Maße geschärft und vertieft -- sagte ihm, daß die breite Unterstützung, die solch ein Präsident brauchte, nur dadurch zustande kommen konnte, daß man die Mehrheit der Amerikaner mobilisierte und politisch erzog. Letzteres galt besonders für die Facharbeiter und Landwirte, die kleinen und mittleren Unternehmer, die Millionen von Arbeitslosen samt ihren Familienangehörigen -- den sprichwörtlichen "vergessenen Mann".

Daß FDR tatsächlich darauf vorbereitet war, den richtigen Moment -- eine große Krise -- auszunutzen, und seine Partei, deren Spitze damals -- genau wie heute -- von den "Geldwechslern" der Wallstreet kontrolliert wurde, zu übernehmen, geht aus einem Brief an einen politischen Freund hervor, den er kurz nach seinem Amtsantritt als Gouverneur des Staates New York Anfang 1929 -- also lange vor dem "Schwarzen Freitag" -- schrieb: "Sie haben Recht, die Geschäftswelt hat kein großes Interesse an einer guten Regierung und möchte, daß die jetzige Kontrolle der Republikaner solange bestehen bleibt, wie der Aktienmarkt nach oben schießt und die neuen Kapitalverflechtungen unangetastet bleiben. Das Problem für die führenden Republikaner besteht darin, daß die jetzt vorherrschenden Bedingungen an einem bestimmten Zeitpunkt ihr Ende finden. Dann muß die Demokratische Partei in einem gesunden Ausmaß genügend radikal sein, so daß uns die meisten der Unzufriedenen zulaufen und uns wieder an die Macht bringen."

 

Der Neuanfang

Als FDR am 2. Juli 1932 die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten annahm, machte er Amerika sein berühmtes Versprechen, einen "New Deal" (Neuanfang) zu wagen. Und was für eine dramatische Veränderung der amerikanischen Politik FDR damit bezweckte, geht aus seinen eigenen Worten klar hervor: "Wir sollten uns hier und jetzt klar darauf verständigen, wieder auf dem unterbrochenen Weg unseres Landes für wirklichen Fortschritt, wirkliche Gerechtigkeit und wirkliche Gleichheit für alle unsere Bürger, groß und klein, weiterzugehen. Man kann die Regierungspflichten für unser wirtschaftliches und soziales Leben auf zweierlei Weise betrachten. Die erste achtet darauf, daß einigen Wenigen, Begünstigten, geholfen wird, und sie hofft, daß etwas von deren Wohlstand zu den anderen durchdringt, zu den Arbeitern, den Landwirten und den Kleinunternehmern. Das ist die Theorie der Tory-Partei. Aber es ist keinesfalls die Theorie der Demokratischen Partei -- und sie wird es nie werden.

Die Menschen dieses Landes wollen dieses Jahr eine wirkliche Wahl, und nicht die Wahl zwischen zwei Namen für dieselbe reaktionäre Doktrin. Was wollen die Menschen Amerikas mehr als alles andere? Zwei Dinge: Arbeit, Arbeit mit all den moralischen und geistigen Werten, die mit diesem Begriff zusammenhängen, und mit Arbeit ein vernünftiges Maß an Sicherheit -- Sicherheit für sie selbst sowie ihre Frauen und Kinder. Arbeit und Sicherheit sind geistige Werte, das wirkliche Ziel, auf das sich unsere Bemühungen für einen Wiederaufbau richten sollten. In der ganzen Nation schauen jetzt Männer und Frauen, die in der politischen Philosophie der letzten Jahre vergessen wurden, auf uns hier. Sie verlangen von uns Führung und mehr Chancengleichheit, um ihren Anteil bei der Verteilung des nationalen Wohlstands zu erhalten. Diese Millionen können und werden nicht umsonst gehofft haben. Ich verspreche Ihnen -- und mir selbst -- einen New Deal für das amerikanische Volk. Dies ist mehr als eine politische Kampagne, es ist ein Ruf zu den Waffen. Helfen Sie mir dabei, nicht nur Stimmen, sondern diesen Kreuzzug zu gewinnen, der das Ziel verfolgt, Amerika seinen Menschen zurückzugeben."

Kein Wunder, daß die atemberaubende Entwicklung in den ersten Monaten nach FDRs Amtsübernahme Anfang März 1933 allgemein als "Roosevelt-Revolution" bezeichnet wurde; es war eine, eine neue Phase der Amerikanischen Revolution. (Selbstbewußt erklärte FDR 1938 Mitgliedern der Organisation Töchter der Amerikanischen Revolution: "Denken Sie immer daran, daß wir alle -- und ganz besonders Sie und Ich -- von Einwanderern und Revolutionären abstammen.")

Dieses Thema, daß er den Augenblick der Krise nutzen und der Wallstreet die Macht entreißen würde, betonte FDR im Verlauf seiner Wahlkampagne immer wieder. "Ich glaube, daß unser Industrie- und Wirtschaftssystem für die einzelnen Männer und Frauen geschaffen wurde, und nicht die einzelnen Männer und Frauen für das Wohl des Systems", sagte FDR im August 1932 bei einer Wahlkampfrede in Ohio, und er fuhr fort: "Ich glaube, daß jedes Individuum die volle Freiheit haben muß, um das beste für sich zu erreichen; aber ich glaube nicht, daß im Namen desselben heiligen Wortes [Individualität] einige wenige mächtige Interessen aus der Hälfte der amerikanischen Bevölkerung industrielles Kanonenfutter machen dürfen."

Und Ende September, als sich die Wirtschafts- und Finanzkrise verschärfte, immer mehr Banken bankrott gingen und viele Amerikaner ihre ganzen Ersparnisse verloren, erklärte FDR: "Jeder Mensch hat das Recht auf sein Eigentum; d.h. er hat das Recht, daß seine Ersparnisse im größtmöglichen Maß abgesichert und garantiert werden. Wenn wir in Übereinstimmung mit diesem Prinzip die Operationen des Spekulanten, des Geschäftemachers, ja sogar des Finanziers einschränken müssen, dann müssen wir meiner Meinung nach diese Einschränkung als notwendig hinnehmen, nicht als Behinderung der Individualität, sondern als deren Schutz."

Diese Politik "hämmerte" er während der Kampagne seinen Wählern förmlich ein: den Arbeitern und Landwirten, den Arbeitslosen und Obdachlosen, den kleinen Geschäftsleuten und Unternehmern sowie den Schwarzen, denen er seine Anerkennung aussprach für die "außerordentlich bemerkenswerten Dinge", die sie erreicht hatten wie "ihr Fortschritt auf wirtschaftlichem und landwirtschaftlichem Gebiet, ihre Errungenschaften bei der Erziehung und ihre Beiträge zu Kunst und Wissenschaft. Ich hoffe und glaube, daß der Schwarze in den kommenden Jahren noch viel mehr erreichen wird. Jeder von uns sollte an die Worte des unsterblichen Lincoln denken: ,Indem wir dem Sklaven die Freiheit geben, sichern wir dem Freien die Freiheit -- und sind ehrenhaft in dem, was wir geben sowie in dem, was wir erhalten'."

Amerikas Studenten erklärte FDR, daß "die menschlichen Ressourcen über den materiellen stehen", und daß "Wissen -- Erziehung im eigentlichen Sinne -- unser bester Schutz ist gegen Unvernunft, Vorurteile und panikmachende Angst, egal ob sie von bestimmten Interessen, intoleranten Minderheiten, oder von Panik getriebenen Politikern geschürt wird". Die letzte Bemerkung, die er bei einer Wahlveranstaltung in Boston Ende Oktober 1932 machte, war ein deutlicher Hinweis auf die panische Angst, die mittlerweile die Wallstreet erfaßt hatte, denn es war klargeworden, daß FDR die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung von seinem Programm des wirtschaftlichen Wiederaufbaus überzeugt hatte und die Präsidentschaftswahl Anfang November gewinnen würde; was er auch tat -- mit einem riesigen Vorsprung.

In den folgenden Wochen erreichte die Panik an der Wallstreet und vor allem in der Londoner City ihren absoluten Höhepunkt. In Kontinentaleuropa mußte die internationale Finanzoligarchie sogar mit einem faschistischen Putsch den "deutschen New Deal" -- den "Lautenbach-Plan" -- vereiteln, indem sie Ende Januar 1933, d.h. in allerletzter Minute Hitler an die Macht hievte. (Mitte Dezember hatte die neugebildete Regierung von Schleicher offiziell die Realisierung des von Lautenbach entworfenen Programms zur Entwicklung der zivilen Infrastruktur mit Hilfe "produktiver Kreditschöpfung" bekanntgegeben). In den USA sandten dieselben oligarchischen Kreise am 15. Februar eine unmißverständliche Warnung an Roosevelt -- in Form von Kugeln.

Nach dem Fehlschlag des Frontalangriffs auf FDR organisierten Wallstreet und London in den nächsten Wochen eine Attacke auf den US-Dollar und die amerikanischen Goldreserven. In den vier Monaten nach FDRs Wahlsieg wurden die USA nahezu in den Bankrott getrieben, hauptsächlich weil Depression und Finanzkrise jetzt voll durchschlugen, aber auch, weil die internationale Finanzoligarchie die USA destabilisierte, um Roosevelt "wieder auf Linie zu bringen". Als FDR am Samstag, dem 4. März 1933 schließlich in sein Amt eingeführt wurde, stand das Land vor dem Ruin. Fast alle Bankaktivitäten waren eingestellt worden. Das ganze Finanzsystem desintegrierte, es löste sich praktisch auf. Die industrielle Produktion war kollabiert. Die Landwirtschaft lag völlig am Boden. Ein Gutteil der 12,8 Millionen Arbeitslosen -- nicht nur in absoluten Zahlen, sondern auch in Prozentzahlen (offiziell waren es 25%) war die Arbeitslosigkeit in den USA damals weit höher als in Deutschland -- wanderten im Land umher, obdachlos und hungrig. Viele verhungerten sogar. Im ganzen Land herrschte eine verzweifelte Stimmung.

FDR brauchte noch nicht einmal eine Stunde, um die Stimmung umzudrehen -- mit seiner Antrittsrede: "Jetzt ist vor allem die Zeit, die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit, offen und kühn. Auch dürfen wir nicht davor zurückschrecken, ehrlich die heutige Lage in unserm Land zu betrachten. Diese große Nation wird überdauern, so wie sie bisher überdauert hat. Sie wird wieder leben und gedeihen. Deshalb möchte ich Ihnen zuerst versichern, daß ich fest daran glaube, daß die einzige Sache, die wir zu fürchten haben, die Furcht selber ist -- ein namenloser, unvernünftiger, ungerechtfertigter Schrecken, der die notwendigen Anstrengungen lähmt, mit denen wir den Rückzug in einen Vormarsch verwandeln können."

Nach diesen eindrucksvollen Worten ließ Roosevelt Taten folgen und sagte den Amerikanern ungeschminkt die Wahrheit über ihre Lage. Er bat die Bevölkerung, "meine Führung in diesen kritischen Tagen zu unterstützen", und zeichnete in groben, aber klaren Strichen die Realität über die tiefe Krise des Landes auf. Dann stellte er die wirklich Schuldigen an den Pranger, die oligarchischen Finanzinteressen: "Die Praktiken der skrupellosen Geldwechsler stehen gegenwärtig vor dem Gerichtshof der öffentlichen Meinung unter Anklage, und Herz und Verstand der Menschen weisen sie zurück. Beim Versagen ihrer Kreditpolitik haben sie lediglich das Verleihen von noch mehr Geld vorgeschlagen. Sie kennen nur die Regeln einer Generation von Selbstsüchtigen. Sie haben keine Vision, und wo die Vision fehlt, geraten die Menschen in Gefahr. Die Geldwechsler sind aus ihren dicken Sesseln im Tempel unserer Zivilisation geflüchtet. Diesen Tempel werden wir jetzt im Sinne der alten Wahrheiten restaurieren. Das Ausmaß dieser Restaurierung hängt davon ab, inwieweit wir dabei soziale Werte verwenden, die edler sind, als bloßer monetärer Profit."

Nach dieser konsequenten Abrechnung mit der Wallstreet erinnerte FDR die Amerikaner an eines der wichtigsten philosophischen Konzepte ihrer Verfassung -- Happiness -- und erläuterte es im Leibnizschen Sinn von Glückseligkeit. Leibniz, einer der wichtigsten Ideenlieferanten der Amerikanischen Verfassung, verwandte Glück und Glückseligkeit stets als identische Begriffe und beschrieb damit den gehobenen Zustand der Seele, in dem sie nach ihrer Vollkommenheit -- nach schöpferischer Vernunft -- strebt. Roosevelt sagte: "Glück besteht nicht in dem bloßen Besitz von Geld. Es besteht in der Freude, etwas zu erreichen, im Ansporn einer schöpferischen Anstrengung. Die Freude und die moralische Anregung, die mit der Arbeit einhergehen, dürfen bei der verrückten Jagd nach steigenden Profiten nicht mehr vergessen werden."

Da bloße "Veränderungen in der Ethik" aber nicht ausreichten, erklärte FDR: "Diese Nation will Taten, und zwar jetzt. Unsere größte und vordringlichste Aufgabe besteht darin, den Menschen Arbeit zu geben. Das ist kein unlösbares Problem. Teilweise können wir es dadurch lösen, daß die Regierung selbst Leute einstellt, wobei wir an die Aufgabe so wie im Notfall des Krieges herangehen. Gleichzeitig können wir durch die Einstellung dieser Leute jedoch dringend benötigte Projekte realisieren, mit denen wir einen Anreiz zur Verwendung unserer natürlichen Ressourcen geben und sie reorganisieren." Dann kündigte er Maßnahmen zur Verbesserung in Landwirtschaft und Industrie an, einen Schuldenerlaß für Bauernhöfe und Privathäuser sowie Fürsorgemaßnahmen für alle Bedürftigen. Außerdem versprach er, mit den Mitteln der "nationalen Planung" -- das war FDRs Ausdruck für Dirigismus, "planvolles Handeln" war ein anderer, den er häufig gebrauchte -- "und der Überwachung, alle Arten von Verkehr, Kommunikation und anderen Dienstleistungen [wie z.B. Elektrizitätsunternehmen, d.Verf.], die definitiv einen öffentlichen Charakter haben" unter staatliche Obhut zu stellen.

Dann kam er zum Kern des New Deal und kündigte eine "strikte Überwachung aller Bank-, Kredit- und Wertpapiergeschäfte" an sowie "das Ende des Spekulierens mit dem Geld anderer Leute". Dann wurde seine Sprache noch härter: "An diesen Fronten werden wir angreifen. Ich werde einer Sondersitzung des neuen Kongresses unverzüglich detaillierte Maßnahmen zur Erfüllung dieser Forderungen vorlegen. Mit dem hier eingegangenen Versprechen übernehme ich ohne zu Zögern die Führung dieser großen Armee unseres Volkes und bin zu einem disziplinierten Angriff auf unsere gemeinsamen Probleme fest entschlossen."

Das war eine eindeutige Kriegserklärung an die Wallstreet, doch FDR ging noch weiter. "Ich bin darauf vorbereitet, gemäß der mir von der Verfassung auferlegten Pflicht, Maßnahmen vorzuschlagen, die eine bedrängte Nation in einer bedrängten Welt verlangen mag", erklärte er, und fügte hinzu: "Sollte die nationale Notstandssituation immer noch kritisch sein, dann werde ich den Weg der Pflicht betreten, der dann vor mir liegt. Ich werde den Kongreß um das dann noch bleibende Instrument ersuchen, mit dem die Krise zu lösen ist -- umfassende Exekutivgewalt, um den Krieg gegen die Not zu führen; eine Macht, die genauso groß ist, wie die, die ich in dem Fall erhielte, wenn wir tatsächlich von einem äußeren Feind angegriffen würden."

 

Die Reorganisation des Bankenwesens

Mit dieser Rede war der "Krieg gegen die Depression" offiziell eröffnet worden, und FDR verlor keine weitere Minute. Unmittelbar nach seiner Amtseinführung zeigte er, daß er die Klassiker gut studiert hatte, vor allem Machiavelli, der in seinem Fürsten ja mit gutem Grund darauf besteht, daß ein Herrscher in einer fundamentalen Krise die wichtigsten und schwierigsten Entscheidungen sofort ausführen muß: Schnell feuerte er einen wohlgezielten Schuß nach dem anderen ab. Dies Momentum war vor allem für die "ersten 100 Tage" charakteristisch, in denen FDR nicht weniger als 13 wichtige Gesetzesvorhaben durch den Kongreß brachte, bzw. per Dekret erließ.

Noch während des Wochenendes arbeiteten er und seine wichtigsten Berater intensiv an dem Entwurf eines Notstandsgesetzes zur Lösung der Finanzkrise. Am Montag kündigte FDR lakonisch "Bankferien" für die nächsten vier Tage an sowie die schnellstmögliche Verabschiedung des "Notstands-Bankgesetzes von 1933", mit dem das ganze US-Bankensystem einem ordentlichen Bankrottverfahren unterworfen wurde. Diese Gesetzesvorlage wurde bereits am folgenden Donnerstag, dem 9. März 1933, dem Kongreß vorgelegt, zügig von beiden Kammern verabschiedet und noch am selben Abend vom Präsidenten unterzeichnet. Die Amerikaner machten also die Erfahrung, daß Washington eine fundamentale Krise effektiv an einem einzigen Tag lösen kann! Neben der Tatsache, daß die meisten Banken -- der Schwere ihres jeweiligen Problems entsprechend -- sukzessive in den nächsten Tagen ihre Schalter wieder öffnen konnten und -- zumindest für einige Zeit -- unter Aufsicht der Regierung gestellt wurden, legte dieses Gesetz fest, daß die hoffnungslos bankrotten US-Banken -- immerhin über 2000 -- für immer geschlossen blieben.

Diese Notstandsgesetzgebung im Finanzbereich baute FDR in der nächsten Zeit systematisch aus: Die Aktivitäten von Geschäftsbanken und Investmenthäusern wurden strikt getrennt, so daß es den "normalen" Banken gesetzlich untersagt war, "mit dem Geld anderer Leute zu spekulieren". Diese und andere Bestrebungen zur Ordnung des Bankwesens gipfelten im Juni 1933 in dem berühmten -- und Ende 1999 leider annullierten -- Glass-Steagall Act, ein Gesetz, das nicht nur gesunde Finanzpraktiken vorschrieb, sondern auch die von der Wallstreet über die US-Finanzpolitik ausgeübte Kontrolle weitgehend einschränkte. Außerdem reorganisierte FDR das (praktisch private) Zentralbanksystem der Federal Reserve, indem er durchsetzte, daß die Gouverneure vom Präsidenten ernannt wurden. Am Ende dieser gründlichen Reorganisation des US-Finanzwesens stand zwar keine eigentliche Nationalbank -- offenbar sah FDR zu diesem Zeitpunkt die Einrichtung einer solchen Institution als politisch unmöglich an --, aber doch die Tatsache, daß die US-Regierung, ohne größere Störmanöver der Wallstreet, Kredite zur Finanzierung öffentlicher Arbeiten und großer Infrastrukturprojekte schöpfen und vergeben konnte.

Waren das in gewisser Weise auch nur begrenzte Maßnahmen, so schwächten sie doch die Macht der Wallstreet ganz erheblich. Wie FDR das schaffte? Mithilfe eines raffinierten Flankenangriffs. Anfang 1933 war einer seiner politischen Verbündeten aus New Yorker Tagen, Staatsanwalt Ferdinand Pecora, zum Berater bei den Sonderanhörungen des Bankenausschusses im Senat ernannt worden. Und dieser Pecora stellte bei den Anhörungen der nächsten Monate durch sein entschlossenes und aggressives Verhalten die Interessen des Investmenthauses Morgan als Zentrum einer "geheimen", bzw. der tatsächlichen Regierung der USA bloß: Vor dem US-Senat wurde bewiesen, daß eine kleine Gruppe mächtiger Wallstreet-Interessen die Politik des gesamten Landes kontrollierte. Vor allem durch Pecoras Kreuzverhöre von J.P. Morgan, der höchstpersönlich vor dem Ausschuß erscheinen mußte, wurden öffentlich und in allen Einzelheiten die schmutzigen Tricks bekannt, mit denen die Wallstreet die politische Klasse der USA geschmiert hatte. Diese Enthüllungen waren während der "Ersten 100 Tage" von FDR die politische Sensation. Morgan und die Wallstreet befanden sich klar in der Defensive, und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als FDR das US-Bankwesen reorganisierte.

Mit derart kühnen Schlägen hatte FDR sich und die Nation aus einem hoffnungslos erscheinenden Finanzchaos herausmanövriert und die Wallstreet so stark unter Druck gesetzt, daß er unmittelbar Kredite für sein Wiederaufbauprogramm vergeben konnte. Diese Gelder schleuste er hauptsächlich durch die Reconstruction Finance Corporation (RFC), ein von der Regierung kontrolliertes Finanzinstitut, das Anfang 1932 ein in Panik geratener Präsident Hoover errichtet hatte -- in erster Linie, um das bankrotte US-Bankwesen zu stützen. FDR benutzte die RFC jedoch zu produktiven Zwecken und finanzierte damit Projekte, die einen "Multiplikator-Effekt" auf die physische Ökonomie des gesamten Landes ausübten. Damit machte er die RFC tatsächlich zu einem direkten Vorläufer der Frankfurter "Kreditanstalt für Wiederaufbau".

 

Der Wiederaufbau der produktiven Wirtschaft

FDR initiierte sehr viele Wiederaufbaumaßnahmen. Insgesamt realisierten die von ihm während des New Deal geschaffenen Institutionen über 50.000 Infrastrukturprojekte -- kleine, mittlere, große und ganz große --; und er wußte ganz genau, was er damit bezweckte: "Wir befinden uns definitiv in einem Zeitalter des Aufbaus, des bestmöglichen Aufbaus -- der Errichtung von Großprojekten für das Gemeinwohl mit dem erklärten Ziel, beim Aufbau des menschlichen Glücks mitzuwirken", erklärte er in einer Rundfunkansprache im August 1934, und fügte hinzu: "Mehr und mehr begreifen wir, daß die Nation als eine Gesamtheit betrachtet werden muß und wird."

Konkret ging FDR das Problem auf zwei Ebenen an: Einerseits veranlaßte er Sofortmaßnahmen -- Sozialhilfen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen jeder Art) --, die allein schon deshalb dringend notwendig waren, um Millionen Amerikaner buchstäblich vor dem Hungertod zu bewahren und ihnen Arbeit zu geben -- irgendeine Arbeit. Auf der zweiten, strategischen Ebene waren die Maßnahmen angesiedelt, mit denen er das Land wiederaufbauen und dessen völlig ruinierte Infrastruktur wiederherstellen bzw. entwickeln wollte.

Zu den besten Beispielen auf dem strategischen Gebiet der nationalen Wirtschaftsplanung und der Verwirklichung großer "harter" Infrastrukturprojekte, die unter dem New Deal durchgeführt wurden, gehören die Ergebnisse der Public Works Administration PWA -- einer Behörde zur Vergabe öffentlicher Arbeiten --, und die legendäre Tennessee Valley Authority TVA, die Tennessee Stromtal Verwaltung; beide Behörden standen praktisch direkt unter der Leitung von FDR. Die von Innenminister Ickes, einem engen Verbündeten Roosevelts, geleitete PWA wurde mit ihrem ausgesprochenen "Multiplikator-Effekt" und ihrem ersten Zweijahresbudget von 3,3 Mrd. Dollar -- damals eine geradezu phantastische Summe -- zum Antriebsmotor von Amerikas größtem Aufbauwerk. Praktisch wurden für jeden Arbeiter in einem PWA-Projekt zwei zusätzliche Arbeiter an einer anderen Stelle der US-Industrie beschäftigt -- und zwar produktiv!

Die PWA organisierte die -- so gut wie nicht vorhandene -- Elektrifizierung der ländlichen Gebiete Amerikas, den Bau von Wasserstraßen, Tunneln, Brücken, Autobahnen und Straßen, die Kanalisation großer Städte (Chicago), den Bau ganzer Wohnviertel sowie die Errichtung von vielen Krankenhäusern, Schulen und Universitäten. Um Ihnen eine Vorstellung von dem "Multiplikator-Effekt" der PWA zu geben: Allein diese Behörde verbaute jedes Jahr rund die Hälfte des Zementes und ein Drittel des Stahls des gesamten Jahresverbrauches des Landes.

 

 

Das "Tennessee-Valley"-Großprojekt

Die Entwicklung des riesigen Tennessee-Beckens im Süden durch die TVA war ein Modell dafür, was eine moderne Nation leisten kann. Die Pläne für die infrastrukturelle Entwicklung dieser armen, malariaverseuchten Region -- potentiell aufgrund ihres Rohstoff- und Wasserreichtums sowie ihrer Arbeitskräfte ein sehr reiches Gebiet -- reichten bis in die Zeit der Amerikanischen Revolution zurück. Der Grundgedanke was sehr einfach: Kann man die jährlichen Überschwemmungen des Tennessee stoppen und diesen Fluß schiffbar machen, so erschließt man ein Gebiet von der Größe Englands für die wirtschaftliche Nutzung. Allerdings waren alle bisherigen Pläne fehlgeschlagen, hauptsächlich, weil die beherrschenden Monopole der Wallstreet dieses Gebiet nicht entwickeln wollten.

Als erster US-Präsident versuchte FDR dies Problem von einem höheren Standpunkt aus zu lösen. Er schlug vor, die Entwicklung der Gesamtregion, zu der immerhin Teile von sieben Bundesstaaten gehörten, unter die Verwaltung einer einzigen Behörde zu stellen, deren Direktor -- der Ingenieur David Lilienthal -- nur dem Präsidenten selbst verantwortlich sein sollte. Der Plan sah weiterhin den Bau von -- stark umstrittenen -- "Vielzweckdämmen" vor, mit denen man alles gleichzeitig machen konnte -- Flußregulierung, Schiffbarmachung, Stromerzeugung und Düngemittelproduktion. Außerdem wollte FDR den elektrischen Strom durch die TVA kostengünstig produzieren -- und verkaufen -- lassen und so die Machtstellung der Monopole unterlaufen, eine Politik, deren Erfolg er schon als Gouverneur von New York unter Beweis gestellt hatte.

Um deutlich zu machen, daß dieses Riesenprojekt zu den Prioritäten seines New Deal gehörte, inspizierte FDR das Tennessee-Tal zusammen mit seinem Freund Senator Norris -- dem "Vater der TVA" -- bereits zwei Monate vor seiner Amtseinführung. Nach dem Amtsantritt ging alles sehr schnell: Anfang April legte er dem Kongreß ein entsprechendes Gesetz vor, das Mitte Mai gebilligt wurde. Das TVA-Projekt -- eine Art "Pilotprojekt" des gesamten New Deal -- wurde zu einem einzigen Erfolg. In den nächsten 10 Jahren baute die TVA nicht nur über 20 Vielzweckdämme, errichtete Wasserkraftwerke und Düngemittelfabriken und produzierte billige Energie im Überfluß, sondern transformierte eine ganze Großregion mit ihren gut 4 Millionen Einwohnern physisch: Die Überschwemmungen hörten auf, der Fluß ließ sich befahren, die Malaria wurde ausgerottet. Die gesamte Region wurde elektrifiziert -- und war wie elektrisiert: Die Landwirtschaft blühte auf; Fabriken entstanden; ganze Industriezweige siedelten sich an; Schulen, Krankenhäuser und Büchereien wurden gebaut; die Löhne stiegen und die Jugendlichen wanderten nicht mehr in Scharen aus, weil sie hier einen sicheren und interessanten Arbeitsplatz fanden oder hier studieren konnten. Die Menschen fühlten geradezu was "Steigerung der Produktivität" und "Anstieg des Lebensstandards" bedeutete.

Kurz: Fast über Nacht wurde aus dem "Armenhaus" der Nation eines der produktivsten Gebiete Amerikas. Außerdem blieb die Stromerzeugung hier nicht auf dem technologischen Niveau der Wasserkraft stehen: Sofort als sich die technische Nutzung der Kernenergie abzeichnete, wurden Pläne entworfen, um damit die Zukunft der Region -- und Nation -- zu sichern. Amerikas erste "Atomstadt" in Oak Ridge im Herzen des Tennessee-Tals liefert dafür ein Beispiel. Die zahlreichen hier gebauten Kernkraftwerke ein weiteres. Und für FDR war die technologische Erschließung des Tennessee-Beckens erst der Anfang. Schon bald existierten ähnlich ehrgeizige Entwicklungspläne für die ganzen USA. Darüberhinaus bot FDR die Hilfe der TVA auch anderen Staaten in aller Welt an.

Die Projekte zur Entwicklung der "harten" Infrastruktur des Landes wurden durch Maßnahmen zur Verbesserung ihrer "weichen" Spielart ergänzt. Dazu gehörten wichtige Sozialgesetze, die zum erstenmal in der amerikanischen Geschichte das Konzept des Minimallohns festschrieben, eine staatliche Versicherung für Arbeitslose sowie kranke und alte Menschen einrichteten, und endlich die Kinderarbeit abschafften, die in den Depressionsjahren enorm angestiegen war. Die Krönung dieser Sozialmaßnahmen war der Social Security Act von 1933, ein bahnbrechendes Sozialgesetz, das allein schon FDR einen Platz in der Geschichte sicherte genauso wie seine starke Unterstützung für die Arbeiterschaft. Der sehr umstrittene "Artikel 7a" des National Industrial Recovery Act (NIRA) -- ein Gesetz, das den industriellen Wiederaufbau des Landes regelte -- gab Amerikas Arbeitern zum erstenmal das Recht, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Allerdings wurde dies Gesetz vom Obersten Gerichtshof 1935 für verfassungswidrig erklärt, so daß FDR es in einer anderen Form (und mit gleichem Inhalt) erneut durch den Kongreß bringen mußte -- das war das berühmte "Wagner Act" von 1935, das ein-für-allemal die "Bill of Rights", die Rechte der amerikanischen Arbeiter festschrieb. (Wie man sieht, war damals der Oberste Gerichtshof der USA keinen Deut besser als heute).

 

Ich fasse zusammen: Mit dem New Deal bewies FDR erstens, daß eine starke Regierung, die sich engagiert für die Entwicklung des ganzen Landes und vor allem für die Förderung des Gemeinwohls einsetzt dabei die Möglichkeiten der US-Verfassung voll ausschöpft und auf dirigistische Weise die Wirtschaft gemäß den Prinzipien des Amerikanischen Systems ankurbelt, die Depression beenden -- immerhin reduzierte FDR in seiner ersten Amtszeit die Arbeitslosigkeit um mehr als 5 Millionen -- und das Land wiederaufbauen kann -- und zwar durch eine physische Veränderung der Realwirtschaft. Zweitens bewies FDR, daß er mit dieser Politik systematisch seine soziale Basis entwickelte und verbreiterte; er schmiedete sogar eine "Harmonie der Interessen" -- das Idealbild des Amerikanischen Systems -- zwischen Arbeitern, Landwirten und Unternehmern. Damit schaffte er es, daß sich immer mehr Amerikaner -- die "Minderheiten" -- aktiv am Wiederaufbau von Wirtschaft und Nation beteiligten. Die überwältigende Unterstützung für diese "Roosevelt-Koalition" zeigte sich bei den nächsten Präsidentschaftswahlen, bei denen FDR seine Wählerstimmen von 22,8 Mio. auf 27,7 Mio. steigern konnte, und alle Bundesstaaten bis auf Vermont und Maine gewann!

Der Erfolg des New Deal hatte es der internationalen Finanzoligarchie unmöglich gemacht, in Amerika auf dem Tiefpunkt der Depression ein faschistisches Regime durchzusetzen -- so wie sie es unglücklicherweise erst in Italien, dann in Deutschland und auch in anderen Ländern tun konnte. Übrigens gehört zu diesen Ländern gehört auch England, das mit der korporativistisch-faschistischen Spielart von Ramsay McDonald lediglich eine weniger gewalttätige Variante bekam. Nicht, daß London und die Wallstreet es nicht auch in den USA versucht hätten. Sie versuchten es 1933/34 tatsächlich -- wie vor dem US-Senat dokumentiert wurde, als General Smedley Butler die Einzelheiten eines faschistischen Putschversuchs beschrieb. Butler bewies auch, daß die ganze Aktion, die FDR zur Änderung seiner Wirtschaftspolitik zwingen sollte, von Morgan finanziert wurde -- weil FDR die Wallstreet jedoch effektiv ausmanövriert hatte, schafften sie es aber nicht.

Zu den vielen Beweisen, daß FDR ein bewußter Vertreter des Amerikanischen Systems war, gehört die Rede, die er hielt, als er im Juni 1936 die zweite Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokraten akzeptierte. Diese Worte, mit denen ich meinen Vortrag beenden möchte, sind heute ebensowichtig wie damals. Nachdem er die "Wirtschaftstyrannei" der Wallstreet und die von ihr geschaffenen "neuen Dynastien" scharf attackiert hatte, sagte FDR: "Sie schufen einen neuen Despotismus und sanktionierten ihn mit den Gewändern der Legalität. Die Wirtschaftsroyalisten beschweren sich darüber, daß wir die Institutionen Amerikas stürzen wollen. Worüber sie sich wirklich beklagen, ist, daß wir ihnen ihre Macht wegnehmen wollen. Unser Festhalten an den Institutionen Amerikas verlangt aber, daß wir ihnen diese Art von Macht wegnehmen. Wir haben gelernt, daß die einzig effektive Leitung für die Sicherheit unserer nur allzu menschlichen Welt -- und der größte Führer überhaupt -- moralische Prinzipien sind. Glaube, Hoffnung und Liebe sind für uns keine unerreichbaren Ideen, sondern wir brauchen sie als feste Säulen einer Nation, die in einer modernen Zivilisation für die Freiheit kämpft."

Und besonders wie FDR das Konzept Nächstenliebe behandelt -- Sie werden bemerkt haben, daß er den berühmten Brief des Apostels Paulus an die Korinther zitiert -- zeigt wie grundlegend der reife FDR dies entscheidende christliche Prinzip verstand, das die Basis für jede große Idee und jede politische Handlung ist:

"Nächstenliebe -- im wahrsten Sinne dieses großen alten Wortes. Denn wörtlich aus dem Original übersetzt bedeutet es Liebe, die Liebe, die versteht, die nicht nur am Reichtum des Gebers teilhaben läßt, sondern in wahrer Sympathie und Weisheit den Menschen hilft, sich selbst zu helfen. Unsere Regierung soll keine mechanische Behörde sein, sondern wir wollen ihr den lebendigen, persönlichen Charakter geben, der die eigentliche Verkörperung der menschlichen Nächstenliebe ist. Wir sind in der Tat arm, wenn diese Nation es sich nicht leisten kann, aus jedem Winkel des amerikanischen Lebens die entsetzliche Angst der Arbeitslosen zu entfernen, die Angst davor, in dieser Welt nicht mehr gebraucht zu werden. Wir können es uns nicht leisten, im Buch des menschlichen Seelenheils ein Defizit anzuhäufen."

Und er schließt seine Rede mit den Worten: "Regierungen können sich irren, Präsidenten können Fehler machen, doch der unsterbliche Dante sagt uns, daß die göttliche Gerechtigkeit die Sünden des Kaltblütigen und die Sünden des Warmherzigen auf verschiedenen Waagen abwägt. Die zeitweiligen Fehler einer Regierung, die im Geiste der Nächstenliebe handelt, sind immer noch besser als die ständigen Unterlassungen einer Regierung, die im Eis ihrer eigenen Gleichgültigkeit erstarrt ist. Die menschliche Geschichte unterliegt einem eigenartigen Rhythmus. Einigen Generationen wird viel gegeben. Von anderen Generationen wird viel verlangt. Diese amerikanische Generation hat ein Rendezvous mit dem Schicksal."

Und genauso haben wir heute -- wir alle hier im Raum, zusammen mit unseren vielen Mitgliedern, Unterstützern und Freunden in der ganzen Welt -- ein Rendezvous mit dem Schicksal der Menschheit. Ein Schicksal, das sogar noch größer ist: Sicherzustellen, daß die Macht der Ideen von LaRouche -- die Macht der Vernunft -- in der unmittelbar vor uns liegenden Zeit nicht nur die Politik in den USA bestimmt, sondern die der gesamten Zivilisation. Und dies Rendezvous dürfen wir auf keinen Fall verpassen.