Aktivitäten des Schiller-Instituts


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Folgende Rede hielt Lyndon H. LaRouche jr. am 27. Mai 2000 auf der Jahreskonferenz von ICLC und Schiller-Institut in Bad Schwalbach.

Über die strategische Methode

Von Lyndon H. LaRouche jr.

Prognose oder Vorhersage

Nach meiner Kenntnis der heutigen Weltlage bedeutet die derzeitige politische Ausrichtung der USA, wie sie sich in den führenden Nachrichtenmedien und in den derzeit lahmgelegten drei zentralen Staatsgewalten ausdrückt, einen Freifahrtschein in eine globale Katastrophe ungeheuerer Größe und Schwere, und zwar für die Zivilisation insgesamt. Im Mittelpunkt dieser Tragödie steht der Umstand, daß die USA wie die Welt insgesamt in der Endphase der schlimmsten Finanz-, Währungs- und Wirtschaftskrise seit mehr als einem Jahrhundert gefangen sind.

Das Unheilverkündendste an dieser Lage ist nicht allein die Wirtschaftskrise selbst. Das schlimmste Problem ist jener Geisteszustand, wie er in der derzeitigen Politik nicht nur der USA, sondern auch Londons und vieler anderer führender Regierungen der Welt zum Ausdruck kommt. Dieser Geisteszustand kennzeichnet Gesellschaften, die anscheinend die moralische und geistige Überlebensfähigkeit verloren haben, welche nötig ist, um den global drohenden Wirtschaftskollaps zu überleben. Aus diesem Grund, wegen dieser Geisteshaltung, sind solche Katastrophen irgendwann während der kommenden Monate früher oder später äußerst wahrscheinlich.

In meinem Vortrag heute will ich vor allem auf die folgende Frage eingehen.

Der genaue Zeitablauf eines jeden kritischen Phasenwechsels in einem Wirtschaftsprozeß hängt von der Wahl des Vorgehens oder einfach vom Fehlen kompetenter Wahlmöglichkeiten ab. Daher lassen sich genaue Zeitpunkte für wichtige Umwälzungen nur unter ungewöhnlichen, sehr extremen Bedingungen vorhersagen. Solche außergewöhnlichen Bedingungen waren bei meiner im Juni 1987 abgegebenen Prognose eines wahrscheinlichen schweren Börseneinbruchs für den Oktober des gleichen Jahres gegeben. Solche Bedingungen herrschten auch bei den außergewöhnlichen Umständen meiner Prognose auf einer Pressekonferenz in Berlin am 12. Oktober 1988, daß nämlich der Kollaps des sowjetischen Wirtschaftssystems bevorstehe und sich damit eine Aussicht auf die deutsche Wiedervereinigung eröffne.

Wenn man den verbreiteten Fehler naiver Vorhersagen vermeidet und sich um kompetente langfristige Prognosen bemüht, wird man nur selten den Versuch machen, genaue Zeitpunkte für kommende Konvulsionen auf den Aktienmärkten anzugeben. Man muß vielmehr Prognosen vorlegen, die einen weniger genauen Zeitrahmen angeben, dafür aber verläßliche und unverzichtbare Leitlinien sind, um die langfristige Politik von Regierungen und großen Unternehmen zu beeinflussen.

Solche langfristigen Prognosen sind unverzichtbar, da Investitionen in physisches Kapital ebenfalls langfristig angelegt sind, mit denen man oft mindestens ein Jahrzehnt oder eine Generation leben muß. Umfangreiche Investitionen in öffentliche Projekte, in das Bildungswesen oder jede andere langfristige Kapitalanlage oder auch die Zeitspanne zwischen der ersten Phase einer neuen Produktlinie bis zur tatsächlichen Produktionsreife Jahre später sind hierfür Beispiele. Solche Art Prognosen sind auch deswegen unverzichtbar, um die langfristigen Risiken abschätzen zu können, die entstehen, wenn ein bestimmter vorherrschender politischer Kurs beibehalten wird.

Unter halbwegs vernünftigen Staatsmännern ist es weithin unstrittig, daß der wirtschaftliche Entwicklungsweg eines Landes oder der Weltwirtschaft von politischen Entscheidungen vor allem in den kritischen Phasen eines sich entfaltenden Prozesses abhängt. Jedoch sollte man nicht den häufig fatalen Fehler machen, sich auf sogenannte objektive oder statistische Vorhersagen zu verlassen. Man darf nie den bestimmenden Faktor außer acht lassen: Der menschliche Wille, womit vorsätzliche, kritische Änderungen der Politik herbeigeführt oder unterlassen werden, bestimmt über die Zukunft von Nationen und der Menschheit. Entscheidungen, die unter Krisenbedingungen, wie sie derzeit weltweit herrschen, getroffen werden, wirken dabei besonders stark auf den Gang der Ereignisse ein.

 

Die jüngsten Krisen: Deflation und Hyperinflation

Was beispielsweise amerikanische und europäische Politiker in grober Selbsttäuschung gern die "Asienkrise" von 1997 nennen, markierte in Wirklichkeit den Eintritt des internationalen Finanz-, Währungs- und Wirtschaftssystems in seine jetzige Endphase des Kollapses. Falsche politische Entscheidungen seitens der amerikanischen Regierung und anderer in Reaktion auf die sogenannte "Asienkrise" führten mehr oder weniger zwangsläufig zu den globalen Bedingungen, wie sie in der russischen GKO-Anleihenkrise von August/September 1998 zum Vorschein kamen.

Ganz ähnlich hatte US-Präsident Clinton im September 1998 zwar angedroht, über strukturelle Reformen des internationalen Finanzsystems nachzudenken, doch schon im Oktober, zur Zeit der großen Währungskonferenzen, hatte er sich der vorherrschenden, anglo-amerikanisch diktierten Politik des Internationalen Währungsfonds (IWF) gebeugt.

Infolge der Entscheidungen, die auf dieser Washingtoner Konferenz und ihren Fortsetzungen getroffen wurden, wurde das Weltfinanzsystem in den gleichen hyperinflationären Phasenraum gedrängt, wie es ihn in der Geschichte schon einmal in der Weimarer Republik 1923 gegeben hat.

Dieser hyperinflationäre Kurs wurde später in einer bewußten Reaktion auf die unausweichliche Brasilienkrise vom Februar 1999 erneut bekräftigt und ist jetzt in die Phase reiner Verzweiflung und Sinnlosigkeit eingetreten. Bester Ausdruck hierfür ist das sogenannte "Absturzverhinderungs-Komitee" in den USA, das zusammen mit anderen Maßnahmen im Zuge einer Entscheidung des Präsidenten und anderer entstanden ist und verzweifelt -- man muß schon sagen "hysterisch" -- zu verhindern versucht, daß ein globaler Finanzkrach die Wahlaussichten des unwählbaren Vizepräsidenten Al Gore plötzlich und unabänderlich zunichte macht.

Ich höre wiederholt aus führenden US-Kreisen, daß Al Gores Wahl zum Präsidenten "praktisch feststehe". Das Gegenteil ist wahr. Die katastrophale Enschlossenheit, die an sich verheerende Kandidatur Gores zu unterstützen, war das Ergebnis von Taschenspielertricks, wie sie Finanzminister Larry Summers sowie der senile Zentralbankchef Alan Greenspan und andere in den letzten vier Monaten eingesetzt haben.

Die Absurdität mit der nobelpreisgekrönten Black-Scholes-Formel verdeutlicht das Problem: Keine statistische Formel kann irgendein entscheidendes wirtschaftliches Ereignis mathematisch vorhersagen. Alle gesellschaftlichen Prozesse, und vor allem wirtschaftliche Prozesse, zeichnen sich dadurch aus, daß der Wille des einzelnen Menschen die Politik bestimmt. Hierin liegen die Möglichkeiten und die Aufgabe einer Prognosestellung in einer realen politisch-wirtschaftlichen Situation.

Nur wenn man einen politisch-wirtschaftlichen Vorgang vom gleichen Standpunkt betrachtet, wie ein Wissenschaftler darangeht, ein neues allgemeingültiges physikalisches Prinzip zu entdecken, zu beweisen und willentlich anzuwenden, erhält die politisch-wirtschaftliche Prognose eine wissenschaftliche Qualität. Indem man Finanzprozesse so behandelt, als wenn deren praktische Auswirkungen letztlich genauso gesteuert werden wie willentlich vor allem auf nichtfinanzielle, rein physische Wirtschaftsprozesse angewendete politische Entscheidungen, lassen sich die Phasenwechsel aufspüren, die an recht genau abzuschätzenden kritischen Punkten in der Zukunft des sich entfaltenden Prozesses erwartet werden. Man wird vielleicht nicht auf das Jahr oder den Monat genau feststellen können, wann diese kritischen Punkte erreicht werden, aber man kann und muß absehen, wie diese kritischen Punkte erzeugt werden, und man muß darauf eingestellt sein, die Warnsignale zu erkennen, daß eine solche Schwellenbedingung für die Prognose erreicht ist. Man kann vielleicht nicht den Monat oder das Jahr vorhersagen, wann ein Damm brechen wird, aber wir können die Warnzeichen erkennen, daß ein solches vorhersagbares Ereignis einzutreten droht.

Man kann auch ganz ähnlich die neuen kritischen Wahlmöglichkeiten abschätzen, die an Wendepunkten in der Zukunft anstehen, d.h. im Anschluß an alle denkbaren Krisensituationen, die derzeit auf uns zu kommen. Und man kann vorhersagen, wie jede der kritischen Entscheidungen, die wir an jedem späteren Krisenpunkt fällen, wahrscheinlich einen Prozeß in Gang setzt, der uns zu einem entfernteren, nächsten kritischen Punkt jenseits des unmittelbar vor uns liegenden Krisenpunktes hinführt. Jeder einzelne Krisenpunkt in einer solchen Abfolge wird durch willentliche Entscheidungen bestimmt. Ein solches Muster von Einzelentscheidungen repräsentiert als Gesamtheit einen kritischen Pfad, den wir willentlich gewählt haben -- das Ergebnis von Methoden, an deren Anwendung wir uns gewöhnt haben, um eine solche Abfolge kritischer politischer Entscheidungen zu treffen.

Ein Beispiel für solche kritischen Pfade ist jene Mitte der 70er Jahre vom New Yorker Council of Foreign Relations herausgegebene Serie von Studien, die als "1980s Project" bekannt wurde. In diesem Fall wurde eine Abfolge kritischer Entscheidungen, ein kritischer Pfad politischer Maßnahmen für den Präsidentschaftskandidaten der Trilateralen Kommission, Jimmy Carter, formuliert. Die dargestellten kritischen Wahlmöglichkeiten waren destruktiv, um nicht zu sagen abartig, aber sie haben ihre Wirkung auf die Gestaltung der amerikanischen und der Weltpolitik durch die Wall Street bis heute nicht verloren.

Zum Beispiel wurde in dieser Serie von Studien, die 1975-76 von Carters späterem Außenminister Cyrus Vance, von Zbigniew Brzezinski u.a. vorbereitet worden waren, eine globale Politik der "kontrollierten Desintegration der Wirtschaft" vorgeplant. Vier Jahre danach leitete Zentralbankchef Paul Volcker genau diese Politik, sogar unter diesem Namen, ein. Diese Politik führte nicht nur zu einer gelenkten Desintegration der Wirtschaft der USA und anderer Länder; diese Politik ist unter der Leitung Volckers bis hin zu Alan Greenspan noch jetzt, wo ich hier spreche, in Kraft -- ein Vierteljahrhundert, nachdem dieser politische Entwurf von der neuen Regierung unter Carter übernommen wurde.

Die Methode, mit der diese Gruppe von Wallstreet-Bankern und -Anwaltskanzleien vorging, war falsch und sogar böswillig, aber diese Leute hatten wenigstens eine Ahnung von der Abfolge kulturell motivierter Änderungen in der amerikanischen und weltweiten Gesellschaft, die damit in den folgenden Jahrzehnten in Gang gesetzt werden sollten. Der Grund dafür, warum diese Leute in der laufenden Geschichte so häufig Erfolg haben, liegt nicht nur daran, daß sie die Macht haben, sondern daß sie im voraus denken, während die meisten Normalbürger lediglich an ihr persönliches Fortkommen und an ihre kleinen Gemeinde- oder Familieninteressen denken, die sich höchstens auf die unmittelbar kommenden ein oder zwei Jahre erstrecken.

Untersucht man das Verhalten einflußreicher Macht- und Politikzentren und berücksichtigt ihre verschiedenen Mißerfolge und Erfolge in der Gestaltung der laufenden Geschichte, sollte uns klar werden, daß es bei allen Versuchen, langfristige Prognosen über Zeiträume von gewöhnlich Jahrzehnten bis Generationen anzustellen, bestimmte bekannte Faktoren gibt, die den relativen, wenn auch nicht den genauen Zeitablauf bestimmen -- ähnlich wie bei der Vorhersage physikalischer Prozesse, für die man noch nicht alle bestimmenden Faktoren kennt.

Gewöhnlich lassen sich Zeitabschätzungen nur sehr grob vornehmen, so wie ich 1959-60 zutreffend voraussagte, daß in der zweiten Hälfte der 60er Jahre wahrscheinlich eine Reihe von Währungskrisen ausbrechen würden und anschließend das Bretton-Woods-System in seiner damaligen Form infolge dieser Währungsturbulenzen zusammenbrechen würde. Ich hatte nie vor, den exakten Zeitpunkt der Währungskrisen vom November 1967 und März 1968, noch den Zusammenbruch des Systems Mitte 1971 vorauszusagen, aber meine grobe Zeitabschätzung, die ich mehr als ein Jahrzehnt vor der Krise vom August 1971 abgegeben hatte, war zeitlich so korrekt und präzise, wie sich solche Dinge nur vorhersagen lassen.

Wirtschaftsprognosen sind nicht von der formalmathematischen Art, wie man im Elfenbeinturm die genauen Daten spezifischer zukünftiger Ereignisse voraussagt. Ein kompetenter Prognostiker verweigert die Antwort auf die Frage: "An welchem Tag genau sollte ich mich vom Markt zurückziehen?" Eine kompetente langfristige Prognose ist hauptsächlich eine Anleitung zur mittel- bis langfristigen Politikgestaltung; sie ist damit befaßt, herauszufinden, welche Wahl unter den gangbaren Pfaden politischer Korrektur getroffen werden muß, um den ungefähren Zeitrahmen zu bestimmen, in dem der kritische Entscheidungspunkt tatsächlich erscheinen wird. Langfristige Prognosen zeigen uns, welche Politik unterstützt und welche -- wenn auch nur aus reiner Klugheit -- verworfen werden muß. Das Ziel einer Prognose ist nicht, Möglichkeiten zu berechnen, wie man bis unmittelbar vor einem Kollaps der Finanzmärkte noch den letzten Pfennig Spekulationsgewinn herausholen kann.

 

Das Ende des Systems ist nahe

Derzeit haben wir einen Punkt erreicht, an dem die nahe Zukunft der Weltwirtschaft im Rahmen der eben umrissenen Bedingungen prognostiziert werden kann. Man kann somit sicher vorhersagen, daß das Weltfinanz- und -währungssystem in seiner jetzigen Form unter der derzeitigen Wirtschaftspolitik zum Untergang verurteilt ist. Wann es genau zur Desintegration des Systems kommen wird, kann noch nicht vorausgesagt werden, denn die politischen Entscheidungen, die auf einen von drei vorhandenen Wegen führen, sind noch nicht endgültig gefallen. Dennoch ist diejenigen unter uns, die ihre Hausaufgaben gemacht haben, genug von dem, was man über Zeitfaktoren wissen kann und sollte, zugänglich. Die Zeit wird jetzt immer knapper.

Grob gesagt gibt es nur drei alternative Wege, auf denen das heutige IWF-System und verwandte globale Systeme zu existieren aufhören werden, und das recht bald.

Bis zur Konferenz in Washington im Oktober 1998 war das wahrscheinlichere Szenario für die damalige Politik ein deflationärer Kollaps und zwar in Form des Zusammenbruchs von 1929-31 oder des amerikanischen Börsencrashs von 1987. Wenn es den politisch Verantwortlichen derzeit gelungen ist, sich vorübergehend auf hyperinflationäre Geldpumpmaßnahmen zu verlegen, um den eigentlich unvermeidbaren deflationären Kollaps des Weltfinanzsystems hinauszuzögern, wurde gleichzeitig eine neue Bedrohung in Gang gesetzt, die noch tödlicher als ein deflationärer Kollaps wäre: Es baut sich eine hyperinflationäre Explosion auf, die der galoppierenden Inflation der Deutschen Reichsmark zwischen März und Oktober 1923, aber diesmal auf weltweiter Ebene, entspricht. Bei dieser jetzt drohenden globalen Alternative zum deflationären Kollaps käme es nicht nur zu deflationären Verlusten; ganze Landeswährungen würden verschwinden.

Die Weltfinanz- und -währungssysteme insgesamt stecken in dieser Zwickmühle von zwei sich ergänzenden, aber auch gegensätzlichen Alternativen, die sich wöchentlich weiter verschärfen: Das System läßt sich gegen den steigenden Druck eines deflationären Kollapses nur in dem Maße erhalten, wie sich die Krisenmanager von Regierungen und internationalen Finanzinstitutionen darauf einigen, die zugrunde liegende Inflationsrate zu beschleunigen, indem sie die Geschwindigkeit hyperinflationärer Geldinfusionen erhöhen. Die Finanzinflationsraten schießen derzeit nicht in den Himmel, sondern stürzen vielmehr in die Hölle, die sich auftut, sobald die akkumulierte Finanzinflation auf die Warenpreisinflation übergreift. Wird die derzeitige anglo-amerikanische Politik fortgeführt, wird sich die aufgeschobene Erscheinung dieser eigentlichen Hyperinflationsrate in ähnlicher Weise Bahn brechen wie zwischen März und Oktober 1923 in Deutschland, nur diesmal weltweit.

Unter diesen Umständen wird mit jeder Woche, die verstreicht -- leider -- eine zunehmend präzise Prognosestellung, wenn nicht sogar Vorhersage möglich. Die Beziehung der beiden simultanen Finanz- und Währungsprozesse definiert im Verhältnis zu der schrumpfenden, gemeinsamen realwirtschaftlichen Basis eine Kurve sich selbst verstärkender Instabilität, ähnlich wie der Physiker Bernhard Riemann die Entstehung einer Überschall-Stoßwelle definiert hat. Man nähert sich immer mehr einem kritischen Wert. Der Trend der letzten Monate zu immer wilderen hyperinstabilen Fluktuationen auf den Finanzmärkten reflektiert die Annäherung an diesen Grenzzustand, wodurch eine Situation entsteht, die den verzweifelten Versuchen von Feuerwehrmännern entspricht, eine Feuersbrunst einzudämmen, indem sie mit immer größeren Mengen tiefgekühlten Benzins einen Feuersturm erzeugen.

Dieses Bild heraufziehender feuriger Zeiten läßt erahnen, daß US-Notenbankchef Alan "Seneca" Greenspan irgendwann sein letztes Bad nimmt, während US-Finanzminister Larry "Nero" Summers dazu auf seiner Harfe spielt.

Es gibt also zwei mögliche Wege, wie sich das jetzige System demnächst selbst zerstören wird, wenn nicht eine dritte Option dazwischentritt -- die einzige funktionierende und vernünftige Option: Wir unterziehen das bestehende System einer Konkurs-Reorganisation durch konzertierte souveräne Maßnahmen nationalstaatlicher Regierungen, und wir errichten praktisch gleichzeitig ein neues System, das sich weitgehend an dem Bretton-Woods-Modell orientiert, wie es von 1945 bis 1958 existierte.

 

Die Option "neues Bretton Woods"

 

Der Grund, warum wir uns schnell für ein Bretton-Woods-Modell aus der Zeit des Marshallplans entscheiden müssen, liegt darin, daß unvermittelte politische Entscheidungen zur Umsetzung dringend benötigter weitreichender Reformen einen klaren Präzedenzfall brauchen. Das Revolutionäre der Maßnahme muß auf die Maßnahme selbst beschränkt bleiben, ohne sich die zusätzliche Last von Maßnahmen aufzubürden, denen ein solcher klarer Präzedenzfall fehlt. Nach Errichtung des neuen Systems, das sich vor allem auf die besten Aspekte des protektionistischen Modells der Zeit von 1945 bis 1958 stützt, lassen sich, soweit erforderlich, weitere Innovationen vornehmen, jedoch in einem Tempo, das von gründlichen Beratungen unter relativ weniger Zeitdruck geprägt ist.

Unter den führenden Nationen der Welt stellen zugegebenermaßen die derzeitigen politischen Trends in der amerikanischen Regierung und den großen meinungsmachenden Medien -- die Seuche amerikanischer Nibelungentreue gegenüber den anglo-amerikanischen Politikmachern -- die gefährlichste unmittelbare Bedrohung für die weltweite Zivilisation dar. Obwohl zwar viele politisch einflußreiche Kreise der führenden Nationen der Einschätzung zustimmen, daß dies der derzeit jämmerliche Zustand der amerikanischen (und britischen) Politik ist, fragt sich wohl jedes führende Land -- und hierfür stehen eine wachsende Zahl tonangebender Kreise in Westeuropa --, ob die Welt die heraufziehende Krise überleben könnte, ohne daß die selbsternannte US-Militärsupermacht selbst wieder eine nützlichere, erheblich vernünftigere Rolle in der Weltpolitik zu spielen beginnt, als dies seit Ende 1989 der Fall gewesen ist. Die Politik, die uns ruiniert, ist ja hauptsächlich britischen Ursprungs, wie auch Tony Blairs Regierung des "Dritten Weges" diese Maschinenstürmerei in ihren schlimmsten Auswüchsen repräsentiert; aber erst dadurch, daß die USA diese Politik übernahmen, entstand das entscheidende Problem für die Welt insgesamt.

 

Eine Lehre aus meiner Prognose

Diesbezüglich kann man eine wichtige Lehre aus dem bemerkenswerten Erfolg meiner langfristigen Prognosearbeit der letzten 40 Jahre ziehen.

Nur wenig ist in der allgemeinen weltwirtschaftlichen Lage geschehen, wie ich sie eben geschildert habe, was ich nicht in der Zeit zwischen 1959 und 1973 wiederholt prognostiziert und in schriftlicher Form oder in Vorträgen in dieser Zeit vorgestellt und später neu gefaßt habe. Untersucht man die Prognosen, die ich in meinen Vorlesungen an verschiedenen Universitäten und anderswo zwischen 1966 und 1973 erwähnt habe, folgten die entscheidenden Entwicklungen, wie sie seit 1966 tatsächlich stattgefunden haben, mit relativ hoher Genauigkeit den Prognosen, die ich in dem früheren Zeitraum abgegeben hatte.

Im Verlauf der letzten vier Jahrzehnte habe ich leider immer wieder beobachten müssen, wie sich törichte Unternehmen und Volkswirtschaften ruiniert haben, obwohl dies vorher absehbar war. In den einfacheren Fällen war der Bankrott die Folge davon, daß man nur auf kurzfristige Erwägungen achtete, auch wenn die mittelfristigen Auswirkungen der gleichen Politik verheerend waren. In anderen, wichtigeren Fällen -- wie bei Regierungen oder Großunternehmen -- achteten die politischen Entscheidungsträger nur auf die mittelfristigen Auswirkungen und waren deshalb blind gegenüber den verheerenden langfristigen Folgen ihrer Entscheidungen -- d.h. etwa über die Spanne einer Generation hinweg. Die meisten Katastrophen, von denen Volkswirtschaften während dieser 40 Jahre getroffen wurden, waren ruinöse Bedingungen der Art, vor denen ich in meinen langfristigen Prognosen immer größere Kreise in den entsprechenden Wirtschaftszweigen und Regierungen gewarnt hatte.

Echte wissenschaftliche Prognosen unterscheiden sich, wie gesagt, grundsätzlich von dem weitverbreiteten Kartenlegen und Kristallkugelschauen, das uns heute gewöhnlich als statistische Prognose vorgesetzt wird.

Wenn wir die Abfolge der Entwicklungen betrachten, die seit der Mitte der 60er Jahre zum heutigen Weltfinanzdebakel führten, und dies mit meinen Vorhersagen vergleichen, blicken wir in einen Zeitraffer: Wir sehen, wie (von mir) vorhergesehene, also vorhersehbare, Auswirkungen wichtiger politischer Trends bzw. das Fehlen von Alternativen die Entwicklung prägen, wenn sich die vorhersehbare Folge wahrscheinlicher Trends in politisch-wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen, z.B. von Regierungen und anderen Einrichtungen, langfristig entfaltet.

Das eben Gesagte veranschaulicht das Wesen und die angemessene Funktion langfristiger Vorhersagen. Damit bleibt uns, noch ein anderes, sogar noch wichtigeres, Problem zu behandeln: Wie können wir die kulturellen Paradigmen vorhersehen und zu beeinflussen suchen, die darüber entscheiden, wie die Bevölkerung und andere an der Politik Beteiligte auf den Schock einer weltweiten finanziellen und politisch-wirtschaftlichen Krise, wie sie uns jetzt ins Haus steht, reagieren werden?

Die erste Lektion der langfristigen Prognose lautet: Wenn der Prognostiker es nicht schafft, die politischen Entscheidungsträger zu beeinflussen, liegt das nicht notwendigerweise daran, daß es ihm an Fakten oder an rhetorischen Fähigkeiten mangelt. Es ist in der Geschichte der meisten Kulturen und der sie tragenden Nationen eine Tatsache, daß die Menschen meistens die Wahrheit nicht hören wollen, wenn diese Wahrheit auf Vorurteile stößt, die durch blinde Hysterie eine axiomatische Autorität angenommen haben.

Nur wenn der Schock der Ereignisse die Bevölkerung veranlaßt, ihre eigene Geisteshaltung in Frage zu stellen, ist sie bereit, unbequeme Wahrheiten über ihre liebgewordenen Ansichten in Erwägung zu ziehen. Es gibt also in der Geschichte durchaus Zeiten und Orte, wo die Menschen gewillt sind, die Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen; aber die meiste Zeit über welken zutreffende Prognosen vor sich hin -- nicht weil sie fehlerhaft wären, sondern weil die Aufnahmebereitschaft fehlt. Gute langfristige Vorhersagen sind wie hartnäckige, hochwertige Samen, die unter günstigen Umständen erblühen; und es ist eine wesentliche Qualifikation eines Prognostikers, daß er lernt, damit zu leben und entsprechend zu handeln.

Jetzt ist die Zeit gekommen, daß die entsprechende Saat aufgeht. Das ist der Kern dessen, was ich Ihnen heute zu sagen habe.

 

Klassische vs. romantische Axiome

In den ersten Monaten dieses Jahres veröffentlichte das Nachrichtenmagazin Executive Intelligence Review vier meiner Schriften, die für das Thema der kulturellen Paradigmen, über das ich hier spreche, als Hintergrund besondere unmittelbare Bedeutung haben. Zusammen mit dem, was ich hier hinzufügen werde, dokumentieren diese vier Schriften meine Ansichten, in meiner offiziellen Eigenschaft als derzeit einziger Konkurrent von Vizepräsident Al Gore bei der Bewerbung um die Nominierung zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten. Der Zweck dieser vier Schriften wie auch meiner heutigen Rede ist, als Perspektive darzulegen, welche raschen politischen Entscheidungen die Welt aus der katastrophalen globalen strategischen Krise, der sich alle Regionen und Länder gegenübersehen, herausbringen könnten.

Das erste dieser <I<EIR-Features erschien in der Ausgabe des Magazins vom 28. Januar. Es hatte drei Teile: Der erste war eine Mitschrift meiner Fernsehansprache vom 14. Januar 2000 zum Thema "Die Bestimmung der amerikanischen Republik". Als zweites Element kam eine von Nancy Spannaus verfaßte kurze Zusammenfassung des wichtigsten Vorbilds meiner außenpolitischen Erklärung hinzu: die Außenpolitik des damaligen amerikanischen Außenministers John Quincy Adams von 1823. Das dritte Element war eine kurze Darstellung eines weiteren wichtigen Vorbilds für meine Politik, James G. Blaine, der 1881 sowie 1889-92 amerikanischer Außenminister war.

Als zweites erschien mein Bericht zum Thema "Der baldige Tod der Systemanalyse", in dem ich darauf einging, welche revolutionären neuen Buchhaltungsnormen für die Verwaltung einer allgemeinen Reorganisation von Wirtschaft und Währung und einen Wirtschaftsaufschwung der heutigen Welt erforderlich sind. Dieser Bericht, der ab 2. März entstand, erschien in der Ausgabe vom 31. März.

Der dritte Aufsatz, den ich nach dem 2. April verfaßte, trug den Titel "Als Andropow Hamlet spielte"; ich beschrieb darin die Fälle der sowjetischen Generalsekretäre Andropow und Gorbatschow als klassische Tragödie in der Tradition von Aischylos, Shakespeare und Schiller. Andropows an Hamlet erinnerndes törichtes Verhalten ab dem 24. März 1983 war der entscheidende Wendepunkt im strategisch-politischen Denken, womit sich das sowjetische System praktisch selbst zum Untergang und Zerfall ab 1989-91 verurteilte. Eine ähnliche und potentiell sogar noch gefährlichere und weltweite Tragödie darf sich heute in den amerikanisch-russischen Beziehungen nicht wiederholen. Dieser Artikel wurde in der Ausgabe des EIR vom 21. April veröffentlicht.

Der vierte und letzte Artikel dieser Reihe, der ab dem 18. April verfaßt wurde, konzentrierte sich auf die Folgen des anhaltenden Desintegrationsprozesses unter dem Etikett der sogenannten "Informationsgesellschaft", mit Schwerpunkt in den USA und ihrer Finanzblase, die an den Wahnsinn der Tulpenblase erinnert. Dieser Artikel mit der Überschrift "Informationsgesellschaft: Ein zum Untergang verurteiltes Reich des Bösen" erschien am 28. April.

Zusätzlich zu diesen vier Artikeln verweise ich Sie auf die Videoaufzeichnung einer Rede, die ich vor etwa einem Monat vor einer Konferenz in Australien hielt. Dort habe ich knapp zusammengefaßt, wie sich die amerikanische und die Weltwirtschaft in den letzten 40 Jahren verändert haben: den Übergang vom System fester Wechselkurse in der Zeit von 1944-1966 zum ruinösen System frei floatender Wechselkurse, das im August 1971 errichtet wurde.

 

Kultur und Vorhersagen

Heute will ich Ihnen ein ähnliches, aber doch unterschiedliches "Zeitraffer"-Bild präsentieren wie den australischen Zuhörern, nämlich den Wandel der charakteristischen kulturellen Eigenschaften der weltweit ausgedehnten europäischen Zivilisation, der mit dem Mordanschlag auf US-Präsident William McKinley am 6. Oktober 1901 und seinem Tod am 25. Oktober begann. In diesem Bereich kultureller Faktoren läßt sich vorhersagen, welche der verfügbaren Alternativen in der Wirtschaftspolitik unter den sich gegenwärtig entfaltenden Krisenbedingungen wahrscheinlich angenommen werden wird.

 

Die Ermordung McKinleys

McKinley war der letzte Präsident, der für die patriotischen Veteranen des amerikanischen Bürgerkrieges stand; sein Nachfolger Theodore Roosevelt, ein unverbesserlicher Anhänger der Südstaaten-Konföderation, leitete nicht nur in der amerikanischen Politik, sondern weltweit eine grundlegende strategische Wende ein.

Diese Wende in der amerikanischen Politik, die durch die Ermordung McKinleys auf den Weg gebracht wurde, machte es dem britischen König Edward VII. möglich, Frankreich und Rußland in die britischen Pläne zur Zerstörung Deutschlands hineinzuziehen. Der kulturelle Wertewandel in den USA, der zeitweilig durch die Regierungen von Franklin D. Roosevelt und später John F. Kennedy umgekehrt wurde, bescherte uns eine dramatische Veränderung der Außenpolitik unter dem Präsidenten Theodore Roosevelt und dem fanatischen Ku-Klux-Klan-Anhänger Woodrow Wilson: weg von der antibritischen Einstellung aller amerikanischen Patrioten, die bis zu McKinleys Tod vorherrschend war. Mit dieser Abkehr von der patriotischen Tradition war meine Nation in den meisten Jahrzehnten des gerade vergangenen Jahrhunderts kaum mehr als ein dummer Riese mit tönernem Kopf -- eine Art Golem, ein virtuelles Anhängsel der britisch beeinflußten Ideologie des "Freihandels" und verwandter politischer Paradigmen.

Die Folgen davon, daß die USA die britische Politik übernahmen, führten dann zur Großen Depression, zum Zweiten Weltkrieg und der langen Auseinandersetzung zwischen 1945 und 1989 -- einem Trend der von London gesteuerten anglo-amerikanischen Weltpolitik, der bis heute anhält.

Mit dieser Veränderung im kulturellen Paradigma der amerikanischen Regierung unter den Präsidenten Theodore Roosevelt und Wilson konsolidierte sich die praktisch diktatorische Macht einer britisch-amerikanisch-kanadischen Machtgruppe -- oft kurz BAC genannt --, deren Zentrum in den USA der Komplex der Wallstreet-Finanzhäuser und mit ihnen verbundenen höchst einflußreichen Anwaltskanzleien ist. John J. McCloy verkörperte diese Rolle der BAC in der Nachkriegszeit. Das Bündnis zwischen diesem Wallstreet-Komplex und der Tradition der Konföderierten (Südstaaten) bestimmte nach 1901 mit wenigen Ausnahmen wie der Präsidentschaft Franklin Roosevelts die amerikanische Politik. Dieses Erbe der Präsidentschaft Teddy Roosevelts ist der Gegner, gegen den Präsident Franklin Roosevelt kämpfte, den Präsident Kennedy herausforderte und dessen Überwindung seit meinen Jahren im Militärdienst in Asien im Zweiten Weltkrieg immer mein Ziel gewesen ist.

 

Thatcher und das Weltreich

Betrachten Sie die Weltgeschichte der letzten Jahrzehnte im Lichte dieses historischen Erbes des McKinley-Mordes.

Denken Sie daran, wie die britische Premierministerin Thatcher, der französische Präsident Mitterrand und der amerikanische Präsident George Bush den Zusammenbruch des Sowjetsystems nutzen wollten, um die Grundlage für eine Neuauflage des Römischen Reiches zu schaffen; Bush nannte es die "Neue Weltordnung". Heute wie damals ist das Ziel dieser anglo-amerikanisch beherrschten Neuen Weltordnung -- so wie früher Hitlers Versprechen eines "Tausendjährigen Reiches" --, den ganzen Erdball zu beherrschen, so weit der Horizont der Einbildungskraft reicht. Diese Raubritter-Doktrin des "Freihandels" und der Globalisierung ist eine folgerichtige Ausprägung dieser spezifischen neuen Form der Symbiose zwischen Wall Street und London, die sich nach der Ermordung McKinleys konsolidierte.

Präsident Franklin Roosevelt hatte zwar die Absicht, die weltweite Vorherrschaft dieser Freihandelsideologie und das Erbe des Kolonialismus unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu beenden, aber nach seinem zu frühen Tod konnten sich die Kolonialmächte mit Hilfe der politisch korrupten Regierung von Präsident Harry Truman rasch wieder konsolidieren. Kreise um Bertrand Russell u.a. benutzten Truman, um das Zeitalter der Atombombe einzuleiten, und auch die anderen aversiven Aspekte der Weltordnung der Nachkriegszeit, die zu der langjährigen Auseinandersetzung der Anglo-Amerikaner mit der Sowjetunion und den Führern der Blockfreien Bewegung führte -- bis hin zu der katastrophalen Lage, die sich nach 1989 entwickelte. Letzteres wiederum brachte uns heute an den Rand einer weltweiten Katastrophe.

 

Schiller und die europäische Geschichte

Wenn wir mit der sich jetzt entfaltenden globalen Krise vernünftig umgehen wollen, müssen wir die üblichen dummen politischen Kommentare der Nachrichtenmedien, Fernseh-Talkshows usw. beiseitelegen. Wir müssen aus den scheinbar so mannigfaltigen weltweiten Entwicklungen der letzten hundert Jahre ein durchgehendes Konzept oder Prinzip ableiten, das es uns ermöglicht, die tatsächlich zugrundeliegenden, langfristig wirkenden Kräfte zu erkennen, welche die heutige historische Entwicklung bestimmen. Zu diesem Zweck müssen wir zunächst tun, was der große Dichter, Tragöde und Historiker Friedrich Schiller vorschlug: auf den Ausgangspunkt der gesamten Geschichte der heute weltweit verbreiteten europäischen Zivilisation zurückblicken, nämlich die Geburt der klassischen griechischen Antike.

Seit dem Aufstieg des klassischen Griechentums stand die europäische Zivilisation im Spannungsfeld zweier widerstreitender kultureller Kräfte: einerseits der klassischen Tradition Griechenlands und andererseits der Überreste des antiken mesopotamischen oligarchischen Modells, wie es auf das antike heidnische Rom überging. Christen und Juden des ersten nachchristlichen Jahrhunderts nannten dieses Erbe mitunter "das neue Babylon" oder "die große Hure Babylon".

Diese "Hure Babylon", das Erbe des heidnischen, imperialen Rom, tritt heute als die sogenannte romantische Kulturtradition in Erscheinung. Die Geschichte der europäischen Zivilisation muß als Fortsetzung des Konflikts zwischen diesen beiden unvereinbaren kulturellen Strömungen gesehen werden: Klassik gegen Romantik. Stellvertretend für diese Strömungen stehen auf republikanischer Seite Solons Reformen und die Platonischen Dialoge und auf der romantischen, oligarchischen Seite das antike Mesopotamien, Tyrus und das heidnische Rom.

In dieser annähernd 2500jährigen Geschichte der europäischen Zivilisation können wir die zugrundeliegenden axiomatischen Kräfte entdecken, welche die zunehmend anglo-amerikanisch beherrschte Weltgeschichte der letzten hundert Jahre prägten.

 

Widerstreitende Geometrien

Im Schulunterricht behandelt man diesen historischen kulturellen Konflikt am effektivsten, indem man die beiden widerstreitenden kulturellen Strömungen als sich gegenseitig ausschließende physikalische Geometrien betrachtet. Manchmal wird dies als "Geisteshaltung" bezeichnet. Es bietet sich an, die beiden Geometrien oder Geisteshaltungen hinsichtlich der miteinander unvereinbaren Unterschiede zwischen zwei entgegengesetzten Definitions-, Axiom- und Postulatsgittern zu studieren. Statt sich in müßige und sinnlose Diskussionen über Theoreme der beiden Gruppen zu verstricken, sollte man sich darauf konzentrieren, welcher Unterschied in den Axiomen bestimmt, wie die Theoreme erzeugt und angenommen werden.

Der wesentliche Unterschied zwischen der klassischen und der romantischen Geisteshaltung ist das entgegengesetzte Menschenbild. Die Romantik, wie sie sich etwa in ihrem britischen Erbe von "Tiermenschen" darstellt, z.B. bei Thomas Hobbes, John Locke, Adam Smith und Jeremy Bentham, hält den Menschen von Natur aus für räuberisch und schlecht. Für sie ist er nicht mehr als eine Tierart mit angeborenen, festgelegten, im wesentlichen barbarischen sinnlichen Impulsen, und die Beziehungen zwischen Mensch und Natur sowie der Menschen untereinander werden nur als Sinneswahrnehmungen definiert. Der klassische Standpunkt, vor allem im Christentum, hält das menschliche Individuum von Natur aus für gut, für ein Wesen, das grundsätzlich anders als ist die Tiere und über ihnen steht. Der Mensch ist geschaffen als "Ebenbild Gottes" oder, wie es in Platons Dialog Timaios heißt, als Abbild jener "ableitbaren" Persönlichkeit, die das Universum geschaffen hat.

Für die romantische Tradition ist die natürliche Gesellschaftsordnung, daß einige Menschen andere ausbeuten, so wie der Landwirt sein Vieh züchtet, füttert, benutzt und schlachtet. John Lockes Eigentumsbegriff ist typisch für diese bestialische, oligarchische Fehlauffassung der natürlichen Zusammensetzung der Gesellschaft. Lockes Verständnis der "Sklavenbesitzerrechte" oder deren heutiger Form, der "Aktienbesitzerrechte" (Shareholder Value), ist typisch für diese oligarchische Auffassung von Mensch und Gesellschaft. François Quesnays mystisch-irrationalistisches Argument für das "Laissez-faire", wie er es nennt, entspricht genau diesem allgemeinen bestialischen Typus, wie er für Locke, Smith und die Utilitaristen im allgemeinen bezeichnend ist.

 

Faschismus in den heutigen USA: Scalia

Ein Beispiel: Seit etwa Mitte der 70er Jahre gewinnt eine neue Art faschistischer Rebellion in den USA an Einfluß. Es handelt sich um eine Mischung aus dem geistigen Erbe John Lockes mit einer extremen Form von radikalem Positivismus in Recht und Politik. Diese falsche positivistische Rechtsauffassung ist von ihrem Wesen her noch übler als die Rechtsschule Savignys oder Carl Schmitts und Roland Freislers im Deutschland der 30er Jahre.

Dieser eindeutig faschistische Trend in den heutigen USA zeigt sich am auffallendsten bei der Mehrheit des Obersten Gerichtshofes der USA um Richter Antonin Scalia, einen der fanatischsten Verfechter des "Shareholder Value". Lockes Verteidigung der Sklaverei im Namen der Sklavenhalter-Werte und des "Shareholder Value", wie er von dem Ayn- Rand-Anhänger Alan Greenspan und Scalia aufgefaßt und propagiert wird, wurzelt in einer axiomatisch falschen Definition des menschlichen Wesens. Genauso wie bei dem Vorhaben, menschliches Erbgut patentieren zu lassen, wird hier der Mensch nur als Tier betrachtet, als "menschliches Vieh", das von den Eigentümern der "Aktienrechte" gezüchtet, benutzt und geschlachtet werden kann. Die Politik der Geschäftsführer der Health Management Organisations (HMOs, private profitorientierte Gesundheitsunternehmen), angeblich "nutzlose Esser" und "lebensunwertes Lebens" auszusortieren, ist für diese Denktradition bezeichnend. Abgeleitet ist dieses bestialische Menschenbild aus dem heidnischen römischen Recht und dem römischen Verständnis der "vox populi" (der "Stimme des Volkes"); dies gilt genauso für vergleichbare Haltungen, mit bestimmten Übereinstimmungen und Unterschieden, wie z.B. den Einfluß des neokantianischen Romantikers Friedrich Carl von Savigny in Deutschland, bei dem Karl Marx in Berlin Jura studierte.

Alle kompetenten Historiker sehen in der antiken heidnischen Kultur Roms richtigerweise einen Spiegel der Kulturen des oligarchischen Mesopotamien und von Tyrus; aber Roms unmittelbares Vorbild war Sparta, wo die Gesetze des Lykurg eng mit dem Delphischen Orakel des pythischen Apoll verbunden waren. Dieser Kult schuf in einem Teil der lateinischsprechenden Völker eine räuberische Kultur, wobei die Masse der Kultanhänger -- die "populares" (was man in diesem Fall mit Räuber übersetzen könnte) -- von der herrschenden Oligarchie als Soldaten zur Plünderung, für Raub- und Eroberungszüge gegen die Nachbarn eingesetzt wurde.

Alle Formen des europäischen Faschismus leiten sich direkt von diesem spartanischen, heidnisch-römischen Erbe ab. Die moralisch verkommenen Meinungen, die den "populares" eingetrichtert und von den Herrschenden zum Zwecke einer Art "Selbstüberwachung" der Volksmassen benutzt wurden, nannte man "vox populi" -- "Stimme des Volkes". Dieses Dogma ähnelt dem der Demokratischen Partei in Athen, die Sokrates ermordete. Die romantische Tradition des heidnischen Rom lebt weiter in die Neuzeit als philosophisch irrationalistische Anbetung heidnischer Gottheiten, die man heute als "öffentliche Meinung", "allgemeine Meinung" oder "Geschmack" bezeichnet.

Dieser Orwellsche Begriff der "vox populi" oder "öffentlichen Meinung" ist eine bösartige Erfindung, die von einer korrupten modernen Gesellschaft praktiziert wird, um die dummen Massen der politischen "Schafe" zu kontrollieren, wie sie z.B. François Rabelais in der Erzählung von Panurge und dem aus eigener Schuld untergehenden Ding-Dong und seinen Schafen beschreibt. Diese Art öffentlicher Meinung stand ausschließlich im Interesse der herrschenden Oligarchie -- damals in Rom wie heute in modernen Ländern wie den USA. So sprach Präsident Abraham Lincoln treffend von den typischen Amerikanern von heute, als er sagte: "Man kann alle Menschen für einige Zeit zum Narren halten und einige Menschen immer." Glücklicherweise kann man nicht alle Amerikaner immer zum Narren halten -- nur meistens.

 

Die klassische Alternative

Im Gegensatz dazu legt das klassische Menschenbild das Schwergewicht auf die kognitiven Fähigkeiten des Individuums, mit deren Hilfe man wahre, überprüfbare bzw. gerechte physikalische oder andere Universalprinzipien, etwa der klassischen Kunst, entdecken und in der Gesellschaft verbreiten kann. In der klassischen Kultur liefern die aus schöpferischem Denken entstandenen Ideen -- so wie dieser Prozeß in Platons sokratischen Dialogen definiert ist -- die empirisch nachprüfbare Definition der menschlichen Natur, die in ebendiesen von Natur aus guten und fruchtbaren schöpferischen Geisteskräften besteht.

Weil das Christentum diese klassische griechische Auffassung von Universalität und Gutartigkeit jedes neugeborenen Menschen in sich aufnahm, hat man es im Laufe der Zeit praktisch zum universellen Prinzip erhoben, daß keine Regierung bzw. Regierungsform eine moralische Autorität zur Herrschaft besitzt, wenn sie sich nicht verpflichtet, das allgemeine Wohlergehen aller lebenden Menschen und ihrer Nachkommen zu fördern. Dies ist die einzige wahre Bedeutung und der Kern des Naturrechts. Durch die Revolution in der Staatskunst während der Renaissance des 15. Jahrhunderts entstanden praktische Vorläufer dieses republikanischen Prinzips des Allgemeinwohls, in Frankreich unter Ludwig XI. und in England unter Heinrich VII. Die ersten drei Paragraphen der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 und die Präambel der Amerikanischen Verfassung von 1789 sind ein Echo dieser Vorläufer.

Als die Macht des feudalen Landadels schwand -- typisch dafür war der Niedergang und Fall der Macht Metternichs --, wurde der wesentliche Konflikt in der weltweit ausgedehnten europäischen Zivilisation zu einem Konflikt zwischen den Republikanern wie z.B. US-Präsident Abraham Lincoln einerseits und den oligarchischen Interessen und Ideologien, wie z.B. der City of London, der Bankiers der Wallstreet und der Sklavenhalter andererseits.

Lincolns Erbe repräsentiert also das republikanische, klassische Erbe; die von den anglo-amerikanischen Finanzkreisen und vergleichbaren Oligarchien dominierte politische Herrschaft kommt aus dem Lager der von Wall Street so vielbewunderten Südstaaten-Konföderation: die Präsidenten Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson, später die von der Wall Street kontrollierten Präsidenten Calvin Coolidge, Richard Nixon, Jimmy Carter und George Bush, ebenso wie die früheren Verräter und Sklavereibefürworter, die Präsidenten van Buren, Polk, Pierce und Buchanan, vor Lincoln.

Um die Geschichte des antiken, mittelalterlichen und neuzeitlichen Europa zu verstehen, muß man auf jeden Fall vermeiden, sich zu sehr in eine Erörterung über aktuelle Fragen zu verstricken, als lägen darin an und für sich die Ursachen der grundsätzlichen politischen und anderen Konflikte. Um die ganze oder auch nur einen Teil der Geschichte der weltweit verbreiteten europäischen Zivilisation zu verstehen, muß man die Einzelfragen bei ihrer Wurzel packen: bei dem immer noch anhaltenden Konflikt zwischen dem oligarchischen (romantischen) und dem republikanischen (klassischen) Verständnis vom Menschen und seiner Beziehung zur Natur.

 

Der Erste Weltkrieg

Betrachten Sie nun den folgenden Zeitraffer der wichtigsten Höhepunkte der Geschichte der europäischen Zivilisation seit dem berühmten Sieg der USA und ihrer Freunde und Verbündeten über die Tyrannei der britischen Monarchie 1776-1783. Diese Synopse hat die unverzichtbare Funktion, die zugrundeliegenden Prinzipien dieses Zeitraums der modernen Geschichte in ein deutlicheres Licht zu rücken.

 

Shelburne und Bentham

Seit 1782 war der damalige englische Premierminister und führende Vertreter der britischen Ostindiengesellschaft Lord Shelburne entschlossen, sowohl das Frankreich Ludwigs XVI. als auch die jungen Vereinigten Staaten zu zerstören. Der Schlüssel zur Politik Shelburnes liegt in den Vorverhandlungen des vorgeschlagenen Friedensvertrages zwischen England und Frankreich.

Besonders typisch für die dabei angewendeten Methoden war, daß Shelburne seinen Lakaien Jeremy Bentham praktisch zum Leiter des neugegründeten britischen Außenministeriums und dessen "Geheimausschusses" machte, der u.a. den Jakobinerterror in Frankreich steuerte.

Hauptangriffsziel dieser Politik waren die Kreise der einflußreichen Freunde der amerikanischen Republik in Frankreich. Über "Freihandels"-Abkommen, die Shelburnes Kreise Frankreich aufdrängten, wurde die französische Monarchie in den Bankrott getrieben, woran der französische Finanzminister Jacques Necker, ein Shelburne-Mann, entscheidend mitwirkte.

Als die Kreise um Lafayette versuchten, die Lage durch eine Verfassungsreform zu bereinigen, sorgte Bentham dafür, daß Lafayettes Kreise ausgeschaltet wurden, indem er von London aus den Jakobinerterror in Gang setzte und lenkte; Helfershelfer waren dabei u.a. "Philippe Egalité" (der Herzog von Orléans), Necker und von London kontrollierte Demagogen wie Robespierre, Danton und Marat.

Fünf Jahre immer stärkeren Jakobinerterrors -- vom 14. Juli 1789 bis zum Ende der Massenmörder Robespierre und Saint Just -- vernichteten einen Großteil der natürlichen republikanischen Elite Frankreichs. (Der Unterricht an den amerikanischen Schulen erreicht heute ein ähnliches Ergebnis.) Ohne diese vernunftorientierte Elite entstand in Frankreich eine Lage, in der die politische Führung aus den würdigen Händen des "Vaters des Sieges" Lazare Carnot erst in die unwürdigen Hände des ungeheuerlichen Barras überging und dann in die des ersten modernen Faschisten und Möchtegern-Cäsars Napoleon Bonaparte. In Napoleon erkennt man heute den Vorläufer der Tyrannei des modernen Cäsars Benito Mussolini in Italien und das Vorbild für andere, die sich gerne wie Cäsaren aufspielen, wie Adolf Hitler und der mussolinihafte Tony Blair in London.

Der Wiener Kongreß und die damit verbundene Einsetzung der Restaurations-Monarchie als britische Marionettenregierung in Frankreich -- zusätzlich verschlimmert durch Metternichs Karlsbader Beschlüsse -- gefährdeten die Existenz der jungen amerikanischen Republik. Unter den Bedingungen, die im Anschluß an den von Metternich inszenierten "Massensex"-Kongreß in Wien herrschten, wollte ganz Europa, ob Habsburger oder Finanzoligarchie, die entstehenden Republiken auf dem amerikanischen Kontinent und allen voran die Vereinigten Staaten zerstören.

 

Lincoln und die Weltmacht USA

Der Wiener Kongreß in Kombination mit der restaurierten Monarchie in Frankreich war eine strategische Katastrophe für Europa wie für die USA. Erst als Präsident Abraham Lincoln über Lord Palmerstons Projekt, die Konföderierten Staaten von Amerika und deren hochverräterische Lockessche Ideologie obsiegte, ließen sich die Auswirkungen des Wiener Kongresses rückgängig machen.

Lincolns Sieg und der brillante Erfolg der Wirtschaftsmobilisierung in den USA in den Jahren 1861-1876 begründeten die Vereinigten Staaten als Weltmacht und als Modell einer agro-industriellen nationalstaatlichen Wirtschaft. Nach der Weltausstellung zur 100-Jahr-Feier der USA in Philadelphia 1876 wurde dieses Amerikanische System der politischen Ökonomie von Hamilton und Carey als Politik wirtschaftlicher Entwicklung in anderen Ländern nachgeahmt, so in Emil Rathenaus Deutschland, in Dmitrij Mendelejews und Sergej Wittes Rußland, in Japan und in den Kreisen Sun Yat-sens in China.

Um die weitere Ausbreitung dieses amerikanischen Wirtschaftsmodells in anderen Staaten des amerikanischen Kontinents, in Deutschland, Rußland, Japan, der neuen Führung Chinas und anderswo zu verhindern, setzte die britische Monarchie den Ersten Weltkrieg in Gang. Unter der Führung des britischen Prince of Wales, des späteren Königs Edwards VII., inszenierte die britische Monarchie auf Grundlage des revanchistischen Deutschenhasses, der in Frankreich durch die Dreyfus-Affäre katalysiert wurde, die Entwicklung der anglo-französischen Entente cordiale und führte Rußland in den selbstverschuldeten Untergang des zaristischen Systems unter einem anderen Neffen Edwards VII., dem erbärmlichen Nikolaus II. Die britische Unterstützung für den ersten chinesisch-japanischen Krieg, für die japanische Besetzung Koreas und den russisch-japanischen Krieg von 1905 war ein entscheidendes Vorspiel für die Balkankriege und die russische Generalmobilmachung für den Angriff auf Deutschland, die den von Edward VII. angestrebten Weltkrieg tatsächlich in Gang setzten.

Das strategische Ziel der Briten bei der Inszenierung des Ersten Weltkriegs war es, die europäischen Anhänger des Lincoln-Carey-Modells agro-industrieller Entwicklung der Jahre 1861-76 gegeneinander aufzuhetzen und die USA ihren damaligen Freunden, wie Deutschland und Rußland, zu entfremden. London störte vor allem der Erfolg des amerikanischen transkontinentalen Eisenbahnprojekts, das im Europa Mendelejews, Wittes, Rathenaus und Siemens' den alten Vorschlag Friedrich Lists zur Erschließung des weitgehend ungenutzten riesigen eurasischen Herzlands mit Eisenbahnen wieder aufleben ließ. Diese Eisenbahnentwicklung, die wir Anfang der 90er Jahre wiederbelebt und als Projekt der "Eurasischen Landbrücke" definiert haben, wurde zum wesentlichen Punkt, warum London entschlossen war, Deutschland und Rußland durch das, woraus der Erste Weltkrieg wurde, zu zerstören.

Die Briten konnten einen solchen Krieg nur führen, wenn sie zuerst die USA von ihren traditionellen Freunden Deutschland und Rußland trennten und dann das große agro-industrielle Potential der USA im Kriege auf ihre Seite brachten.

Von 1782 bis zur Niederlage der Südstaaten war es das Hauptziel der britischen Politik gewesen, die USA zu isolieren und zu zerstören, sie wirtschaftlich zu ruinieren, sie in miteinander streitende, balkanisierte Kleinstaaten aufzuspalten, die von London leicht manipuliert und kontrolliert werden konnten. Aber der Fehlschlag von Palmerstons britisch gestützter Konföderation führte zu einer Änderung der britischen Politik: Jetzt sollten die USA mit Hilfe politischer Korruption übernommen werden, anstatt einen erneuten Aufspaltungsversuch mit roher Gewalt zu unternehmen. Der Terroristen-Mord an Präsident McKinley unter Komplizenschaft der berüchtigten Sozialeinrichtung in der New Yorker Henry Street bewirkte, daß England seine für das 20. Jahrhundert angestrebten Ziele fast alle auf einen Schlag erreichte.

Teddy Roosevelt gründete unter Mithilfe so erbärmlicher Kreaturen wie seines Justizministers Charles Bonaparte, eines Mitglieds des Bonaparte-Clans, im Justizministerium eine politische Polizei nach dem Modell des napoleonischen Polizeistaats -- das, was wir heute als Federal Bureau of Investigation (FBI) kennen. Ähnlich wurden große Teile der Bundesverwaltung mit Hilfe von Teddy Roosevelts korruptem Vorgänger, Präsident Grover Cleveland von der Demokratischen Partei, in eine Staatsbürokratie nach europäischem Vorbild verwandelt, die direkt von Vertretern der Wallstreet-Finanzhäuser und den ihnen angeschlossenen Anwaltskanzleien kontrolliert wurde.

Unter Präsident Teddy Roosevelt, einem Neffen und Protégé des ehemaligen Chefs des Südstaaten-Geheimdienstes, des berüchtigten Piraten Kapitän James Bulloch, und unter Präsident Woodrow Wilson, einem fanatischen Bewunderer des Ku-Klux-Klan, wurde von Agenten des britischen Bankiers Cassel (in Diensten Edwards VII.) das Federal Reserve-System gegründet, und etliche andere Regierungsinstitutionen wurden grundlegend verändert. London und seine Komplizen an der Wall Street verließen sich damals -- ebenso wie heute im Jahr 2000 mit den Kandidaten Bush und Gore -- auf die kombinierte politische und soziale Basis der Wall Street und der fortdauernden Tradition der Konföderierten.

 

Zwischenspiel unter Franklin Roosevelt

Die Wahl Präsident Franklin Roosevelts brachte die patriotischen Strömungen der USA nach drei Jahrzehnten vorübergehend wieder in Machtpositionen. Erst als das Erbe von Franklin Roosevelt wieder versunken war -- nach der Ermordung seines Bewunderers John F. Kennedy --, stieg im Zuge der sog. "Südstrategie" der Republikanischen Partei Ende der 60er Jahre und im Bündnis mit der Wall Street die alte Konföderation erneut zur vorherrschenden rassistischen Kraft auf: im Obersten Gerichtshof, im Kongreß, in der von Al Gore angeführten Fraktion der Demokratischen Partei und in großen Teilen der Regierungsbürokratie.

Im Rahmen dieses Prozesses arbeiteten die BAC (British American Commonwealth)-Kräfte seit Roosevelts Tod an der Auslöschung dessen, was der frühere Außenminister Henry Kissinger einmal als patriotische "amerikanische intellektuelle Tradition" bezeichnet und beschimpft hat. Typisch dafür ist die Rolle des radikalen Positivismus, z.B. von Norbert Wiener und John von Neumann, in Kombination mit dem zersetzenden Wirken der sog. Frankfurter Schule, die zeitweise wie ein kulturelles Termitenheer in die intellektuellen Institutionen der USA hineingesetzt wurde. Die moralische Verkommenheit, typisch für die heidnische Tradition Roms, dominiert weitgehend die populäre und akademische Kultur der heutigen USA und vergleichbare Altersgruppen in Europa; sie hat in der Altersgruppe unter 50 Jahren praktisch alle Überreste der klassischen Tradition ausgemerzt.

Das Resultat dieser und anderer negativer Einflüsse auf die USA nach Franklin Roosevelt ist, daß die Generation zwischen 35 und 55 Jahren, die heute in den meisten Führungspositionen der Regierung vertreten ist, mit wenigen, allerdings wichtigen Ausnahmen die moralischen und intellektuellen Fähigkeiten verloren hat, wie sie für die Menschen typisch waren, die in Nord- und Südamerika und dem alten Europa in der Zeit der Großen Depression und dem Krieg aufwuchsen.

 

Was geschieht bei einem plötzlichen großen Schock?

Unter solchen Umständen besteht die einzige Hoffnung für die Zivilisation darin, daß es zu einem großen Schock kommt, der das Vertrauen in die momentan noch vorherrschenden kulturellen und wissenschaftlichen Verhaltensnormen bei den Menschen unter 55 Jahren völlig erschüttert. In der modernen amerikanischen Geschichte war die Reaktion der Bevölkerung auf die plötzliche Nachricht von der japanischen Bombardierung Pearl Harbors ein solcher Schock. Dieser Schock droht auch heute wieder, und zwar in Form eines katastrophalen Zusammenbruchs des gegenwärtigen Weltfinanzsystems: der Tag, wenn in der Küche das Licht angeschaltet wird und die Kakerlaken in Panik davonlaufen.

 

Die wirtschaftliche Rolle des Nationalstaates

Um die tieferen Ursachen für den heraneilenden allgemeinen Kollaps -- nicht nur des Weltfinanzsystems, sondern auch der Realwirtschaft auf der Welt -- zu finden, müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf sieben strukturelle Veränderungen in der Form des modernen europäischen Nationalstaates richten, die sich in der Zeit seit dem Atombombenabwurf auf Hiroshima entfalteten.

 

Sieben Strukturveränderungen

Die auffälligste dieser Veränderungen in der gesamten Zeit nach Roosevelts Tod bis heute war die erste die Formulierung einer Kernwaffenpolitik, vor allem der Vorschlag eines sogenannten präventiven Nuklearschlags gegen die Sowjetunion, wie ihn Bertrand Russell in seiner politischen Stellungnahme im Bulletin der Atomwissenschaftler in der Ausgabe vom September 1946 umrissen hat. Russell, der die Vereinigten Staaten abgrundtief haßte, verfolgte das ganze 20. Jahrhundert hinweg das Ziel, den souveränen Nationalstaat zu eliminieren und eine neue Version des alten römischen Imperiums durchzusetzen, die er als "Weltregierung" bezeichnete.

Russell erklärte wiederholt, daß seine Version der "Weltregierung" -- die heute wahlweise als "Globalisierung" oder "Herrschaft des Rechts" bezeichnet wird -- errichtet würde, nachdem die von Atomkriegsängsten getriebenen Regierungen in panischer Flucht in Rüstungskontrollvereinbarungen getrieben wurden. Die Kubakrise von 1962, die Lord Russell von London aus inszenierte, und der darauffolgende Mord an Präsident John F. Kennedy setzten diesen Prozeß vollends in Gang.

Die zweite Abfolge radikaler Veränderungen ereignete sich in der Zeit unmittelbar nach dem Mord an Kennedy. (Russell war, solange er lebte, stets eine führende Figur hinter diesen ungeheuerlichen Machenschaften.) Die allgemeine Veränderung äußerte sich in der Selbstzerstörung eines großen Teils der nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen Universitätsstudenten; das Resultat war die sog. "Rock-Drogen-Sex-Gegenkultur".

Man wählte Rekruten für diese Gegenkultur aus, die man Stück für Stück die Karriereleiter in einflußreiche Positionen in Regierungen und andere führende Institutionen erklimmen ließ; das waren die "Stoßtruppen", wie sie der britische Brigadegeneral John Rawlings Rees von der Londoner Tavistock-Klinik vorher beschrieben hatte. Diese Opfer der "Rock-Drogen-Sex-Gegenkultur" dienten als proterroristischer Mob, wie die Fußtruppen Robespierres, Dantons, Marats und Saint Justs von 1789-1794. Typisch hierfür war die Baader-Meinhof-Bande; sie wurden für weitere radikale Veränderungen eingesetzt, welche auf die Regierungen, Volkswirtschaften, Rechtsphilosophie und Führungsinstitutionen in den USA, Westeuropa und anderswo verheerend wirkten.

Die dritte radikale Veränderung war der Versuch, den technischen Fortschritt zu beenden -- ob im Namen des "Umweltschutzes" oder der Verhinderung der Entwicklung von (zivil und militärisch nutzbaren) "dual use"-Technologien, ein Scharlatan-Trick mit Hilfe der sophistischen Behauptung, diese verbotenen Technologien könnten möglicherweise zur Entwicklung von "Massenvernichtungswaffen" genutzt werden.

Dieser Wandel setzte 1966-67 ein in Form massiver Kürzungen bei Kennedys Raumfahrtprogramm unter dem Vorwand, die Ausgaben "vom Himmel zu holen", weil man angeblich hier auf der Erde die Armut bekämpfen wollte, was gelogen war. Der Totalangriff wurde dann 1970-71 im Namen der "Ökologie" begonnen. Dieser kulturelle Wertewandel in der Politik gegenüber Wissenschaft und Technik führte in Kombination mit den ruinösen Auswirkungen der Verwandlung des IWF in ein "System freier Wechselkurse" im August 1971 zu immer mehr Stagnation und Kollaps sowohl bei der physischen produktiven Arbeitskraft als auch beim Lebensstandard in Europa, Nord- und Südamerika sowie zu einer unsäglichen Katastrophe in Afrika.

Unter der "Trilateralen" Carter-Administration kam es zum vierten axiomatischen Wandel, einem rücksichtslosen Vorstoß, um die Basis der amerikanischen Volkswirtschaft zu zerstören. Dies geschah insbesondere im Bereich der grundlegenden wirtschaftlichen Infrastruktur und war ein wesentlicher Bestandteil der Anstrengungen, den souveränen Nationalstaat als Institution abzuschaffen. Carters Ernennung von Paul Volcker zum Notenbankchef ruinierte die amerikanische Wirtschaft in einem Maße, das bis heute nicht überwunden ist. Dies geschah im Namen einer bewußten "kontrollierten Desintegration der Wirtschaft", so die Formulierung in den Handbüchern der Trilateralen Kommission, die Volcker 1979 bei der Kampagne zu seiner Ernennung zitierte.

Ein fünfter entscheidender Angriff auf die Zivilisation war, die klassisch-humanistische Erziehung in den öffentlichen Schulen und in hohem Maße auch den Universitäten abzuschaffen.

Sechstens ist bemerkenswert, daß es ohne die protektionistischen, gegen den "Freihandel" gerichteten Maßnahmen, wie sie für das amerikanische System der politischen Ökonomie typisch sind, keine sich selbst erhaltende, gesunde Wirtschaft geben kann. Keine Volkswirtschaft, die auf der Doktrin des "Freihandels" basierte, hat jemals prosperiert, es sei denn durch die Ausplünderung der eigenen Ressourcen und Bevölkerung, wie Großbritannien es tat, oder die Ausplünderung anderer Nationen, wie es das britische Empire und Kolonialsystem tat. Steuern, Zölle, fairer Handel und öffentliche Investitionen in die grundlegende ökonomische Infrastruktur sind unverzichtbar, um ein Preisniveau zu erzeugen, bei dem langfristige, kapitalintensive Verbesserungen der produktiven Arbeitskraft, gemessen an einem physischen Warenkorb pro Kopf und pro Quadratkilometer, entstehen können.

Als unter den Präsidenten Nixon und Carter das Dogma des "Freihandels" entfesselt wurde, ging der private produktive Sektor der US-Wirtschaft, d.h. Landwirtschaft und Industrie, zu Bruch; das gleiche Resultat hat sich über die Jahre im Vereinigten Königreich entwickelt, wo von Harold Wilson über Margaret Thatcher bis zu Tony Blair alles in Gang gesetzt wurde, um die britischen Inseln endgültig in die Orwellsche Steinzeit, heute "Informationsgesellschaft" genannt, zurückzubringen. All dies geschah nach Art der großen Betrüger der Zeitgeschichte -- man denke an John Law --, indem mit größter Inbrunst behauptet wurde, beim Freihandel gehe es um die Vorzüge des "freien Unternehmertums".

Weiterhin, siebtens, ist es ohne Nationalbank -- wie die früheren Funktionen der amerikanischen Export-Import-Bank gezeigt haben, die absolut von der Institution des souveränen Nationalstaates abhängig ist -- nicht möglich, auf Dauer niedrigverzinste, nationale, langfristige Staatskredite zu mobilisieren, die man braucht, um ein gesundes privates Bankenwesen zu erhalten und um produktive Investitionen in dem Ausmaß sicherzustellen, wie es für echtes Wirtschaftswachstum innerhalb von Nationen und unter den Handelspartnern der Welt nötig ist.

Der Niedergang der amerikanischen Wirtschaftspolitik in diesen sieben Bereichen ist typisch für die hoffnungslose Lage, vor der die ganze Erde steht, solange diese sieben Rückwärtstrends nicht allesamt aufgehoben werden, d.h. das "romantische" Krebsgeschwür der "Globalisierung" nicht beseitigt ist.

 

Kultur und Realwirtschaft

Um die herausragende Bedeutung der modernen souveränen nationalstaatlichen Republik zu ermessen, müssen wir verstehen, welche unverzichtbare Funktion diese Institution für den Erhalt einer zivilisierten Form menschlichen Lebens auf diesem Planeten hat. Zusammenfassend sind folgende Punkte zu nennen:

Der grundlegende Unterschied zwischen der menschlichen Gattung und allen anderen Gattungen von Lebewesen ist die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten des Individuums. Typisch dafür ist die einzigartige Fähigkeit des Menschen als Gattung, nachprüfbare Entdeckungen universeller physikalischer Prinzipien hervorzubringen und auf gleiche Weise auch klassische Methoden der künstlerischen Komposition und der Staatskunst zu entwickeln.

Indem diese Fähigkeit zum individuellen schöpferischen Denken gefördert wird -- z.B. mit einer Politik der klassischen humanistischen Erziehung --, bringt die menschliche Gattung ihre einzigartige Fähigkeit zum Ausdruck, ihre potentielle relative Bevölkerungsdichte bewußt zu erhöhen. Weil in der souveränen nationalstaatlichen Republik die sozialen Beziehungen so allgemein werden, daß Pflege und Ausdruck der kognitiven Fähigkeiten jedes einzelnen Mitglieds der Gesellschaft gefördert werden, ist diese Art der Republik die einzige politische Institution, in der wahre Freiheit des einzelnen, wie sie die menschliche Natur braucht, zur Notwendigkeit wird.

Indem man die Entdeckung solcher universeller Prinzipien fördert -- entweder als ursprüngliche Entdeckungen nachprüfbarer Prinzipien oder als Nachvollziehen solcher Entdeckungen universeller physikalischer und künstlerischer Prinzipien --, kann die Menschheit jetzt den unmittelbar nachfolgenden Generationen wirklich menschenwürdige Lebensbedingungen auf der Welt versprechen. Wenn nicht sehr bald diese Qualität des Fortschritts fortgesetzt wird, ist ein würdiges Leben für alle Menschen unmöglich. Und wenn wir nicht sehr schnell zu einer solchen Politik zurückkehren, wird ein anhaltendes finsteres Zeitalter der Menschheit auf dem ganzen Planeten Erde unausweichlich sein.

Da die Angelegenheiten eines Volkes in einer gebildeten Wissenschafts- und Sprachkultur verwaltet werden müssen, bietet sich der souveräne Nationalstaat als besonders geeignetes Instrument für die Mitwirkung des einzelnen in der Gesellschaft an. Diese Mitwirkung verbietet es, einige Teile der Gesellschaft praktisch auf den Status menschlichen Viehs zu reduzieren -- so wie dies z.B. Richter Scalia vom Obersten Gerichtshof der USA tut. Die klassische Kultur im Leben der souveränen nationalstaatlichen Republik fördert die Teilnahme des einzelnen an der ganzen Menschheit; und in einer Gemeinschaft solcher Prinzipien in einer aus souveränen nationalstaatlichen Republiken zusammengesetzten Welt wird dieses Resultat tendenziell allumfassend.

Daher ist die Förderung der kognitiven Methode zur Entwicklung und Verbreitung wissenschaftlicher und klassischer Kultur durch Bildungs- und Wirtschaftsinstitutionen heute die Vorbedingung für die Fortsetzung zivilisierten Lebens auf diesem Planeten.

Um die physischen Bedürfnisse der ganzen Menschheit zu befriedigen, müssen insbesondere Kapitalinvestitionen zur Förderung und Anwendung des wissenschaftlichen Fortschritts massiv gefördert werden, was sich in Steigerungen der produktiven Arbeitskraft, der physischen Macht der Menschheit pro Kopf, in und über das Universum ausdrückt. Andernfalls ist ein Rückfall in Barbarei oder noch Schlimmeres unausweichlich. Ohne eine protektionistische nationalstaatliche Wirtschaftspolitik, die dieser Funktion gewidmet ist, ist der Absturz in ein finsteres Zeitalter der Barbarei als Kennzeichen der kommenden Jahrzehnte unausweichlich.

Daher gibt es eigentlich keine Diskussion darüber, die Institution des völlig souveränen, ökonomisch-protektionistischen Modells der nationalstaatlichen Republik zu verteidigen. Wenn diese Umkehr der politischen Richtung jetzt nicht vollzogen wird, gibt es derzeit keine Zukunft für die Vereinigten Staaten und für die meisten Menschen auf der Erde. Die Apostel von "Freihandel" und "Globalisierung" waren schon immer die pro-oligarchischen Feinde der menschlichen Freiheit.

 

Solche Schocks sind auch gefährlich

Die Art drohender Schocks, wie ich sie hier beschrieben habe -- Kriege oder die Entscheidungsschlachten von Kriegen -- sind gefährlich. Sie bergen unvermeidlich ein großes Risiko. In einer solchen Lage ist -- wie bei den besten Flankenmanövern der größten Feldherren -- große kreative Einsicht notwendig, um eine Katastrophe zu vermeiden. Ohne eine wirksame Führung ist bei allen solchen Krisen das Desaster sicher.

In solchen Krisen gibt es kurze Zeitspannen, in denen die Bevölkerung bzw. ein großer Teil von ihr für neue Führung, für eine neue Politik offen ist. Es war für die USA ein großes Glück, daß Franklin Roosevelt diese Führungsqualität besaß; weitere Beispiele für diese Qualität boten einige Militärs in Kriegszeiten, etwa General Douglas MacArthur. Eine erfolgreiche Führungsfigur wird sich unter den Umständen einer solchen Krise niemals darauf verlegen, an die öffentliche Meinung zu appellieren -- er wird diese Meinung vielmehr revolutionieren, indem er an die Vernunft appelliert. Er setzt auf eine Revolution im Denken der Menschen, die ihm unterstellt oder auf andere Weise von ihm beeinflußt sind. Ohne solche Führung führt eine große Krise, wie die, die jetzt sehr rasch heraufzieht, nur zu großen und wahrscheinlich immer größeren Katastrophen.

Diese Notwendigkeit ergibt sich aus der Natur wahrhaft tragischer Krisen, wie der, vor der die Welt heute steht.

 

Das tragische Prinzip in der Geschichte

Wie die großen klassischen Tragödien von Aischylos, Sophokles, Shakespeare und Schiller deutlich machen, leidet die Menschheit -- wenn nicht natürliche Ursachen vorliegen, die nicht unmittelbar beeinflußbar sind -- nur aus einem Grunde Not und Gefahr: als Resultat eines tödlichen Fehlers im Charakter der herrschenden gesellschaftlichen Institution oder der Kultur. Alle vom Menschen gemachten Katastrophen geschehen nur, weil man zu lange an Einstellungen festhält, die mit den Prinzipien, auf denen das Universum gründet, nicht übereinstimmen.

Deshalb läßt sich eine große auf diese Weise entstandene Krise nur mit Methoden und einer Politik lösen, die für die heutige Gesellschaft revolutionär erscheinen müssen. Wahrhaft große Führungspersönlichkeiten sind diejenigen, welche in solchen Zeiten im Dienste der Vernunft gegen die vorherrschende öffentliche Meinung verstoßen, anstatt auf die übliche irrationale Weise zu handeln, die zu der Krise geführt hatte. Das ist das Kennzeichen von Handlungen, die wahrhaft wichtige Entwicklungen in der Geschichte anstoßen -- was die Hohenpriester der europäischen Sozialdemokratie am Ende des 19. Jh. und im 20. Jahrhundert als "Übel des Voluntarismus" verabscheuten. Bedauernswerte Hohepriester! Die meisten von ihnen wären beleidigt, wenn sie sich so verspottet hörten -- aber sind sie denn nicht nur ein Nachhall der närrischen, blutgierigen Zuschauer im Kolosseum in Rom, die jubeln, wenn in der Arena die Christen von den Löwen zerfleischt werden, und den Daumen für die "vox populi" nach oben halten.

Keine Gesellschaft kann sich aus freiem Willen selbst zerstören, es sei denn, sie wird dazu getrieben, um eine existierende, vorherrschende Geisteshaltung beizubehalten. Das Individuum oder die Gruppe, die in einer solchen Illusion befangen ist, wird immer wieder an die Autorität der öffentlichen Meinung appellieren, also an die Übereinkünfte der etablierten Einstellung. In der Endphase eines jeden tragischen Zyklus in der Geschichte von Nationen oder Kulturen führt das fortgesetzte Festhalten an der gewohnten öffentlichen Meinung dazu, daß das Volk die moralische Überlebensfähigkeit verliert. Der Zusammenbruch nicht nur des Regimes des schwachen, törichten Zaren Nikolaus II., sondern auch aller nachfolgenden Reform-Regierungen ist ein Beispiel dafür, wie eine Bevölkerung und ihre törichte Führung sich vom Einfluß zur Gewohnheit gewordener Illusionen kontrollieren läßt. Wenn eine Nation in der Krise überleben will, muß sie so handeln wie ein Wissenschaftler, der sich mit einem stur beibehaltenen Fehler in der existierenden wissenschaftlichen Meinung herumschlägt -- die Nation muß den fatalen Fehler, der in ihrer vorherrschenden, gewohnten Geisteshaltung wurzelt, ausfindig machen und beseitigen. Darin liegt die Notwendigkeit revolutionären Handelns in solchen Umständen. Es müssen nicht nur Axiome geändert werden, auch das Handeln muß eine solche notwendige Axiomenänderung widerspiegeln.

Was also ist es, das in der "Meinung" geändert werden muß? Der Ausgang dieser gesamten Geschichtsepoche hängt davon ab, daß wir diesen Faktor richtig erkennen.

Die wesentliche Änderung, die vollzogen werden muß, besteht darin, daß die Überreste oligarchischer Herrschaft, also der Finanzoligarchie, durch eine republikanische Selbstregierung ersetzt werden müssen. Das bedeutet eine kulturelle Wende -- die Säuberung der Gesellschaft von jener syphilitischen romantischen Altlast, welche die meisten Institutionen und Bevölkerungen der erweiterten europäischen Zivilisation gemein haben --, um die Gesellschaft wieder unter die kulturelle Vorherrschaft des antiromantischen, klassischen Erbes zu bringen.

Das wichtigste tragische Element in der Kultur Europas und Amerikas heute ist, daß die klassische humanistische Bildung und klassische Formen und Prinzipien der künstlerischen Komposition aus dem allgemeinen gesellschaftlichen Leben verschwunden sind. Die Wurzel der gegenwärtigen zivilisatorischen Tragödie liegt in dem, was heute als "Unterhaltung" gilt, jener Form der öffentlichen Meinung, die ganz diesen verkommenen Arten von Unterhaltung entspricht.

Die verbreiteten Nintendo-Kampfsport- und Killerspiele für kleine Kinder und leicht beeinflußbare Jugendliche, welche die übelste Parodie der japanischen Samurai-Mythologie nachahmen, sind typisch für eine Kultur, die sich, indem sie so ihre eigenen Kinder zerstört, zu einer postmodernen Kultur erklärt, die keine Aussichten auf eine Zukunft hat, es sei denn eine äußerst bestialische.

 

Rückkehr zur klassischen Kultur

Die entscheidende Überlegung, die ich oben als die sieben Formen der Zerstörung des Nationalstaates ausgearbeitet habe, ist die Wiederentdeckung des Prinzips, daß die menschlichen Beziehungen -- im Gegensatz zu den tierischen -- im wesentlichen in den schöpferischen Geistesprozessen liegen, die in den sokratischen Dialogen von Platon an die Oberfläche gebracht werden. Es sind die gleichen kognitiven Prozesse, durch die ein nachgewiesenes universelles physikalisches Prinzip oder ein nachprüfbares Prinzip der klassischen künstlerischen Komposition und Interpretation erzeugt wird. Indem man solche kognitiven Entdeckungen mit anderen Menschen teilt, steigt die Macht des Menschen im und über das Universum pro Kopf und Quadratkilometer.

Die Weitergabe dieser kognitiven wissenschaftlichen und künstlerischen Erfahrungen ist der Ausdruck natürlicher, fruchtbarer Beziehungen unter den Menschen. Dahin müssen wir zurückkehren, wenn unsere Nationen das Unheil, das ihnen bevorsteht, überleben sollen.