Am 2. April sprachen Lyndon und Helga LaRouche auf einer Veranstaltung in Rom in dem ganz in der Nähe des Parlamentsgebäudes gelegenen Hotel Nazionale. Unter den 20 geladenen Gästen befanden sich italienische Parlamentarier (aus dem Senat wie aus dem Abgeordnetenhaus), Wirtschaftsexperten, Journalisten und Diplomaten. Paolo Raimondi, Präsident der italienischen Bürgerrechtsbewegung Solidarität (Movimento Solidarietà), stellte Herrn und Frau LaRouche vor und erinnerte daran, daß beide schon vor einem Jahr in einer anderen Konferenz in Rom vor der Weltfinanzkrise gewarnt und die Idee der eurasischen Landbrücke als Lösungsvorschlag präsentiert hatten.
LaRouche führte dies näher aus: "Vor einigen Jahren habe ich verschiedenen Stellen, darunter der amerikanischen Regierung, einen Aktionsplan vorgeschlagen, wie auf eine Krise der Art, wie wir sie seit Oktober erleben und wie wir sie im zweiten Vierteljahr 1998 mit noch viel größerer Schärfe erleben werden, zu reagieren sei." Er erläuterte dann diesen Vorschlag: "Wir sollten unser Handeln an einem historischen Präzedenzfall ausrichten", nämlich den Bretton-Woods-Vereinbarungen, deren Erfolg durch den Wiederaufbau der Nachkriegszeit bewiesen worden sei. Anders als noch in den 50er Jahren sei aber heute die industrielle Basis der Wirtschaft massiv angeschlagen, weil die "68er"-Mentalität des schnellen Geldes, des egoistischen Vergnügens und der Technikfeindlichkeit in den letzten 30 Jahren zahlreiche grundlegende Fehler in der Wirtschaftspolitik nach sich gezogen habe. Ganz besonders betroffen sei der Werkzeugmaschinenbau, der Schlüsselbereich der Industriegesellschaft, der einen unverzichtbaren Beitrag Europas zu großen weltweiten Infrastrukturprojekten wie der eurasischen Landbrücke leisten müsse.
"Die Methode des Werkzeugmaschinenbaus, die im wesentlichen von Leibniz ausging und in der modernen Form im Frankreich Lazare Carnots entstand", so LaRouche, "ist eine Leistung Mitteleuropas, besonders Frankreichs, Deutschlands, Italiens, und der Vereinigten Staaten. Die USA besaßen in den Jahren 1861-1876 die erste erfolgreiche Volkswirtschaft, die auf der Methode des Werkzeugmaschinenbaus gründete. Dieses Modell hat man dann in Italien nachgeahmt, aber auch in Deutschland und Frankreich und bis zu gewissem Grade in Rußland und Japan." Werkzeugmaschinenbau und Landbrücke Der Kern einer weltweiten Währungsreform bestehe daher in der gezielten raschen Fortentwicklung des Werkzeugmaschinenbaus in Europa, Japan und den USA, die wiederum als Handelspartner mit den asiatischen Ländern mit ihrer hohen Bevölkerungszahl verbunden wären. "Anders gesagt, das neue Währungssystem ist nicht einfach nur eine Sammlung von Regeln wie beim Fußballspiel, sondern es muß ein aufgabenorientiertes System sein, mit einem ganz bestimmten Zweck. Dieser Zweck ist es, auf diesem Planet ein System wirtschaftlicher und sozialer Gerechtigkeit zu schaffen, indem man die Nationen, die über einen funktionierenden Werkzeugmaschinenbau verfügen, dafür mobilisiert, bei der internen Entwicklung der Nationen Asiens und Afrikas zu helfen."
LaRouche schlug Italien -- als einem der 22 Länder, die an der Willard-Konferenz in Washington teilnehmen werden -- vor, die traditionelle Zusammenarbeit mit den USA, die auf Alcide De Gasperi und Franklin Delano Roosevelt zurückgeht, wiederzubeleben, um Präsident Clinton für die Perspektive des neuen Bretton Woods zu gewinnen.
Die Präsidentin des internationalen Schiller-Instituts Helga Zepp-LaRouche, die anschließend sprach, führte dazu aus, 500 Parlamentarier, vier ehemalige Staatspräsidenten und Tausende führende Bürgerrechtler hätten bereits den Appell an Präsident Clinton für ein neues Bretton Woods unterzeichnet, den sie zusammen mit der ukrainischen Abgeordneten Natalja Witrenko im vergangenen Jahr veröffentlicht hatte. Viele der Unterstützer kämen aus West- und Osteuropa, darunter auch viele italienische Abgeordnete.
Die wachsende Zustimmung zu LaRouches Ideen in Europa und anderswo rühre daher, fuhr Zepp-LaRouche fort, daß viele Menschen etwa seit November 1997 erkannt hätten, daß die "Asienkrise" tatsächlich ein Element einer Krise des ganzen Weltfinanzsystems sei. Die Auswirkungen dieser Krise in Form sinkender Exporte und steigender Arbeitslosigkeit sorgten in großen Teilen Europas für soziale Unruhen; die Bevölkerung fordere für ihre Länder eine andere politische Führung. Wie LaRouche erklärt habe, gebe es in Italien derzeit eine "politische Umgruppierung", d.h. man lehne sich wieder an das politische System an, das nach dem Krieg die Industrialisierung des Landes ermöglichte.
Der Euro ist eine Sackgasse
@t:Die erste Frage in der Diskussion stellte ein Senator. Er stimme mit LaRouches Analyse und dessen "prophetischer und exakter" Vorhersage der globalen finanziellen Desintegration voll und ganz überein, sagte er, aber er verstehe nicht, warum LaRouche die Europäische Währungsunion und den Maastricht-Vertrag angreife. Die meisten Medien in Italien und Europa behaupteten, daß die EWU die Krise lösen werde, LaRouche aber sage, sie trage nur dazu bei, die Krise zu verschärfen.
Lyndon und Helga LaRouche antworteten beide darauf und betonten, die Währungsunion habe zwei grundlegende Fehler. Erstens werde, dem Konzept von Bretton Woods ganz entgegengesetzt, die nationale Souveränität in Wirtschaftsfragen durch Maastricht zerstört. Zweitens werde durch die Schaffung von Währungsblöcken -- "ein Euro-Block gegen einen Yen-Block und einen Dollar-Block" -- die für ein weltweites Aufbauprogramm notwendige internationale Zusammenarbeit bei der Währungsreform gerade verhindert. LaRouche fügte hinzu: "An dem Tag, an dem der Euro geschaffen wird, wird er zusammenbrechen, weil eine Kapitalflucht in den Dollar, den Yen und den Schweizer Franken einsetzen wird." Wichtiger sei aber noch, daß die "nächste Runde" der Finanzkrise die Welt und damit auch Europa noch vor dem Juli, also noch lange vor dem Start des Euro treffen werde.
Der Besuch von Lyndon und Helga LaRouche in Italien umfaßte weitere Treffen und Gespräche. Zu den wichtigsten zählten dabei eine Veranstaltung über Afrika mit Geistlichen und Studenten aus der Region der Großen Seen (Burundi, Ruanda, Kongo) sowie ein Seminar mit zehn italienischen Wissenschaftlern über Fragen der wissenschaftlichen Methode, an dem u.a. Experten für die "kalte Fusion" sowie Professoren eines Forschungszentrums teilnahmen.
Iraks Bevölkerung: Isoliert, aber ungebrochen. Welchen Eindruck hatten Sie vom heutigen Stand der irakischen Wirtschaft; wie haben Regierung und Bevölkerung acht Jahre Wirtschaftsembargo bewältigt?
Was mir besonders auffiel, ist die Gelassenheit, mit der die Menschen diese Lage meistern. Ein stolzes Volk hat acht Jahre entsetzlicher Entbehrungen überstanden, ohne seine Würde zu verlieren, wozu wahrscheinlich nicht jede andere Gesellschaft fähig gewesen wäre. Das hängt wohl damit zusammen, daß die Iraker in 3000 Jahren viele schwere Prüfungen zu bestehen hatten und daher auch in der Lage sind, ihre Erfahrungen mit George Bush zu verkraften. Das war mein stärkster Eindruck: Menschen, die ihre Armut mit Stolz tragen.
Man bereitet sich im Irak darauf vor, nach Beendigung der Sanktionen die wirtschaftlichen Probleme des Wiederaufbaus in dirigistischer Weise zu lösen.
Ihre Konzentrations- und Denkfähigkeit konnte man ihnen schon an den Augen ablesen. Trotz viel lauter Musik und Gesprächen waren diese Studenten sehr ernst bei der Sache. Ich fühlte mich bei ihnen vollkommen zu Hause und war äußerst dankbar für die Gelegenheit, mit einigen privat zusammen zu sein. Es ist erstaunlich, daß ein Land unter so schwierigen Umständen eine Jugend und eine Elite von solcher Qualität hervorbringt. Das berechtigt zu der Hoffnung, daß dieses Volk einen großen Sprung nach vorne machen wird, wenn erst wieder normale Bedingungen herrschen.
An der Universität von Bagdad ist man sehr darauf bedacht, zum Weltniveau aufzuholen; vergleichbar mit Menschen, die jahrelang in der Wüste gelebt haben, dürstet man nach Wissen.
Von Professoren und Studenten bekam ich viele Nachfragen nach Lehrbüchern in englischer Sprache. Sie haben keine Lehrbücher und wären für alle Arten von Studienhilfen dankbar. Die Situation an den Universitäten führt deutlich vor Augen, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern von Ideen. Ich sprach mit einem Mitglied der Bagdader Astronomischen Gesellschaft und war überrascht, daß er nichts davon gehört hatte, daß es an den Polen des Mondes Wasser gibt. Er war baß erstaunt, als ich ihm davon berichtete, denn er hatte lediglich vor Jahren die Diskussion über diese Möglichkeit mitbekommen. Auch hatte er letzten Sommer kein einziges Bild von der Pathfinder-Mission auf dem Mars gesehen und nichts von dem spektakulären Sturz des Kometen Shoemaker-Levy in die Jupiter-Atmosphäre im Jahre 1993 gehört. Humorvoll meinte er, sie hätten aber die unglaublichsten Bilder des Kometen Hale-Bopp gesehen, da diesen kein Embargo vom nächtlichen Himmel über der arabischen Wüste fernhalten konnte.
Ein Seminar des Schiller-Instituts am 27. März zur internationalen Finanzkrise und der notwendigen Einführung eines neuen Bretton-Woods-Systems stieß auf großes Interesse. Hauptredner der Veranstaltung war Anno Hellenbroich, Geschäftsführer der Nachrichtenagentur Executive Intelligence Review (EIRNA) aus Wiesbaden.
Dr. Kováts begrüßte die mehr als 60 Gäste, die zum Teil die Analysen von EIR und die Arbeit des Schiller-Instituts seit Jahren verfolgen oder begleiten. Unter ihnen befanden sich auch ein Vertreter der russischen Botschaft sowie mehrere Journalisten. Der Fernsehsender Duna-Televizio, der per Satellit auch außerhalb Ungarns empfangen werden kann, zeichnete einen Teil der Veranstaltung auf. Die offizielle ungarische Nachrichtenagentur hatte in ihrem Veranstaltungskalender für Journalisten das Seminar angekündigt. Auch zwei Vertreter der Monatszeitschrift Kapu (Tor), die regelmäßig Beiträge des EIR-Magazins aufgreift, waren anwesend. Anno Hellenbroich, der in einer kurzen Rückschau die Ereignisse der letzten Monate skizzierte, ging anschließend auf die notwendigen Maßnahmen zur Reorganisation des Weltfinanzsystems, wie sie von Lyndon LaRouche, Ökonom und Herausgeber von EIR in den USA, auf einem Seminar am 18. März in Washington dargestellt wurden (den vollständigen Redetext LaRouches auf Seite 3-6 dieser Zeitung). In der Diskussion schlug Hellenbroich vor, im ungarischen Parlament eine Anfrage einzubringen, die sich ausdrücklich dafür einsetzen solle, daß auf dem Treffen der Willard-Gruppe am 16. April in Washington, zu dem Präsident Clinton eingeladen hat, über ein neues Bretton-Woods-System diskutiert werde.
Daß auch in Ungarn eine öffentliche Diskussion über diese Fragen gewünscht wird, kann man daran ablesen, daß die zweitgrößte Tageszeitung Magyar Hírlap in ihrer Ausgabe vom 30. März auf der dritten Seite in einem Artikel mit der Überschrift "Wird ein neues Bretton-Woods-System entstehen?" über das Seminar berichtete.
Symposium zum Hochmittelalter
Die Delegation des Schiller-Instituts nahm außerdem an einem Symposium des Fachkollegs St. Ignatius in Budapest teil. Die Tagung wurde von den Studenten des Kurses "Kultur des Mittelalters" in dem 1991 gegründeten Kolleg organisiert und stand unter dem Thema "Europa und seine Grenzen im X. bis XII. Jahrhundert". Der Erzabt von Pannonhalma Asztrik Várszegi begrüßte die ca. 100 Gäste, darunter bemerkenswert viele junge Menschen, die sich dichtgedrängt im Seminarsaal des Kollegs zu einer zweitägigen Diskussion zusammengefunden hatten. Er unterstrich die Bedeutung des Themas vor dem Hintergrund, daß durch die historischen Entwicklungen nach 1989 Ungarn wieder der Welt und Europa nahe gekommen sei und seinen Platz neu definieren müsse. Europa, das er als "Idee, Wirklichkeit und Vision" bezeichnete, dürfe sein christliches Erbe nicht vergessen, um daraus die seelische Stabilität zu schöpfen, den Zusammenhalt in einer sich wandelnden Welt zu bewahren. Der vielleicht interessanteste Aspekt des Symposiums war die Darstellung, wie die christlichen, byzantinischen sowie islamischen Einflüsse in dieser Periode europäische Geschichte beeinflußten und gestalteten.
Unter den Rednern der zweitägigen Veranstaltung befanden sich neben den ungarischen Historikern auch drei Vertreter aus der Bundesrepublik. Ferdinand Seibt vom Kollegium Carolinum aus München, der über die Entstehung der mitteleuropäischen Staaten referierte und u.a. die vielbesuchten Ausstellung "Transit-Brügge-Nowgorod -- Eine Straße durch die europäische Geschichte" im Ruhrlandmuseum Essen 1997 maßgeblich mitorganisiert hat, sowie Kaspar Elm aus Berlin, der über Europas kulturelle Grenzen sprach.
Dritte deutsche Rednerin war Elisabeth Hellenbroich, Chefredakteurin der Zeitschrift Ibykus und Mitarbeiterin des Schiller-Instituts. Sie sprach über die Zeit der Errichtung der großen Kathedralen und die Auswirkungen auf Kultur und Erziehung. Dabei war es ihr besonderes Anliegen, Geschichte im Hinblick auf die Gestaltung einer neuen Renaissance, die wir insbesondere im erzieherischen Bereich zur Bewältigung der heutigen Zivilisationskrise dringend brauchen, von einem aktiven Standpunkt aus zu betrachten -- sicher für einige der anwesenden Experten eine Herausforderung.
Mit einer Vortragsreise trug das Schiller-Institut die internationale Kampagne für ein neues Bretton-Woods-Abkommen in der letzten Märzwoche auch nach Österreich. Alexander Hartmann vom Schiller-Institut Wiesbaden berichtete in den Städten Wels (Oberösterreich), Kilb (Niederösterreich), Wien, Judenburg und Liezen (Steiermark) zunächst darüber, warum sich die sogenannte "Asienkrise" nicht auf Asien begrenzen läßt und sich sowohl über finanzielle als auch über realwirtschaftliche Kettenreaktionen zu einer weltweiten Systemkrise ausweiten wird. Dann legte er dar, wie die in den letzten 30 Jahren dominierende nachindustrielle Ideologie diese Krise herbeigeführt habe, und demonstrierte anhand des LaRouche-Riemann-Modells, warum Lyndon LaRouche die heutige Krise schon in den 60er Jahren prognostizieren konnte und welche Maßnahmen getroffen werden müßten, um die Krise zu überwinden, nämlich insbesondere die Rückkehr zu einem System solider und fairer Wechselkurse durch eine neue Bretton-Woods-Konferenz, die Reinigung der Finanzmärkte von Luftgeschäften und undurchsetzbaren Forderungen und ein neuer Marshallplan zur Reindustrialisierung der Industrienationen und zum Aufbau der Entwicklungsländer nach dem Vorbild des heutigen China. Er beschrieb die Ursprünge des kulturellen Wertewandels Ende der 60er Jahre, der der nachindustriellen Ideologie zum Durchbruch verhalf, und berichtete zum Schluß über die jahrzehntelangen Bemühungen LaRouches und des Schiller-Instituts, diesen Wertewandel und die Zerstörungen, die von ihm ausgehen, rückgängig zu machen. Im Anschluß an den Vortrag wurde auch darüber diskutiert, was man in Österreich tun könne, um die Krise zu überwinden und die Arbeit des Schiller-Instituts zu unterstützen. Viele der Anwesenden nahmen den erneuten Aufruf an Präsident Clinton für ein neues Bretton Woods mit, um dafür Unterschriften zu sammeln, und versprachen, ihren Bekannten die Neue Solidarität zu empfehlen.
Die Unabhängige Diplomatische Akademie wurde vor drei Jahren gegründet. Welche Fortschritte hat sie seither gemacht?
Tsintsadze: GIDA wurde 1995 unter der Ägide des Außenministeriums als einzige Einrichtung ihrer Art gegründet. Seitdem hat sie ihr Wirken für das absolut notwendige Ziel konsolidiert, daß -- in Georgien oder im Ausland als Repräsentanten Georgiens -- entsprechend ausgebildete Personen bei internationalen Organisationen und Institutionen arbeiten.
Trotz schwerster Probleme -- nämlich der schrecklichen Auswirkungen ethnischer Konflikte, einer darniederliegenden Wirtschaft, zunehmender Verbrechen und Korruption sowie fehlender Institutionen mit demokratischer Tradition -- hat GIDA die akademische Ausbildung organisiert. Wir haben Studenten an Institute im In- und Ausland vermittelt, Lehrmaterial bereitgestellt, Kontakte zu diplomatischen Vertretungen und anderen ausländischen Einrichtungen, darunter dem Schiller-Institut, geknüpft, usw.
Dabei können wir auf ein hohes intellektuelles und geistiges Potential in der georgischen Bevölkerung ebenso zurückgreifen wie auf eine lange kulturelle Tradition, u.a. die georgische Sprache, die über 2000 Jahre alt ist und eines der 14 Alphabete der Welt verwendet.
Tsintsadze: Als eine der früheren Sowjetrepubliken durchläuft Georgien eine mühevolle Übergangszeit, die wahrscheinlich länger dauern wird als erwartet. Plötzlich befindet sich das Land in einer neuen geopolitischen Realität, zwischen unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Interessen.
Wie soll man nun die neue Rolle und die neuen Ziele Georgiens definieren? Ganz offensichtlich ist eine Voraussetzung dafür, unterschiedliche Vorstellungen über unsere Entwicklung zu studieren, damit die Studenten in der Lage sind, sich in den komplexen internationalen Verhältnissen zu orientieren. Indem die Studenten die Publikationen des Schiller-Instituts lesen, lernen sie die Grundsätze der physikalischen Ökonomie verstehen, sie lernen, was getan werden muß, um das soziale, wissenschaftliche und Bildungsniveau anzuheben usw.
Wir glauben, daß der Aufbau des Verkehrskorridors Europa-Kaukasus-Asien (TRACECA), die georgische Beteiligung an der Wirtschaftskooperation am Schwarzen Meer (BSEC) und der Bau der kaspischen Ölpipeline -- alle in Übereinstimmung mit Lyndon LaRouches größerem Projekt der Eurasischen Landbrücke -- beträchtlich zu wirtschaftlichem Wohlstand in unserem Land beitragen können.
Vasiliadis: Wir wollen die Fähigkeit der Studenten fördern, sich eine eigene Meinung zu bilden. Die meisten Publikationen des Schiller-Instituts werden von ihnen positiv aufgenommen und diskutiert. Berichte über Entwicklungen in den Nachbarländern interessieren sie besonders. Sie unterstützen es, daß Sie in Ihren Publikationen wie EIR die Wiederbelebung des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses fordern und Hilfen für Iran und Irak, damit diese aus der internationalen Isolation herauskommen, eine neue Politik für Afrika, usw.
Auf kein geringeres Interesse stößt die Idee des Wiederaufbaus der eurasischen Seidenstraße und der Errichtung eines neuen Finanzsystems mit dem Schwerpunkt auf produktiven Investitionen. Das alles ist für die wirtschaftliche Erholung unseres Landes dringend erforderlich. Wir schätzen auch den Mut von Herrn und Frau LaRouche, wenn sie den Finanzspekulanten, dem Drogenhandel und der Ausbeutung armer Nationen den Krieg erklären.
Über diese Themen führen wir Diskussionen in englischer Sprache.
Vasiliadis: Ja, die Zuhörer sollen motiviert werden, ihr Englisch zu verbessern, aber auch ihre intellektuellen und kreativen Fähigkeiten zu entwickeln und universelle Werte wie Gerechtigkeit, Gleichheit, Würde zu verstehen.
Dabei ziehen wir immer wieder unwillkürlich Parallelen zur georgischen Geschichte, zu den Errungenschaften der georgischen Kultur, z.B. zu Rustaveli, dem großen georgischen Dichter des Mittelalters, der praktisch zum Symbol der Nation wurde, oder zu den hervorragenden Interpretationen der Werke Shakespeares oder Beethovens bei uns. Es besteht die Gefahr, daß all dies verloren gehen wird angesichts der Massen-Subkultur weltweit und der harten Bedingungen des IWF, die zu wirtschaftlichem und kulturellem Niedergang führen. Deshalb stößt die Forderung des Schiller-Instituts nach einer neuen goldenen Renaissance bei einem breiten Publikum auf große Resonanz, unsere Lehrer und Schüler eingeschlossen.
In der Hafenstadt Zadar hatte die Kroatisch-Deutsche Gesellschaft das Schiller-Instituts eingeladen über das gleiche Thema zu sprechen. Ein vorwiegend akademisches Publikum sowie Freunde des Instituts kamen und beteiligten sich an der sehr lebhaften Diskussion. Die Bankenkrise im Lande und die Schwierigkeit, die reale Produktion anzukurbeln, bewegen die Menschen. Der deutschen Zustimmung für Maastricht brachten die Zuhörer wenig Verständnis entgegen. Auch hier gab es eine detaillierte Berichterstattung über die Veranstaltung in der Tages- und Wochenpresse sowie Aufnahmen des Fernsehens. Die regionale Wochenzeitung führte ein ausführliches Gespräch mit Raimondi, und das lokale Radio strahlte ein halbstündiges Interview aus, in dem auch die Vorsitzende der Kroatisch-Deutschen Gesellschaft, die Deutschprofessorin Frau Dr. Pehar erläuterte, warum sie das Schiller-Institut eingeladen hatte.
Für den nächsten Tag hatte Dr. Pehar Elke Fimmen vom Schiller-Institut eingeladen, an der Philosophischen Fakultät der Universität einen Vortrag zum Thema "Friedrich Schiller -- Dichter der Freiheit" zu halten. 70 Deutschstudenten und Professoren verfolgten mit großem Interesse den für sie zum großen Teil neuen Ausführungen über Schillers vielfältiges Wirken. Fünf Studenten trugen Schiller-Gedichte vor. Anschließend wurde darüber diskutiert. Dabei zeigte sich nicht nur ein außerordentlich hohes Sprachniveau, sondern auch großes Interesse und Begeisterung zu rezitieren. Besonders bewegend war die Wirkung der Gedichte bei diesen jungen Menschen, die durch Krieg und Verzweiflung gegangen sind. So betonten zwei Mädchen, die beide die "Hoffnung" von Schiller vortrugen, sie empfänden dieses Gedicht als "sehr realistisch". "Der Mensch lebt von der Hoffnung. Wenn es sie nicht mehr gibt, ist das Leben umsonst."
Am 11. Mai veröffentlichte die polnische katholische Tageszeitung Nasz Dziennik ein Interview mit der Vorsitzenden des polnischen Schiller-Instituts, Anna Kaczor Wei. Kaczor Wei befaßt sich darin ausführlich mit dem Wertewandel Mitte bis Ende der 60er Jahre, der zu einem wissenschafts- und technikfeindlichen Klima geführt und eine neue Form des Kolonialismus begünstigt habe. Desweiteren geht sie auf die anhaltende Finanzkrise, die ausufernde Spekulation und den sich abzeichnenden Zusammenbruch des Weltfinanzsystems ein. Gerade für den wirtschaftlichen Aufbau Polens sei die Rückkehr zu einem Nationalbanksystem erforderlich. Nasz Dziennik wird auch von vielen in Amerika lebenden Polen gelesen.
Ein Vortrag über Schiller an einem Deutsch-Kolleg in Lissa bot die Gelegenheit zu einer geschichtlichen Rückbesinnung.
Die alte Weisheit, daß Veränderung vom einzelnen ausgeht, zeigt in schönster Weise das Beispiel einer Lehrerin aus dem Ruhrgebiet. Sie entschloß sich nach fast 30 Unterrichtsjahren an deutschen Schulen, eine Lehrtätigkeit im Fach Deutsch an einem Kolleg in Lissa (Leszno) anzunehmen -- eine Möglichkeit, die im Zuge der deutsch-polnischen Freundschaftsverträge geschaffen wurde.
Seit nunmehr fünf Jahren unterrichtet sie Studenten für das Lehramt in drei Grundkursen (im Schnitt 20 Studenten) in deutscher Konversation.
Fasziniert von dem Vortragsangebot des Schiller-Instituts, insbesondere von dem Thema "Wir brauchen wieder Revolutionäre wie Schiller -- Gegen den Rückschritt der 68er und ihre Kultur!", lud sie nach Zustimmung ihrer polnischen Kollegen die Referentin Renate Müller De Paoli ein, einen Vortrag gleichen Titels vor allen Deutschstudenten im Kolleg zu halten.
Im Fach Literatur waren bisher die Klassiker Lessing und Goethe, von Schiller "Die Räuber" und "Kabale und Liebe" gelesen worden, aber auch "Modernes" wie Max Frisch und Peter Handke. Eine Theatergruppe wurde gegründet, die im Wettbewerb mit anderen Deutsch-Kollegs bereits Preise errungen hat. Obwohl eine gewisse Vertrautheit mit Schillers Lebenslauf und Gedankenwelt bei den Studenten existierte, herrschte dennoch großes Erstaunen, als die Referentin über Schillers Verständnis von Freiheit und Gerechtigkeit sprach. Fast zehn Jahre exzessiver "freier Marktwirtschaft", die Möglichkeit zu reisen, scheinbar alles unternehmen zu können, was einem gerade in den Sinn kommt -- sofern der notwendige Geldbeutel vorhanden ist --, haben auch bei der jüngeren Generation ihre Spuren hinterlassen und Fragen aufgeworfen. Insofern setzte Schillers "Idee der Freiheit", erläutert durch viele Beispiele aus den Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts", den "Philosophischen Briefen" und Szenen aus dem "Wilhelm Tell", einen wichtigen Kontrapunkt zu den sog. "Freiheitsgesetzen des Marktes".
Für Schiller zeigt sich der persönliche Freiheitsgrad gerade in dem Willen und Mut des Menschen, sich auf die "großen Gegenstände der Menschheit" zu konzentrieren, sich also in die Geschichte und das politische Geschehen einzubringen und sich selbst und die Welt dank seiner Fähigkeit zur schöpferischen Vernunft zu entwickeln. Frei sein heißt also nicht, seine Gefühlswelt und emotionalen Wünsche wie ein Baby auszutoben, sondern zerstörerische Gefühle wie Egoismus, Neid und Haß, die Schiller als schleichenden Selbstmord ansieht, zu überwinden, den Mittelpunkt nicht mehr in sich selbst zu suchen, sondern nach außen in die Menschheit und den Anderen zu verlagern.
In der Diskussion beschrieben einige Studenten sehr offen ihre Schwierigkeit und Angst, mit dem "Supermarkt goldener Westen" zurechtzukommen. Die Furcht, ein Beitritt zur Europäischen Union könnte alles Positive der polnischen Kultur zerstören -- obgleich sich jeder natürlich als Europäer versteht und ein vereintes Europa als Ziel sieht -- spielte dabei eine große Rolle. Noch deutlicher wurden einige im persönlichen Gespräch. Da wurde berichtet von Begegnungen in Deutschland mit deutschen Jugendlichen bei Arbeits- oder Urlaubsaufenthalten, die meist sehr offen begannen. Doch nach der Frage, woher man denn komme, wären bei den Deutschen, voller "Wessi"-Selbstherrlichkeit, plötzlich überaus gemischte Gefühle aufgekommen. Mit Recht sagten die jungen Polen: "Ich schäme mich nicht, Pole zu sein, ich bin stolz darauf, ich brauche kein Mitleid" -- Reaktionen, die uns nachdenklich machen sollten.
Was ist, wenn wir den Spieß einmal herumdrehen? Was würde ein deutscher Professor, Ingenieur, Lehrer oder Facharbeiter empfinden, wenn er in Polen während der Spargelernte sich etwas dazu zu verdienen versucht, um den Lebensstandard seiner Familie nach Jahren kommunistischer Mißwirtschaft aufzuverbessern und er nun vor Ort beständig auf eine bodenlose Überheblichkeit und Arroganz trifft, oft bedingt durch ein enormes Maß an Unwissenheit über den anderen, aber vor allem über die eigene Situation? Wie sagt der Volksmund: "Hochmut kommt vor dem Fall!"
Insofern ist der Beitrag der Lehrerin aus dem Ruhrgebiet sehr entscheidend, die deutsch-polnische Freundschaft voranzutreiben und zu vertiefen. Die Energie und Dynamik, mit der sie gegen Vorurteile auf beiden Seiten ankämpft, haben ihr den Respekt ihrer polnischen Kollegen und Studenten verschafft. Hauskonzerte und Sonntagstreffen, zu denen sie einlädt, sollen Gelegenheiten bieten, sich gegenseitig besser kennenzulernen. Sie versucht aber auch jede Gelegenheit zu nutzen, deutschen Gästen Polen näher zu bringen. Lebendig beschreibt sie, wie sich das Stadtbild von Lissa (Leszno), einer Stadt mit ca. 65<\!q>000 Einwohnern auf der Strecke von Posen (Posznan) und Breslau (Wroclaw), in den fünf Jahren, seitdem sie dort lebt, verändert hat. Das Rathaus hat einen wunderschönen, farbenfrohen Anstrich bekommen, wie auch alle anderen Häuser um den Markt restauriert wurden. Straßen sind erneuert und gebaut worden. Stolz ist diese Stadt auf seine Geschichte, die eng mit den böhmischen Brüdern (religöse Gemeinschaft in Böhmen) und Jan Amos Comenius verbunden ist.
Verläßt der Besucher Leszno, um nach Fraustadt (Wschowa) oder Glogau (Glogow) zu fahren, scheint in manchen Dörfern in diesem Gebiet nahe der deutschen Grenze die Zeit stehengeblieben zu sein. Die Geschichte zwischen Deutschland und Polen zeigt sich in ihrem dramatischen Spannungsfeld. Vertreibung ist hier auf Vertreibung gestoßen, der Vertreibung der Deutschen folgte die Vertreibung und Zwangseinweisung der Ostpolen in dieses Gebiet. Es dauerte Jahrzehnte, mit dieser Grausamkeit des Zweiten Weltkrieges fertig zu werden, sich abzufinden mit diesem historischen Schicksalsschlag, das Leben erneut in die Hand zu nehmen und es sofort wieder gegen die kommunistischen Strukturen zu verteidigen.
So findet sich in den Dörfern eine Zweiteilung, auf der einen Seite das riesige kommunistische Landwirtschaftskombinat und auf der anderen Seite die selbständigen Bauern, z.T. noch auf ihren Pferdewagen und mit Höfen von kleinster Größe und Viehbestand. Die riesigen Waldgebiete, die Unberührtheit der Seen und die zahlreichen Storchennester versetzen hier nicht nur das Herz eines romantischen Grünen aus Deutschland in Entzückung; doch nur ein verdrehter "grüner Fundi" würde die Augen vor der Notwendigkeit verschließen, dieses gigantische Gebiet infrastrukturell besser zu erschließen.
Umfassende Aufbaumaßnahmen sind z.B. in der Stadt Glogau in Gang gesetzt worden. Nach Kriegsende stand praktisch nichts mehr in dieser Stadt, da die Nazis diese Festungsstadt bis zur letzten Sekunde halten wollten. Das einzige, was im besten Falle übrigblieb, waren die Grundmauern mancher Häuser, die beim Wiederaufbau das Fundament stellten. Ganze Straßenzeilen sind in den letzten fünf Jahren in fröhlicher Farbenpracht aufgebaut worden, große Teile des alten Rathauses sind inzwischen restauriert, der einst wunderschöne gotische Dom wird jetzt in Angriff genommen, eine Aufgabe, die noch Jahre in Anspruch nehmen wird.
Die Früchte dieser Städtebaukunst zeigen in bester Weise, wie selbst die schmerzhaftesten geschichtlichen EInschnitte überwunden werden können. Denn es ist die Schönheit, wie Friedrich Schiller sagt, durch welche der Weg zum Herzen und zur Vernunft führt. Das Wissen um Schillers "Idee der wahren Freiheit" und die "Energie des Mutes" zu entwickeln, diesem Weg zu folgen, sind der Anfang! Deshalb soll Schiller zum Schluß noch einmal selbst mit einem kurzen Zitat aus den "Philosophischen Briefen" zu Wort kommen:
"Wenn ich hasse, so nehme ich mir etwas; wenn ich liebe, so werde ich um das reicher, was ich liebe. Verzeihung ist das Wiederfinden eines veräußerten Eigentums -- Menschenhaß ein verlängerter Selbstmord; Egoismus die höchste Armut eines erschaffenen Wesens!...
Aber Egoismus und Liebe scheiden die Menschheit in zwei höchst unähnliche Geschlechter, deren Grenzen nie ineinanderfließen. Egoismus errichtet seinen Mittelpunkt in sich selber; Liebe pflanzt ihn außerhalb ihrer in der Achse des ewigen Ganzen. Liebe zielt nach Einheit, Egoismus ist Einsamkeit. Liebe ist die mitherrschende Bürgerin eines blühenden Freistaats, Egoismus ein Despot in einer verwüsteten Schöpfung!"
Am 30. Mai veranstaltete das Schiller-Institut in Chikago eine Bürgerversammlung, auf der vor allem über das im Kongreß vorgeschlagene Bürgerschutzgesetz gegen die Korruption im US-Justizministerium diskutiert wurde. Mehr als hundert Bürger aus den Bundesstaaten Illinois, Michigan und Indiana waren angereist. Zu den Rednern gehörten der Landtagsabgeordnete Harold James aus Pennsylvania, der Chefredakteur von Final Call aus Chikago James Muhammad sowie der frühere Vorsitzende der Gruppe schwarzer Stadträte in Chikago Clifford Kelly, der selbst zusammen mit vielen anderen afro-amerikanischen Politikern aus Illinois Mitte der 80er Jahre ein Opfer der FBI-Operation Frühmenschen geworden war. Nach seiner Verurteilung und Inhaftierung gab Kelly aber nicht klein bei, er moderiert heute eine der bekanntesten Radio-Talkshows in Chikago und sieht sich als "Stimme der Gerechtigkeit" seiner Stadt. Auch Clarence McLain, der die Wahl von Harold Washington zum ersten afro-amerikanischen Bürgermeister Chikagos wesentlich mitorganisiert hatte, nahm auf dem Podium Platz; er war ebenfalls Opfer der "Operation Frühmenschen" geworden und dann im Gefängnis mit Lyndon LaRouche zusammengetroffen.