Die häßliche Wirklichkeit des amerikanischen "Wirtschaftsbooms"

(* Die hier wiedergegebene Rede mit Fakten über die in der Realität häßliche Wirklichkeit des amerikanischen "Wirtschaftsbooms", wurde von Lothar Komp bei einer Veranstaltung in Berlin am 3. April 2000 gehalten, bei der die neue Studie der Nachrichtenagentur EIR unter dem Titel "Mythos Informationsgesellschaft" einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Die wirtschafts- und finanzpolitischen Vorschläge des Schiller-Instituts e.V. basieren auf diesen hier erarbeiteten Fakten, deshalb möchten wir diese Interessenten an unserer Arbeit hiermit zur Verfügung stellen.)

 Die gesamte Weltwirtschaft ist von einer dramatischen Umwälzung erfaßt worden, die keinen Stein auf dem anderen läßt. Die alten Wertmaßstäbe, die den realwirtschaftlichen Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg begleiteten, werden über Bord geworfen. An ihre Stelle treten ökonomische Vorstellungen, die noch vor wenigen Jahren allgemein als irrwitzig oder gemeingefährlich gegolten hätten. Inzwischen hat es die Begeisterung über den elektronischen Versandhandel via Internet fertiggebracht, daß Anleger allein in den USA rund tausend Milliarden Dollar in Internetaktien investiert haben, obwohl

Über die Aktienmärkte hat die massenpsychologische Umwertung natürlich längst durchschlagende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft gewonnen, denn Aktien stellen die neue globale Währung für internationale Firmenübernahmen dar. So bringen es einzelne US-Unternehmen wie das Softwarehaus Microsoft oder der Internet-Ausrüster Cisco -- mit ihren wenigen zehntausend Mitarbeitern -- auf eine Marktkapitalisierung von jeweils rund 500 Milliarden Dollar, während am entgegengesetzten Ende der Werteskala die Ukraine -- eines der bevölkerungsreichsten Länder Europas und noch vor wenigen Jahren einer der wichtigsten Produzenten in der Luft- und Raumfahrt weltweit -- ihre internationale Kreditwürdigkeit verloren hat, weil sie den Schuldendienst auf eine Zwei-Milliarden-Dollar-Anleihe nicht begleichen kann. Nun steht die Ukraine unter großem Druck, ihre verbliebenen Industriekapazitäten zu privatisieren und an ausländische Investoren zu verkaufen. Dabei würde dann -- unter den gegenwärtigen Bedingungen -- der Verkaufswert all dieser ukrainischen Industrieunternehmen zusammengenommen noch nicht einmal an den Marktwert eines der mittelgroßen Bankrottunternehmen des US-Internetsektors heranreichen.

Irgendwo zwischen der Ukraine und der US-Wirtschaft stehen die Volkswirtschaften Westeuropas. Zwar haben sie sich in einigen Bereichen der klassischen Investitionsgüterproduktion wie dem Maschinenbau noch eine Technologieführerschaft bewahrt. Aber mit großem Medienaufwand und unter dem Beifall der europäischen Regierungschefs wird auch hier der Übergang in die verheißungsvolle "New Economy" amerikanischen Musters vorangetrieben. Unter diesen Umständen ist es wohl dringend angeraten, einmal die Aufmerksamkeit auf die häßlichen Realitäten zu richten, die sich hinter der glitzernden Fassade des sogenannten amerikanischen Wirtschaftsbooms verbergen.

 

Das amerikanische "Produktivitätswunder"

Der ganze Hokuspokus von der "New Economy" gründet auf der Behauptung, dank ihrer Vorreiterrolle bei der "digitalen Revolution" mache die amerikanische Wirtschaft gegenwärtig derart rasante Produktivitätssprünge, daß entgegen der traditionellen Sichtweise vom Auf und Ab der Konjunkturzyklen jetzt eine Ära ununterbrochenen Wirtschaftswachstums ohne Preisinflation eingesetzt habe. Das garantiere dann zugleich fortgesetzte Kursgewinne an den Aktienmärkten. Dabei wird in der Regel ein wichtiger Umstand verschwiegen.

Nach allen offiziellen Statistiken war der gemessene Produktivitätsanstieg in den USA zwischen 1970 und 1995 erheblich niedriger als in der gesamten Phase der Nachkriegszeit bis zum Ende der 60er Jahre. Während der durchschnittliche Zuwachs der Arbeitsproduktivität in der US-Wirtschaft in den 50er und 60er Jahren oberhalb von jeweils 2% pro Jahr lag, erreichte er anschließend allenfalls die Hälfte. Schlimmer noch. Vergleicht man die Kurve der jährlichen Produktivitätsgewinne mit der Kurve der jährlichen Investitionen in Computertechnologie, so stößt man auf eine frappierende negative Korrelation: Je mehr die US-Wirtschaft für Computertechnologie ausgegeben hat, desto niedriger war ihr Produktivitätszuwachs.

Man spricht in Kennerkreisen allgemein vom "Produktivitätsparadox". Vor ein paar Jahren beschrieb der amerikanische Wirtschafts-Nobelpreisträger Robert Solow dieses Paradox mit den Worten:

"Überall stößt man auf das Computerzeitalter, nur nicht in der Produktivitätsstatistik."

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre gingen die US-Behörden dazu über, ihre Inflations- und Produktivitätsstatistiken durch neue Berechnungsmethoden Schritt für Schritt aufzupolieren. Das Ergebnis dieser Bemühungen war dann die Ausrufung einer sog. "Beschleunigung des Produktivitätswachstums" in den Jahren 1996 bis 1999. Zwar findet dieses Märchen weiterhin rege Verbreitung, nicht zuletzt durch den Vorsitzenden der Federal Reserve Alan Greenspan. Aber der Betrug hinter diesen Zahlen wurde längst von US-Ökonomen wie Professor Robert Gordon von der Northwestern University bloßgestellt. Letzterer wies in seiner im Juni 1999 vorgelegten Studie im einzelnen die statistischen Manipulationen der US-Behörden auf. Er stellte abschließend fest, daß es zwar in der Computerindustrie selbst dramatische Produktivitätssteigerungen gegeben hat, aber

"es gibt keine Beschleunigung des Produktivitätswachstums in den 99% der Wirtschaft, die außerhalb des Sektors der Herstellung von Computerhardware liegen".

Wenn es aber die sagenhaften Produktivitätszuwächse gar nicht gibt, die angeblich den US-"Wirtschaftsboom" antreiben, woher speist sich dann die ungewöhnlich langandauernde Euphorie an den Aktienmärkten? Ein Blick auf einige Kennzahlen der amerikanischen Wirtschaft wie Verschuldung, Infrastrukturinvestitionen und Realeinkommen liefert die Antwort.

Die US-Wirtschaft befindet sich im Würgegriff der möglicherweise größten spekulativen Finanzblase der Menschheitsgeschichte. Um diese Blase aufrechtzuerhalten, müssen immer größere Teile der Privathaushalte überredet werden, ihre gesamte Ersparnis und Altersvorsorge den fiebrigen Börsenplätzen anzuvertrauen. Hierbei nimmt das Argumentationsgebäude von der "New Economy" eine wesentliche Rolle ein. Zwar gibt es kaum einen Anleger, der dumm genug wäre, das Gerede von der "New Economy" für bare Münze zu nehmen. Aber es klingt ihm immerhin glaubwürdig genug, daß er hofft, es würden genügend andere Dumme darauf hereinfallen. So kommt dann eben alles darauf an, solange wie möglich im Markt zu bleiben und Kursgewinne einzustreichen, um dann noch gerade rechtzeitig den Ausgang zu erwischen, wenn die Blase schließlich platzt.

Um aus der Spekulationsblase maximales Kapital zu schlagen, werden auf allen Ebenen -- bei den Privathaushalten, den Unternehmen und auch beim Staat -- langfristige Investitionen und Vorkehrungen zugunsten kurzfristiger Vorteile zurückgestellt. Dies hat verheerende Auswirkungen für die amerikanische Volkswirtschaft. Hierzu gehören:

 

Die Schuldenpyramide

Tatsächlich weisen alle Kategorien der Verschuldung in den USA ein enormes Wachstum auf:

Dies sind aber nur die Schulden, welche die Anleger direkt bei ihren Aktienhändlern machen. Werden auch solche Aktienkäufe eingerechnet, die über Kreditkarten, durch Beleihung von Rücklagen zur Altersversorge und durch Hypotheken auf Häuser und Grundstücke finanziert werden, so beläuft sich das Volumen ausstehender Aktienkredite in den USA auf bis zu 600 Mrd. Dollar, wodurch die Relationen von 1929 noch bei weitem übertroffen werden.

Während die privaten Haushalte in den USA mehr ausgeben, als sie einnehmen, verbraucht die amerikanische Wirtschaft mehr Güter und Dienstleistungen, als sie selbst produziert. Dies hat in den vergangenen Jahren zu einer geradezu explosionsartigen Ausweitung des US-Handelsdefizits geführt:

 

Verfallende Infrastruktur

Durch jahrzehntelange Vernachlässigung ist in den USA inzwischen ein gewaltiger Rückstand an notwendigen Infrastrukturinvestitionen aufgelaufen. Nach Angaben der Ingenieursvereinigung American Society of Civil Engineers (ASCE) in Washington wären allein innerhalb der nächsten fünf Jahre 1,3 Billionen Dollar nötig, um nur die dringendsten Schäden in der physischen Infrastruktur der USA zu beheben:

 

Die US-"Jobmaschine": Mehr arbeiten für weniger Lohn

Zu den am häufigsten zitierten Belegen für den scheinbaren Erfolg der "New Economy" gehört die Behauptung, seit Beginn der 80er Jahre seien in den USA 30 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen worden. Dabei wird in der Regel geflissentlich verschwiegen, daß in den USA durch Zuwanderung und höhere Geburtenraten die Bevölkerungszahl im Gegensatz zu Europa oder Japan weiterhin recht schnell zunimmt. So stieg die US-Bevölkerung allein zwischen 1990 und 1998 um 21,5 Millionen.

Hinzu kommt, daß nach einem jahrzehntelangen Rückgang der Reallöhne heute nur noch jeder zweite Arbeitsplatz in den USA ein Einkommen abwirft, das für die Aufrechterhaltung eines Familienhaushalts mit zwei oder mehr Personen ausreicht. Folglich hat die Doppel- oder Dreifachbeschäftigung in den USA einen enormen Anstieg erlebt. Inzwischen sind fast drei Viertel aller Frauen in den USA, die den entsprechenden Altersgruppen angehören, berufstätig. Selbst bei alleinerziehenden Müttern mit Kindern unter sechs Jahren stieg die Erwerbstätigenquote zwischen 1990 und 1997 von 48,7% auf 65,1% an.

Natürlich hat die Geldvermehrung an der Börse in den vergangenen Jahren mehrere Millionen Amerikaner zu Millionären gemacht. Zur gleichen Zeit schrumpften aber die realen Einkommen von vier Fünftel der US-Familien.

Und die Aktienmärkte haben bei der Ausweitung der Schere zwischen Arm und Reich noch kräftig nachgeholfen: Zwischen 1995 und 1999 verdreifachten sich in den USA die realisierten Kapitalgewinne von 180 Mrd. auf 530 Mrd. Dollar. Insgesamt betrugen die Einkommen aus Kapitalgewinnen, Dividenden und Zinsen im Jahr 1999 rund 1,6 Billionen Dollar (Graphik 4). Inzwischen sind diese Vermögenseinkommen in den USA bereits deutlich größer als das gesamte Einkommen aus produktiver Beschäftigung (Industrie, Bau, Bergbau, Landwirtschaft, Verkehr und Stromerzeugung).

Dabei entfallen aber drei Viertel dieser Vermögenseinkommen auf die oberen 20% der Einkomensskala.

Einen weiteren Hebel bei der Umverteilung zugunsten der Reichen bildeten die massiven Steuergeschenke seit Ende der 70er Jahre, die in erster Linie den höheren Einkommensgruppen zugute kamen. Diese wurden mit Einsparungen im Sozialhaushalt und im Gesundheitswesen in dreistelliger Milliardenhöhe finanziert. Allein der 1997 verabschiedete "Balanced Budget Act" beinhaltete Kürzungen bei den Regierungsausgaben für Soziales und Gesundheit von insgesamt 433 Mrd. Dollar über einen Zeitraum von zehn Jahren:

Viele der kommunalen Krankenhäuser, die bislang 44% ihrer Einnahmen aus Medicare und Medicaid bezogen, werden dadurch in den Bankrott getrieben.

Weniger als zwei Drittel der Beschäftigten in den USA sind heute krankenversichert. Beim unteren Fünftel der Einkommensskala ist sogar nur jeder vierte Arbeitnehmer krankenversichert. Im Jahre 1999 hatten elf Millionen Kinder in den USA keine Krankenversicherung und waren dadurch von ausreichender Gesundheitsversorgung ausgeschlossen. Zwischen 1987 und 1997 stieg die Zahl der US-Bürger ohne Krankenversicherung dramatisch von 31,0 auf 43,4 Millionen an. Ähnlich sieht es bei der Altersversorgung aus. Nur noch bei 45% der Beschäftigten zahlt heute der Arbeitgeber Beiträge für eine Altersrente. Beim unteren Fünftel der Einkommen sind es gerade 13%.

Sonderbarer "Wirtschaftsboom": Ein schwarzes Baby, das heutzutage in den ärmeren Bezirken von New York City geboren wird, hat eine geringere Lebenserwartung als ein Neugeborenes in Bangladesh.