20 Prozent oben, 80 Prozent unten
Vier Fünftel der Amerikaner werden immer ärmer

Die spektakulären Gewinne aus der Aktienblase und anderer Spekulation -- die natürlich zu Lasten der Realwirtschaft gehen -- kommen nur einer kleinen Minderheit zugute. Die Gegensätze bei den Besitzverhältnissen sind in Amerika so groß wie seit 1929 nicht mehr.

Auf der ganzen Welt ertönt es laut: Amerika befindet sich seit zehn Jahren im Aufschwung, noch nie haben die Amerikaner so viel Geld verdient wie jetzt. Als Beweis dafür wird gerne die Ende 1999 erschienene Statistik des US-Handelsministeriums Geldeinkommen in den USA 1998 herangezogen. Aber die Statistik lügt; in der tagtäglichen Wirklichkeit gibt es keinen Aufschwung: 80% aller Amerikaner werden mit jedem Jahr ärmer. Nur die oberen 20%, die von der Spekulationsblase profitieren, werden reicher.

Amerika ist geteilt: ein Fünftel bildet die Oberschicht, vier Fünftel die Unterschicht. Allerdings ist dieser Entwicklungstrend nicht neu, sondern das Ergebnis einer gezielten Politik. Nach dem Mord an Präsident Kennedy 1963 begann die "nachindustrielle" Politik; Industrie, Landwirtschaft, harte und weiche Infrastruktur wurden immer weiter zurückgefahren, die amerikanische Volkswirtschaft war immer weniger in der Lage, sich selbst zu reproduzieren. Statt dessen wucherten die nachindustriellen Dienstleistungen, ganz besonders im Finanzsektor. Es entstand das Krebsgeschwür einer gewaltigen Spekulationsblase, die sich auf Kosten der Realwirtschaft immer mehr ausweitet.

Betrachten wir nun Reichtum und Armut in Amerika.

Seit zwei Jahrzehnten öffnet sich die Einkommensschere immer weiter. 1977 verdienten die "unteren" 80% der amerikanischen Familien 55,8% des Realeinkommens. 1999 waren es nur noch 49,6%. Das heißt, die "oberen" 20% haben jetzt mehr Einkommen als alle übrigen zusammengenommen. Die reichsten 1% aller Familien (1,2 Mio. Familien mit 2,75 Mio. Personen) verdienten mehr als die ärmsten 38% (43,7 Mio. Familien mit 105,6 Mio. Personen). So einen massiven Einkommensunterschied hat es in der amerikanischen Geschichte noch nie gegeben.

Den größten Teil des Einkommens der oberen 20% bilden realisierte Kapitalgewinne. Hinzu kommen zwei weitere Einkommensquellen, die in den letzten 20 Jahren massiv anwuchsen: Dividenden und Zinseinkünfte.

Das Wachstum der Kapitalgewinne beruht vor allem auf zwei Arten von Spekulation: dem aberwitzigen Anstieg der Aktienwerte und dem inflationären Preisanstieg bei Immobilien. Die Finanzoligarchie schuf unter der Aufsicht von Notenbankchef Alan Greenspan die Aktienblase mit Hilfe zahlreicher Multiplikator-Effekte ("Leverage") wie z.B. "Brokerkrediten" zum Aktienkauf auf Kredit, fremdfinanzierten feindlichen Übernahmen oder Aktienderivaten zur Manipulation der Börse, die inzwischen in die Billionen Dollar gehen.

Von 1955 bis 1990 stiegen die realisierten Kapitalgewinne langsam an, blieben jedoch in einem ziemlich moderaten Rahmen, meist (außer 1986) weit unter 200 Mrd. Dollar. Seit 1990 stiegen sie rascher. Zwischen 1995 und 1999 haben sie sich dann in nur vier Jahren von 180 Mrd. auf 530 Mrd. Dollar verdreifacht. Drei Viertel dieses Anstiegs um 370 Mrd. Dollar kam den oberen 20% zugute.

Zu diesen 530 Milliarden kamen 1999 noch etwa 174 Mrd. Dollar Privateinkommen aus Dividenden sowie 787 Mrd. Dollar private Zinseinkünfte und gerinfügige weitere Kapitaleinkünfte hinzu. Alles zusammen: 1,61 Billionen Dollar. Drei Viertel davon, 1,2 Billionen Dollar, fließen den oberen 20% zu.

Das Einkommen aus diesen drei Kategorien macht heute 21,3% des Privateinkommens der Amerikaner aus. Das ist mehr als das gesamte Einkommen aus produktiver Beschäftigung (Industrie, Bau, Bergbau, Landwirtschaft, Verkehr und Stromerzeugung), das nur noch 18,8% ausmacht.

Die Disparität des Lebensstandards zwischen Arm und Reich geht aber noch viel weiter. Denn die genannten Zahlen sagen nichts über den Zusammenbruch der lebensnotwendigen Infrastruktur aus: Schließung von Krankenhäusern, Abbau der medizinischen Versorgung, Kollaps im Verkehrswesen, dramatischer quantitativer und qualitativer Verfall des Bildungswesens.

Oder nehmen wir als ein anderes Beispiel das Wohnen. 1963 mußte ein durchschnittlicher Arbeitnehmer (außerhalb des Farmsektors) 339 Wochenlöhne aufbringen, um sich ein Haus zu kaufen oder zu bauen. 1998 waren es 761 Wochenlöhne. Die Kaufkraft ist also in diesem Bereich um 48% gesunken.

 

Sich selbst vermehrender Privatbesitz

Die oberen 20% der Amerikaner verdienen deshalb so viel, weil sie schon Reichtum besitzen, der Zinseinkünfte usw. liefert. Beim Besitz ist der Gegensatz zwischen Arm und Reich noch größer als beim Einkommen.

Die (gemessen am Eigentum) reichsten 10% der amerikanischen Familien besitzen zwischen 70% und 90% der Aktien, Anleihen, Grundbesitz, Treuhandvermögen und Futureskontrakte. Ihnen gehören mehr als 90% aller nichtstaatlichen Unternehmen (siehe unten). Damit haben sie eine starke Kontrolle über wichtige Rohstoffe und Güter wie Öl, Gas und andere Energieträger, Nahrungsmittel und die Kommunikations-Infrastruktur. Sie übernehmen im Rahmen der Privatisierung in diesen und anderen Bereichen immer größere ehemals staatliche Bereiche. Die reichsten 10% besitzen auch den Löwenanteil der Edelmetalle in Form von Goldbarren und Schmuck. Sie tun, als gehöre ihnen das ganze Land.

Nach Angaben des Consumer Finance Survey der US-Notenbank Federal Reserve besaßen die Amerikaner im Jahr 1995 insgesamt Aktien im Wert von 2,75 Bio. Dollar. Davon entfielen auf die reichsten 1% allein schon 42,2% (1,16 Bio. Dollar), dann auf die nächsten 9% nochmals 42,2% und schließlich auf die übrigen 90% zusammen noch 15,6% (0,43 Bio. Dollar). Wenn das obere Zehntel 84,4% aller Aktien besitzt, ist es nur logisch, daß es auch mehr als drei Viertel der realisierten Kapitalgewinne und Dividenden einstreicht.

Bei Anleihen ist die Lage noch extremer. 1995 besaßen die obersten 10% von allen Anleihen im Gesamtwert von 1,14 Bio. Dollar 90,3%, die unteren 90% nur 9,7%. Vom privaten Unternehmensbesitz, insgesamt 4,02 Bio. Dollar, entfielen auf die reichsten 1% schon 71,4%, auf die untersten 90% nur 7,7%.

Hinzu kommt das, was in der Statistik der Notenbank unter "andere Werte" aufgelistet ist: Metalle, Schmuck, Antiquitäten, Gemälde, Futureskontrakte, Ölpacht usw. Hier entfallen 70,7% auf die reichsten 10%.

Genau umgekehrt ist die Lage bei der privaten Verschuldung. Die unteren 90% sitzen auf 70,9% der Schulden. Denn viele versuchen, einen einmal erreichten Lebensstandard bei sinkender Kaufkraft durch Schuldenmachen zu erhalten.

Zählt man alle Vermögenswerte zusammen, so entfallen 6473 Bio. Dollar oder 31,5% auf die unteren 90% und mehr als zwei Drittel (68,5%), nämlich 14046 Bio. Dollar, auf die obersten 10%. Und das eine Prozent der Superreichen -- weniger als drei Millionen Menschen -- besitzt (35,1% Anteil am Reichtum) mehr als die unteren 90% der amerikanischen Familien -- fast 250 Millionen Menschen -- zusammengenommen (31,5% Anteil). So groß waren die Gegensätze bei den Besitzverhältnissen seit 1929 nicht mehr.

 

Armut steigt

Das US-Handelsministerium meldete im September 1999, die Zahl der Armen in den USA sei zwischen 1994 und 1998 von 38,06 Millionen auf 34,48 Millionen Menschen zurückgegangen, es gäbe also 3,58 Millionen Arme weniger. Der entsprechende Prozentsatz sank von 14,5% auf 12,7%.

Erstens heißt das immer noch, daß jeder achte Amerikaner offiziell in Armut lebt, was schon schlimm genug ist. Hinzu kommt aber, daß die Statistik auf freche Art und Weise gefälscht ist.

Die Armutsgrenze wurde nämlich künstlich gesenkt, so daß auch weniger Menschen unter diese Grenze fielen. Der Betrug liegt in der Fälschung der Inflationsrate. Die Regierung wendet bei der Berechnung der Inflation neuerdings eine "Anpassungsprozedur" namens "Quality Adjustment Index" (QAF) an. Mit dem QAF werden bei Hunderten von Produkten Preiserhöhungen ganz oder teilweise gegen angebliche Qualitätsverbesserungen aufgerechnet und verschwinden so aus der Inflationsstatistik.

Außerdem ist die amtliche Armutsgrenze ohnehin lächerlich niedrig angesetzt. 1998 setzte die Regierung die Grenze bei einem Jahreseinkommen von 16600 Dollar für eine vierköpfige Familie. Realistisch gesehen müßte die Armutsgrenze aber viel höher liegen, etwa bei "150% der Armutsgrenze" (24990 Dollar), was in der Statistik des Handelsministeriums aufgelistet ist. 58,3 Millionen Amerikaner fielen dann unter diese Grenze, mehr als ein Fünftel (21,5%) der Bevölkerung. Die meisten Familien werden es auch damit schwer haben auszukommen, besonders wenn sie ihre Kinder wirklich für ein produktives, schöpferisches Leben erziehen möchten. Weitere 45 Millionen Amerikaner kommen nicht mehr als 10000 Dollar über diese Grenze hinaus.

Selbst die amtlichen Zahlen fördern Erschreckendes genug zutage. Von den offiziell 34,48 Millionen Armen haben nämlich nur 14,64 Mio. eine Arbeit, davon nur 9,63 Mio. (also 28%) einen Vollzeitjob.

 

Die Folgen der Sparmanie

Die Spekulationsblase, aus der die Superreichen ihr Einkommen ziehen, ist nicht mehr lange haltbar. Sie wird platzen. Aber die verzweifelten Versuche, das gegenwärtige Finanzsystem zu retten, bedeuten politisch eine brutale Sparpolitik, und diese wird bis zum bitteren Ende weitergehen.

Ein Beispiel dafür sind die Steuerpläne des Präsidentschaftsanwärters George W. Bush. Er forderte im Dezember Steuererleichterungen von 1,7 Billionen Dollar über zehn Jahre, die durch massive Haushaltskürzungen ausgeglichen werden sollen -- und das zusätzlich zu den Vorgaben des 1997 beschlossenen Verfassungszusatzes über einen ausgeglichenen Staatshaushalt (Balanced Budget Amendment). Dieser schreibt von 1997-2007 bei den staatlichen Krankenversicherungen Medicare und Medicaid Kürzungen in Höhe von insgesamt 433 Mrd. Dollar vor. Medicaid liefert die Krankenversorgung für die Armen, Medicare für alte Menschen und viele Behinderte. Die Kürzungen erzwangen bereits etliche Schließungen von Krankenhäusern, Kliniken und Pflegeheimen. Unter einem Präsidenten Bush junior würde sich das noch bedeutend verschärfen.

Und wer würde von Bushs Plänen profitieren? Wieder die reichsten 1% der Amerikaner, die 627 Mrd. Dollar Steuern sparen würden, jeder einzelne im Durchschnitt mehr als 50000 Dollar jährlich. Auf die untersten 20% zusammengenommen entfielen ganze 0,6% der Steuersenkung, nur 10 Mrd. Dollar. Ein Steuerzahler aus diesen unteren 20% würde jährlich die gigantische Summe von 43 Dollar sparen.