Zurück zur Kulturwerkstatt
  Schillerfest 2003

Von der Menschheit --

du kannst von ihr nie groß genug denken;
Wie du im Busen sie trägst, prägst du in Taten sie aus."

Erster Sprecher: Guten Abend, sehr verehrtes Publikum!

Sie alle schätzen unseren großen Dichter der Freiheit, Friedrich Schiller, dessen 244. Geburtstag wir an diesem Abend feiern. Und deshalb wird es Ihnen leicht fallen, die Gegenwart mit seinen Augen zu betrachten und aus seinem Blickwinkel zu überlegen, was die klassische Kunst heute vielleicht bewirken kann.

Dabei werden wir genau umgekehrt vorgehen, wie es die Vertreter des Regietheaters machen: Wir wollen die Ideen Schillers nicht "modernisieren", also mit banalen Bezügen zur Gegenwart "aufpeppen", sondern wir wollen uns fragen, wie wir heute eigentlich vor Schillers Maßstab dastehen.

Erinnern wir uns, wie Schiller den moralischen Zustand seiner Zeit in "Über Anmut und Würde" beschrieben hat; -- was würde er heute sagen? Ein Großteil unserer Zivilisation scheint noch weit verrohter zu sein als zu Schillers Zeiten. Die Mehrheit der Menschheit leidet unerträglichen Mangel, während ein anderer Teil in sinnloser Begierde dem Konsum frönt. Eine Spirale der Gewalt terrorisiert die Menschen in immer mehr Regionen der Welt, aber merkwürdigerweise finden wir diese Gewalt in Film, Fernsehen und Internet auch noch "unterhaltsam"-- sonst hätte der "Terminator" wohl kaum Gouverneur von Kalifornien werden können. Eine scheinbar grenzenlose Steigerung der Genußsucht eines Teils der Gesellschaft hat dazu geführt, daß das Unterscheidungsvermögen zwischen Recht und Unrecht weitgehend abhanden gekommen ist: Man darf sich nur nicht erwischen lassen, lautet hingegen die Maxime.

Einem Großteil der Menschheit fehlen die Mindestvoraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben, während die nicht Betroffenen eine erstaunlich brutale Indifferenz gegenüber diesem Mißstand an den Tag legen. Die Universalgeschichte ist voll von Beispielen, daß Zivilisationen, die ein vergleichbares Paradigma aufwiesen, gesetzmäßig untergegangen sind.

Schiller war sich absolut darüber bewußt, daß die europäische Geschichte von zwei völlig entgegengesetzten Traditionen geprägt ist: Die eine geht davon aus, daß der Mensch nur ein Wesen der sinnlichen Erfahrung ist. Plato beschreibt diesen Fall in seinem berühmten Höhlengleichnis, wo der Mensch in einer nur spärlich beleuchteten Höhle sitzt, und nicht die wirklichen Ereignisse, die außerhalb seines Gesichtskreises geschehen, sondern deren Schatten für die Realität hält. Ein solcher Mensch, gefangen in der Welt der sinnlichen Erfahrung und Begierde, ist seiner eigentlichen Menschlichkeit beraubt, und Schiller hat sich mit seinem ganzen Werk in all seinen Aspekten bemüht, seine Leser und Zuschauer aus diesem erbärmlichen Zustand herauszuholen.

Und dabei verfuhr unser Dichter sehr polemisch, denn er wollte den in diesem Zustand gefangenen Zeitgenossen einen Spiegel vorhalten, weil Selbsterkenntnis der erste Schritt zur Überwindung solcher Probleme ist. Aber vielleicht schrieb er ja gar nicht nur für die Zeitgenossen, vielleicht erahnte er ja das Publikum im Fußballstadium oder bei den Pop-Konzerten und Rave-Parties?

Sprecher A: So scheint es, Schiller schreibt nämlich in "Anmut und Würde":

Wenn der Mensch, unterjocht vom Bedürfnis, den Naturtrieb ungebunden über sich herrschen läßt, so verschwindet mit seiner inneren Selbständigkeit auch jede Spur derselben in seiner Gestalt. Nur die Tierheit redet aus dem schwimmenden, ersterbenden Auge, aus dem lüstern geöffneten Munde, aus der erstickten, bebenden Stimme, aus dem kurzen, geschwinden Atem, aus dem Zittern der Glieder, aus dem ganzen, erschlaffenden Bau. Nachgelassen hat aller Widerstand der moralischen Kraft, und die Natur in ihm ist in volle Freiheit gesetzt.

Aber eben dieser gänzliche Nachlaß der Selbsttätigkeit, der im Moment des sinnlichen Verlangens und noch mehr im Genuß zu erfolgen pflegt, setzt augenblicklich auch die rohe Materie in Freiheit, die durch das Gleichgewicht der tätigen und leidenden Kräfte bisher gebunden war. Die toten Naturkräfte fangen an, über die lebendigen der Organisation die Oberhand zu bekommen, die Form von der Masse, die Menschheit von gemeiner Natur unterdrückt zu werden.

Das seelestrahlende Auge wird matt oder quillt auch gläsern und stier aus seiner Höhlung hervor, der feine Inkarnat der Wangen verdickt sich zu einer groben und gleichförmigen Tüncherfarbe, der Mund wird zur bloßen Öffnung, denn seine Form ist nicht mehr Folge der wirkenden, sondern der nachlassenden Kräfte, die Stimme und der seufzende Atem sind nichts als Hauche, wodurch die beschwerte Brust sich erleichtern will, und die nun bloß ein mechanisches Bedürfnis, keine Seele verraten.

Mit einem Worte: bei der Freiheit, welche die Sinnlichkeit sich selbst nimmt, ist an keine Schönheit zu denken. Ein Mensch in diesem Zustand empört nicht bloß den moralischen Sinn; auch der ästhetische Sinn wird sich mit Ekel von einem solchen Anblick abwenden, bei welchem nur die Begierde ihre Rechnung finden kann.

Jugendlicher: Aber Moment mal, das finde ich jetzt total uncool, wenn du als Beispiel für das Gefangensein in der sinnlichen Begierde Leute nennst, die zu Pop und Rave-Parties gehen. Ich gebe ja zu, daß es nicht besonders originell ist, wenn jetzt Millionen Jugendliche alle im Prinzip dieselben Songs üben, um sich dann öffentlich von Dieter Bohlen fertigmachen zu lassen.

Aber richtig peinlich wird es doch erst, wenn meine Mutter dauernd mit meiner Schwester in die Disco gehen will. Und wenn mein Alter mit seiner Glatze und Pferdeschwanz seiner Abba- Nostalgie nachgeht. Da paßt die Beschreibung von Schiller schon eher.

Und überhaupt finde ich es nicht gerade super, was für eine Welt die jetzige Erwachsenengeneration, die 68er und was es sonst noch alles gab, uns so hinterlassen hat. Irgendwie denkt doch jeder nur an seinen Vorteil, alle haben sich die Taschen vollgestopft, und jetzt, wo wir jungen Leute wissen wollen, wie für uns die Zukunft aussehen soll, hören wir nur: Sparen, sparen, sparen. Irgendwie ist da was ganz dumm gelaufen.

Sprecher A: In seinen Taten malt sich der Mensch, und welche Gestalt ist es, die sich in dem Drama der jetzigen Zeit abbildet! Hier Verwilderung, dort Erschlaffung: die zwei Äußersten des menschlichen Verfalls, und beide in einem Zeitraum vereinigt!

In den niedern und zahlreichern Klassen stellen sich uns rohe gesetzlose Triebe dar, die sich nach aufgelöstem Band der bürgerlichen Ordnung entfesseln und mit unlenksamer Wut zu ihrer tierischen Befriedigung eilen.

Auf der andern Seite geben uns die zivilisierten Klassen den noch widrigern Anblick der Schlaffheit und einer Verkommenheit des Charakters, die desto mehr empört, weil die Kultur selbst ihre Quelle ist. Ich erinnere mich nicht mehr, welcher alte oder neue Philosoph die Bemerkung machte, daß das Edlere in seiner Zerstörung das Abscheulichere sei; aber man wird sie auch im Moralischen wahr finden. Aus dem Natursohne wird, wenn er ausschweift, ein Rasender; aus dem Zögling der Kunst ein Nichtswürdiger. Die Aufklärung des Verstandes, deren sich die verfeinerten Stände nicht ganz mit Unrecht rühmen, zeigt im ganzen so wenig einen veredelnden Einfluß auf die Gesinnungen, daß sie vielmehr die Verderbnis durch Maximen befestigt.

Erster Sprecher: Das Merkwürdige ist ja, daß die Leute, die bisher von dem herrschenden System profitiert und gedacht haben, daß jeder durch Spekulation am Aktienmarkt Millionär werden kann, von der allgemeinen Schlaffheit und Verkommenheit des Charakters der Gesellschaft nichts zu merken scheinen. Erst jetzt, wo offensichtlich wird, daß nicht nur die Blasen an den Finanzmärkten platzen, sondern sich auch die reale Wirtschaft im freien Fall befindet, und alle Säckel leer sind, bekommt die satte Selbstzufriedenheit dicke Risse. Der Wertewandel von einer Gesellschaft, die stolz darauf war, die besten Produkte der Welt zu produzieren, hin zur Spaß- und Konsumgesellschaft ging seit über dreißig Jahren in vielen kleinen Schritten vor sich. Das Resultat ist eine geistige Rückentwicklung der ganzen Bevölkerung, wie man an der Pisa-Studie, der Unterhaltungsindustrie, aber auch im akademischen Leben sehen kann.

Sprecher B: Darüber hat Schiller schon 1789 in seiner Jenaer Antrittsvorlesung gesprochen:

Anders ist der Studierplan, den sich der Brotgelehrte, anders derjenige, den der philosophische Kopf sich vorzeichnet. Der Brotgelehrte, dem es bei seinem Fleiß einzig und allein darum zu tun ist, die Bedingungen zu erfüllen, unter denen er zu einem Amte fähig und der Vorteile desselben teilhaftig werden kann, der nur darum die Kräfte seines Geistes in Bewegung setzt, um dadurch seinen sinnlichen Zustand zu verbessern und eine kleinliche Ruhmsucht zu befriedigen, ein solcher wird beim Eintritt in seine akademische Laufbahn keine wichtigere Angelegenheit haben, als die Wissenschaften, die er Brotstudium nennt, von allen übrigen, die den Geist nur als Geist vergnügen, auf das sorgfältigste abzusondern. Alle Zeit, die er diesen letztern widmete, würde er seinem künftigen Berufe zu entziehen glauben, und sich diesen Raub nie vergeben...

Hat er seinen Kursus durchlaufen und das Ziel seiner Wünsche erreicht, so entläßt er seine Führerinnen -- denn wozu noch weiter sie bemühen? Seine größte Angelegenheit ist jetzt, die zusammengehäuften Gedächtnisschätze zur Schau zu tragen, und ja zu verhüten, daß sie in ihrem Werte nicht sinken. Jede Erweiterung seiner Brotwissenschaft beunruhigt ihn, weil sie ihm neue Arbeit zusendet, oder die vergangene unnütz macht; jede wichtige Neuerung schreckt ihn auf, denn sie zerbricht die alte Schulform, die er sich so mühsam zu eigen machte, sie setzt ihn in Gefahr, die ganze Arbeit seines vorigen Lebens zu verlieren. Wer hat über Reformatoren mehr geschrieen, als der Haufe der Brotgelehrten? Wer hält den Fortgang nützlicher Revolutionen im Reich des Wissens mehr auf, als ebendiese? Jedes Licht, das durch ein glückliches Genie, in welcher Wissenschaft es sei, angezündet wird, macht ihre Dürftigkeit sichtbar; sie fechten mit Erbitterung, mit Heimtücke, mit Verzweiflung, weil sie bei dem Schulsystem, das sie verteidigen, zugleich für ihr ganzes Dasein fechten. Darum kein unversöhnlicherer Feind, kein neidischerer Amtsgehilfe, kein bereitwilligerer Ketzermacher, als der Brotgelehrte.

Je weniger seine Kenntnisse durch sich selbst ihn belohnen, desto größere Vergeltung heischt er von außen; für das Verdienst der Handarbeiter und das Verdienst der Geister hat er nur einen Maßstab, die Mühe. Darum hört man niemand über Undank mehr klagen, als den Brotgelehrten; nicht bei seinen Gedankenschätzen sucht er seinen Lohn, seinen Lohn erwartet er von fremder Anerkennung, von Ehrenstellen, von Versorgung. Schlägt ihm dieses fehl, wer ist unglücklicher als der Brotgelehrte? Er hat umsonst gelebt, gewacht, gearbeitet; er hat umsonst nach Wahrheit geforscht, wenn sich Wahrheit für ihn nicht in Gold, in Zeitungslob, in Fürstengunst verwandelt.

Beklagenswerter Mensch, der mit dem edelsten aller Werkzeuge, mit Wissenschaft und Kunst, nichts Höheres will und ausrichtet, als der Taglöhner mit dem schlechtesten! der im Reiche der vollkommensten Freiheit eine Sklavenseele mit sich herumträgt!

Erster Sprecher: Das Problem liegt ganz einfach darin, daß in der Welt der sinnlichen Erfahrung keine Lösungen auf höherer Ebene möglich sind, weil man gar nicht über das anscheinend selbstevidente Hier und Jetzt hinausdenken kann. Der brotgelehrte Akademiker ist da noch relativ harmlos. Aber wenn in der großen Politik so gehandelt wird, führt das zur Katastrophe. Darum geht es bei allen Dramen Schillers: Kann die Hauptperson, der Held, die Heldin, sich über die Ebene des sinnlichen Eigeninteresses erheben, dann endet das Drama positiv, wie z.B. Johanna v. Orleans oder Wilhelm Tell. Kann sie das nicht, dann endet es als Tragödie.

Zum Beispiel kommt es in "Maria Stuart" zu der berühmten Auseinandersetzung zwischen den beiden Königinnen, die demonstriert, wie Chancen vertan werden, wenn jeder nur seinen Gefühlen freien Lauf läßt. Die englische Königin Elisabeth, die Tochter Heinrichs VIII. und Anna Boleyns, fürchtet in der katholischen Maria eine tödliche Rivalin. Die Königin von Schottland ist in Frankreich erzogen worden und hat gewisse Ansprüche auf den englischen Thron. Als Maria vor einem Aufstand ihrer eigenen Lords nach England flüchtet und bei Elisabeth Hilfe sucht, läßt diese sie widerrechtlich gefangensetzen und 1587 hinrichten.

Maria: (rafft sich zusammen und will auf die Elisabeth zugehen,
       steht aber auf halbem Weg schaudernd still, ihre Gebärden
       drücken den heftigsten Kampf aus)
Elisabeth:                         Wie...?
       Wer war es denn, der eine Tiefgebeugte
       Mir angekündigt? Eine Stolze find ich,
       Vom Unglück keineswegs geschmeidigt.
Maria:                                        Seis!
       Ich will mich auch noch diesem unterwerfen.
       Fahr hin, ohnmächtger Sto1z der edeln Seele!
       Ich will vergessen, wer ich bin, und was
       Ich litt, ich will vor ihr mich niederwerfen,
       Die mich in diese Schmach herunterstieß.
       (Sie wendet sich gegen die Königin)
       Der Himmel hat für Euch entschieden, Schwester!
       Gekrönt vom Sieg ist Euer glücklich Haupt,
       Die Gottheit bet ich an, die Euch erhöhte!
       (Sie fällt vor ihr nieder)
       Doch seid auch Ihr nun edelmütig, Schwester!
       Laßt mich nicht schmachvoll liegen, Eure Hand
       Streckt aus, reicht mir die königliche Rechte,
       Mich zu erheben von dem tiefen Fall.

Elisabeth (zurücktretend): Ihr seid an Eurem Platz, Lady Maria!
       Und dankend preis ich meines Gottes Gnade,
       Der nicht gewollt, daß ich zu Euren Füßen
       So liegen sollte, wie Ihr jetzt zu meinen.

Maria (mit steigendem Affekt):
       Denkt an den Wechsel alles Menschlichen!
       Es leben Götter, die den Hochmut rächen!
       ...Ehrt
       In mir Euch selbst, entweihet, schändet nicht
       Das Blut der Tudor, das in meinen Adern
       Wie in den Euren fließt -- 0 Gott im Himmel!
       Steht nicht da, schroff und unzugänglich, wie
       Die Felsenklippe, die der Strandende
       Vergeblich ringend zu erfassen strebt.
       Mein Alles hängt, mein Leben, mein Geschick
       An meiner Worte, meiner Tränen Kraft,
       Löst mir das Herz, daß ich das Eure rühre!
       Wenn Ihr mich anschaut mit dem Eisesblick,
       Schließt sich das Herz mir schaudernd zu.

Elisabeth (kalt und streng):
       Was habt Ihr mir zu sagen, Lady Stuart?
       Ihr habt mich sprechen wollen. Ich vergesse
       Die Königin, die schwerbeleidigte,
       Die fromme Pflicht der Schwester zu erfüllen,
       Und meines Anblicks Trost gewähr ich Euch.
       Dem Trieb der Großmut folg ich, setze mich
       Gerechtem Tadel aus, daß ich so weit
       Heruntersteige -- denn Ihr wißt,
       Daß Ihr mich habt ermorden lassen wollen.

Maria: Womit soll ich den Anfang machen, wie
       Die Worte klüglich stellen, daß sie Euch
       Das Herz ergreifen, aber nicht verletzen!
       0 Gott, gib meiner Rede Kraft, und nimm
       Ihr jeden Stachel, der verwunden könnte!
       Kann ich doch für mich selbst nicht sprechen, ohne Euch
       Schwer zu verklagen, und das will ich nicht.
       -- Ihr habt an mir gehandelt, wie nicht recht ist,
       Denn ich bin eine Königin wie Ihr,
       Und Ihr habt als Gefangne mich gehalten,
       Ich kam zu Euch als eine Bittende,
       Und Ihr, des Gastrechts heilige Gesetze,
       Der Völker heilig Recht in mir verhöhnend,
       Schloßt mich in Kerkermauern ein, die Freunde,
       Die Diener werden grausam mir entrissen,
       Unwürdgem Mangel werd ich preisgegeben,
       Man stellt mich vor ein schimpfliches Gericht --
       Nichts mehr davon! Ein ewiges Vergessen
       Bedecke, was ich Grausames erlitt.
       Seht! Ich will alles eine Schickung nennen,
       Ihr seid nicht schuldig, ich bin auch nicht schuldig,
       Ein böser Geist stieg aus dem Abgrund auf,
       Den Haß in unsern Herzen zu entzünden,
       Der unsre zarte Jugend schon entzweit.
       Er wuchs mit uns, und böse Menschen fachten
       Der unglückselgen Flamme Atem zu.
       Wahnsinnge Eiferer bewaffneten
       Mit Schwert und Dolch die unberufne Hand --
       Das ist das Fluchgeschick der Könige,
       Daß sie, entzweit, die Welt in Haß zerreißen,
       Und jeder Zwietracht Furien entfesseln -
       Jetzt ist kein fremder Mund mehr zwischen uns,
       (nähert sich ihr zutraulich und mit schmeichelndem Ton)
       Wir stehn einander selbst nun gegenüber.
       Jetzt, Schwester, redet! Nennt mir meine Schuld.
       Ich will Euch völliges Genügen leisten.
       Ach, daß Ihr damals mir Gehör geschenkt,
       Als ich so dringend Euer Auge suchte!
       Es wäre nie so weit gekommen, nicht
       An diesem traurgen Ort geschähe jetzt
       Die unglückselig traurige Begegnung.

Elisabeth: Mein guter Stern bewahrte mich davor,
       Die Natter an den Busen mir zu legen.
       -- Nicht die Geschicke, Euer schwarzes Herz
       Klagt an, die wilde Ehrsucht Eures Hauses.
       Nichts Feindliches war zwischen uns geschehn,
       Da kündigte mir Euer Ohm, der stolze,
       Herrschwütge Priester, der die freche Hand
       Nach allen Kronen streckt, die Fehde an,
       Betörte Euch, mein Wappen anzunehmen,
       Euch meine Königstitel zuzueignen,
       Auf Tod und Leben in den Kampf mit mir
       Zu gehn. -- Wen rief er gegen mich nicht auf?
       Der Priester Zungen und der Völker Schwert,
       Des frommen Wahnsinns fürchterliche Waffen,
       Hier selbst, im Friedenssitze meines Reichs,
       Blies er mir der Empörung Flammen an --
       Doch Gott ist mit mir, und der stolze Priester
       Behält das Feld nicht -- Meinem Haupte war
       Der Streich gedrohet, und das Eure fällt!

Maria: Ich steh in Gottes Hand. Ihr werdet Euch
       So blutig Eurer Macht nicht überheben.

Elisabeth: Wer soll mich hindern? Euer Oheim gab
       Das Beispiel allen Königen der Welt,
       Wie man mit seinen Feinden Frieden macht,
       Die Sankt Barthelemi sei meine Schule!
       Was ist mir Blutsverwandtschaft Völkerrecht?
       Die Kirche trennet aller Pflichten Band,
       Den Treubruch heiligt sie; den Königsmord,
       Ich übe nur, was Eure Priester lehren.
       Sagt! Welches Pfand gewährte mir für Euch,
       Wenn ich großmütig Eure Bande löste?
       Mit welchem Schloß verwahr ich Eure Treue,
       Das nicht Sankt Peters Schlüssel öffnen kann?
       Gewalt nur ist die einzge Sicherheit,
       Kein Bündnis ist mit dem Gezücht der Schlangen.

Maria: 0 das ist Euer traurig finstrer Argwohn!
       Ihr habt mich stets als eine Feindin nur
       Und Fremdlingin betrachtet. Hättet Ihr
       Zu Eurer Erbin mich erklärt, wie mir
       Gebührt, so hätten Dankbarkeit und Liebe
       Euch eine treue Freundin und Verwandte
       In mir erhalten.

Elisabeth: Draußen, Lady Stuart,
       Ist Eure Freundschaft, Euer Haus das Papsttum,
       Der Mönch ist Euer Bruder -- Euch, zur Erbin
       Erklären! Der verräterische Fallstrick!
       Daß Ihr bei meinem Leben noch mein Volk
       Verführtet, eine listige Armida
       Die edle Jugend meines Königreichs
       In Eurem Buhlernetze schlau verstricktet -
       Daß alles sich der neuaufgehnden Sonne
       Zuwendete, und ich --

Maria: Regiert in Frieden!
       Jedwedem Anspruch auf dies Reich entsag ich.
       Ach, meines Geistes Schwingen sind gelähmt,
       Nicht Größe lockt mich mehr -- Ihr habts erreicht,
       Ich bin nur noch der Schatten der Maria.
       Gebrochen ist in langer Kerkerschmach
       Der edle Mut -- Ihr habt das Äußerste an mir
       Getan, habt mich zerstört in meiner Blüte!
       -- Jetzt macht ein Ende, Schwester. Sprecht es aus,
       Das Wort, um dessentwillen Ihr gekommen,
       Denn nimmer will ich glauben, daß Ihr kamt,
       Um Euer Opfer grausam zu verhöhnen.
       Sprecht dieses Wort aus. Sagt mir: "Ihr seid frei,
       Maria! Meine Macht habt Ihr gefühlt,
       Jetzt lernet meinen Edelmut verehren."
       Sagts, und ich will mein Leben, meine Freiheit
       Als ein Geschenk aus Eurer Hand empfangen.
       -- Ein Wort macht alles ungeschehn. Ich warte
       Darauf. O laßt michs nicht zu lang erharren!
       Weh Euch, wenn Ihr mit diesem Wort nicht endet!
       Denn wenn Ihr jetzt nicht segenbringend, herrlich,
       Wie eine Gottheit von mir scheidet -- Schwester!
       Nicht um dies ganze reiche Eiland, nicht
       Um alle Länder, die das Meer umfaßt,
       Möcht ich vor Euch so stehn, wie Ihr vor mir!

Elisabeth: Bekennt Ihr endlich Euch für überwunden?
       Ists aus mit Euren Ränken? 1st kein Mörder
       Mehr unterweges? Will kein Abenteurer
       Für Euch die traurge Ritterschaft mehr wagen?
       Ja, es ist aus, Lady Maria. Ihr verführt
       Mir keinen mehr. Die Welt hat andre Sorgen.
       Es lüstet keinen, Euer -- vierter Mann
       Zu werden, denn Ihr tötet Eure Freier wie Eure Männer!

Maria (auffahrend): Schwester! Schwester!
       0 Gott! Gott! Gib mir Mäßigung!

Elisabeth: (sieht sie lange mit einem Blick stolzer Verachtung an)
       Das also sind die Reizungen,
       Die ungestraft kein Mann erblickt, daneben,
       Kein andres Weib sich wagen darf zu stellen!
       Fürwahr! Der Ruhm war wohlfeil zu erlangen,
       Es kostet nichts, die allgemeine Schönheit
       Zu sein, als die gemeine sein für alle!

Maria: Das ist zuviel!

Elisabeth (höhnisch lachend): Jetzt zeigt Ihr Euer wahres Gesicht,
       bis jetzt wars nur die Larve.

Maria: (vor Zorn glühend, doch mit einer edeln Würde)
       Ich habe menschlich, jugendlich gefehlt,
       Die Macht verführte mich, ich hab es nicht
       Verheimlicht und verborgen, falschen Schein
       Hab ich verschmäht, mit königlichem Freimut.
       Das Ärgste weiß die Welt von mir, und ich
       Kann sagen, ich bin besser als mein Ruf.
       Weh Euch, wenn sie von Euren Taten einst
       Den Ehrenmantel zieht, womit Ihr gleißend
       Die wilde Glut verstohlner Lüste deckt.
       Nicht Ehrbarkeit habt Ihr von Eurer Mutter
       Geerbt, man weiß, um welcher Tugend willen
       Anna von Boleyn das Schafott bestiegen.
       ...Ich habe
       Ertragen, was ein Mensch ertragen kann.
       Fahr hin, lammherzige Gelassenheit...
       Der Thron von England ist durch einen Bastard
       Entweiht, der Briten edelherzig Volk
       Durch eine listge Gauk1erin betrogen.
       - regierte Recht, so läget Ihr vor mir
       Im Staube jetzt, denn ich bin Euer König.
(Beide drehen sich auf dem Absatz um und rauschen ab)
       

Mädchen: Meine Güte, haben die sich aber gezofft!

Erster Sprecher: Ja, wenn das Stück da enden würde, dann wäre es fast modern. Aber bei Schiller macht die Maria jetzt eine Entwicklung durch, sie ringt sich zum Erhabenen durch, und obwohl Elisabeth sie umbringen läßt, wird sie innerlich frei.

Aber Schiller hat auch Beispiele in seinen Dramen, wie seine Helden sich von der Ebene der sinnlichen Verstrickung zur Ebene der Vernunft durchringen können. Im "Don Carlos" gelingt es Elisabeth z.B., Carlos aus seiner Schwärmerei herauszureißen und ihm seine historische Verantwortung bewußt zu machen.

Sprecher A: Don Carlos, Infant von Spanien, war mit der französischen Königstochter Elisabeth von Valois verlobt, ehe sein Vater Philipp II. sie heiratete und damit zur Königin von Spanien und seiner Stiefmutter machte. Carlos hat sich damit nicht abgefunden und nährt die Liebe zu seiner früheren Verlobten, was natürlich im Spanien der Inquisition hoffnungslos ist.

Carlos (vor der Königin niedergeworfen):
       So ist er endlich da, der Augenblick,
       Und Karl darf diese teure Hand berühren!

Königin: Was für ein Schritt -- welch eine strafbare,
       Tollkühne Überraschung! Stehn Sie auf!
       Wir sind entdeckt. Mein Hof ist in der Nähe.

Carlos: Ich steh nicht auf -- hier will ich ewig knien.
       Auf diesem Platz will ich verzaubert liegen,
       In dieser Stellung angewurzelt --

Königin:                                         Rasender!
       Zu welcher Kühnheit führt Sie meine Gnade?
       Wie? Wissen Sie, daß es die Königin,
       Daß es die Mutter ist, an die sich diese
       Verwegne Sprache richtet? Wissen Sie,
       Daß ich -- ich selbst von diesem Überfalle
       Dem Könige --

Carlos: Und daß ich sterben muß!
       Man reiße mich von hier aufs Blutgerüste!
       Ein Augenblick, gelebt im Paradiese,
       Wird nicht zu teuer mit dem Tod gebüßt.

Königin: Und Ihre Königin?

Carlos: (steht auf) Gott, Gott! ich gehe -
       Ich will Sie ja verlassen. -- Muß ich nicht,
       Wenn Sie es also fordern? Mutter! Mutter!
       Wie schrecklich spielen Sie mit mir! Ein Wink,
       Ein halber Blick, ein Laut aus ihrem Munde
       Gebietet mir, zu sein und zu vergehen.
       Was wollen Sie, das noch geschehen soll?
       Was unter dieser Sonne kann es geben,
       Das ich nicht hinzuopfern eilen will,
       Wenn Sie es wünschen?

Königin:                         Fliehen Sie.

Carlos:                                 O Gott!

Königin: Das Einzge, Karl, warum ich Sie mit Tränen
       Beschwöre -- Fliehen Sie! -- eh meine Damen --
       Eh meine Kerkermeister Sie und mich
       Beisammen finden und die große Zeitung
       Vor Ihres Vaters Ohren bringen --

Carlos:                                 Ich erwarte
       Mein Schicksal -- es sei Leben oder Tod.
       Wie? Hab ich darum meine Hoffnungen
       Auf diesen einzgen Augenblick verwiesen,
       Der Sie mir endlich ohne Zeugen schenkt,
       Daß falsche Schrecken mich am Ziele täuschten?
       Nein, Königin! Die Welt kann hundertmal,
       Kann tausendmal um ihre Pole treiben,
       Eh diese Gunst der Zufall wiederholt.

Königin: Auch soll er das in Ewigkeit nicht wieder.
       Unglücklicher! Was wollen Sie von mir?

Carlos: 0 Königin, daß ich gerungen habe,
       Gerungen, wie kein Sterblicher noch rang,
       Ist Gott mein Zeuge -- Königin, umsonst!
       Hin ist mein Heldenmut. Ich unterliege.

Königin: Nichts mehr davon -- um meiner Ruhe willen -

Carlos: Sie waren mein -- im Angesicht der Welt
       Mir zugesprochen von zwei großen Thronen,
       Mir zuerkannt von Himmel und Natur,
       Und Philipp, Philipp hat mir Sie geraubt -

Königin: Er ist Ihr Vater.

Carlos:                                 Ihr Gemahl.

Königin:                                Der Ihnen
       Das größte Reich der Welt zum Erbe gibt.

Carlos: Und Sie zur Mutter -

Königin: Großer Gott! Sie rasen-

Carlos: Und weiß er auch, wie reich er ist? Hat er
       Ein fühlend Herz, das Ihrige zu schätzen?
       Ich will nicht klagen, nein, ich will vergessen
       Wie unaussprechlich glücklich ich an Ihrer Hand
       Geworden wäre -- wenn nur er es ist.
       Er ist es nicht -- Das, das ist Höllenqual!
       Er ist es nicht und wird es niemals werden.
       Du nahmst mir meinen Himmel nur, um ihn
       In König Philipps Armen zu vertilgen.

Königin: Abscheulicher Gedanke!

Carlos:                        0, ich weiß,
       Wer dieser Ehe Stifter war -- ich weiß,
       Wie Philipp lieben kann und wie er freite.
       Wer sind Sie denn in diesem Reich? Laß hören.
       Regentin etwa? Nimmermehr! Wie könnten,
       Wo Sie Regentin sind, die Alba würgen?
       Wie könnte. F1andern für den Glauben bluten?
       Wie, oder Sind Sie Philipps Frau? Unmöglich!
       Ich kanns nicht glauben. Eine Frau besitzt
       Des Mannes Herz -- und wem gehört das seine?
       Und bittet er nicht jede Zärtlichkeit,
       Die ihm vielleicht in Fieberglut entwischte,
       Dem Zepter ab und seinen grauen Haaren?

Königin: Wer sagte Ihnen, daß an Philipps Seite
       Mein Los beweinenswürdig sei?

Carlos:                                Mein Herz,
       Das feurig fühlt, wie es an meiner Seite
       Beneidenswürdig wäre.

Königin:                             Eitler Mann!
       Wenn mein Herz nun das Gegenteil mir sagte?
       Wenn Philipps ehrerbietge Zärtlichkeit
       Weit inniger als seines stolzen Sohns
       Verwegene Beredsamkeit mich rührte?
       Wenn eines Greisen überlegte Achtung -

Carlos: Das ist was andres -- Dann -- ja, dann -- Vergebung.
       Das wußt ich nicht, daß Sie den König lieben.

Königin: Ihn ehren ist mein Wunsch und mein Vergnügen.

Carlos: Sie haben nie geliebt?

Königin:                                Seltsame Frage!

Carlos: Sie haben nie geliebt?

Königin: -- Ich liebe nicht mehr.

Carlos: Weil es Ihr Herz, weil es Ihr Eid verbietet?

Königin: Verlassen Sie mich, Prinz, und kommen Sie
       Zu keiner solchen Unterredung wieder.

Carlos: Weil es Ihr Eid, weil es Ihr Herz verbietet?

Königin: Weil meine Pflicht -- Unglücklicher, wozu
       Die traurige Zergliederung des Schicksals,
       Dem Sie und ich gehorchen müssen?

Carlos:                                Müssen?
       Gehorchen müssen?

Königin:                Wie? Was wollen Sie
       Mit diesem feierlichen Ton?

Carlos: So viel, daß Carlos nicht gesonnen ist, zu müssen,
       Wo er zu wollen hat; daß Carlos nicht
       Gesonnen ist, der Unglückseligste
       In diesem Reich zu bleiben, wenn es ihn
       Nichts als den Umsturz der Gesetze kostet,
       Der Glücklichste zu sein.

Königin: Versteh ich Sie?
       Sie hoffen noch? Sie wagen es, zu hoffen,
       Wo alles, alles schon verloren ist?

Carlos: Ich gebe nichts verloren als die Toten.

Königin: Auf mich, auf Ihre Mutter hoffen Sie?
       (Sie sieht ihn lange und durchdringend an --
                          dann mit Würde und Ernst)
       Warum nicht? 0, der neu erwählte König
       Kann mehr als das -- kann die Verordnungen
       Des Abgeschiednen durch das Feur vertilgen,
       Kann seine Bilder stürzen, kann sogar -
       Wer hindert ihn? -- die Mumie des Toten
       Aus ihrer Ruhe zu Eskurial
       Hervor ans Licht der Sonne reißen, seinen
       Entweihten Staub in die vier Winde streun
       Und dann zuletzt, um würdig zu vollenden -

Carlos: Um Gottes willen, reden Sie nicht aus.

Königin: Zuletzt noch mit der Mutter sich vermählen.

Carlos: Verfluchter Sohn!
       (Er steht einen Augenblick starr und sprachlos)
       Ja, es ist aus. Jetzt ist
       Es aus. -- Ich fühle klar und helle, was
       Mir ewig, ewig dunkel bleiben sollte.
       Sie sind für mich dahin -- dahin -- dahin
       Auf immerdar! -- Jetzt ist der Wurf gefallen.
       Sie sind für mich verloren -- 0, in diesem
       Gefühl liegt Hölle -- Hölle liegt im andern,
       Sie zu besitzen. -- Weh! ich faß es nicht;
       Und die Nerven fangen an zu reißen.

Königin: Beklagenswerter, teurer Karl! Ich fühle -
       Ganz fühl ich sie, die namenlose Pein,
       Die jetzt in Ihrem Busen tobt. Unendlich,
       Wie Ihre Liebe, ist Ihr Schmerz. Unendlich,
       Wie er, ist auch der Ruhm, ihn zu besiegen...
       Ermannen Sie sich, edler Prinz. -- Der Enkel
       Des großen Karls fängt frisch zu ringen an,
       Wo andrer Menschen Kinder mutlos enden.

Carlos: Zu spät! 0 Gott! Es ist zu spät!

Königin:                                Ein Mann
       Zu sein? 0 Karl! wie groß wird unsre Tugend,
       Wenn unser Herz bei ihrer Übung bricht!
       Hoch stellte Sie die Vorsicht -- höher, Prinz,
       Als Millionen Ihrer andern Brüder...
       Verdienen Sie, der Welt voranzugehn,
       Und opfern Sie, was keiner opferte!

Carlos: Das kann ich auch. -- Sie zu erkämpfen, hab
       Ich Riesenkraft, Sie zu verlieren, keine.

Königin: Gestehen Sie es, Carlos -- Trotz ist es
       Und Bitterkeit und Stolz, was Ihre Wünsche
       So heftig nach der Mutter zieht. Die Liebe,
       Das Herz, das Sie verschwenderisch mir opfern,
       Gehört den Reichen an, die Sie dereinst
       Regieren sollen. Sehen Sie, Sie prassen
       Von Ihres Mündels anvertrautem Gut.
       Die Liebe ist Ihr großes Amt. Bis jetzt
       Verirrte sie zur Mutter. -- Bringen Sie,
       0, bringen Sie sie Ihren künftgen Reichen
       Und fühlen Sie, statt Dolchen des Gewissens,
       Die Wollust, Gott zu sein. Elisabeth
       War Ihre erste Liebe. Ihre zweite
       Sei Spanien! Wie gerne, guter Karl,
       Will ich der besseren Geliebten weichen!

Carlos: (wirft sich, von Empfindung überwältigt, zu ihren Füßen)
       Wie groß sind Sie, 0 Himmlische! -- Ja, alles,
       Was Sie verlangen, will ich tun. -- Es sei!
       (Er steht auf)
       Hier steh ich in der Allmacht Hand und schwöre,
       Und schwöre Ihnen, schwöre ewiges
       0 Himmel! Nein! Nur ewiges Verstummen,
       Doch ewiges Vergessen nicht.

------------ Pause ------------

Jugendlicher: Wenn ich diese letzte Szene richtig verstehe, dann haben Elisabeth und Carlos auf ihre Liebe verzichtet -- um der größeren Sache willen. Carlos soll später König werden und besser regieren als Philipp. Das heißt Entsagung -- aber ihr nennt Schiller ja den "Dichter der Freiheit". Wo bleibt hier die Freiheit?

Erster Sprecher: Schiller wird vor allem deshalb der Dichter der Freiheit genannt, weil er in all seinen Werken auf immer neue Weise versucht hat, seine Leser und Zuschauer innerlich frei zu machen, und weil er jede Form von Zwang, sei sie äußerlich oder innerlich, völlig abgelehnt hat. So leitet er z. B. seine "Geschichte des Abfalls der Niederlande von der Spanischen Regierung" ein:

Sprecher E: Eine der merkwürdigsten Staatsbegebenheiten, die das sechzehnte Jahrhundert zum glänzendsten der Welt gemacht haben, dünkt mir die Gründung der niederländischen Freiheit... Groß und beruhigend ist der Gedanke, daß gegen die trotzigen Anmaßungen der Fürstengewalt endlich noch eine Hülfe vorhanden ist, daß ihre berechnetsten Plane an der menschlichen Freiheit zuschanden werden, daß ein herzhafter Widerstand auch den gestreckten Arm eines Despoten beugen, heldenmütige Beharrung seine schrecklichen Hülfsquellen endlich erschöpfen kann. Nirgends durchdrang mich diese Wahrheit so lebhaft, als bei der Geschichte jenes denkwürdigen Aufruhrs, der die vereinigten Niederlande auf immer von der spanischen Krone trennte -- und darum achtete ich es des Versuchs nicht unwert, dieses schöne Denkmal bürgerlicher Stärke vor der Welt aufzustellen, in der Brust meines Lesers ein fröhliches Gefühl seiner selbst zu erwecken, und ein neues unverwerfliches Beispiel zu geben, was Menschen wagen dürfen für die gute Sache, und ausrichten mögen durch Vereinigung.

Erster Sprecher: Schiller war sich erstaunlich klar darüber, daß die beiden Traditionen in der europäischen Philosophie -- die Welt der nur sinnlichen Erkenntnis einerseits und die reale Welt der universellen Prinzipien -- auch mit zwei völlig verschiedenen politischen Systemen verbunden waren. Das oligarchische System, bei dem eine kleine Machtelite über eine Masse bewußt rückständig gehaltener Menschen herrscht, beschreibt er unglaublich einsichtsvoll in "Die Gesetzgebung des Lykurg und Solon":

Sprecher D: Aber hält man den Zweck, welchen Lykurgus sich vorsetzte, gegen den Zweck der Menschheit, so muß eine tiefe Mißbilligung an die Stelle der Bewunderung treten, die uns der erste flüchtige Blick abgewonnen hat. Alles darf dem Besten des Staats zum Opfer gebracht werden, nur dasjenige nicht, dem der Staat selbst nur als ein Mittel dient. Der Staat selbst ist niemals Zweck, er ist nur wichtig als eine Bedingung, unter welcher der Zweck der Menschheit erfüllt werden kann, und dieser Zweck der Menschheit ist kein andrer, als Ausbildung aller Kräfte des Menschen, Fortschreitung. Hindert eine Staatsverfassung, daß alle Kräfte die im Menschen liegen, sich entwickeln, hindert sie die Fortschreitung des Geistes, so ist sie verwerflich und schädlich, sie mag übrigens noch so durchdacht, und in ihrer Art noch so vollkommen sein.

Überhaupt können wir bei Beurteilung politischer Anstalten als eine Regel festsetzen, daß sie nur gut und lobenswürdig sind, insofern sie alle Kräfte, die im Menschen liegen, zur Ausbildung bringen, insofern sie Fortschreitung der Kultur befördern, oder wenigstens nicht hemmen. Dieses gilt von Religions- wie von politischen Gesetzen; beide sind verwerflich, wenn sie eine Kraft des menschlichen Geistes fesseln, wenn sie ihm in irgend etwas einen Stillstand auferlegen. Ein solches Gesetz wäre ein Attentat gegen die Menschheit.

Jugendlicher: Ja, dieses Kriterium sollte jeder mal auf seinen eigenen Staat anwenden -- bevor er andere Länder zu "Schurkenstaaten" erklärt und sie mit Krieg überzieht!

Sprecher D: Es geht aber noch weiter bei Schiller:

Auf eine noch empörendere Art wurde das allgemeine Menschengefüh1 in Sparta ertötet, und die Seele aller Pflichten, die Achtung gegen die Gattung, ging unwiederbringlich verloren. Ein Staatsgesetz machte den Spartanern die Unmenschlichkeit gegen ihre Sklaven zur Pflicht, in diesen unglücklichen Schlachtopfern wurde die Menschheit beschimpft und mißhandelt. In dem spartanischen Gesetzbuche selbst wurde der gefährliche Grundsatz gepredigt, Menschen als Mittel und nicht als Zwecke zu betrachten -- dadurch wurden die Grundfeste des Naturrechts und der Sittlichkeit gesetzmäßig eingerissen...

Aller Kunstfleiß war aus Sparta verbannt, alle Wissenschaften wurden vernachlässigt, aller Handelsverkehr mit fremden Völkern verboten, alles Auswärtige wurde ausgeschlossen. Dadurch wurden alle Kanäle gesperrt, wodurch seiner Nation helle Begriffe zufließen konnten, in einer ewigen Einförmigkeit, in einem traurigen Egoismus sollte sich der spartanische Staat ewig nur um sich selbst bewegen...

Wir haben aber gesehen, daß Fortschreitung des Geistes das Ziel des Staats sein soll.

Erster Sprecher: Fortschreitung des Geistes als unveräußerliches Menschenrecht, das war genau die Idee, die in der amerikanischen Revolution von 1776 zum erstenmal praktisch erkämpft und in der Unabhängigkeitserklärung und Präambel zur Verfassung formuliert worden ist. Dies war in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts das Thema, mit dem alle republikanischen Kreise in Europa beschäftigt waren. Schiller wollte sogar selbst einmal in die USA auswandern und " große Sprünge" machen. Im "Don Carlos" verlegte er den Kampf um diese Ideen an den spanischen Hof im 16. Jahrhundert.

Jugendlicher: Moment mal, du behauptest, Schiller hätte an die politischen Umwälzungen in seiner Gegenwart gedacht, als er den "Don Carlos" schrieb? Woher weißt du das denn?

Erster Sprecher: Unter anderem aus Schillers "Briefen über Don Carlos", wo er nämlich über das Jahrzehnt, in dem die amerikanische Revolution gemacht wurde, schreibt:

Rufen Sie sich, lieber Freund, eine gewisse Unterredung zurücke, die über einen Lieblingsgegenstand unsers Jahrzehents -- über Verbreitung reinerer, sanfterer Humanität, über die höchstmögliche Freiheit der Individuen bei des Staates höchster Blüte, kurz, über den vollendetsten Zustand der Menschheit, wie er in ihrer Natur und ihren Kräften als erreichbar angegeben liegt -- unter uns lebhaft wurde und unsre Phantasie mit einem der lieblichsten Träume entzückte, in denen das Herz so angenehm schwelgt.

Was ist der Phantasie nicht möglich? Was ist einem Dichter nicht erlaubt? Unsere Unterredung war längst vergessen, als ich unterdessen die Bekanntschaft des Prinzen von Spanien machte; und bald merkte ich diesem geistvollen Jüngling an, daß er wohl gar derjenige sein dürfte, mit dem wir unsern Entwurf zur Ausführung bringen konnten. Gedacht, getan! Alles fand ich mir, wie durch einen dienstbaren Geist, dabei in die Hände gearbeitet; Freiheitssinn und Despotismus im Kampfe, die Fesseln der Dummheit zerbrochen, tausendjährige Vorurteile erschüttert, eine Nation, die ihre Menschenrechte wiederfordert, republikanische Tugenden in Ausübung gebracht, hellere Begriffe im Umlauf, die Köpfe in Gärung, die Gemüter von einem begeisterte Interesse gehoben -- und nun, um die glückliche Konstellation zu vollenden, eine schön organisierte Jünglingsseele am Thron, in einsamer unangefochtener Blüte unter Druck und Leiden hervorgegangen. Unglücklich -- so machten wir aus -- müßte der Königssohn sein, an dem wir unser Ideal in Erfüllung bringen wollten.

Sprecher E: Aus dem Schoße der Sinnlichkeit und des Glücks durfte er nicht genommen werden; die Kunst durfte noch nicht Hand an seine Bildung gelegt, die damalige Welt ihm ihren Stempel noch nicht aufgedrückt haben. Aber wie sollte ein königlicher Prinz aus dem sechzehnten Jahrhundert -- Philipps des Zweiten Sohn -- ein Zögling des Mönchvolks, dessen kaum aufwachende Vernunft von so strengen und so scharfsichtigen Hütern bewacht wird, zu dieser liberalen Philosophie gelangen? Sehen Sie, auch dafür war gesorgt. Das Schicksal schenkte ihm einen Freund -- einen Freund in den entscheidenden Jahren, wo des Geistes Blume sich entfaltet, Ideale empfangen werden und die moralische Empfindung sich läutert -- einen geistreichen, gefühlvollen Jüngling, über dessen Bildung selbst...ein günstiger Stern gewacht.

Eine Geburt der Freundschaft also ist diese heitre menschliche Philosophie, die der Prinz auf dem Throne in Ausübung bringen will. Sie kleidet sich in alle Reize der Jugend, in die ganze Anmut der Dichtung; mit Licht und Wärme wird sie in seinem Herzen niedergelegt, sie ist die erste Blüte seines Wesens, sie ist seine erste Liebe.

Unter beiden Freunden bildet sich also ein enthusiastischer Entwurf, den glücklichsten Zustand hervorzubringen, der der menschlichen Gesellschaft erreichbar ist, und von diesem enthusiastischen Entwurfe, wie er nämlich in Konflikt mit der Leidenschaft erscheint, handelt das gegenwärtige Drama. Die Rede war also davon, einen Fürsten aufzustellen, der das höchste mögliche Ideal bürgerlicher Glückseligkeit für sein Zeitalter wirklich machen sollte.

Erster Sprecher: Ja, das war ein wichtiger Gedanke Schillers, als Erwachsener Achtung zu haben für die Träume seiner Jugend. Aber leider erfüllte sich seine Hoffnung nicht, daß die amerikanische Revolution sich in ganz Europa, zunächst in Frankreich und dann in Deutschland, wiederholen lassen würde.

Als unter der Führung Lord Shelburnes die Martinisten in Frankreich zunächst den Jakobinerterror und dann die imperialen Plane Napoleons inspirierten und nutzten, um gerade eine solche Wiederholung der amerikanischen Revolution in Europa zu verhindern, war Schiller entsetzt und schrieb, der große Augenblick habe ein kleines Geschlecht gefunden, die objektive Chance war gegeben, aber die subjektive moralische Möglichkeit fehlte.

Im "Lied von der Glocke" beschreibt Schiller die Französische Revolution so:
Sprecher F:

Der Meister kann die Form zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,
Doch wehe, wenn in Flammenbächen
Das glühnde Erz sich selbst befreit!
Blindwütend mit des Donners Krachen
Zersprengt es das geborstne Haus,
Und wie aus offnem Höllenrachen
Speit es Verderben zündend aus;
Wo rohe Kräfte sinnlos walten,
Da kann sich kein Gebild gestalten,
Wenn sich die Völker selbst befrein,
Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.
Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte
Der Feuerzunder still gehäuft,
Das Volk, zerreißend seine Kette,
Zur Eigenhilfe schrecklich greift!
Da zerret an der Glocken Strängen
Der Aufruhr, daß sie heulend schallt
Und, nur geweiht zu Friedensklängen,
Die Losung anstimmt zur Gewalt.
Freiheit und Gleichheit! hört man schallen,
Der ruhge Bürger greift zur Wehr,
Die Straßen füllen sich, die Hallen,
Und Würgerbanden ziehn umher,
Das werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz,
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
Sich alle Bande frommer Scheu,
Der Gute räumt den Platz dem Bösen,
Und alle Laster walten frei.
Gefährlich ist's, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.
Weh denen, die dem Ewigblinden
Des Lichtes Himmelsfackel leihn!
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
Und äschert Städt und Länder ein.

Mädchen: Ich verstehe schon: so hat der Terror die französische Revolution zerstört. Aber wie kann man das "kleine Geschlecht" , die "kleinen Leute" , dahin entwickeln, nicht mehr klein zu reagieren?

Erster Sprecher: Genau das war die entscheidende Frage für Schiller. Er war überzeugt, das von jetzt an jede Verbesserung im Politischen nur noch durch die Veredlung des Einzelnen möglich sein würde.

Mädchen: Und wie soll diese Veredelung geschehen?

Erster Sprecher: Schiller fand, die klassische Kunst müsse dabei eine entscheidende Rolle spielen: das Theater z.B., oder die Schaubühne. Beim großen historischen Drama könnte sich das Publikum mit den großen Gegenständen der Menschheit auseinandersetzen.

Jugendlicher: Sagt bloß, darüber hat Schiller auch etwas Schriftliches hinterlassen.

Sprecher D: So ist es. In seiner Schrift über die "Schaubühne" heißt es:

Eine merkwürdige Klasse von Menschen hat Ursache, dankbarer als alle übrigen gegen die Bühne zu sein. Hier nur hören die Großen der Welt, was sie nie oder selten hören -- Wahrheit; was sie nie oder selten sehen, sehen sie hier -- den Menschen.

So groß und vielfach ist das Verdienst der bessern Bühne um die sittliche Bildung; kein geringeres gebührt ihr um die ganze Aufklärung des Verstandes. Eben hier in dieser höhern Sphäre weiß der große Kopf, der feurige Patriot sie erst ganz zu gebrauchen. Er wirft einen Blick durch das Menschengeschlecht, vergleicht Völker mit Völkern, Jahrhunderte mit Jahrhunderten und findet, wie sklavisch die größere Masse des Volks an Ketten des Vorurteils und der Meinung gefangen liegt, die seiner Glückseligkeit ewig entgegenarbeiten -- daß die reinern Strahlen der Wahrheit nur wenige einzelne Köpfe beleuchten, welche den kleinen Gewinn vielleicht mit dem Aufwand eines ganzen Lebens erkauften.

Die Schaubühne ist der gemeinschaftliche Kanal, in welchen von dem denkenden, bessern Teile des Volks das Licht der Weisheit herunterströmt und von da aus in milderen Strahlen durch den ganzen Staat sich verbreitet. Richtigere Begriffe, geläuterte Grundsätze, reinere Gefühle fließen von hier durch alle Adern des Volks; der Nebel der Barbarei, des finstern Aberglaubens verschwindet, die Nacht weicht dem siegenden Licht.

Sprecher G: Aber ihr großer Wirkungskreis ist noch lange nicht geendigt. Die Schaubühne ist ein unfehlbarer Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele... Nicht bloß auf Menschen und Menschencharakter, auch auf Schicksale macht uns die Schaubühne aufmerksam und lehrt uns die große Kunst, sie zu ertragen. Gewinn genug, wenn unausbleibliche Verhängnisse uns nicht ganz ohne Fassung finden, wenn unser Mut, unsre Klugheit sich einst schon in ähnlichen übten und unser Herz zu dem Schlag sich gehärtet hat.

Die Schaubühne führt uns eine mannigfaltige Szene menschlicher Leiden vor. Sie zieht uns künstlich in fremde Bedrängnisse und belohnt uns das augenblickliche Leiden mit wollüstigen Tränen und einem herrlichen Zuwachs an Mut und Erfahrung. Mir ihr folgen wir der verlassenen Ariadne durch das widerhallende Naxos, steigen mit ihr in den Hungerturm Ugolinos hinunter, betreten mit ihr das entsetzliche Blutgerüst und behorchen mit ihr die feierliche Stunde des Todes. -- Jetzt, da er sterben soll, entfliegt dem geängstigten Moor seine treulose sophistische Weisheit.

Aber nicht genug, daß uns die Bühne mit Schicksalen der Menschheit bekannt macht, sie lehrt uns auch gerechter gegen den Unglücklichen sein und nachsichtsvoller über ihn richten. Dann nur, wenn wir die Tiefe seiner Bedrängnisse ausmessen, dürfen wir das Urteil über ihn aussprechen.

Erster Sprecher: Diese Idee hatte schon Lessing entwickelt, daß wir beim großen klassischen Drama gewissermaßen auf spielerische Weise unsere Empfindungen üben können und so dann im wirklichen Leben vorbereitet sind, wenn wir zu plötzlichen Entscheidungen gezwungen werden, die uns ansonsten ganz unvorbereitet treffen würden.

Sprecher G: Das Pathetische ist ein künstliches Unglück, und wie das wahre Unglück setzt es uns in unmittelbaren Verkehr mit dem Geistergesetz, das in unserm Busen gebietet. Aber das wahre Unglück wählt seinen Mann und seine Zeit nicht immer gut; es überrascht uns oft wehrlos, und was noch schlimmer ist, es macht uns oft wehrlos. Das künstliche Unglück des Pathetischen hingegen findet uns in voller Rüstung, und weil es bloß eingebildet ist, so gewinnt das selbständige Prinzip in unserm Gemüte Raum, seine absolute Unabhängigkeit zu behaupten... Das Pathetische, kann man daher sagen, ist eine Inoculation des unvermeidlichen Schicksals, wodurch es seiner Bösartigkeit beraubt und der Angriff desselben auf die starke Seite des Menschen hingeleitet wird.

Nicht in der Unwissenheit der uns umlagernden Gefahren, nur in der Bekanntschaft mit denselben ist Heil für uns. Zu dieser Bekanntschaft nun verhilft uns das furchtbar herrliche Schauspiel der alles zerstörenden und wieder erschaffenden und wieder zerstörenden Veränderung, verhelfen uns die pathetischen Gemälde der mit dem Schicksal ringenden Menschheit, welche die Geschichte in reichem Maß aufstellt und die tragische Kunst nachahmend vor unsere Augen bringt.

Denn wo wäre derjenige, der vom Untergang der Städte Syrakus und Karthago lesen kann, ohne dem ernsten Gesetz der Notwendigkeit mit einem Schauer zu huldigen, seinen Begierden augenblicklich den Zügel anzuhalten und, ergriffen von dieser ewigen Untreue alles Sinnlichen, nach dem Beharrlichen in seinem Busen zu greifen? Die Fähigkeit, das Erhabene zu empfinden, ist also eine der herrlichsten Anlagen in der Menschennatur, die sowohl wegen ihres Ursprungs aus dem selbständigen Denk- und Willensvermögen unsre Achtung, als wegen ihres Einflusses auf den moralischen Menschen die vollkommenste Entwicklung verdient.

Das Schöne macht sich bloß verdient um den Menschen, das Erhabene um den reinen Dämon in ihm; und weil es einmal unsre Bestimmung ist, auch bei allen sinnlichen Schranken uns nach dem Gesetzbuch reiner Geister zu richten, so muß das Erhabene zu dem Schönen hinzukommen, um die ästhetische Erziehung zu einem vollständigen Ganzen zu machen und die Empfindungsfähigkeit des menschlichen Herzens nach dem ganzen Umfang unsrer Bestimmung, und also auch über die Sinnenwelt hinaus, zu erweitern.

Jugendlicher: Schönheit und das Erhabene müssen also zusammenkommen. Und das soll in der Kunst geschehen?

Sprecher D: Natürlich nur in der Kunst, wie Schiller sie versteht.

Die wahre Kunst aber hat es nicht bloß auf ein vorübergehendes Spiel abgesehen, es ist ihr Ernst damit, den Menschen nicht bloß in einen augenblicklichen Traum von Freiheit zu versetzen, sondern ihn wirklich und in der Tat frei zu machen, und dieses dadurch, daß sie eine Kraft in ihm erweckt, übt und ausbildet, die sinnliche Welt, die sonst nur als ein roher Stoff auf uns lastet, als eine blinde Macht auf uns drückt, in eine objektive Ferne zu rücken, in ein freies Werk unsers Geistes zu verwandeln und das Materielle durch Ideen zu beherrschen. (Aus: Über den Gebrauch des Chores..., Braut von Messina)

Mädchen: Das ist es: das Materielle durch Ideen beherrschen!

Sprecher A: Schiller hatte das schönste Menschenbild überhaupt und eine klare Idee vom Sinn des Lebens. In den "Ästhetischen Briefen" entwickelt er, ähnlich wie in "Lykurg und Solon" die Idee von Individuum und Staat:

Jeder individuelle Mensch, kann man sagen, trägt, der Anlage und Bestimmung nach, einen reinen, idealischen Menschen in sich, mit dessen unveränderlicher Einheit in allen seinen Abwechselungen übereinzustimmen, die große Aufgabe seines Daseins ist. Dieser reine Mensch, der sich, mehr oder weniger deutlich, in jedem Subjekt zu erkennen gibt, wird repräsentiert durch den Staat, die objektive Form, in der sich die Mannigfaltigkeit der Subjekte zu vereinigen trachtet...

Nun lassen sich aber zwei verschiedene Arten denken, wie der Mensch in der Zeit mit dem Menschen in der Idee zusammentreffen kann, entweder dadurch, daß der reine Mensch den empirischen unterdrückt, daß der Staat die Individuen aufhebt, oder dadurch, daß das Individuum Staat wird, daß der Mensch in der Zeit zum Menschen in der Idee sich veredelt.

Erster Sprecher: Das ist die gleiche Idee, von der Posa in seinem Dialog mit König Philipp spricht: "Seien Sie von Millionen Königen ein König!" Wenn jeder Mensch sein volles Potential verwirklicht, dann gibt es innere Übereinstimmung auf der höchsten Ebene! Aber das erfordert auch, daß ein immer größerer Teil der Bevölkerung nicht auf der niederen Ebene der reinen sinnlichen Erfahrung bleibt, sondern lernt, erhaben zu fühlen und zu denken.

Jugendlicher: Und was heißt das -- erhaben fühlen und denken?

Sprecher E: Unser intelligibles Selbst, dasjenige in uns, was nicht Natur ist, muß sich dann von dem sinnlichen Teil unsers Wesens unterscheiden und seiner Selbständigkeit, seiner Unabhängigkeit von allem, was die physische Natur treffen kann, kurz, seiner Freiheit bewußt werden.

Diese Freiheit ist aber schlechterdings nur moralisch, nicht physisch. Nicht durch unsre natürlichen Kräfte, nicht durch unseren Verstand, nicht als Sinneswesen dürfen wir uns dem furchtbaren Gegenstand überlegen fühlen; denn da würde unsre Sicherheit immer nur durch physische Ursachen, also empirisch, bedingt sein und also immer noch eine Abhängigkeit von der Natur übrigbleiben. Sondern es muß uns völlig gleichgültig sein, wie wir als Sinnenwesen dabei fahren, und bloß darin muß unsre Freiheit bestehen, daß wir unsern physischen Zustand, der durch die Natur bestimmt werden kann, gar nicht zu unsern Selbst rechnen, sondern als etwas Auswärtiges und Fremdes betrachten, was auf unsre moralische Person keinen Einfluß hat.

Groß ist, wer das Furchtbare überwindet. Erhaben ist, wer es, auch selbst unterliegend, nicht fürchtet.

Jugendlicher: Ich stelle mir das ziemlich schwierig vor. Wie kommt man dahin -- nur indem man ins Theater geht?

Erster Sprecher: Außer dem großen historischen Drama ist es auch das Studium der Universalgeschichte selber, die dem Menschen hilft, über die Enge seiner eigenen physischen Existenz hinaus zu gelangen. Es hilft ihm, seine Identität in der Unsterblichkeit zu finden. Das sagte Schiller damals zu seinen Studenten in der Rede über Universalgeschichte:

Sprecher C: Selbst daß wir uns in diesem Augenblick hier zusammen fanden, ist das Resultat vielleicht aller vorhergegangenen Weltbegebenheiten: die ganze Weltgeschichte würde wenigstens nötig sein, dieses einzige Moment zu erklären. Daß wir uns als Christen zusammen fanden, mußte diese Religion, durch unzählige Revolutionen vorbereitet, aus dem Judentum hervorgehen, mußte sie den römischen Staat genau so finden, als sie ihn fand, um sich mit schnellem, siegendem Lauf über die Welt zu verbreiten und den Thron der Cäsaren endlich selbst zu besteigen. Unsre rauhen Vorfahren in den thüringischen Wäldern mußten der Übermacht der Franken unterliegen, um ihren Glauben anzunehmen.

Sprecher B: Die Hierarchie mußte in einem Gregor und Innocenz all ihre Greuel auf das Menschengeschlecht ausleeren, damit das überhandnehmende Sittenverderbniß und des geistlichen Despotismus schreiendes Scandal einen unerschrockenen Augustiner-Mönch auffordern konnte, das Zeichen zum Abfall zu geben und dem römischen Hierarchen eine Hälfte Europens zu entreißen, -- wenn wir uns als protestantische Christen hier versammeln sollten.

Städte mußten sich in Italien und Deutschland erheben, dem Fleiß ihre Tore öffnen, die Ketten der Leibeigenschaft zerbrechen, unwissenden Tyrannen den Richterstab aus den Händen ringen und durch eine kriegerische Hansa sich in Achtung setzen, wenn Gewerbe und Handel blühen und der Überfluß den Künsten der Freude rufen, wenn der Staat den nützlichen Landmann ehren und in dem wohltätigen Mittelstande, dem Schöpfer unserer ganzen Kultur, ein dauerhaftes Glück für die Menschheit heranreifen sollte.

Sprecher C: Wenn sich unser Geist aus der Unwissenheit herausringen sollte, worin geistlicher und weltlicher Zwang ihn gefesselt hielt, so mußte der lang erstickte Keim der Gelehrsamkeit unter ihren wütendsten Verfolgern aufs neue hervorbrechen.

An griechischen und römischen Mustern mußte der niedergedrückte Geist nordischer Barbaren sich aufrichten und die Gelehrsamkeit einen Bund mit den Musen und Grazien schließen, wenn sie einen Weg zu dem Herzen finden und den Namen einer Menschenbilderin sich verdienen sollte.

Sprecher B: Selbst in den alltäglichsten Verrichtungen des bürgerlichen Lebens können wir es nicht vermeiden, die Schuldner vergangener Jahrhunderte zu werden; die ungleichartigsten Perioden der Menschheit steuern zu unsrer Kultur, wie die entlegensten Welttheile zu unsrem Luxus. Die Kleider, die wir tragen, die Würze an unsern Speisen und der Preis, um den wir sie kaufen, viele unsrer kräftigsten Heilmittel und eben so viele neue Werkzeuge unsers Verderbens -- setzen sie nicht einen Columbus voraus, der Amerika entdeckte, einen Vasco de Gama, der die Spitze von Afrika umschiffte?

Mädchen: In der Universalgeschichte hat es also den Dialog der Kulturen längst gegeben!

Sprecher C: Unser menschliches Jahrhundert herbeizuführen haben sich -- ohne es zu wissen oder zu erzielen -- alle vorhergehenden Zeitalter angestrengt. Unser sind alle Schätze, welche Fleiß und Genie, Vernunft und Erfahrung im langen Alter der Welt endlich heimgebracht haben. Aus der Geschichte erst werden Sie lernen, einen Wert auf die Güter zu legen, denen Gewohnheit und unangefochtener Besitz so gern unsre Dankbarkeit rauben: kostbare teure Güter, an denen das Blut der Besten und Edelsten klebt, die durch die schwere Arbeit so vieler Generationen haben errungen werden müssen!

Und welcher unter Ihnen, bei dem sich ein heller Geist mit einem empfindenden Herzen gattet, könnte dieser hohen Verpflichtung eingedenk sein, ohne daß sich ein stiller Wunsch in ihm regte, an das kommende Geschlecht die Schuld zu entrichten, die er dem vergangenen nicht mehr abtragen kann? Ein edles Verlangen muß in uns entglühen, zu dem reichen Vermächtniß von Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit, das wir von der Vorwelt überkamen und reich vermehrt an die Folgewelt wieder abgeben müssen, auch aus unsern Mitteln einen Beitrag zu legen und an dieser unvergänglichen Kette, die durch alle Menschengeschlechter sich windet, unser fliehendes Dasein zu befestigen.

Wie verschieden auch die Bestimmung sei, die in der bürgerlichen Gesellschaft Sie erwartet -- etwas dazu steuern können Sie alle! Jedem Verdienst ist eine Bahn zur Unsterblichkeit aufgetan, zu der wahren Unsterblichkeit, meine ich, wo die Tat lebt und weiter eilt, wenn auch der Name ihres Urhebers hinter ihr zurückbleiben sollte.

Jugendlicher: Okay, die Idee der Universalgeschichte ist klar. Aber was versteht Schiller dann unter Freiheit?

Erster Sprecher: Nur wer die "Angst des Irdischen" von sich wirft, nur wer über die enge Dimension seines eigenen Lebens an universelle Prinzipien glaubt, also erhaben ist, ist wirklich frei. Die Zuversicht, daß dies möglich sein würde, gewann Schiller aus seiner tiefen Überzeugung, daß die kosmische Ordnung der selben Gesetzmäßigkeit unterliegt wie die menschliche Seele.

Sprecher F: Das Universum ist ein Gedanke Gottes. Nachdem dieses idealische Geistesbild in die Wirklichkeit hinübertrat..., ist es die Aufgabe aller denkenden Wesen, in diesem vorhandenen Ganzen die erste Zeichnung wiederzufinden, die Regel in der Maschine, die Einheit in der Zusammensetzung, das Gesetz in dem Phänomen aufzusuchen und das Gebäude rückwärts auf seinen Grundriß zu übertragen. Also gibt es für mich nur eine einzige Erscheinung in der Natur, das denkende Wesen.

Harmonie, Wahrheit, Ordnung, Schönheit, Vortrefflichkeit geben mir Freude, weil sie mich in den tätigen Zustand ihres Erfinders, ihres Besitzers versetzen, weil sie mir die Gegenwart eines vernünftig empfindenden Wesens verraten und meine Verwandtschaft mit diesem Wesen mich ahnen lassen. Eine neue Erfahrung in diesem Reiche der Wahrheit, die Gravitation, der entdeckte Umlauf des Blutes, das Natursystem des Linnäus, heißen mir nur Widerschein eines Geistes, neue Bekanntschaft mit einem mir ähnlichen Wesen. Ich bespreche mich mit dem Unendlichen durch das Instrument der Natur, durch die Weltgeschichte -- ich lese die Seele des Künstlers in seinem Apollo.

Sprecher E: Das ist die gleiche Idee, wie in dem Gedicht Kolumbus!

Steure, mutiger Segler! Es mag der Witz dich verhöhnen, Und der Schiffer am Steuer senken die lässige Hand. Immer, immer nach West! Dort muß die Küste sich zeigen, Liegt sie doch deutlich und schimmernd vor deinem Verstand. Traue dem leitenden Gott und folge dem schweigenden Weltmeer, Wär sie noch nicht, sie stieg jetzt aus den Fluten empor. Mit dem Genius steht die Natur in ewigem Bunde, Was der eine verspricht, leistet die andre gewiß.

Mädchen: Wie wird man aber ein Genius, ein Genie?

Erster Sprecher: So kann tatsächlich nur derjenige denken, der seine Gefühle hinauf zur Ebene der Vernunft erzogen hat. Und das ist Agape, Liebe. Schiller war noch ganz jung, als er diese Gedanken entwickelte:

Sprecher F: Jetzt, bester Raphael, laß mich herumschauen. Die Höhe ist erstiegen, der Nebel ist gefallen, wie in einer blühenden Landschaft stehe ich mitten im Unermeßlichen. Ein reineres Sonnenlicht hat alle meine Begriffe geläutert.

Liebe also -- das schönste Phänomen in der beseelten Schöpfung, der allmächtige Magnet in der Geisterwelt, die Quelle der Andacht und der erhabensten Tugend -- Liebe ist nur der Widerschein dieser einzigen Urkraft, eine Anziehung des Vortrefflichen, gegründet auf einen augenblicklichen Tausch der Persönlichkeit, eine Verwechslung der Wesen.

Wenn ich hasse, so nehme ich mir etwas; wenn ich liebe, so werde ich um das reicher, was ich liebe. Verzeihung ist das Wiederfinden eines veräußerten Eigentums -- Menschenhaß ein verlängerter Selbstmord; Egoismus die höchste Armut eines erschaffenen Wesens.

Als Raphael sich meiner letzten Umarmung entwand, da zerriß meine Seele; und ich weine um den Verlust meiner schöneren Hälfte.

Jugendlicher: Wer ist denn Raphael?

Erster Sprecher: Raphael ist der Freund, an den Schiller seine "Philosophischen Briefe" richtet. Hört mal weiter, das Wichtigste kommt erst noch:

Aber die Liebe hat Wirkungen hervorgebracht, die ihrer Natur zu widersprechen scheinen. Es ist denkbar, daß ich meine eigene Glückseligkeit durch ein Opfer vermehre, das ich fremder Glückseligkeit bringe -- aber auch noch dann, wenn dieses Opfer mein Leben ist? Und die Geschichte hat Beispiele solcher Opfer -- und ich fühle es lebhaft, daß es mich nichts kosten sollte, für Raphaels Rettung zu sterben. Wie ist es möglich, daß wir den Tod für ein Mittel halten, die Summe unserer Genüsse zu vermehren? Wie kann das Aufhören meines Daseins sich mit Bereicherung meines Wesens vertragen?

Die Voraussetzung von einer Unsterblichkeit hebt diesen Widerspruch -- aber sie entstellt auch auf immer die hohe Grazie dieser Erscheinung. Rücksicht auf eine belohnende Zukunft schließt die Liebe aus. Es muß eine Tugend geben, die auch ohne den Glauben an Unsterblichkeit auslangt, die auch, auf Gefahr der Vernichtung, das nämliche Opfer wirkt.

Zwar ist es schon Veredlung einer menschlichen Seele, den gegenwärtigen Vorteil dem ewigen aufzuopfern -- es ist die edelste Stufe des Egoismus -- aber Egoismus und Liebe scheiden die Menschheit in zwei höchst unähnliche Geschlechter, deren Grenzen nie in einander fließen. Egoismus errichtet seinen Mittelpunkt in sich selber; Liebe pflanzt ihn außerhalb ihrer in die Achse des ewigen Ganzen. Liebe zielt nach Einheit, Egoismus ist Einsamkeit. Liebe ist die mitherrschende Bürgerin eines blühenden Freistaats, Egoismus ein Despot in einer verwüsteten Schöpfung. Egoismus säet für die Dankbarkeit, Liebe für den Undank. Liebe verschenkt, Egoismus leiht -- Einerlei vor dem Thron der richtenden Wahrheit, ob auf den Genuß des nächstfolgenden Augenblicks, oder die Aussicht einer Märtyrerkrone -- einerlei, ob die Zinsen in diesem Leben oder im andern fallen!

Denke dir eine Wahrheit, mein Raphael, die dem ganzen Menschengeschlecht auf entfernte Jahrhunderte wohltut -- setze hinzu, diese Wahrheit verdammt ihren Bekenner zum Tode, diese Wahrheit kann nur erwiesen werden, nur geglaubt werden, wenn er stirbt. Denke dir dann den Mann mit dem hellen umfassenden Sonnenblicke des Genies, mit dem Flammenrad der Begeisterung, mit der ganzen erhabenen Anlage zu der Liebe. Laß in seiner Seele das vollständige Ideal jener großen Wirkung emporsteigen -- laß in dunkler Ahnung vorübergehen an ihm alle Glücklichen, die er schaffen soll -- laß die Gegenwart und die Zukunft zugleich in seinem Geist sich zusammendrängen, und nun beantworte dir, bedarf dieser Mensch der Anweisung auf ein anderes Leben?

Die Summe aller dieser Empfindungen wird sich verwirren mit seiner Persönlichkeit, wird mit seinem Ich in Eins zusammenfließen. Das Menschengeschlecht, das er jetzt sich denket, ist Er selbst. Es ist ein Körper, in welchem sein Leben, vergessen und entbehrlich, wie ein Blutstropfen schwimmt.

Mädchen: Und wie alt war Schiller, als er das schrieb?

Erster Sprecher: Gerade mal zwanzig Jahre. Und da hatte er schon die Ebene des Erhabenen, wenn sich der Mensch mit dem Schicksal der Menschheit identifiziert, erreicht.

Sprecher A: Später, in seiner klassischen Periode, drückte Schiller den gleichen Gedanken so aus:

Eine schöne Seele nennt man es, wenn sich das sittliche Gefühl aller Empfindungen des Menschen endlich bis zu dem Grad versichert hat, daß es dem Affekt die Leitung des Willens ohne Scheu überlassen darf und nie Gefahr läuft, mit den Entscheidungen desselben im Widerspruch zu stehen. Daher sind bei einer schönen Seele die einzelnen Handlungen eigentlich nicht sittlich, sondern der ganze Charakter ist es... Mit einer Leichtigkeit, als wenn bloß der Instinkt aus ihr handelte, übt sie der Menschheit peinlichste Pflichten aus, und das heldenmütigste Opfer, das sie dem Naturtriebe abgewinnt, fällt wie eine freiwillige Wirkung eben dieses Triebes in die Augen. Daher weiß sie selbst auch niemals um die Schönheit ihres Handelns, und es fällt ihr nicht mehr ein, daß man anders handeln und empfinden könnte; dagegen ein schulgerechter Zögling der Sittenregel jeden Augenblick bereit sein wird, vom Verhältniß seiner Handlungen zum Gesetz die strengste Rechnung abzulegen.

Das Leben des letztern wird einer Zeichnung gleichen, worin man die Regel durch harte Striche angedeutet sieht, und an der allenfalls ein Lehrling die Principien der Kunst lernen könnte. Aber in einem schönen Leben sind, wie in einem Tizianischen Gemälde, alle jene schneidenden Grenzlinien verschwunden, und doch tritt die ganze Gestalt nur desto wahrer, lebendiger, harmonischer hervor.

In einer schönen Seele ist es also, wo Sinnlichkeit und Vernunft, Pflicht und Neigung harmonieren, und Grazie ist ihr Ausdruck in der Erscheinung.

Jugendlicher: Wie sagte Goethe doch gleich, als Schiller gestorben war? "Denn er war unser!" Und was sagen wir jungen Leute heute? Schillers Ideen sind das beste überhaupt, was wir in der deutschen Kultur und Geschichte finden können. Und deshalb sagen wir: "Er ist unser!

(Die folgenden Gedichte werden alle von Jugendlichen vorgetragen)

Die Worte des Glaubens
Breite und Tiefe
Die Worte des Wahns
Sehnsucht
Das Mädchen von Orleans
Die Bürgschaft

(c) Copyright Helga Zepp-LaRouche Dichterpflänzchen c/o Lutz Schauerhammer Rüdesheimerstr. 28 65197 Wiesbaden lutz.schauerhammer@t-online-de


Zurück zum Anfang Zurück zur Kulturwerkstatt