Die Dichterpflänzchen in Schillers Jenaer Gartenhaus
Klassische Dichtung. Mit "Das Ideal und das Leben",
einem Programm über Schillers Konzept des Erhabenen, gastierte der
Poesiekreis im Schiller-Institut am 31. Mai 2003 im Jenaer Schillerhaus.
Von 1797-99 lebte Schiller mit seiner Familie drei Sommer in diesem
Gartenhaus, das man heute noch in Jena, unweit der Bahnstation
"Jena-Paradies" und in unmittelbarer Nachbarschaft der Volkssternwarte,
besichtigen kann. In diese Jenaer Zeit fällt das "Balladenjahr" 1797
und die Zusammenarbeit mit Goethe, die man im Briefwechsel nacherleben
kann. In seinem Arbeitszimmer unter dem Dach arbeitete Schiller am Wallenstein, an Maria Stuart, und viele bekannte Gedichte für den Musenalmanach entstanden hier, berichtet Christine Theml, die sich heute liebevoll um das kleine Museum kümmert. Balladen wie Der Handschuh, Die Bürgschaft oder Die Kraniche des Ibykus
habe Schiller draußen in der "Gartenzinne" geschrieben - das ist ein
kleines Türmchen mit Außentreppe, worin gerade ein kleiner Schreibtisch
Platz hat.
Von der Straßenseite her wirkt das Gartenhaus unscheinbar, doch
von dem wunderschönen Garten her bietet sich dem Besucher eine
reizvolle Fassade. Im Wintergarten, genannt die "Veranda", finden
häufig literarische Veranstaltungen statt - zu Frau Themls Leidwesen
geht es dabei viel zu selten um Schiller. Kein Wunder, daß an diesem
Abend die knapp 40 Sitzplätze alle besetzt waren. Die
"Dichterpflänzchen" aus Wiesbaden, der seit zehn Jahren bestehende
Poesiekreis im Schiller-Institut, waren zu Gast mit "Das Ideal und das
Leben", einem Programm über Schillers Konzept des Erhabenen. Roter
Faden ist Schillers philosophische Schrift Über das Erhabene,
deren Glanzpunkte von solchen Gedichten Schillers ergänzt und
illustriert werden, in denen die Kerngedanken der Prosaschrift
wiederkehren.
Das Schiller-Institut und die Dichterpflänzchen sehen in
Schillers Ideen bekanntlich keine Museumsstücke, sondern finden sie
höchst aktuell und unverzichtbar für die heutige Zeit. "Es sind Zeiten
angebrochen, in denen der Kontrast zwischen Ideal und Wirklichkeit
nicht herber sein könnte", hieß es einleitend. Man habe es zu tun mit
einer Weltwirtschaftskrise, mit dem unheilvollen Krieg im Gefolge des
11. September, mit Elend, Seuchen und einer geistig-moralischen Krise.
"Die Frage ist, wie geht man damit um, wenn Ideal und Leben so eklatant
auseinanderklaffen? Gibt man resigniert seine Ideale auf, wird Zyniker
oder Terrorist, verzehrt man sich in Weltschmerz und düsteren
Pessimismus - oder faßt man sich ein Herz und hilft selbst mit, daß
unerträgliche Verhältnisse geändert werden?" Schiller ermuntert uns zu letzterem. Es sei "ein Kennzeichen
guter und schöner, aber jederzeit schwacher Seelen", sich von der
Verkommenheit der Zustände und gewisser Zeitgenossen demoralisieren zu
lassen. "Das moralisch Fehlerhafte soll uns nicht Leiden und Schmerz
einflößen, welches immer mehr von einem unbefriedigten Bedürfnisse als
von einer unerfüllten Forderung zeugt." Es hilft nichts, sich immer
bloß zu wünschen, mit schöneren, besseren Gegenständen umgeben zu sein,
solange das nur ein trauriger Wunsch bleibt. Aber wir sollen durchaus
verlangen, daß "die vorhandenen Gegenstände schön und gut seien", sagt
Schiller, doch dann müssen wir selbst etwas tun. Genau diese Idee
entwickelt er im Gedicht Sehnsucht. Das Sehnen nach "schönen
Hügeln, ewig jung und ewig grün", nach "Harmonien... Tönen süßer
Himmelsruh" werde nur dem erfüllt, der sich notfalls auch ohne Fährmann
im Boot über den Strom traut. "Frisch hinein und ohne Wanken ...
Du mußt glauben, du mußt wagen, denn die Götter leihn kein
Pfand ..." Das ist der "rüstigere Affekt", von dem der Dichter in
der Schrift Über das Erhabene spricht.
Um solche "Rüstigkeit des Charakters" und "wahre menschliche
Freiheit" in sich zu entwickeln, reicht die Empfindungsfähigkeit für
das Schöne allein noch nicht hin, obwohl auch das Schöne bereits "ein
Ausdruck der Freiheit" sei, "aber nicht derjenigen, welche uns über die
Macht der Natur erhebt und von allem körperlichen Einfluß entbindet,
sondern derjenigen, welche wir innerhalb der Natur als Menschen
genießen. Wir fühlen uns frei bei der Schönheit, weil die sinnlichen
Triebe mit dem Gesetz der Natur harmonieren; wir fühlen uns frei beim
Erhabenen, weil die sinnlichen Triebe auf die Gesetzgebung der Vernunft
keinen Einfluß haben, weil der Geist hier handelt, als ob er unter
keinen andern als seinen eigenen Gesetzen stünde." Das Schöne und das
Erhabene sind die beiden "Genien, die uns die Natur zu Begleitern
durchs Leben gab". Diese Prosastelle findet sich nahezu wörtlich wieder
im Gedicht Die Führer des Lebens:
Zweierlei Genien sind's, die dich durchs Leben geleiten.
Wohl dir, wenn sie vereint helfend zur Seite dir stehn!
Mit erheiterndem Spiel verkürzt dir der eine die Reise,
Leichter an seinem Arm werden dir Schicksal und Pflicht.
Unter Scherz und Gespräch begleitet er bis an die Kluft dich,
Wo an der Ewigkeit Meer schaudernd der Sterbliche steht.
Hier empfängt dich entschlossen und ernst und schweigend der andre,
Trägt mit gigantischem Arm über die Tiefe dich hin.
Nimmer widme dich einem allein! Vertraue dem erstern
Deine Würde nicht an, nimmer dem andern dein Glück.
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In der Schrift Über das Erhabene widerlegt Schiller
alle, die behaupten, das Sein bestimme das Bewußtsein. Dabei stimmt er
gerne zu, daß glückliche Umstände es dem Menschen naturgemäß sehr viel
leichter machen, gut und gerecht, standhaft und treu zu sein. Doch was
ist, wenn ein im Glücke tugendhafter Mensch von Unglück, Armut und
Krankheit getroffen oder unter Undank, Ungerechtigkeit und Verleumdung
zu leiden hat? In diesem Zustande suche man den einst Glücklichen
wieder auf, schreibt Schiller, und sehe nach, was nun aus seinen
Tugenden geworden ist:
"Findet man ihn in diesem Stück noch ganz als den nämlichen, hat die
Armut seine Wohltätigkeit, der Undank seine Dienstfertigkeit, der
Schmerz seine Gleichmütigkeit, eignes Unglück seine Teilnehmung an
fremdem Glücke nicht vermindert, bemerkt man die Verwandlung seiner
Umstände in seiner Gestalt, aber nicht in seinem Betragen, in der
Materie, aber nicht in der Form seines Handelns - dann freilich reicht
man mit keiner Erklärung aus dem Naturbegriff mehr aus ..., weil
nichts widersprechender sein kann, als daß die Wirkung dieselbe bleibe,
wenn die Ursache sich in ihr Gegenteil verwandelt hat. Man muß also jeder natürlichen Erklärung entsagen, muß es ganz und
gar aufgeben, das Betragen aus dem Zustande abzuleiten, und den Grund
des erstern aus der physischen Weltordnung heraus in eine ganz andere
verlegen, welche die Vernunft zwar mit ihren Ideen erfliegen, der
Verstand aber mit seinen Begriffen nicht erfassen kann. Diese
Entdeckung des absoluten moralischen Vermögens, welches an keine
Naturbedingung gebunden ist, gibt dem wehmütigen Gefühl, wovon wir beim
Anblick eines solchen Menschen ergriffen werden, den ganz eignen
unaussprechlichen Reiz, den keine Lust der Sinne, so veredelt sie auch
seien, dem Erhabenen streitig machen kann."
Schiller hat die Idee des Erhabenen (und ihres Gegenstücks,
des Schönen) in vielen Gedichten behandelt, und an diesem Abend in Jena
erklangen u.a. Die Bürgschaft, Der Handschuh, Auszüge aus Die Künstler und dem Lied von der Glocke. Das ganze Wesen seiner Weltanschauung hat Schiller jedoch in seinem "kunstvollsten" Gedicht Das Ideal und das Leben
verarbeitet. "Ewigrein und spiegelklar und eben fließt das
zephirleichte Leben im Olymp den Seligen dahin", heißt es dort. Bei den
Göttern wohnt das Ideal, während der Mensch sich mit Tod und
Verhängnis, mit der Menschheit Leiden, mit Kampf und auch Schuld
herumschlagen muß. Und doch gibt es einen Ausweg in die Freiheit:
Wollt ihr schon auf Erden Göttern gleichen...,
Werft die Angst des Irdischen von euch!
Fliehet aus dem engen dumpfen Leben
In des Ideales Reich!...
Flüchtet aus der Sinne Schranken
In die Freiheit der Gedanken,
Und die Furchterscheinung ist entflohn...
Nehmt die Gottheit auf in Euren Willen,
Und sie steigt von ihrem Weltenthron.
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Ist dies nicht genau der Rat, den wir heute so nötig haben? Dieser
Gedanke war es, der am letzten Samstag die vier "Dichterpflänzchen" mit
ihrem Jenaer Publikum vereinte. Menschen sind wir, zur Freiheit
geboren, wohin wir mit Hilfe des Schönen und des Erhabenen gelangen -
wenn wir nur wollen! " Kurzum, es war ein Abend, an dem alle
Beteiligten (und ich glaube, auch der Hausherr und Genius Loci) ihre
Freude hatten.
Gabriele Liebig
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