Helga Zepp-LaRouche veröffentlichte am 28.4.2002 eine Erklärung zu dem Massenmord im Erfurter Gutenberg-Gymnasium vom 26.4. Darin heißt es u.a.:
Mit unserer Gesellschaft ist etwas ganz und gar nicht in Ordnung, und zwar etwas viel Grundlegenderes als das Verbrechen dieses einen Täters. Es geht zum einen um den moralischen Zustand in unserem Land ganz allgemein, und zum anderen um die ungezügelte Akzeptanz von Gewalt in den Medien.
Bereits am 20. Februar 2000 hielt ich auf einer Konferenz des Schiller-Instituts in Washington einen Vortrag zu dem Thema ,Neue Gewalt". Darin wies ich auf den unbestreitbaren Zusammenhang zwischen Gewalt in den Medien und vor allem den Nintendo-Videospielen und der dramatischen Zunahme von Gewalt bei Jugendlichen hin... Ich rief damals zu einer internationalen Kampagne gegen diese Gewaltvideos und -filme auf. Ich erneuere diesen Aufruf jetzt (lesen Sie hier).
"Killervideos" dieser Art wurden ursprünglich vom amerikanischen Militär für die Ausbildung von Rekruten eingesetzt... Die amerikanischen Marines benutzen in der Ausbildung eine Version des gleichen Doom, mit dem der vierzehnjährige Michael Carneal trainiert hatte, um dann drei Mädchen 1997 in Paducah (Kentucky) mit präzisen Kopfschüssen zu töten...
Man muß sich also nicht wundern, wenn es nach Jahrzehnten der Dauerberieselung mit immer perverseren, gewaltverherrlichenden Hollywoodfilmen und interaktiven Gewalt-Computerspielen heute offiziell 175.000 gewaltbereite Jugendliche in Deutschland gibt, vor allem wenn man noch den offenbar tolerierten einfachen Zugang zu Drogen auf den Schulhöfen hinzunimmt. Eine Gesellschaft, die all das zuläßt, darf sich nicht wundern, wenn das auf sie zurückschlägt..."
Der Zustand der Jugend und allgemein der Gesellschaft in Deutschland sei entscheidend geprägt von der Zerstörung des Humboldtschen Erziehungssystems seit den 70er Jahren, so Zepp-LaRouche. Der angebliche "Bildungsballast" von 2500 Jahren europäischer Geschichte wurde beseitigt und der Unterricht statt dessen "pragmatisch" auf die sog. "Erfordernisse der Gesellschaft" ausgerichtet.
Das Resultat dieser Bildungsreformen ist bekannt; die PISA-Studie hat nur beleuchtet, was schon lange klar war: Ein Viertel aller Fünfzehnjährigen gilt als "Risikogruppe", deren Mathematikkenntnisse nicht ausreichen, um irgendeinen Beruf zu erlernen. 42% der Jugendlichen lesen niemals aus Vergnügen ein Buch. Resultat ist auch, daß heute viele Jugendliche so gut wie nichts mehr von der klassischen Tradition Deutschlands wissen, daß sie Lessing, Mendelssohn, Schiller, Heine oder Mörike nicht einmal dem Namen nach mehr kennen -- eine Liste, die man noch eine ganze Weile fortsetzen könnte.
Bei dem Humboldtschen Erziehungssystem ging es nicht nur um konkrete Bildungsinhalte, sondern vor allem um die Ausbildung des Charakters, um charakterliche Schönheit als Unterrichtsziel. Und seitdem dieses Ziel weggefallen ist, seitdem die Schulen keine klassische humanistische Bildung mehr anbieten, woher sollen Kinder und Jugendliche in einer Gesellschaft innere Werte vermittelt bekommen, die ansonsten nur auf verblödenden ,Spaß" angelegt ist und in der die Erwachsenen vorwiegend grenzenlosen Egoismus und sozialen Darwinismus demonstrieren?
"Wir werden die tiefe Krise, in der sich Deutschland befindet, nicht überwinden, wenn wir nicht umgehend zu klassischen humanistischen Werten zurückfinden. Wir brauchen ein Curriculum, das an der Humboldtschen Idee der Vervollkommnung des Individuums ausgerichtet ist, das sowohl alle in ihm angelegten kreativen Fähigkeiten entwickeln hilft und es zugleich zum Staatsbürger erzieht, der sich mit um das Gemeinwohl kümmert.Ò"
Helga Zepp-LaRouche ist Vorsitzende des Schiller-Instituts und Bundesvorsitzende der Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo).