Helga Zepp-LaRouche, die Vorsitzende des Schiller-Instituts, gab am 21. September 2001 folgende Stellungnahme ab:

 Die Eurasische Landbrücke --
Ausweg auch für Amerika

Was kann Europa angesichts der hochgefährlichen strategischen Lage nach den beispiellosen Anschlägen in den USA am 11. September tun?

Von Helga Zepp-LaRouche

 Weltweit stimmen immer mehr führende Experten der Analyse von Lyndon LaRouche zu, daß es bei diesen furchtbaren Ereignissen nicht um das Werk sogenannter internationaler Terrororganisationen handelt, sondern daß diese hochprofessionelle, extrem umfangreiche Operation Ressourcen und einen Grad geheimdienstlicher Kooperation erforderte, die in dieser Form außerhalb der USA nicht existieren. Es handelt sich daher um die Anfangsphase eines Coup d'etat in den USA, wobei Elemente in den USA selbst für die Anschläge verantwortlich sind.

Sicherheitsexperten in Rußland, aber auch in westeuropäischen Staaten stimmen LaRouche zu, daß die Anschläge einerseits im Zusammenhang mit dem anhaltenden dramatischen Kollaps des Weltfinanzystems gesehen werden müssen und daß die drohende Gefahr eines "Krieges der Kulturen" ("clash of civilizations") in das geopolitische Kalkül bestimmter anglo-amerikanischer Kreise paßt, die entschlossen sind, die Tendenz zur wirtschaftlichen und politischen Kooperation auf dem eurasischen Kontinent zu bekämpfen.

Es ist für Europa von existentieller Bedeutung, folgende Fakten zu verstehen:

1. Ungeachtet der massiven Versuche der USA, islamische Organisation und Staaten für die Anschläge verantwortlich zu machen, werden alle militärischen Operationen gegen diese Staaten an der Tatsache nichts ändern, daß die Anschläge vom 11. September nicht ohne die Koordination hochrangiger krimineller Elemente des amerikanischen Establishments hätten ausgeführt werden können.

2. Der Charakter und die Umstände der Anschläge vom 11. September bedeuten, daß sehr wahrscheinlich in naher Zukunft mit weiteren Anschlägen zu rechnen ist.

3. Alle Versuche, den eskalierenden Kollaps des Weltfinanzsystems durch eine Militarisierung der USA in den Griff zu bekommen, werden das Problem nur verschlimmern.

4. Die Kombination aus eskalierender Kriegsgefahr im Nahen Osten und Militärschlägen gegen islamische Staaten wird zu einem geopolitisch motivierten Krieg des Westens gegen den Islam führen, der die Sicherheitsinteressen des ganzen eurasischen Kontinents betrifft.

5. Die Verteidigung der Eurasischen Landbrücke als Option für die Überwindung der Depression stellt das ureigenste strategische Eigeninteresse Europas dar.

 

Der strategische Hintergrund

Einem Teil des anglo-amerikanischen Establishment ist seit Ende 1997 klar, daß der systemische Kollaps des Weltfinanzsystems unausweichlich ist. Zunächst versuchten diese Kreise, Zeit zu gewinnen, indem sie praktisch unbegrenzte Mengen von Liquidität in das System pumpten.

Dabei folgten Teile dieses Establishments einer Ideologie, die sich aus den Utopien des H.G. Wells über eine "Eine-Welt-Regierung" und an Aldous Huxleys Polizeistaatsvisionen zusammensetzt. Die Krisenszenarien eines Samuel Huntington oder die geostrategischen Phantasien von Zbigniew Brzezinski sowie die Produkte einiger amerikanischer Denkfabriken gehören in die gleiche Kategorie.

Es war diesen Kräften klar, daß das Weltfinanzsystem das dritte und vierte Quartal dieses Jahres nicht überleben würde. Der zeitliche Zusammenfall der Anschläge mit den bisher stärksten Turbulenzen auf den Finanzmärkten ist unübersehbar. Es ist nicht undenkbar, daß die konkrete Untersuchung der Zusammenhänge die Frage nach dem "cui bono?" in dieser Hinsicht beantwortet.

Fest steht auch, daß alle Appelle, aus patriotischen Gefühlen Aktien zu kaufen oder in "Kriegsanleihen" zu investieren, den Sturz der Aktienkurse nicht aufhalten können. Der Absturz in die globale Depression ist in vollem Gange. Die Anschläge haben dieses Prozeß nicht verursacht, wie die Medienpropaganda weiszumachen versucht, sondern lediglich verstärkt.

Die große Gefahr besteht darin, daß weitere ungeheuerliche Anschläge und der Beginn amerikanischer Militäroperationen im Zusammenhang mit unkontrollierbaren Einbrüchen der Finanzmärkte die Welt in ein irreversibles Chaos stürzen.

Eine Lösung kann nur gefunden werden, wenn die zugrunde liegenden Ursachen für die strategische Krise behoben, d.h. die Weltfinanz- und -wirtschaftskrise überwunden wird. Wenn allgemein verstanden wird, daß die Szenarien Samuel Huntingtons vom "Kampf der Kulturen" und Brzezinskis "Die einzige Weltmacht - Amerikas Strategie der Vorherrschaft" nicht nur krankhafte Phantasien von Menschenfeinden, sondern die Grundlagen der operationellen Politik der Drahtzieher hinter den Anschlägen darstellen, dann ist auch klar, was die Kreise bewegt, die die NATO in eine "ungeheure Falle" locken. Die bloße Behauptung, die USA strebten keinen Zusammenstoß der Zivilisationen an, wird diesen Effekt nicht verhindern.

Denn eines ist klar, wenn nach einer oder mehreren Militäroperationen im Nahen und Mittleren Osten die ganze islamische Welt in einer Spirale der Gewalt explodiert, dann vernichtet das auf absehbare Zeit das Potential, das sich mit der infrastrukturellen und wirtschaftlichen Integration Eurasiens im Rahmen des Ausbaus der Eurasischen Landbrücke auftut. Gerade hier aber muß die Überwindung der Weltfinanz- und -wirtschaftskrise ansetzen. Es liegt im ureigensten Interesse Deutschlands, Europas, Rußlands, ganz Eurasien, einschließlich des Nahen und Mittleren Ostens, durch wirtschaftliche Kooperation die Depression zu überwinden.

Wenn Präsident Putin Ende September nach Berlin kommt, bietet sich eine einmalige Chance. Die Sowjetunion war zuvor die zweite "Supermacht", Rußland hat trotz aller Probleme noch einen derartigen Charakter.

Bundeskanzler Schröder und Präsident Putin müssen sich über folgendes klar sein, damit sie die Situation in den Vereinigten Staaten verstehen können: Die amerikanische Bevölkerung ist nach den jüngsten Ereignissen zutiefst verängstigt. Zum einen hat der finanzielle Kollaps, dessen Realität die amerikanische Öffentlichkeit trotz gegenteiliger Hinweise geradezu hysterisch verdrängt hat, nunmehr einen Großteil der privaten Anlagen ausgelöscht. Zum anderen haben die auf maximale Wirkung angelegten Terroranschläge die Bevölkerung völlig unvorbereitet getroffen, und sie wünscht nichts mehr, als daß die Täter aus einem sehr weit entfernt gelegenen Ort stammen, den man aus der Luft bombardieren kann.

Die Tatsache, daß Teile der amerikanischen Bevölkerung z.B. Afghanistan bis aufs letzte Zelt bombardieren möchte, reflektiert den Umstand, daß sie letztlich keine Führung hat, die ihr mit der psychologisch als unerträglich empfundenen Doppelproblematik hilft, daß nämlich die globale Finanzkrise real ist und die Attacke nicht von außen, sondern von innerhalb der USA selbst gekommen ist.

Die amerikanische Bevölkerung braucht jetzt klare Stellungnahmen führender Politiker aus dem Ausland, die diese beiden Punkte unmißverständlich klarmachen. Solange dies nicht geschieht, wird die Bevölkerung weiterhin den Ausweg in einer "Flucht nach vorn" suchen.

Aber es gibt Lösungen. Wenn Präsident Bush auf die Angebote Präsident Putins zur Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des Terrorismus, von dem Rußland ebenfalls bedroht ist, eingeht, und wenn zwischen den USA und Rußland ein Einverständnis darüber erzielt werden kann, den anhaltenden Kollaps des Weltfinanzsystems zu überwinden, dann muß Westeuropa diese Gelegenheit nutzen, um eine konstruktive Rolle bei der Entwirrung der angeführten Probleme und bei der Entwicklung Eurasiens zu spielen.

Wenn die einmalige Chance des Besuchs von Präsident Putin genutzt werden soll, dann muß die deutsche Regierung bereit sein, mit dazu beizutragen, das alte bankrotte Weltwährungs- und -finanzsystem durch ein "Neues Bretton Woods" zu ersetzen, das an den besten Aspekten des alten Bretton-Woods-System anknüpft. Dies bedeutet u.a. feste Wechselkurse, langfristige Rahmenbedingungen für Investitionen in Bereichen des Gemeinwohls, wie z.B. Infrastruktur, eine Kopplung der Währungen an eine Goldreserve, produktive Kreditschöpfung durch Nationalbanken für projektgebundene Investitionen.

Wenn Deutschland und Rußland jetzt entschlossen im Konzert mit anderen Nationen Eurasiens handeln, kann der Ausbau der Eurasischen Landbrücke den wirtschaftlichen Aufschwung für alle bedeuten. Es müssen alle Anstrengungen unternommen werden, Amerika (u.a. über die Bering-Straße) in die Eurasische Landbrücke einzubeziehen. Nur so kann die Katastrophe in den USA selbst abgewendet werden.

Aber dies erfordert intellektuellen Mut und Initiativen, die über das normale Maß der deutschen Realpolitik hinausgehen.