![[Seminar in Bonn, Nov. 97]](../bilder/bonnbw.jpg)
Seminar des Schiller-Instituts und EIRNA in Bonn am 5. November 1997
"Das wirtschaftliche Gravitationszentrum dieses Planeten liegt nicht länger im Atlantik, sondern im Pazifik." So beschrieb Lyndon H. LaRouche in seiner Eröffnungsrede zum EIR-Symposium "Für ein neues Bretton-Woods-System" in der Stadthalle von Bonn-Bad Godesberg am 5. November die Tatsache, daß die europäischen Eliten sich in Nebensächlichkeiten flüchten, während auf dem gerade beendeten amerikanisch-chinesischen Gipfel das Thema "Globale Finanzkrise" ganz oben auf der Tagesordnung stand. Das Washingtoner Zusammentreffen des amerikanischen Präsidenten Bill Clinton mit dem chinesischen Präsidenten Jiang Zemin, so LaRouche, habe eine neue Ära in den weltpolitischen Beziehungen eingeleitet. Deren Bedeutung sei zwar von der Mehrheit der europäischen Medien heruntergespielt worden, werde sich aber bald in weltwirtschaftspolitischen Vereinbarungen, die den gesamten asiatisch-südostasiatischen Raum, Rußland und den indischen Subkontinent umfassen, bemerkbar machen.
In den Begrüßungsworten hatten Michael Liebig und Uwe Friesecke zuvor daran erinnert, daß LaRouche schon im April 1975 im Bonner Hotel Tulpenfeld gefordert hatte, den IWF und das monetaristische Weltfinanzsystem durch eine Internationale Entwicklungsbank und eine neue gerechte Weltwirtschaftsordnung zu ersetzen. Diese Forderung ist heute, 22 Jahre später, noch um so dringlicher geworden. Die Tatsache, daß unter den 140 Teilnehmern des Seminars in Bad Godesberg Vertreter von immerhin 20 Botschaften und ausländischen Wirtschaftsvertretungen waren, sowie Sprecher zahlreicher afrikanischer Exilvereinigungen, Politiker aus Osteuropa, außerdem mittelständische Unternehmer und Gewerkschafter aus Deutschland, unterstreicht die Brisanz des Konferenzthemas. Die Liste der Redner und schriftlichen Beiträge (siehe Kasten auf Seite 2) zeigt ebenso, daß die Debatte über eine neue Weltwirtschaftsordnung mittlerweile in vielen Ländern auf Parlaments- und Regierungsebene geführt wird, und von dort Anregungen kommen, wie das neue System gestaltet werden soll. Auch hier spielt Westeuropa - mit Ausnahme Italiens - bisher leider eine Nebenrolle. Die Regierungen der EU haben sich auf IWF und Maastricht versteift und wehren alles ab, was nicht in ihr Denkkorsett paßt.
Im Gegensatz dazu entspricht die neue amerikanisch-chinesische Zusammenarbeit den Herausforderungen der akuten Weltwirtschaftskrise, die dadurch gekennzeichnet ist, daß sie eben keine zyklische Krise ist, die auch wieder vorbei geht, sondern das Ende des geltenden Systems herbeiführen wird, sagte LaRouche. Die derzeitige Krise sei nicht mit der Depression von 1929-32 vergleichbar. Damals handelte es sich um einen zyklischen Zusammenbruch, wie er immer wieder in der westlichen Wirtschaftswelt, als Folge von unlösbar gewordenen Konflikten zwischen nationalökonomisch orientierten Industriekreisen und der globalistisch orientierten Finanzoligarchie, auftrat. Die heutige Krise gehe auch über den letzten großen Börsenkrach von 1987 hinaus. Sie sei weitaus schlimmer, denn die bisherige Finanz- und Wirtschaftsordnung könne nach dem Krach nicht wieder ins Lot gebracht und repariert werden - ein ganz neues, gerechtes System müsse aufgebaut werden. Die heutige Krise sei nicht einmal wirtschaftlich bedingt, sondern politisch und ideologisch, und auf den tiefgreifenden Paradigmenwandel innerhalb der letzten Jahrzehnte zurückzuführen. Das sei mit herkömmlichen statistischen Methoden der Wirtschaftsanalyse nicht zu begreifen.
Die Eliten, die heute in den Machtpositionen von Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Banken sitzen, seien Produkt einer psychologischen Konditionierung und Schocktherapie. Dieser Konditionierung wurde, unter der Regie des Londoner Tavistock-Instituts und der Frankfurter Schule, eine ganze Nachkriegsgeneration von westlichen oder westlich geprägten Studenten und Intellektuellen unterzogen. Die inszenierte Kubakrise von 1962, die Ermordung Präsident Kennedys 1963, die damals eingefädelte Sex-Drogen-Gegenkulturbewegung, der Aufstieg des Kults der "Informationstheorie" und die gleichzeitige gezielte Züchtung von Technikfeindlichkeit haben, so LaRouche, eine Elite künstlich geschaffen, die wie "Wesen von einem anderen Stern" auf der Erde agiert. Der jetzige Zusammenbruch des gesamten Weltwirtschafts- und Finanzsystems ist das Ergebnis einer Denkweise, worin der Mensch gar nicht mehr vorkommt und Scheinwirklichkeiten dominieren.
Die Krise des englischen Pfunds von 1967 und des Dollars im Jahr darauf, der Kollaps des alten Systems von Bretton-Woods 1971, der Ölpreisschock von 1973, die Hochzinspolitik und der Beginn der "kontrollierten Desintegration" der Weltwirtschaft 1979, die Einführung der Ramschanleihen (junk bonds) 1982, dann - nach dem Börsenkrach von 1987 - der Übergang zu den Derivaten, sind wichtige Stationen der kontinuierlichen Zerstörung der Realwirtschaft, die mit den Weltwährungskrisen im Oktober 1997 die jüngsten Schläge abbekommen hat. Während der letzten 30-40 Jahre hat sich das Verhältnis zwischen realem Außenhandel und Geldtransfers in den USA völlig umgekehrt, so daß heute nur noch 1 Prozent der Devisentransaktionen auf den Handel mit realen Gütern und 99 Prozent auf Spekulationsgeschäfte entfallen. Die Papierwerte werden sich während des laufenden Zusammenbruchs in das auflösen, was sie ohnehin sind - nämlich Papier. Wer - wie die Monetaristen von heute - das Papier durch Zustapelung weiterer Papierwerte retten wolle, handele wie einer, der ein Feuer mit einer Pumpe voll gekühltem Benzin löschen wolle: die große Explosion werde so erst recht herbeigeführt.
Der Ausweg für Europa - zumal Deutschland, wo die heute von der Krise bedrohte Maschinenbauindustrie ihre weltweit größte Dichte hat - liegt in der Allianz mit den wirtschaftlich aufstrebenden Nationen des indisch-asiatisch-pazifischen Raumes. Dort spiele der bodenständige Maschinenbau bisher nur eine geringe und regional (Japan, Taiwan, Südkorea) begrenzte Rolle, sagte LaRouche. Diesen Nationen bei ihrem Aufbau zu helfen, sei die große und auch einzige Chance für Europa, aus seiner Dekadenz und weltpolitischen Bedeutungslosigkeit herauszufinden und zum Aufbau einer gerechten Wirtschaftsordnung beizutragen. Das neue System von Bretton Woods mache nur Sinn, wenn es auf solche positiven Grundsätze gegründet werde, sagte LaRouche zum Abschluß seiner Rede.
Der ehem. Parlamentsabgeordnete Hrant Kachatrian aus Armenien schilderte die ruinöse IWF-Politik gegenüber seinem Land. Verlesen wurde außerdem ein Beitrag über die Lage in der Ukraine von Dr. Natalja Witrenko. Zusammen mit Helga Zepp-LaRouche hatte sie den "Aufruf an Präsident Clinton zur Einberufung einer neuen Bretton-Woods-Konferenz" initiiert. Sie ist im ukrainischen Nationalparlament eine ebenso engagierte Vorkämpferin für eine neue Wirtschaftsordnung wie Publio Fiori, der ebenfalls einen schriftlichen Beitrag schickte, es im italienischen Parlament ist. Im italienischen Parlament gab es Ende Oktober auf Fioris Initiative hin eine Debatte über mögliche Maßnahmen gegen die Derivatspekulation.
Sergej Glasjew, der den Lesern dieser Zeitung durch frühere Beiträge bekannt ist, gilt in Rußland als der wichtigste, wissenschaftlich glaubwürdige Wirtschaftsfachmann, der auch als früherer Minister der Russischen Föderation Einblicke in Entscheidungsvorgänge auf höchster Ebene besitzt. Glasjews Vergleich der Lage Rußlands mit der Situation in den ärmsten afrikanischen Ländern war ebenso realistisch wie schockierend.
Die Debatte am Nachmittag, die Helga Zepp-LaRouche mit der Vorstellung eines Zweiphasen-Sofortprogramms zur Überwindung der Depression einleitete, behandelte Aspekte der Eurasischen Landbrücke - wobei die Frage, welche Rolle Afrika dabei spielen solle, einen wichtigen Teil der Diskussion einnahm (siehe Seite 4-6).
Was die Frage der Finanzierung von Verkehrsinfrastruktur, Wasser- und Energieversorgung in Afrika betreffe, so führten LaRouche wie auch Helga Zepp-LaRouche in der Diskussion aus, sei es im weltweiten Interesse, den Afrikanern die entsprechenden Mittel und Technologien ohne besondere Bedingungen zur Verfügung zu stellen. Der positive Beitrag, den Afrikas Wirtschaft künftig der Weltwirtschaft liefere, sei gewissermaßen die Bezahlung. Es sei einfach nicht hinnehmbar, daß mit dem heutigen, zerstörten Zentralafrika der Menschheit ein bisher völlig ungenutztes, riesiges Landwirtschaftspotential fehle, mit dessen Entwicklung viele der heute noch bestehenden Welternährungsprobleme gelöst werden könnten. Ein grundsätzliches Finanzierungsproblem stelle sich nicht. Politische Sabotage verhindere aber heute Programme wie das, mit dem Ägypten vor Jahren aus eigenen Mitteln neue Gebiete in der Wüste fruchtbar machen wollte. 95 Prozent der Kosten wollte Ägypten selbst tragen. Doch die Weltbank habe, obwohl sie nur 5 Prozent der Kosten beizusteuern hatte, politischen Druck auf Kairo ausgeübt, das Projekt fallenzulassen.
In der Diskussion um den Ausbau der afrikanischen Infrastruktur kam übrigens von einem deutschen Eisenbahningenieur die Anregung, den Transrapid zur Grundlage eines Sofortprogramms für den Bau von Magnetbahnnetzen in Afrika zu machen und nicht erst darauf zu warten, bis die geplante erste größere deutsche Trasse von Hamburg nach Berlin im Jahre 2005 in Betrieb gehe.
Aus seiner genauen Kenntnis der Lage in China berichtete Prof. Qian, daß die Ära der "Landbrückenwirtschaft" sehr bald anbrechen werde. Und er fügte hinzu: "Zweifellos liegen auf dem Wege vor uns viele neue Schwierigkeiten. Aber ein alter chinesischer Philosoph hat gesagt: Eine lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Lyndon LaRouche hat mit seinen großen Anstrengungen schon den ersten Schritt getan. Ich glaube, daß ihm immer mehr Menschen folgen."