Juni 2000. -- Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel hat unmißverständlich die Gefahrenquellen für Weltfinanzsystem und Weltwirtschaft beim Namen genannt. Am liebsten hören Banken und Spekulanten aber gar nicht hin, um sich nicht die gerade wiedergefundene Hochstimmung verderben zu lassen.
Am Montagabend des 29. Mai 2000 geschah Ungeheuerliches im ehrwürdigen Elysee-Palast zu Paris. Die Topmanager der größten Banken aus Europa, Asien und Amerika waren angetreten, um zusammen mit den mächtigsten Zentralbankchefs der Welt den 200. Geburtstag der Banque de France zu begehen. Natürlich oblag es dem französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac, die feierliche Zeremonie zu eröffnen. Doch da gab es ein Problem: Chirac war nicht da. Eine geschlagene Stunde mußten die hohen Bankiers ausharren, bis der Staatspräsident endlich erschien. Wie sich später herausstellte, hatte es zuvor ein Treffen Chiracs mit den Zentralbankchefs der G-7-Staaten gegeben, auf dem es zu einer derart heftigen Auseinandersetzung zwischen Chirac und dem Federal Reserve Vorsitzenden Alan Greenspan gekommen war, daß der ganze Zeitplan auseinanderflog. Chirac hatte die Spekulationsblase an den US-Börsen sowie das explodierende Leistungsbilanzdefizit der USA als größte Gefahr für das weltweite Finanzsystem bezeichnet. Daraufhin ereiferte sich Greenspan, die wirtschaftliche und finanzielle Lage in den USA schönzureden.
Die Episode unterstreicht erneut, daß der trilaterale Konsens unter den Mitgliedern der drei großen Währungsblöcke auseinanderbricht. Die Situation gleicht den letzten Stunden auf der Titanic, welche gerade den Eisberg gerammt hat und ruhig und scheinbar stabil im Wasser liegt. In Europa und Asien haben einige Verantwortliche erkannt, daß sie so schnell wie möglich in irgendein Rettungsboot gelangen und sich vom Ort des Unglücks absetzen müssen. Dagegen bemühen sich US-Finanzminister Larry Summers und Fed-Chef Alan Greenspan verzweifelt, die Stimmung an Bord solange mit üppiger "Liquidität" oder anderen Mitteln aufrechtzuerhalten, bis die letzte Party auf der Titanic beendet ist, das heißt bis entweder Gore oder Bush zum neuen Präsidenten der USA gekürt worden sind.
Doch mitten hinein in die Ende Mai noch einmal an den Finanzmärkten hervorgebrachte Hochstimmung -- wonach wegen beruhigender Wirtschaftszahlen in den USA eine "sanfte Landung" garantiert sei und in Kürze gar eine "Sommerrallye" an den Börsen ausbrechen werde -- meldete sich jetzt die Zentralbank der Zentralbanken zu Wort und sprach unmißverständliche Warnungen aus. Wer die traditionell nüchternen Bestandsaufnahmen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel kennt, muß erstaunt sein, wie deutlich hierbei Gefahrenquellen für Weltfinanzsystem und Weltwirtschaft beim Namen genannt werden.
Der Report ist so brisant, daß Wallstreet und der Gore-Wahlkampfstab alles versucht haben, am der Tag der letzten Vorwahlrunden in Amerika keinen Bericht in der amerikanischen Presse erscheinen zu lassen. Nur der New Federalist aus dem LaRouche-Lager der Demokratischen Partei berichtete diese sensationellen Warnungen.
Der "schlimmstmögliche" Fall könnte eintreten
BIZ-Präsident Urban Bäckström betonte bei der Vorstellung des Jahresberichtes am 5. Juni, es gebe vor allem zwei Dinge, die ihm Sorge bereiteten, "die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte und die Preise von Vermögenswerten." Er fügte hinzu: "In den letzten zehn Jahren haben wir zu viele Krisen gesehen, um nicht zu wissen, daß das Vertrauen des Marktes abrupt umschlagen kann. Es ist keineswegs sicher, daß es zu einer weichen Landung kommt." Und sollte es zu Erschütterungen an den Aktienmärkten kommen, geriete dann auch die allgemeine Schuldenpyramide in Gefahr. Bäckström wies in diesem Zusammenhang darauf hin, daß "die Vergabe von Krediten zur Finanzierung von Aktienkäufen in einigen Ländern stark zugenommen" habe. Es sei "wichtig, daß die Investoren keinesfalls vor den Konsequenzen ihrer bisweilen unbedachten Anlagen geschützt werden. Sie dürfen nicht erwarten, daß die Geldpolitik für irgendeine bestimmte Bewertung an den Aktienmärkten bürgt. Ein zweites und damit zusammenhängendes Risiko ist, daß hohe Preise von Vermögenswerten zu Sorglosigkeit hinsichtlich der Schuldenstände führt. Die Bilanzen der privaten Haushalte und der Unternehmen mögen gesund aussehen, wenn die Preise von Vermögenswerten stabil sind oder steigen, aber was ist, wenn die Preise fallen?"
Genau wie die "Verschuldung der privaten Haushalte und Unternehmen in den USA und einigen anderen Industrieländern" sei zuletzt auch die "Auslandsverschuldung einer Reihe aufstrebender Volkswirtschaften" aufgrund optimistischer Zukunftserwartungen stark angestiegen. Bäckström warnt: "Den Finanzmärkten wohnt jedoch immer Volatilität inne. Die jüngsten Turbulenzen an den Aktienmärkten sowie vorangegangene Krisen in den aufstrebenden Volkswirtschaften veranschaulichen die Risiken, die damit verbunden sind, wenn Entscheidungen lediglich ein einzelnes Szenario zugrunde gelegt wird und nicht auch eine Reihe weiterer denkbarer Szenarien -- darunter das des schlimmstmöglichen Falles -- berücksichtigt werden."
Der von Bäckström vorgestellte Jahresbericht der BIZ befaßt sich in einem besonderen Kapitel mit der wirtschaftlichen und finanziellen Lage in den USA. Interessanterweise unternimmt die BIZ hierbei einen Vergleich zwischen den USA heute und Japan am Ende der achtziger Jahre, also kurz bevor dort die spekulative Blase am Aktien- und Immobilienmarkt platzte und das gesamte Bankensystem von staatlichen Rettungsmaßnahmen abhängig wurde. Man könnte zwar einwenden, heißt es im Bericht, daß in den USA während der neunziger Jahre zwar die Aktienkurse, nicht aber die Immobilienpreise so stark angestiegen seien wie dies während der achtziger Jahre in Japan der Fall gewesen sei. "Aber im Unterschied zu Japan damals sind die USA ein Nettoauslandsschuldner mit einem hohen Leistungsbilanzdefizit. Daher bleibt es schwierig, die bestehenden Risiken abzuschätzen."
"Ohne Vorwarnung"?
An allen wichtigen Aktienmärkten der Welt, nicht nur in den USA, bewegen sich die Kurse relativ zu fundamentalen Parametern der jeweiligen Unternehmen auf historischen Rekordhöhen. Beispielsweise übersteigt das Kurs/Gewinn-Verhältnis an den Aktienmärkten heute "sogar das Niveau vor dem Börsencrash vom Oktober 1987." Der BIZ-Bericht merkt an: "Die im historischen Vergleich hohen Bewertungen der wichtigsten Aktienmärkte bringen fraglos das Risiko einer abrupten marktweiten Korrektur mit sich. Der Hochtechnologiebereich dürfte besonders anfällig sein, aber auch in den übrigen Wirtschaftszweigen sind die Bewertungen im langfristigen Vergleich hoch. Zwar bevorzugten die Anleger fast während des gesamten ersten Quartals 2000 abwechselnd den einen oder den anderen Bereich, doch könnte ein Stimmungsumschwung bei den Hochtechnologietiteln durchaus auch die übrigen Titelgruppen in Mitleidenschaft ziehen. Es braucht oft nur wenig, um einen solchen Stimmungsumschwung bei den Anlegern auszulösen. Ohne Vorwarnung können große Verkaufsaufträge erteilt werden, und diese können weitere Verkäufe auslösen, wenn andere Anleger daraus negative Informationen ableiten, selbst wenn den ursprünglichen Geschäften eigentlich keine Aussagekraft zukam. Dies hat schon oft zu einem allgemeinen Vertrauensverlust geführt, wenn Kurse unerwartet nachgaben."
Und wenn es erst einmal abwärts geht, dann haben wir dank der dramatischen Veränderungen des Weltfinanzsystems in den vergangenen Jahrzehnten heute erheblich schlechtere Karten als früher. Wie der BIZ-Bericht betont, ist weltweit nicht nur eine "rasche Kreditausweitung" und eine "wachsende Risikobereitschaft bei den Kreditgebern" zu beobachten. Auch das "Konzentrationsmaß an den Finanzmärkten" ist angestiegen. Das heißt "nicht nur, daß die Weltwirtschaft gegenüber makroökonomischen Schocks anfälliger geworden sein dürfte, sondern auch, daß die dynamische Reaktion der Märkte auf solche Schocks womöglich schwieriger vorauszusagen ist als in der durch größere Regulierung geprägten Vergangenheit." Noch deutlicher gesagt: "Eine Kombination von anhaltender Deregulierung, verstärktem Wettbewerb, technologischem Wandel und zunehmender Beachtung des Shareholder Value dürfte Verhaltensweisen und bereichsübergreifende Beziehungen gefördert haben, die sich erst in der nächsten Abschwungphase als unvorsichtig erweisen werden." Und wenn die Unternehmensführungen der Finanzinstitute nicht größeres Gewicht darauf legen, die Risiken ihrer Handelsabteilungen einzugrenzen, "könnte sich das unermüdliche Streben nach Shareholder Value als sehr gefährliche Strategie erweisen."
Die nüchternen Äußerungen der Baseler Bankiers bilden einen wohltuenden Kontrast zum manisch-euphorischen Stimmungsbild der meisten Finanzmedien. Es ist schon bemerkenswert, daß die neuesten Warnungen der BIZ nur in der europäischen Presse erhebliche Beachtung fanden, dagegen aber in den großen US-Zeitungen fast überhaupt nicht erwähnt wurden. Andererseits enthalten die Beschreibungen und Ermahnungen der BIZ im Grunde nichts, was nicht schon hundertfach in den vergangenen Jahren von Lyndon LaRouche und befreundeten Zeitungen formuliert wurde. Wichtiger noch: die BIZ weist keinen gangbaren Ausweg.
Die BIZ-Banker haben sich auf der letzten Party an Bord der Titanic an einem Tisch versammelt, weigern sich, alkoholische Getränke zu sich zu nehmen, reden statt dessen über die Gefahren von Eisbergen für die christliche Seefahrt, stören sich aber auch kaum daran, daß ihnen eigentlich niemand zuhört. Es stellt sich zwangsläufig die Frage: Wo ist der Kapitän, der das Ruder herumreißt?