Hyperinflation schürt Hunger und Aufstände in Nordafrika
In seiner Rede vor dem Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos forderte der indonesische Präsident Susilo Bambang Yudhoyono, die Gewährleistung der Versorgung mit
Nahrungsmitteln müsse im Rahmen der G20 vorrangig behandelt werden, da die
anziehenden Preise zu weitergehenden Unruhen führen könnten. Unter Hinweis auf
Daten der FAO sagte Yudhoyono, die Lebensmittelpreise hätten schon wieder das
Niveau von 2008 erreicht und könnten „noch weiter steigen“. Schon 2008 hatte es
in Ägypten Hungerunruhen gegeben.
Le Monde zufolge stieg der Brotpreis in Ägypten,
das 50% seines Getreidebedarfs durch Einfuhren deckt und somit größter
Getreideimporteur der Welt ist, schon Ende letzten Jahres monatlich um 10%. Die
Gesamtinflation 2010 betrug 12,8%. Le Temps, eine der größten
Tageszeitungen Algeriens, verweist auf den Slogan „Brot, Freiheit und Würde“
der ägyptischen Demonstranten als eine Parole, die sie von den Tunesiern
übernommen haben. AFP verbreitete die Meldung, daß die „gewalttätigen
Demonstrationen der vergangenen Wochen in mehreren Ländern - einschließlich
Tunesien und Algerien - zum Teil durch stark steigende Preise für
Nahrungsmittel hervorgerufen wurden“.
Was treibt die Nahrungsmittelpreise so stark in die Höhe? Le Figaro berichtete, daß die
„Investoren“ bei einem Anstieg des Ölpreises auf über 80$ pro Faß ihr Geld in
Biosprit anlegen, dessen Gewinnträchtigkeit ab dieser Marke von marginal auf
maßgeblich springt. Dieses Raffen von potentiellen Nahrungsmitteln für die Produktion
von Biosprit leert den Tisch der Ärmsten und treibt die Preise in die Höhe.
Anfang des Jahres erreichte daher der Weltmarktpreis für Weizen, der im letzten
Jahr um 100% stieg, und für Mais derartige Höhen, daß viele Länder „Panikkäufe“
tätigten. Algerien z.B. kaufte noch einmal zusätzlich 600.000 t Weizen, nachdem
es bereits einen Notkauf von 1 Mio. t Weizen getätigt hatte. Die französischen
Weizenexporte nach Algerien stiegen im Januar um 30%. Marokko, auch Stammkunde
Frankreichs, kaufte 900.000 t zusätzlich. Das von russischen Weizenverkäufen
abhängige Ägypten wurde von Frankreich bereits mit zusätzlich 700.000 t Weizen
beliefert und kaufte im vergangenen Jahr 10,2 Mio. t, anstelle der üblichen 8 Mio. t.
In Ägypten, Marokko, Tunesien, Jemen und Algerien sind die Preise für Grundnahrungsmittel
und Energie bis zu 40% staatlich subventioniert. In Marokko, zehntgrößter
Weizenimporteur der Welt, würden sich die Preise über Nacht verdoppeln, wenn
die Subventionen vollkommen abgeschafft würden. In der letzten Woche sagte
Khalid Naciri, marokkanischer Minister für Kommunikation und Sprecher der
Regierung, daß „subventionierte Preise wie die für Treibstoffe, Gas, Mehl,
Zucker usw. auf den internationalen Märkten stark anziehen“. Um mit der
gegenwärtigen Krise umgehen zu können, wird Marokko 10% seines Haushalts, die
für öffentliche Investitionen vorgesehen waren, in die Aufrechterhaltung der
Subventionen für den Grundbedarf umleiten müssen.
In Algerien kostete 1 Kg Sardinen, der preiswerteste Fisch im Land, Ende Januar 350 Dinar
-d sechsmal so viel wie vor einem Jahr. Morad Benachenou, in den neunziger
Jahren Wirtschaftsminister Algeriens, veröffentlichte am 7. Januar in der
Tageszeitung Le Quotidien d’Oran einen Artikel mit der Überschrift
„Schluß mit dem Teufelskreis von Inflation und Aufständen“. Darin schreibt er,
daß die Inflation seit 2001 in Algerien anschwoll und die Bevölkerung sich sehr
ruhig verhielt. Heute jedoch stünden die Dinge auf der Kippe, da „die negativen
Auswirkungen der Inflation untragbar geworden sind und nicht länger mehr
akzeptiert werden oder akzeptierbar sind, welche Repressionsmaßnahmen auch
immer von den öffentlichen Autoritäten ergriffen oder in Betracht gezogen
werden. Der ,auslösende’ Grund für kollektive Reaktionen ist dabei nicht wichtig,
da das Übel Schritt für Schritt die algerische Gesellschaft, den Geist und den
Körper des Volkes infiltrierte, bis der Punkt erreicht war, daß die einzig
vorstellbare Lösung für sie war, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren,
daß sie genug haben. Wenn besonders die politischen Entscheidungsträger sich um
eine Analyse der konjunkturellen Gründe bemühen, so ist das nur ,Anekdotismus’
in Gestalt einer politischen und ökonomischen Analyse.“
François Heisbourg von der Französischen Stiftung für Strategische Forschung erklärte,
daß sich die Menschen zwischen dem „Washingtoner Konsens“ - britischer
Freihandel nach IWF-Muster und Privatisierungen - und dem „Pekinger Konsens“ -
Wirtschaftswachstum, das Millionen die Armut überwinden läßt - sehen. „Die
Menschen der arabischen Welt vergleichen sich nicht mehr mit denen, die in den
ehemaligen Kolonialmächten leben, sondern mit den Nationen, die sich
wirtschaftlich entwickelten und in denen Millionen Nutzen aus ihrer Entwicklung
zogen. [In der arabischen Welt] lautet die Frage: Warum waren das nicht wir?“
Was in allen diesen Pressemeldungen nicht erwähnt wird, ist, daß ein großer Teil der Gelder,
die in die Spekulation mit Nahrungsmitteln fließen, aus den
Bankrettungsaktionen der Regierungen und Zentralbanken stammt. Solange weiter
Geld gedruckt wird, damit die Spekulationen weiter gehen können, werden die
Nahrungsmittelpreise weiter steigen - und irgendwann demnächst auch bei uns.
Karel Vereycken