500 Jahre Kolonialismus beenden:
Eine Sichtweise aus dem Globalen Süden
Eine Gruppe junger Ugander übermittelte die folgende Videobotschaft an
die Berliner Konferenz des Schiller-Instituts.
Winnie Doru: Hallo zusammen! Mein Name ist Winnie Doru und ich bin hier
zusammen mit Emmanuel Munghatihe, Timothy Ninsiima und Robert Luwugge. Das ist das
Team aus Uganda, und ich möchte ebenfalls meine Sicht zu diesem entscheidenden Thema
beitragen: Wie können wir 500 Jahre Kolonialismus beenden? Dies ist unsere Sichtweise
aus dem Globalen Süden.
Die Welt hat den Menschen immer erzählt, daß die Macht bei wenigen Nationen,
wenigen Stimmen und wenigen Imperien liegt und daß die Geschichte ihre Gewinner und
Verlierer bereits bestimmt hat. Aber wie sehen wir das als Globaler Süden?
Emmanuel Munghatihe: In der Tat. Wir als Afrikaner haben wirklich etwas zu
sagen. Ich werde nur einen kurzen Einblick geben, wie es begann.
Anfangs gab es etwas, das wir Sklavenhandel nannten, und dabei verkauften uns
unsere Vorfahren für einfache Dinge. Zum Beispiel nur, um Salz oder Brot zu bekommen.
Und tatsächlich wurde Leben für körperliche Arbeit geopfert.
Zweitens hatten wir danach etwas, das wir klassischen Kolonialismus nennen, und
hier gab es direkte Herrschaft. Die Kolonialherren kamen direkt vor Ort, setzten die
Politik um, erteilten direkte Befehle, was das Leben der Afrikaner wirklich stark
belastete. So kam es dazu, daß Nationen ihre Unabhängigkeit erlangten, um diesem
Kolonialismus zu entkommen.
Nun kommt eine weitere Welle des Kolonialismus, die wir Neokolonialismus nennen.
Diese äußert sich auf verschiedene Weise, zum Beispiel in der Technologie: Wir
genießen die Vorteile guter Technologie, wie zum Beispiel das Internet oder Google.
Aber das ist nichts, was von Afrika erfunden wurde.
Ich nenne ein zweites Beispiel für Neokolonialismus: die Ideologie, durch die die
afrikanische Kultur nun im Verschwinden begriffen ist. Sie wird durch die westliche
Kultur verdrängt.
Ich nenne noch ein drittes Beispiel, nämlich den wirtschaftlichen
Neokolonialismus. Wir werden in eine Schuldenfalle getrieben. Man sieht, daß wir eine
gute Infrastruktur genießen, zum Beispiel Straßen. Aber das sind Dinge, die auf
Schulden aufgebaut sind, und wir werden zur Rückzahlung aufgefordert. Was müssen wir
also dagegen tun? Hier müssen wir einen alternativen Weg finden, um diesen
Neokolonialismus zu beenden.
Robert Luwugge: Vielen Dank, Emma, ich denke, ich werde dort anknüpfen.
Da wir planen, den Übergang von 500 Jahren Kolonialismus zu vollziehen, sollten
wir zunächst einmal als afrikanischer Kontinent, als alle Staaten gemeinsam, etwas
erreicht haben. Wenn man das Paradigma ändern will, braucht man einen neuen Weg. Man
muß Alternativen zu einer solchen Infrastruktur haben, die einen in gewisser Weise
versklavt.
Zum Beispiel die Technologie: Man muß eine eigene Technologie haben. Wir haben
gesehen, wie China Alternativen hat, zum Beispiel bei den meisten
Social-Media-Plattformen, die wir nutzen. Das löst also bereits das Problem der
kulturellen Versklavung oder ideologischen Abhängigkeit.
Wenn wir uns dann die Finanzinfrastruktur ansehen, die derzeit wirklich den
größten Teil des neuen Kolonialismus ausmacht, den wir haben, dann verfügen wir nicht
über eine Infrastruktur oder Systeme, die nicht vom globalen Norden kontrolliert
werden. Das führt also bereits zu wirtschaftlicher Abhängigkeit. Wenn man das also
durchbrechen will, brauchen wir eine eigene Infrastruktur in den Finanzsystemen.
Wir haben gesehen, wie das Konzept der BRICS-Staaten entstanden ist. Und die
meisten afrikanischen Staaten sind tatsächlich Partner, während wir hier sprechen.
Das ist ein guter Weg. Aber wenn sie auch Systeme einbringen würden, die die
Unabhängigkeit oder eine besondere Vertretung in diesen Gesprächen stärken, wäre das
wirklich gut.
Doch genau an diesem Punkt, wenn wir den Blick wenden und auf die andere Seite
schauen: Was trägt Afrika zur internationalen Unabhängigkeit bei, wenn wir vorhaben,
in dieses neue Paradigma einzutreten?
Afrika hat bereits fragile Systeme. Das reicht nicht. Technologisch ist es noch
nicht so weit. Es exportiert Rohstoffe. Es importiert Technologie. Aber wenn wir das
betrachten, haben wir Systeme. Wir haben einen Weg, uns zu verbessern und tatsächlich
ein Mitspracherecht an diesen Tischen zu haben.
Zum Beispiel haben wir die Bevölkerung bis 2050. Wir werden eine größere
Bevölkerung haben, bis zu 2,5 Milliarden. Wir haben Rohstoffe. Und wenn wir uns als
Afrika organisieren, versichere ich Ihnen, daß wir in den nächsten 25 Jahren ein
Mitspracherecht haben werden.
Deshalb plädieren wir dazu, daß wir unsere Systeme aufbauen und uns auch auf die
kleinen Dinge wie die Industrialisierung konzentrieren, bevor wir in fortgeschrittene
Wettbewerbe mit Ländern wie China eintreten. Was die KI betrifft, müssen wir zunächst
unsere kleinen Industrien in den Bereichen Energie, Mineraliengewinnung und
Industrialisierung aufbauen.
Timothy Ninsiima: Ja. Danke. Es besteht also kein Zweifel, daß die Zukunft
Afrika gehört. Wie mein Freund Ihnen gesagt hat, werden wir 2,5 Milliarden Menschen
sein. Das bedeutet also, daß die Bevölkerung wachsen wird. Wir müssen Arbeitsplätze
für all diese Menschen schaffen.
Und wenn die Bevölkerung wächst, ohne daß sie über qualifizierte Arbeitskräfte
verfügt, dann ist das, wie man so schön sagt, ein zweischneidiges Schwert. Wenn das
hochqualifiziert ist, wird es euch zugutekommen. Das ist der einzige Weg, wie Afrika
aus seiner Bevölkerungszahl Kapital schlagen könnte. Aber wenn die Bevölkerung nicht
hoch qualifiziert ist, könnte sie am Ende zu einer Belastung werden. Wir müssen also
unseren jungen Menschen viele Fähigkeiten vermitteln und auch ihre Denkweise fördern
und verändern.
Zum Beispiel ist das Bildungssystem hier sehr theoretisch und nicht
praxisorientiert, und das führt dazu, daß die Köpfe unserer jungen Menschen versklavt
werden. Aber schauen Sie sich auch die Technologie an. Nehmen wir zum Beispiel an,
Google stellt seinen Betrieb in Uganda ein. Haben wir alle diese Technologien? Werden
wir überleben?
Man kann also unmöglich 500 Jahre hinter sich lassen, wenn man nichts auf den
Tisch bringen kann. Man muß etwas beitragen, aber auch unsere eigene Geschichte
erzählen, denn ich glaube, wenn wir unsere eigenen Geschichten erzählen, dann gibt es
Hoffnung. Afrikanische Länder sind im Aufschwung, aber weil wir keine positiven
Geschichten über uns erzählen, kann jemand anderes eine andere Geschichte erzählen.
Deshalb sollten wir unsere eigenen Geschichten erzählen und die Zusammenarbeit
zwischen den Ländern fördern.
Diejenigen, die über die Technologie verfügen, sollen mit denen zusammenarbeiten,
die sie nicht haben: Die Besitzenden sollen mit den Besitzlosen kooperieren. Und so
werden wir schließlich die 500 Jahre bekämpfen, die für uns wie ein Gefängnis waren.
Thomas Sankara sagte einmal: „Wer dich ernährt, kontrolliert dich.“ Ich glaube, dies
ist der richtige Moment für Afrika, sich weniger ernähren zu lassen und selbst etwas
beizutragen, indem es sich selbst ernährt. Vielen Dank, daß ihr uns zugehört habt.
Und das ist ein Team aus Uganda. Tschüß!