"Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen.
Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst."
Friedrich Schiller
  Afrika

Dreiseitige Kooperation China-Europa-Afrika

Von Claudio Celani

Nach den jüngsten verfügbaren Schätzungen der Weltbank ist der Anteil der Armen an der Bevölkerung Afrikas von 56% im Jahr 1990 auf 43% im Jahr 2012 gefallen. Der wichtigste Faktor bei dieser Reduzierung der Armut war China, das mit einem Außenhandelsvolumen von 220 Mrd. $ im Jahr 2017 zum größten Handelspartner des afrikanischen Kontinents aufgestiegen ist. Öffentliche und private chinesische Investitionen (Infrastrukturaufbau und Ausländische Direktinvestitionen/FDI) sorgen in vielen afrikanischen Ländern für hohe Wachstumsraten und bereiten den Boden dafür, aus Afrika die „Nächste Fabrik der Welt“ zu machen.1

Chinas Strategie in Afrika wurde im Mai 2014 von Ministerpräsident Li Keqiang in einer Rede am Sitz der Afrikanischen Union (AU) in Addis Abeba dargelegt. Li nannte sechs Punkte:

    1. Industrielle Kooperation

    2. Finanzielle Kooperation

    3. Armutsbekämpfung

    4. Umweltschutz

    5. Kultureller Austausch

    6. Frieden und Sicherheit

Zum ersten Punkt sagte Li: „Infrastruktur ist für die industrielle Entwicklung unverzichtbar. China wird sich aktiv an Autobahn-, Eisenbahn- Telekommunikations-, Elektrizität- und anderen Projekten in Afrika beteiligen, um die regionale Vernetzung zu erleichtern. (…) Um Afrika zu helfen, das Ziel des Aufbaus eines Hochgeschwindigkeits-Bahnnetzes zu erreichen, ist China bereit, mit Afrika beim Bau, bei der Ausrüstung, den Standards und der Planung zu kooperieren und ein Forschungs- und Entwicklungszentrum für Schnellbahnen in Afrika zu gründen, um relevante Technologien, Erfahrungen, Ausbildungs- und Managementkenntnisse mit unseren afrikanischen Partnern zu teilen.“

Ein neuer Bericht des Russian International Affairs Council (RIAC) liefert Zahlen dazu. Daraus geht hervor, daß China im Verlauf des letzten Jahrzehnts (bis Ende 2016) am Aufbau von mehr als 100 Industriezonen beteiligt war, davon sind 40% bereits in Betrieb; es wurden 5756 km Eisenbahnstrecken gebaut, 4335 km Autobahnen, neun Häfen, 14 Flughäfen, 34 Kraftwerke sowie zehn große und etwa 1000 kleine Wasserkraftwerke.

Damit macht China die Vision für Afrika wahr, die Lyndon LaRouches schon 1979 vorgestellt hatte, für einen raschen Ausbau der Infrastruktur, einschließlich eines Eisenbahnnetzes für den gesamten Kontinent, ehrgeiziger Wasserprojekte, Kernkraft und Industrialisierung.

Fake News des Westens über die Kooperation China-Afrika

Während China Afrika aus der Armut hebt – mit den gleichen Methoden, mit denen es bereits 800 Millionen Chinesen aus der Armut befreit hat und bis 2020 die Armut komplett überwunden haben wird –, hat die Armut in Europa stark zugenommen. Nach Angaben der Internationalen Arbeiterorganisation (ILO) ist der Anteil der Menschen in der Europäischen Union (EU), die in relativer Armut leben, von 16,5% im Jahr 2005 auf über 16,8% im Jahr 2012 auf weiter auf 17,2% im Jahr 2014 angestiegen. Vor 2005 war dieser Anteil viele Jahre lang stabil gewesen.

Diese Zahlen beweisen besser als alles andere den Gegensatz zwischen dem neoliberalen Wirtschaftsmodell, wie es die EU umsetzt, und dem „Hamiltonischen“ Modell, wie China es im In- und Ausland anwendet. Angesichts dieser Resultate sollten die westlichen Regierungen eigentlich ihren gescheiterten Ansatz fallenlassen und den erfolgreichen übernehmen. Aber die westlichen Eliten sperren sich gegen jede Veränderung und versuchen, Chinas Strategie der Gürtel- und Straßen-Initiative (BRI) in Asien und Afrika anzuschwärzen. Zu den häufigsten „Fake News“, die in allen etablierten Medien verbreitet werden, gehören die Behauptungen, China wolle sich Afrikas Rohstoffe aneignen, es bringe seine eigenen Sklavenarbeiter auf den Kontinent mit und zwinge afrikanische Länder, sich zu überschulden.

Ein Bericht des Schiller-Instituts hat sich 2017 mit diesen Falschdarstellungen des chinesischen Engagements in Afrika befaßt und sie als Fake News entlarvt. Die meisten davon wurden bereits zuvor in einer McKinsey-Studie widerlegt, die zeigt, daß die meisten chinesischen Firmen, die in Afrika engagiert sind, private Unternehmen sind und mit einheimischen Arbeitskräften für den einheimischen Markt produzieren. Was den Ressourcenraub angeht, zeigt ein Vergleich der Struktur der chinesischen und der US-amerikanischen Investitionen in Afrika, daß China am meisten in den Produktionssektor investiert, während der Bergbau erst an zweiter Stelle steht, wohingegen es bei den amerikanischen Investitionen umgekehrt ist. Und in Bezug auf den Landraub zeigen Studien der Welternährungsorganisation (FAO), daß chinesische Unternehmen Farmen erwerben, die nicht größer sind als 20.000 ha (200 km2), während westliche Unternehmen riesige Landstriche (insgesamt rund 5 Mio. ha) in Afrika aufgekauft oder langfristig gepachtet haben, vor allem um dort Biotreibstoff für den europäischen Markt zu erzeugen. Chinas quasi-staatliche „Freundschaftsfarmen“ sind in der Regel weniger als 1000 ha groß.2

Auch die Behauptung, die chinesischen Infrastrukturinvestitionen würden Afrika in eine „Schuldknechtschaft“ treiben, ist schlicht falsch. Afrikanische und asiatische Länder setzen auf chinesische Kredite, weil diese ohne wirtschaftliche oder politische Auflagen gewährt werden. Die Fälle Griechenlands und Argentiniens zeigen deutlich, daß gerade das westliche Modell der Auflagenpolitik des IWF diese Länder in die finanzielle Abhängigkeit gestürzt hat. Dieses Modell beruht darauf, die Wirtschaft einseitig auf den Export auszurichten und eine Austeritätspolitik bei den Staatsausgaben einzuführen, sodaß keine Mittel für Investitionen in Infrastruktur und Industrie verfügbar sind.

Argentinien steht derzeit schon zum zweitenmal vor einem Staatsbankrott, nachdem der Preis von Soja auf den Weltmärkten zusammengebrochen und damit die einzige Devisenquelle des Landes versiegt war.

Im Falle Griechenlands werden die Auslandsschulden wiederholt umgeschuldet und auf immer unrealistischere Höhen getrieben, und selbst der IWF mußte zugeben, daß sein „Multiplikator“-Schema nicht funktionierte.

Im Gegensatz dazu fließen die chinesischen Kredite an afrikanische (und asiatische) Länder in die Finanzierung physischer Werte wie Infrastruktur und Produktionsanlagen, die mittel- und langfristig die Produktivität des ganzen Landes verbessern. Simbabwes Präsident Emmerson Mnangagwa wurde am 5. April in einem Interview mit Chinas Fernsehsender CGTN gebeten, etwas zur Frage der Schulden zu sagen. Er antwortete: „Wir haben soviel Zuschüsse von China bekommen“, und erklärte dann, daß China Kredite für Kapitalinvestitionen vergibt, die über einen Kapitalhaushalt abgerechnet werden und daher die nationalen Schulden nicht vergrößern.

Karte: EIR

Das Transaqua-Projekt und Eisenbahnprojekte mit chinesischer Beteiligung in Afrika.

Durch den Bau der Infrastruktur fördere China die Vernetzung unter den afrikanischen Volkswirtschaften und helfe so, diese Volkswirtschaften schneller zu entwickeln, als es allein durch die nationalen Bemühungen möglich wäre. „Für mich als Präsident Simbabwes kommt das nationale Interesse zuerst: China hat nichts getan, was die Unabhängigkeit oder die nationalen Interessen Simbabwes bedroht. Aber die westlichen Länder haben eine Menge getan, was unsere Einheit und unsere politische und wirtschaftliche Souveränität bedroht“, erklärte Mnangagwa.3

Transaqua als Modell für die
europäisch-chinesische Kooperation in Afrika

Europa muß sich entscheiden, ob es sich China in den Bemühungen um Afrikas Entwicklung anschließt, oder ob es sich heraushält – und damit die Zukunft verliert.

Wie der Ökonom Prof. Michele Geraci, der seit zehn Jahren in China arbeitet und Mitglieder der italienischen Regierung berät, kürzlich in einem Interview sagte:

    „China ist das einzige Land der Welt, das in der Lage ist, Kapital, Arbeitskräfte, Rohstoffe und sogar Know-how zu mobilisieren. Mit anderen Worten, China hat mehr Kenntnisse als irgendein anderes Land der Welt darüber, wie man eine Milliarde Menschen verwalten kann, wie man die Migration von einer Milliarde Menschen steuern kann, wie man den Einsatz von einer Milliarde Menschen regeln kann. Wenn wir Glück haben, wird es China gelingen, sein erfolgreiches Modell in Afrika zu replizieren. Italien kann eine aktive Rolle neben China in Afrika spielen, indem es China hilft, ,den Menschen in ihrem eigenen Land zu helfen’, was kein Slogan ist, sondern die Realität in dieser neuen globalisierten Welt.

    Die westlichen Länder, die auf das setzen, wie ich das ,Bob-Geldof-Modell’ nenne, auf der Basis von Spenden, haben den afrikanischen Ländern damit keine bedeutenden Nutzen gebracht, dort hat die Armut zugenommen, während China sie um 800 Millionen Menschen abgebaut hat. Diese Statistiken sind Fakten und beweisen, daß wir wirklich keinen Überheblichkeitskomplex gegenüber China haben sollten.“4

Als Modell für eine dreiseitige Kooperation verweist Geraci mit einem Link auf Transaqua, einen großangelegten Plan zur Entwicklung der Wasser-, Energie- und Verkehrsinfrastruktur, der kürzlich dank einer jahrelangen Kampagne des Schiller-Instituts auf die Tagesordnung gesetzt wurde.5

Dieser Plan beruht auf einer Idee des italienischen Ingenieurs Francesco Curato, die dann vom Auslandsdirektor des italienischen Ingenieurbüros Bonifica, Marcello Vichi, weiter ausgearbeitet wurde. Die Transaqua-Studie zeigte schon vor über 35 Jahren, daß es durch den Bau dieses mutigen Projektes möglich wäre, Wasser aus dem Becken des Kongo in das Becken des Tschadsees zu leiten, den sterbenden „See in der Wüste“ wieder zu seiner ursprünglichen Größe aufzufüllen und Zentralafrika eine Wasser-, Straßen-, Energie- und Agrarinfrastruktur für seine wirtschaftliche Entwicklung zu verschaffen.

Diese Idee blieb viel zu lange nur ein „Traum“, aber nun kann sie realisiert werden, und sie könnte ein Pilotprojekt sein, um die Machbarkeit des Kooperationsmodells der Gürtel- und Straßen-Initiative zu demonstrieren. Dank eines Zuschusses der italienischen Regierung kann Bonifica, das inzwischen ein Kooperationsabkommen mit PowerChina geschlossen hat, nun eine Machbarkeitsstudie für das Projekt erstellen.

Die Erstellung dieser Machbarkeitsstudie wurde Ende Februar bei einer Konferenz in der nigerianischen Hauptstadt Abuja, an der der Verfasser teilnahm, von den Staatschefs der Nationen der Kommission für das Tschadseebecken (LCBC) beschlossen und mit 1,5 Mrd. Euro von der italienischen Regierung unterstützt.

Das Abkommen über die strategische Kooperation zwischen der italienischen Bonifica und dem chinesischen Baukonzern PowerChina ist nur ein Beispiel dafür, wie diese Kooperation so ausgerichtet werden kann, daß sie nicht nur den beteiligten Partnern Vorteile bringt, sondern auch allen anderen Ländern, die von dieser Kooperation berührt sind.

Transaqua ist das Projekt eines Kanals, der im Südosten der Demokratischen Republik Kongo in der Nähe der Großen Seen beginnt, alle rechten Nebenflüsse des Kongo kreuzt und dabei mit Staudämmen genug Wasser abzweigt, um eine Wasserstraße von der Größe des Nils zu bilden und so allein mit Hilfe der Schwerkraft über die Wasserscheide in der Zentralafrikanischen Republik bis zu 100 Mio. m3 Wasser pro Jahr in den Hauptzufluß des Tschadsee, den Chari, zu leiten. Die fast 30 Staudämme, die dafür entlang der insgesamt rund 2400 km langen Wasserstraße gebaut werden müssen, ermöglichen die Erzeugung großer Mengen an Elektrizität sowie die Regulierung dieser Flüsse, sodaß landwirtschaftliche Aktivitäten, Viehhaltung und Industrieansiedlung möglich werden.

In Europa wird viel von einem „Marshallplan“ zur Schaffung von Arbeitsplätzen und Entwicklung in Afrika gesprochen, aber bisher wurde fast nichts getan. Transaqua ist das erste konkrete Projekt, das in der Lage ist, tatsächlich auf Jahrzehnte hinaus Arbeitsplätze und Infrastruktur für Entwicklung zu schaffen. Es ist zu hoffen, daß die anderen europäischen Regierungen, die das Projekt bisher sabotiert haben, die Bedeutung dieser Gelegenheit begreifen und es mit ihren Ressourcen und politischem Willen unterstützen und so die Grundlage für ein „Neues Paradigma“ in der Weltpolitik schaffen.


Anmerkungen

1. Irene Yuan Sun, „The next factory of the world – how Chinese investment is reshapung Afrika“, Harvard Business Review Press, 2017.

2. „Extending the New Silk Road Into Africa And The Middle East“, Schiller Instituts, 2017.

3. Siehe https://eblnews.com/video/interview-emmerson-mnangagwa-371574

4. Siehe http://michelegeraci.com/en/2018/05/30/interview-on-radiaradicale

5. Siehe http://newparadigm.schillerinstitute.com/de/blog/2017/09/23/peoples-daily-wurdigt-larouches-rolle-bei-der-realisierung-des-transaqua-projektes