Erfolgreicher China-Europa-Dialog in Berlin
Das Schiller-Institut und eine chinesische Denkfabrik
organisierten ein Seminar über globale Governance und zivilisatorischen
Austausch.
Am 15. April fand in Berlin ein äußerst erfolgreiches Seminar statt, das vom
Schiller-Institut und der Pekinger Academy of Contemporary China and World
Studies (ACCWS) veranstaltet wurde. Das Thema war „China-Europa-Dialog in Berlin
über globale Governance sowie zivilisatorischen Austausch und gegenseitiges
Lernen“. Prominente Redner aus Deutschland und China führten einen Dialog, der
in zwei Vortragsrunden gegliedert war und von Stephan Ossenkopp vom
Schiller-Institut sowie von Hu Yajuan von der ACCWS moderiert wurde.
Die Veranstaltung wurde eröffnet von Gao Anming, Redakteur der China
International Communications Group (CICG), der Gründerin und Vorsitzenden des
Schiller-Instituts Helga Zepp-LaRouche sowie Yang Chengcheng, Ministerialrätin
an der chinesischen Botschaft in Berlin.
Gao Anming begann seine Rede mit einem Verweis auf Friedrich Schillers
Ode an die Freude. Die aktuelle Weltlage sei von „Veränderungen und
Spannungen“ geprägt. „Machtpolitik stellt die größte Herausforderung seit dem
Zweiten Weltkrieg dar, und ein Dialog zwischen China und Europa kann ein
Stabilitätsfaktor sein.“ Die vor uns liegenden Aufgaben seien der Aufbau eines
echten Multilateralismus zur Gestaltung der Zukunft der Menschheit sowie die
Reform der Finanzarchitektur. Gao betonte die Bedeutung der in Chinas 15.
Fünfjahresplan verankerten Entscheidung, die „schrittweise Öffnung“ der
chinesischen Wirtschaft voranzutreiben. Er schloß seine Rede mit dem Aufruf, das
gegenseitige Verständnis zu vertiefen, so wie es Leibniz vor 300 Jahren getan
hatte.
Helga Zepp-LaRouche begann mit der positiven Feststellung, die Welt
habe die Chance, 500 Jahre Kolonialismus zu überwinden, und diesen Epochenwandel
dürfe man nicht als Bedrohung betrachten. Sie kritisierte die westliche Haltung,
China durch eine „Brille der erweiterten Realität“ zu betrachten und dabei die
enormen Errungenschaften zu übersehen, die China seit 1971, als sie das Land zum
ersten Mal besuchte, erzielt habe.
Anschließend ging sie auf die unmittelbare Aufgabe ein, Konflikte zu lösen,
angefangen mit Südwestasien, wo es – wenn kein Atomkrieg ausbricht – einen
„erweiterten Oasenplan“ geben müsse, der Afrika einbezieht. Das
Schiller-Institut habe einen Bericht über die Perspektiven einer dreiseitigen
„Entwicklungsstrategie Europa-China-Afrika“ erstellt, die mit Afrikas Agenda
2063 im Einklang steht; einige Vorabexemplare der aktualisierten zweiten Auflage
des Berichts seien erhältlich. Präsident Xi Jinpings Initiative zur globalen
Governance spiegele ebenfalls Prinzipien wider, die in den Vorschlägen des
Schiller-Instituts dargelegt sind. Nicht zufällig laute der vollständige Name
des Instituts „Schiller-Institut – Vereinigung für Staatskunst“.
Frau Yang Chengcheng begrüßte die Teilnehmer und skizzierte die
vielversprechenden Perspektiven der chinesisch-deutschen Zusammenarbeit. Chinas
Wirtschaft wuchs im ersten Quartal 2026 um 5% und wird sich weiter für
ausländische Investitionen öffnen, wie während des Besuchs von Bundeskanzler
Friedrich Merz am 25. und 26. Februar betont wurde. Sie erwähnte, daß BASF in
China die modernste Chemiefabrik der Welt eröffnet hat, als Beispiel für das
breite Potential der Zusammenarbeit zwischen den zweit- und drittgrößten
Volkswirtschaften der Welt.
Die erste Vortragsrunde mit dem Titel „Qualitative Öffnung als Motor globaler
Governance“ wurde von Fan Daqi, dem stellvertretenden Direktor des ACCWS,
eröffnet, der kurz die Ergebnisse einer Forschungsarbeit seines Instituts
vorstellte. Die Studie zeigt die Komplementarität der beiden Volkswirtschaften
und die Perspektiven für eine Zusammenarbeit in Drittmärkten auf. Er forderte
eine Stärkung institutioneller Garantien.
Ihm folgte Michael Bose, Vorsitzender von Automotive
Berlin-Brandenburg (ABB), der auf die „komplexen Wechselbeziehungen“ der
Automobilindustrie einging. Vergleiche man die deutsche Automobilindustrie mit
der heutigen chinesischen, so müsse man zugeben, daß „die Lehrer zu Schülern
geworden sind“.
Shi Shiwei, Direktor des Forschungszentrums für deutsch-chinesischen
Handel an der Universität für Internationale Wirtschaft und Handel, ging
detailliert auf alle innovativen Sektoren ein, in die laut dem neuen
Fünfjahresplan vorrangig investiert werden sollte und die für Deutschland von
Bedeutung sind.
Bernd Einmeier, Vorsitzender der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft für
Wirtschaft, Bildung und Kultur, stellte unverblümt fest: „Deutschland hat keine
Ahnung, was China ist.“ Er hob die hohe Symbolkraft des Empfangs für Friedrich
Merz bei seinem China-Besuch hervor, da die chinesische Führung sich bereit
erklärte, ihn am Tag ihrer wichtigsten traditionellen Feierlichkeiten, dem
Neujahrsfest, zu empfangen.
Oliver Lubich, Vertriebsleiter bei Hainan Airlines in Berlin, sagte,
das Potential für den Flugverkehr zwischen der deutschen Hauptstadt und Hainan
sei weitaus größer als die derzeit vertraglich festgelegten 55 Flüge.
Am Ende der von Stephan Ossenkopp moderierten Vortragsrunde kamen die Redner
für zwei Fragerunden auf das Podium. Einmeier wies insbesondere auf die
unterschiedliche Qualität des Unterrichts an deutschen und chinesischen
Gymnasien hin und schlug vor, die beiden Systeme zu integrieren. Direktor Shi
kritisierte die EU-Strategie 2030, die extrem einseitig fokussiert sei.
Die zweite Vortragsrunde mit dem Titel „Zivilisatorischer Austausch und
gegenseitiges Lernen“ wurde von Hu Yajuan moderiert und von Michael
Müller, dem ehemaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin und Mitglied des
Deutschen Bundestages, eröffnet. Müller erinnerte daran, wie er sich gegen die
Idee einer „Entkopplung“ von China ausgesprochen hatte, als das Thema in
deutschen politischen Kreisen diskutiert wurde, und begrüßte es, daß diese Idee
verworfen wurde. „Wir sollten nicht darüber diskutieren, ob, sondern wie wir die
Zusammenarbeit ausbauen können“, sagte er. Seine Erfahrung als Bürgermeister
lehre ihn, daß mit Partnerschaften auf kommunaler Ebene viel erreicht werden
kann. Ein weiterer Bereich, in dem die Zusammenarbeit vorangebracht werden kann,
sei die Wissenschaft. Das dritte Thema seien die BRICS: „Sie sind eine Realität,
der man sich stellen muß.“ Viertens: Klima und Demographie. „Es gibt keine
einzige Krise, die wir oder China allein lösen können.“ Müller betonte, in einer
Partnerschaft müßten beide Seiten das Recht haben, auch kritische Aspekte
anzusprechen.
Cord Eberspächer, Sinologe und Historiker an der Universität Bonn,
erinnerte daran, daß Konfuzius darauf bestand, man müsse „die richtige Bedeutung
der Begriffe klären“, bevor ein Dialog beginnt. Eine andere Art, dies
auszudrücken, sei „Vernunft als Voraussetzung“ – eine Neugierde auf das Lernen,
die in Leibniz’ grundlegendem Werk über China eine zentrale Rolle spielte.
Leider sei dies heute nicht der Fall. Der Begriff „Dialog“ werde in China und im
Westen unterschiedlich verstanden. Der Westen halte seine Wertvorstellungen für
die universell richtigen, sagte Eberspächer in einer indirekten Antwort an
Müller. Wenn Deutschland also Autos in alle Länder der Welt verkaufe, werde dies
als „erfolgreiche Exportwirtschaft“ bezeichnet, doch wenn die Chinesen dasselbe
täten, heiße das „Überkapazitäten“.
Zhou Hengxiang, Germanist und Autor, ging auf die Unterschiede
zwischen dem deutschen und dem chinesischen Rechtssystem ein. Er führte das
Beispiel an, daß die deutschen Begriffe „Person“ und „Mensch“ im chinesischen
System in einem einzigen Begriff zusammengefaßt sind, was es weniger eindeutig
mache, den Rechtsbegriff von Menschen auf Unternehmen u.a. auszuweiten.
Rainer Dumpff, Geschäftsführer von Dumpff Project Management,
berichtete über seine jahrzehntelange Erfahrung in China, wo er als junger Mann
China „in zwei Wochen“ kennenlernen wollte, nur um schnell zu erkennen, daß dies
unmöglich war. Er war unter anderem in der Luftfahrt tätig und hat die Dresdner
Festspiele in China vertreten.
Yuan Jie, Germanist und Kolumnist, hob die jüngste positive Wende in
der Haltung der deutschen Regierung gegenüber China hervor; er erwähnte dazu
Aussagen von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche in einer Videokonferenz
anläßlich der Einweihung des schon erwähnten BASF-Werks sowie Merz’ Äußerungen
am Vorabend seines China-Besuchs, mit denen er die Entkopplung endgültig begrub.
Und die Deutsche Außenhandelskammer bezeichnete China als „zuverlässigen
Partner“.
In den anschließenden Diskussionsrunde mit den Diskussionsteilnehmern wurde
die Frage gestellt: „Woher kommen Vorurteile?“ Eberspächer antwortete unter
anderem, sie kämen aus Unwissenheit, und schloß sich der Forderung nach mehr
Unterricht über China in den Schulen an.
Die Veranstaltung wurde von allen Teilnehmern als vielversprechender
Ausgangspunkt für einen Paradigmenwechsel in den chinesisch-deutschen
(europäischen) Beziehungen bewertet.
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