„Die neue multipolare Weltordnung:
ein neues Paradigma relationaler Co-Intelligenz”
Von Jérôme Ravenet
Jérôme Ravenet ist Sinologe und Professor für Philosophie. In
der abschließenden Sitzung der Berliner Konferenz des Schiller-Instituts am 31.
Mai 2026 sagte er folgendes. (Übersetzung aus dem Französischen,
Zwischenüberschriften wurden hinzugefügt.)
Die historische Bilanz der unipolaren Neuen Weltordnung ist nicht gut. Nicht
nur hat sich das von Fukuyama vorhergesagte triumphale „Ende der Geschichte“
nicht bewahrheitet, sondern nach der Sowjetunion bricht nun auch das
anglo-amerikanische Imperium zusammen. Das Ansehen, das der globale Westen in
den letzten 500 Jahren der Neuzeit erworben hatte, ging immer mehr verloren
durch die von ihm ausgelösten Kriege, die koloniale Gewalt und ethnische
Vorherrschaft, die vielschichtige Versklavung der Produktivkräfte, die zur
Verarmung der eigenen Bevölkerung führte – kurz, durch eine wirtschaftliche und
militärische Strategie des allgemeinen Chaos zum Vorteil einer globalisierten
Finanzoligarchie.
Das wahnsinnige Recht, das er unter dem Deckmantel einer „regelbasierten
Ordnung“ zu legitimieren und der Welt aufzuzwingen versuchte, erweist sich
letztlich als das, was es ist: ein Machtparadigma, d.h. die Vorstellung einer
Welt, die im wesentlichen als ein Geflecht von Zwangsbeziehungen aus Macht und
Herrschaft betrachtet wird, zusammengefaßt im Gesetz des Stärkeren.
Die Plünderung des kleinen planetarischen Gartens hat ihn zu einem Dschungel
herabgewürdigt. Der Traum eines globalen Marktes, den Vasco da Gama, Magellan
und Kolumbus begonnen haben, der Traum von der wissenschaftlich-technischen
Beherrschung der Welt, wie er von Leonardo da Vinci bis Descartes formuliert
wurde, und der Traum vom Frieden, auf den sich die Unterzeichner der
Westfälischen Verträge (1648) oder der Haager Konferenzen (1899, 1907)
schließlich einigten, wurde schnell zum Albtraum und entartete bitterlich in
allgemeine Beziehungen der Ausbeutung und Unterwerfung.
Doch die objektiven Faktoren dieser Herrschaft sind erschöpft, und ein
anderes zivilisatorisches Projekt hat in der Weltgeschichte Fuß gefaßt. Der
Westen stützt seine alten Privilegien heute auf nur noch 15% der
Weltbevölkerung; der Rest beansprucht 85%. Die BRICS-Staaten haben nicht nur ein
BIP, welches das der G7 übersteigt, sondern sie beweisen auch, daß Wachstum bei
gleichzeitiger Armutsbekämpfung möglich ist.
Sie beweisen entgegen den Vorhersagen der Rivalitätstheorien, die den
modernen Westen von Hobbes über Carl Schmitt bis hin zu Huntington beherrscht
haben, daß „friedliche Koexistenz“ ein effektiveres, profitableres und
nachhaltigeres Regierungsprinzip ist als das der „Freund-Feind“-Beziehungen oder
des „Kampfs der Kulturen“. Denn trotz all des Unsinns, der auf akademischen
Konferenzen und in den offiziellen Medien verbreitet wird, gedeihen die
BRICS-Staaten und insbesondere Xi Jinpings China, ohne Rache zu suchen.
Dem Ideal der Herrschaft ein Ende setzen
Es geht darum, dem Herrschaftsstreben an sich ein Ende zu setzen, nicht nur
dem Hegemon; das Ziel ist es, die Raubtiermentalität zu überwinden, nicht nur
den unbequemen Status der Beute. Die besitzenden Klassen und ihre Sprachrohre
haben jedoch klar erkannt, welches Risiko eine Rückkehr zu Völkerrecht oder
Freihandel als Garantie für Frieden und gemeinsamen Wohlstand für ihren
rückschrittlichen Durst nach hegemonialer Herrschaft darstellt.
Es ist die ultimative Desillusionierung: Im Westen ist Demokratie kein Ideal
mehr, sondern nur noch ein leeres Wort. General de Gaulle versuchte, den Willen
des Volkes im Prinzip des Referendums nach Artikel 3 der französischen
Verfassung zu verankern, und in seiner zehnjährigen Regierungszeit (1958-1969)
organisierte er fünf der zehn Referenden der Fünften Republik. Doch seit dem
„Nein“ beim Referendum über die europäische Integration 2005 machen sich die
herrschenden Klassen der EU nicht einmal mehr die Mühe, so zu tun als ob. Die
„Gefahr“ eines bedrohlichen Populismus gilt als ausreichende Rechtfertigung für
ihre Mißachtung des Volkswillens und ihre Machtübernahme.
Das gleiche gilt für die internationalen Institutionen, die aus dem Zweiten
Weltkrieg hervorgegangen sind. Nur ein Beispiel: Die Führungsstruktur des IWF
sollte das relative wirtschaftliche Gewicht seiner Mitglieder demokratisch
widerspiegeln, aber die EU hält 27% der Stimmrechte, während China nur 6% hat,
obwohl ihre BIPs gleichwertig sind.
In der Innenpolitik und in internationalen Institutionen auf jeder Ebene
befindet sich das westliche Erbe der Demokratie in einem Zustand kognitiver
Dissonanz – einem pathologischen Zustand, der durch das exklusive Privileg der
Meinungsfreiheit verschärft wird, von der die westlichen Oligarchie behauptet,
es sei ihre moralische Pflicht, sie vor den existentiellen Gefahren jedes
alternativen politischen Modells zu schützen.
Dabei ist es gerade die globale Demokratie, von der die BRICS-Staaten
sprechen. Sie fordern Respekt für die Demokratie in der Gestaltung der
internationalen Beziehungen und Fortschritte dorthin. Sie verstehen unter
Demokratie nicht die formalen oder repräsentativen Verfahren, die letztlich die
liberale Demokratie im Westen im 19. Jahrhundert geprägt haben. Für sie
bezeichnet Demokratie vielmehr das tatsächliche Praktizieren einer relationalen
Co-Intelligenz, die darauf abzielt, reale Bedürfnisse zu befriedigen.
Entgegen dem Hegemoniestreben, der zwangsweisen Durchsetzung von
Machtverhältnissen und der Logik von Nullsummenspielen, die das Paradigma der
Macht definieren, beruht das Prinzip einer globalen Demokratie auf echter
relationaler Co-Intelligenz: einem gerechten Dialog über die Natur gegenseitiger
Interessen und die entsprechenden Strategien zu ihrer allseitigen Befriedigung.
Demokratie wird nicht mehr durch agonistische Eigenschaften eines Kampfes um
politische Macht definiert, an den uns die Geopolitik gewöhnt hat. Statt dessen
ordnet sie den Ausgleich von Beziehungen einer Philosophie der Bedürfnisse und
Partnerschaften unter, die darauf abzielt, diese gegenseitig zu befriedigen.
Diese Demokratie ist die Form, in der der junge, spinozistische Marx bereits
„das aufgelöste Rätsel aller Verfassungen“ sah (Zur Kritik der Hegelschen
Rechtsphilosophie). Weder altruistisch, noch egoistisch, noch naiv
uneigennützig, noch brutal einseitig, definiert sie das Paradigma einer
Kombination gemeinsamen Gewinns, indem sie das Potential jedes einzelnen zum
Nutzen aller zusammenführt.
In Anlehnung an Spinoza, der eine Art von Wissen konzipierte, das es
ermöglicht, ein bestimmtes Potential mittels „gemeinsamer Begriffe“ in die
Einheit eines übergeordneten Potentials einzubinden, kann dieses neue Paradigma
als das „Paradigma der Potentials“ bezeichnet werden. Es ist ein
anti-antagonistisches mathematisches Modell der Demokratie, das vorschlägt, die
Kräfte zu bündeln, im Gegensatz zum Hegemoniestreben, das sich damit begnügte,
seine eigene Kraft zu verabsolutieren, indem es das Gemeinwohl mit seinem
Partikularinteresse gleichsetzte.
Es ist dieses neue Paradigma des Potentials, diese ideale Ausübung
relationaler Co-Intelligenz, das der chinesische Ausdruck „Zukunftsgemeinschaft
der Menschheit“ seit 2012 ankündigt. Dessen strategische „gemeinsame
Vorstellungen“ sind die „Win-Win-Vereinbarungen“ für die Umsetzung der
„dreifachen globalen Initiative“ (15. März 2023) – Initiativen für Entwicklung,
Frieden und Zivilisation – in den Megaprojekten der Neuen Seidenstraßen und den
Gipfeltreffen der SCO oder der Internationalen Organisation für Mediation
(IOMed).
Es ist ein Ideal des gemeinsamen Wohlstands für eine wahrhaft multipolare
Welt, in der Einheit Stärke bedeutet: virtus unita fortior. Es steht im
Gegensatz zum hegemonialen Ideal der Monopolisierung, dessen Strategie darin
besteht, zu entzweien und zu spalten, um besser herrschen zu können: teile und
herrsche.
Die Alternative ist tragisch, aber sehr einfach: Die Menschheit muß sich
entscheiden, ob sie sich vereinen oder gegeneinander stellen will; ob sie ihre
Kräfte bündeln oder in mimetischen Rivalitäten erschöpfen will; ob sie teilen,
zusammenführen und vermehren will oder aber spalten, gegeneinander stellen und
subtrahieren. Macht ist traurig, sagte ein anderer Spinozist: Sie will „die
Stärke von dem trennen, was sie bewirken kann“. Das Potential hingegen sucht die
Freude und strahlt sie aus.
Ist die Zeit endlich gekommen?
Ist die Zeit endlich gekommen? Kann der Traum von einer großen Erneuerung der
Zivilisationen nun verwirklicht werden? Da nun das alte atlantische Paradigma
der unipolaren Macht tot ist oder im Sterben liegt, ist der Indopazifik die Oase
des Friedens, aus der eine neue multipolare Weltordnung wiedergeboren werden
kann?
Wir sind in den entscheidenden Moment des historischen Übergangs eingetreten,
den Kommentatoren grob als „Thukydides-Falle“ oder Dritten Weltkrieg
zusammenfassen. Er bietet ebenso viel Grund zur Sorge wie zur Hoffnung. Doch um
die chinesische Strategie zu verstehen, liefert die berühmte Spieltheorie
nützliche Erkenntnisse, wie Xi Jinping andeutet, indem er wiederholt betont:
„China spielt kein Nullsummenspiel.“ Der Wissenschaftler Zhang Weiwei
interpretierte dies so: China habe trotz einer strikten defensiven
Militärdoktrin keine Feinde; es habe nur „potentielle Freunde“.
Was ist ein potentieller Freund? Ein Partner, der die Vorteile kooperativer
Beziehungen noch nicht erkannt hat oder der immer noch an die Vorzüge von
Antagonismus glaubt. Die neue chinesische Rhetorik der Spieltheorie hilft dabei,
solche unvollkommenen Freunde über die Risiken eines ungünstigen Gleichgewichts
aufzuklären, das den Gewinner gegen die Verlierer ausspielt (bekannt als
Nash-Gleichgewicht). Jede Beziehung birgt Widersprüche, doch Weisheit liegt
darin, diese in Komplementaritäten umzuwandeln, Antagonismus zu vermeiden und
den potentiellen Freund umso effektiver oder dauerhafter zu machen, indem man
Partnerschaften eingeht, an denen er selbst ein besonderes Interesse hat
(bekannt als Pareto-Optimum).
Angesichts der psychologischen Reife dieser kollektiven Vernunft, die alle
ideologischen Gräben überwindet, ist die Unreife der kriegerischen Rhetorik
westlicher Führer eklatant offensichtlich und schmerzt täglich in den Ohren. Sie
manifestiert sich in emotionalen und widersprüchlichen Urteilen über russische,
chinesische, iranische und andere Gegner, die unsere Führer gleichzeitig als
unbedeutend und als gefährlich darstellen. Sie verunglimpfen sie als schwach,
fürchten sie jedoch als stark. Doch wenn ein Feind schwach ist, welchen Grund
gibt es dann, ihn zu verteufeln und sich gegen ihn zu verteidigen? Umgekehrt:
Wenn sie eine echte Bedrohung sind, ist es dann nicht klüger, Herabwürdigung zu
vermeiden? Was für eine intellektuelle Verwirrung! Dieser paranoide Wahnsinn ist
das charakteristische Symptom des zivilisatorischen Niedergangs des Westens.
Das Machtparadigma basierte auf Beziehungen des Mißtrauens. Eine Denkweise zu
erlernen, die fähig ist, Beziehungen des Vertrauens aufzubauen, ist daher ein
kontraintuitiver und schwieriger Weg für eine moderne Zivilisation, die die
Lehren Christi und der Philosophie aufgegeben und die Geopolitik als die
ultimative Wissenschaft der politischen Praxis verankert hat.
Dennoch unternimmt China den Versuch, dem Rest der Welt eine Lektion in
Anti-Geopolitik zu erteilen. Ohne seine Interessen aufzugeben oder von anderen
zu verlangen, die ihren aufzugeben, schafft es Plattformen, auf denen man in
einen Dialog treten und vereinigende Projekte ins Auge fassen kann.
Doch die Menschheit ist eins, und die neue multipolare Weltordnung, nach der
die blockfreien Länder der Bandung-Konferenz strebten, ist zwischen 2008 und
2012 unter dem neuen Banner der BRICS in die letzte Phase ihrer Verwirklichung
eingetreten. Seitdem behauptet sie sich, und ihr Einfluß wächst weiter, ohne den
Provokationen der NATO und des Imperiums gegen den Fortschritt der Neuen
Seidenstraße oder der SCO nachzugeben.
Ich glaube nicht, daß die Zeit für diese neue Weltordnung allein aus den
wirtschaftlichen, politischen oder militärischen Gründen gekommen ist, die die
Geopolitik zu messen versucht. Obwohl ich kein Kommunist bin, teile ich den
„Glauben“, den Xi Jinping an den Tag legt und der die Architekten des neuen
Paradigmas inspiriert: Die gegenwärtige Krise ist eine Gelegenheit, innerhalb
der Geschichte die spirituelle Bedeutung jener universellen Weisheit zu
verwirklichen, auf die – wie Teilhard de Chardin (1947) glaubte – „alles
zuläuft, was aufsteigt“. Das neue Paradigma ist der Omega-Punkt jenes
„Rendezvous mit dem Universum“, das General de Gaulle China am 31. Januar 1964
so feierlich versprochen hat.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
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