Der Iran und der Dialog der Zivilisationen
Von Karel Vereycken
© Wikimedia Commons, Siamax, cc
Kyros der Große (gest. 530 v. Chr.), Ausschnitt einer modernen Nachbildung
eines Flachreliefs aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. in Pasargadae mit
der Inschrift „Ich bin Kyros, der König, ein Achämenide“.
Karte des Persischen Reichs.
William Shepherd, Historical Atlas, 1923, gemeinfrei
© Wikimedia Commons/Mike Peel (www.mikepeel.net), cc-by-sa 4.0
Kopie des Kyros-Zylinders, gezeigt im Britischen Museum, London.
Als Reaktion auf einen Tweet von US-Kriegsminister Pete Hegseth Anfang April, in
dem er drohte, den Iran „in die Steinzeit“ zurückzubomben, antwortete die
iranische Botschaft in Südafrika mit diesem kurzen, aber prägnanten Kommentar,
der großes Potential für diplomatische Lösungen enthält:
„Zu einer Zeit, als ihr noch in Höhlen nach Feuer suchtet, schrieben wir die
Menschenrechte auf den Kyros-Zylinder. Wir überstanden den Sturm Alexanders des
Großen und die Mongolen-Invasionen und blieben bestehen; denn der Iran ist mehr
als ein Land, er ist eine Zivilisation.“
Geschichte
Kyros gründete 552 vor Christus das persische Reich der Achämeniden.
Seine Eroberung Babylons 539 v. Chr. leitete die imperiale Ära Persiens ein.
Durch das Zerschlagen des Babylonischen Reiches, das bis dahin Westasien
beherrscht hatte, gründete Kyros ein Reich, das sich von Indien bis Karthago und
vom Kaukasus und der Donau bis Äthiopien erstreckte. Mit einer Fläche von 5,5
Millionen km² hatte das Persische Reich etwa 50 Millionen Einwohner, das
entsprach 40% der Weltbevölkerung.
Das Persische Reich ist das früheste der indoeuropäischen Reiche. Mit seinen
20 Provinzgouverneuren (Satrapen) diente seine dezentrale Organisationsform
zeitweise als Vorbild für das griechische und römische Reich sowie darauf
aufbauend später für die Reiche der Angelsachsen, Franzosen, Spanier usw.
Der Gründungsakt des Persischen Reiches war die Veröffentlichung des
berühmten „Edikts“ von König Kyros, von dem 1879 in Babylon eine in Keilschrift
auf einen Terrakotta-Zylinder gravierte Kopie gefunden wurde. Sie wird im
Britischen Museum in London aufbewahrt.
Dieses Edikt ist von unschätzbarem Wert, weil es die erste Erklärung der
Menschenrechte in der Geschichte der Menschheit darstellt. Mit diesem Edikt
schaffte Kyros der Große die Zwangsarbeit ab und verkündete feierlich gleiche
Rechte für alle Mitglieder des Reiches sowie Religions- und Glaubensfreiheit
für alle Menschen.
Deshalb ist es sehr interessant, wenn die iranische Botschaft gerade auf
diese Weise reagiert hat. Natürlich spottet sie mit der Ehre der großen
iranischen Zivilisation über die eklatante Unwissenheit der Trump-Regierung.
Doch indem der Iran sich auf den Kyros-Zylinder beruft und dabei sich auf ein
höheres Konzept stützt, macht er gleichzeitig ein Friedensangebot für eine
Verhandlungslösung und implizit für die Möglichkeit einer erneuten
gemeinsamen Zukunft.
Schauen wir uns an, warum:
Auch wenn auf den Nahen Osten spezialisierte Archäologen und Historiker
solche Interpretationen meistens als anachronistisch ablehnen, wurde der
Zylinder von Schah Mohammad Reza Pahlavi als Symbol übernommen, der ihn als
„erste Menschenrechtscharta“ präsentierte und 1971 in Teheran ausstellte, um den
2500. Jahrestag des iranischen Reiches zu feiern.
Im selben Jahr übersetzte die UNO ihn in alle ihre Amtssprachen und
erkannte ihn als Vorläufer der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte an.
Seine Rückführung in den Iran 2010 war ein bedeutendes Ereignis, das in der
Islamischen Republik Iran gefeiert wurde, wo Präsident Mahmud Ahmadinedschad ihn
als Inspirationsquelle für den Kampf der Unterdrückten anführte. Drei Jahre
später wurde der Zylinder in den Vereinigten Staaten als Freiheitssymbol
ausgestellt und hochgelobt. Kürzlich, am 6. November 2025, erkannte die 43.
UNESCO-Generalkonferenz den Kyros-Zylinder (der nach wie vor als die erste
Menschenrechtserklärung der Welt gilt) einstimmig als weltweites Symbol für
Freiheit, Gerechtigkeit und Respekt vor kultureller Vielfalt an.
Die Beziehungen zwischen Iranern und Juden reichen bis in die Antike
zurück. Eine der gefeiertsten Episoden für die iranische Identität ist die
Befreiung der Juden aus Babylon durch Kyros den Großen, eine Tat, die auf dem
berühmten Zylindersiegel festgehalten und eingraviert wurde – ein Zeugnis für
Offenheit und Toleranz. Darüber hinaus liefert die Bibel eine sehr positive
Interpretation von Kyros’ Herrschaft, sie wird im Buch Esra als diejenige
dargestellt, die dem jüdischen Volk nach seiner Gefangenschaft in Babylon die
„Rückkehr nach Zion“ ermöglichte.
Die jüdische Gemeinde im Iran wird heute auf 8.000 bis 12.000 Menschen
geschätzt und ist damit nach Israel die größte im Nahen Osten, obwohl ihre Zahl
seit 1979 stark zurückgegangen ist (vor der Revolution waren es etwa 100.000).
Anfang April bombardierte Israel, gesteuert durch KI ohne menschliche
Überprüfung, die Synagoge in Teheran. Die israelische Armee äußerte ihr Bedauern
über die Schäden durch den nächtlichen Angriff, der auf einen iranischen
Militärkommandanten abgezielt habe.
Dialog der Zivilisationen
Sich auf den Kyros-Zylinder zu berufen, bedeutet daher, einen Olivenzweig zu
reichen: die Aussicht auf einen interkulturellen, interreligiösen und
zivilisationsübergreifenden Dialog, der die Grundlagen für eine friedliche
Lösung vieler sonst unlösbarer Konflikte schafft, sowohl innerhalb des Landes
(mit den Anhängern einer Erneuerung der Pahlavi-Dynastie) als auch außerhalb
(mit Israel, den Christen und dem Westen im allgemeinen).
Seit Jahrtausenden am Kreuzungspunkt der Seidenstraßen ist die „DNA“ der
iranischen Zivilisation nicht Terrorismus und Destabilisierung, sondern der
Kampf für Gerechtigkeit, Respekt und Offenheit gegenüber anderen.
1971, ein Jahr nach den iranischen Feierlichkeiten zum Kyros-Zylinder, machte
der österreichische Professor Hans Köchler, Präsident der International Progress
Organization (IPO) und enger Freund und Mitstreiter des Schiller-Instituts und
dessen Gründerin Helga Zepp-LaRouche, der UNESCO den Vorschlag, einen
„internationalen Kongreß zum Thema der Probleme, die sich aus dem Dialog
zwischen verschiedenen Zivilisationen ergeben“, zu veranstalten. Jahrelang
leistete Köchler durch unzählige Vorträge, Vorlesungen und Symposien weltweit
und insbesondere im Iran außergewöhnliche Arbeit zur Verbreitung dieses
Konzepts, bevor es vom Schiller-Institut aufgegriffen und gefördert wurde. 1974
fand unter der Schirmherrschaft der österreichischen und senegalesischen
Präsidentschaften dazu ein großes Symposium in Innsbruck statt.
1997 stellte der iranische Präsident Mohammad Chatami den Dialog der Kulturen
in den Mittelpunkt seines Mandats – gegen die These vom „Kampf der Kulturen“ des
Geopolitikers Bernard Lewis, die von Samuel Huntington populär gemacht wurde.
Auf seinen Vorschlag hin erklärte die UNO 1998 das Jahr 2001 zum „Jahr des
Dialogs zwischen den Zivilisationen“.
Dieses Konzept steht heute wieder zur Debatte. Was wird der „Westen“ tun?
Können wir uns an die iranische DNA anpassen, oder wollen wir in der moralischen
Steinzeit stecken bleiben?
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