An die Jugend der Welt:
Das Schicksal der Menschheit liegt in euren Händen
Von Dr. Naledi Pandor
Dr. Naledi Pandor ist Kanzlerin der Nelson-Mandela-Universität
und Vorstandsvorsitzende der Nelson-Mandela-Stiftung sowie ehemalige Ministerin
für internationale Zusammenarbeit und Beziehungen der Republik Südafrika. Sie
hielt die folgende Rede auf der Jugendkonferenz des Schiller-Instituts am 18.
Juli 2026; die Rede wurde aus dem Englischen übersetzt, Zwischenüberschriften
wurden hinzugefügt. Das Video ist hier verfügbar.
Guten Morgen und guten Nachmittag in den verschiedenen Regionen, aus denen
die Gäste zu uns zugeschaltet sind. Ich denke, Helga Zepp-LaRouche hat den
komplexen geopolitischen Kontext, mit dem wir heute konfrontiert sind, und den
Rahmen, in dem wir die jungen Menschen, die an dieser internationalen Konferenz
teilnehmen, zum Handeln aufrufen, ganz ausführlich dargelegt.
Ich möchte ein wenig in der Geschichte zurückgehen und daran erinnern, daß
heute, am 18. Juli, weltweit der Internationale Nelson-Mandela-Tag begangen
wird. Dies geht auf die historische Aufforderung zurück, die der südafrikanische
Präsident Nelson Mandela 2009 aussprach, als er sich im Alter von damals über 90
Jahren aus dem aktiven philanthropischen und öffentlichen Leben zurückzog. Er
forderte die Welt auf, sich stärker dafür einzusetzen, anderen Gutes zu tun, und
betonte die dringende Notwendigkeit, Armut und Ungleichheit zu bekämpfen.
Präsident Mandela bat darum, daß wir alle, die gesamte Menschheit, seinen
Geburtstag, den 18. Juli, nicht feiern sollten. Stattdessen bat er darum, daß
wir an diesem Tag gerade einmal 67 Minuten dafür aufwenden sollten, Gutes für
andere zu tun.1 Das geschieht heute, am 18. Juli, durch wohltätige
Taten von Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Er schloß seine Botschaft an
die Welt mit den Worten: „Es liegt in euren Händen, Armut und Ungleichheit zu
beenden.“ Das ist der Aufruf zum Handeln, den wir an junge Menschen und an alle
richten, die sich uns heute anschließen.
Ich weiß, daß viele junge Menschen dieses Vermächtnis aufgegriffen haben,
indem sie in Nichtregierungsorganisationen und verschiedenen Organen der
Zivilgesellschaft tätig sind, die sich dem Kampf gegen die Folgen des
Klimawandels, die Bodendegradation und die Gewalt gegen Frauen verschrieben
haben, oder indem sie lautstark gegen die Ungerechtigkeit des Völkermords durch
die israelische Apartheid-Regierung protestieren, den wir in Palästina erleben.
Junge Menschen in einer Vielzahl zivilgesellschaftlicher Gruppierungen in
Afrika, Asien, Europa und Amerika sind sich voll und ganz der Gefahren bewußt,
die von der gegenwärtigen geopolitischen Realität ausgehen. Die Kriege, die wir
in Europa erleben, die Kriege, die wir in Afrika erleben, der Krieg im Nahen
Osten – all dies stellt eine Bedrohung für die gesamte Menschheit dar und
erfordert eine entschlossene, koordinierte Zusammenarbeit von uns allen
weltweit.
Wir müssen junge Menschen dazu ermutigen, sich gemeinsam dafür einzusetzen,
die politischen Entscheidungsträger weltweit davon zu überzeugen, sich von Krieg
und Autokratie abzuwenden und sich für Frieden, Entwicklung und soziale
Gerechtigkeit einzusetzen. Während diese Konflikte und Kriege andauern, werden
die Armen noch ärmer, die Ausgegrenzten werden noch weiter an den Rand gedrängt,
die Hungrigen verhungern. Wenn wir nicht handeln, verschlimmert sich die Lage,
und am Ende werden sogar diejenigen betroffen sein, die ein hohes Maß an
Privilegien und Reichtum genießen.
Frieden, Entwicklung und soziale Gerechtigkeit
Deshalb fordern wir, daß Frieden, Entwicklungsmöglichkeiten und die Förderung
und Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit mehr Beachtung finden. Wir appellieren
an die Welt, der afrikanischen Entwicklungsagenda „Agenda 2063“ mehr
Aufmerksamkeit zu schenken. Wie Sie alle wissen, werden im Zuge dieser
andauernden Kriege immer mehr Mittel aus der Entwicklungshilfe in
Militärausgaben umgeleitet. Krieg lenkt also den Fokus von Entwicklung und
Armutsbekämpfung weg. Wir müssen eine erneuerte und gestärkte völkerrechtliche
Architektur fordern, die dem Bedürfnis nach Gerechtigkeit für alle gerecht wird,
statt den Interessen der Privilegierten zu dienen.
Heute erleben wir einen Großangriff auf den Internationalen Strafgerichtshof
durch Länder, die diesen Internationalen Strafgerichtshof viele Jahre lang auf
afrikanische Staatsführer fokussierten und seine Arbeit nicht ausreichend auf
die Ungerechtigkeiten und Schrecken fokussierten, die sie selbst armen Ländern
zufügen. Heute, da der IStGH endlich in gleicher Weise Israel und
kriegstreiberische Staatsführer in Europa in den Blick nimmt, will Amerika
plötzlich den Internationalen Strafgerichtshof zerstören. Das ist ein Mißbrauch
des Völkerrechts. Es spiegelt eine Haltung wider, bei der gegenüber
völkerrechtlichen Instrumenten mit zweierlei Maß gemessen wird. Und wir sollten
uns dagegen wehren, während wir uns bemühen, den Multilateralismus
aufrechtzuerhalten und internationale Organisationen und das Völkerrecht zu
stärken.
Drittens sollten wir eine gemeinsame Zusammenarbeit bei der Schaffung von
Wissen und Innovation fordern. Viele von Ihnen, die heute zuhören, werden sich
daran erinnern, was im Zusammenhang mit COVID-19 geschah: Länder, die bereits in
den ersten Wochen einen Impfstoff gegen COVID-19 entwickelt hatten, weigerten
sich, diese Innovation und diese Ressource mit ärmeren Ländern der Welt zu
teilen. Afrika mußte um die ersten 100.000 Impfdosen kämpfen und verfügte über
keine Kapazitäten zur Impfstoffproduktion. Als junger Mensch muß man diese
Ungleichheit beenden und sicherstellen, daß Wissen und Innovation geteilt werden
- daß weltweit Kapazitäten zur Schaffung von Wissen aufgebaut werden. Damit ein
Ebola-Ausbruch nicht nur einen Winkel der Welt trifft und dadurch den gesamten
Globus bedroht, sondern wir als Weltgemeinschaft angemessen darauf
reagieren.
Wir müssen dafür kämpfen, daß junge Menschen besseren Zugang zu Bildung und
zur Entwicklung von Kompetenzen erhalten. Zu viele junge Menschen treiben sich
auf der Straße herum. Sie haben keine berufliche Perspektive, keine Ausbildung,
keine Kompetenzen und keine Möglichkeit zur Weiterbildung. Das muß ein Ende
haben. Die Welt sollte sich zusammenschließen, um diese Chancen für junge
Menschen zu schaffen.
Heute besteht die Bevölkerung in den am weitesten entwickelten Teilen der
Welt mehrheitlich aus älteren Menschen. Es ist keine junge Bevölkerung mehr; wir
haben eine Bevölkerung von Senioren. Was tun wir mit den Bildungseinrichtungen
in diesen Ländern, um Entwicklungsländer dabei zu unterstützen, besseren Zugang
zu Bildung und Qualifikationen, zu Institutionen und Chancen zu erhalten? Wir
brauchen eine Zusammenarbeit im Bereich Bildung und Qualifizierung, um
sicherzustellen, daß wir eine wissensorientierte zukünftige Bevölkerung
aufbauen, die Ideen nutzt – die ihre intellektuellen Fähigkeiten einsetzt, um
die Welt weiterzuentwickeln, statt zur Lösung von Problemen auf Krieg
zurückzugreifen.
Die Industrialisierung Afrikas
Fünftens können wir nicht länger eine Situation hinnehmen, in der Afrika
hauptsächlich Exporteur seiner reichen Bodenschätze ist und nicht über die
industriellen Kapazitäten verfügt, seine Bodenschätze auf dem Kontinent zu
erschließen und aufzubereiten und so seine Produktions- und
Fertigungskapazitäten zu steigern. Wir müssen das ändern und sicherstellen, daß
wir industrielle und produktive Kapazitäten, Fabriken und Produktionsstätten
aufbauen, damit der afrikanische Kontinent seinen eigenen Reichtum aufwerten und
Produkte exportieren kann, die einen Mehrwert bieten und Wohlstand für Afrika
und die Afrikaner schaffen. Wenn wir das nicht tun, werden wir für immer ein
Afrika haben, das hinterherhinkt, und das ist das größte Unrecht, das die Welt
der Menschheit antut.
Wir müssen auch Ressourcen in die Verbesserung der Ernährungssicherheit
investieren. Jeden Tag gehen Millionen von Familien, Kindern und Jugendlichen
ohne eine einzige Mahlzeit schlafen; dabei gibt es auf Welt Millionen Hektar
Land, das für die landwirtschaftliche Entwicklung geeignet ist. Wir müssen die
Ernährungssicherheit verbessern. Wir müssen die Chancen der Kinder erhöhen, sich
gut zu ernähren und zu jungen Erwachsenen heranzuwachsen, die ihre Länder
weiterentwickeln können.
Wir müssen die Zusammenarbeit bei unseren Maßnahmen gegen den Klimawandel
verstärken. Bei einer Vertragsstaatenkonferenz zum Kyoto-Protokoll nach der
anderen wurden Finanzmittel für Maßnahmen gegen den Klimawandel versprochen;
trotzdem werden Jahr für Jahr keine Mittel bereitgestellt. Die Gefahr des
Klimawandels ist heute für alle offensichtlich, trotzdem ist die Reaktion immer
noch unzureichend. Es fehlt an Abfallwirtschaft; und wir müssen dafür sorgen,
daß wirksamer gehandelt wird, um die Lebensgrundlagen der ländlichen Gemeinden
zu schützen, die am stärksten von den negativen Folgen des Klimawandels
betroffen sind.
Wir müssen auch sicherstellen, daß junge Menschen eine Stimme haben. Frau
Zepp-LaRouche und ich sind beide über 60, denke ich. Es muß mehr junge Menschen
geben, mehr junge Führungskräfte, die uns berichten, wie sie die Welt sehen, und
die ihre Ideen einbringen, um die Welt zu verändern. Und sie müssen die
Geschichte und die Politik kennenlernen, die Frau Zepp-LaRouche uns allen
dargelegt hat, damit sie, wenn sie ihre Vision entwickeln, was die Welt tun muß,
dies mit einem umfassenden Verständnis tun: den geopolitischen Kontext der
möglichen Finanzarchitektur, den Nutzen des Multilateralismus und die Stärkung
internationaler Institutionen. Mit diesem intellektuellen Hintergrund könnten
sie uns dann Ideen präsentieren, die uns zeigen, daß sie Herrn Mandela
tatsächlich verstanden haben, als er sagte: „Es liegt in euren Händen.“
Und liebe junge Menschen, die ihr heute hier mit uns seid: Es liegt in euren
Händen, die Welt wieder auf eine globale Agenda für Frieden, Entwicklung und
soziale Gerechtigkeit zurückzuführen. Und ich freue mich darauf, eure Ideen zu
hören, wie ihr Präsident Mandela ehren wollt, indem ihr das tut. Vielen Dank für
diese Gelegenheit.
Anmerkung
1. Mandela bezog sich auf diese Zahl, weil er 67 Jahre seines Lebens mit
seinem sozialen und politischen Kampf verbracht hatte.
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