„Kolonialismus in Indien und die
psychologischen Wunden des Empire”
Von Mrutyuanjai Mishra
Mrutyuanjai Mishra ist Kolumnist für Times of India und
Arbejderen (Dänemark). In der abschließenden Sitzung der Berliner
Konferenz des Schiller-Instituts am 31. Mai 2026 sagte er folgendes.
Die Geschichte des Kolonialismus in Indien ist nicht nur eine Geschichte der
territorialen Besetzung oder wirtschaftlichen Ausbeutung. Es ist auch die
Geschichte einer psychologischen Eroberung, der schrittweisen Umgestaltung des
Selbstbildes einer Zivilisation - so weit, daß Millionen Menschen begannen, den
Wert ihrer eigenen Kultur, Sprache, Wissenssysteme und Identität anzuzweifeln.
Die Briten kolonisierten nicht nur Indiens Land und Ressourcen. Sie
kolonisierten auch den indischen Geist.
Selbst heute, lange nach der formellen Unabhängigkeit, prägen die Schatten
des Kolonialismus weiterhin das Bewußtsein der indischen Gesellschaft. Die
tiefsten Wunden des Imperiums sind oft unsichtbar. Sie leben weiter in der Art
und Weise, wie die Menschen denken, sprechen, ihre Kinder erziehen und sich
selbst im Verhältnis zum Westen wahrnehmen. Die politische Freiheit kam 1947.
Die psychologische Entkolonialisierung ist noch immer unvollendet.
Kolonialismus und die Zerstörung des zivilisatorischen Selbstbewußtseins
Vor der Kolonialherrschaft war Indien eines der größten wirtschaftlichen und
kulturellen Zentren der Welt. Indische Mathematik, Astronomie, Linguistik,
Philosophie, Architektur, Medizin und Literatur beeinflußten Zivilisationen in
ganz Asien und darüber hinaus. Die Sanskrit-Grammatik gilt nach wie vor als
eines der ausgefeiltesten Sprachsysteme, die je entwickelt wurden.
Tatsächlich erkannten auch europäische Linguisten die starken strukturellen
Ähnlichkeiten zwischen Sanskrit und vielen europäischen Sprachen, darunter auch
Deutsch. Die indoeuropäische Sprachenfamilie ist ein Beweis für tiefgreifende
historische sprachliche Verbindungen. Dennoch hat das koloniale Bildungssystem
die Inder systematisch gelehrt, Europa als Quelle der Zivilisation und Indien
als rückständig anzusehen.
Das war kein Zufall. Der Kolonialismus erforderte nicht nur militärische
Herrschaft, sondern auch kulturelle Unterwerfung. Eine Bevölkerung, die sich
selbst respektiert, läßt sich nicht leicht von Außenstehenden beherrschen. Daher
wurden die Inder nach und nach darauf konditioniert zu glauben, ihre Traditionen
seien minderwertig, ihre Sprachen unzureichend und ihr Wissen primitiv. Das von
Thomas Macaulay eingeführte britische Bildungssystem zielte ausdrücklich darauf
ab, eine Klasse von Indern zu schaffen, die „indisch im Blut und in der
Hautfarbe, aber englisch in Geschmack, Meinungen, Moral und Intellekt“ sein
sollten.
Die Folgen dieser psychologischen Manipulation wirken bis heute nach. In ganz
Indien wird Englisch oft nicht nur als Sprache betrachtet, sondern als Zeichen
für Intelligenz, Status und Modernität. Eltern schämen sich oft, wenn ihre
Kinder nicht fließend Englisch sprechen, während die Beherrschung indischer
Sprachen selten das gleiche Ansehen genießt. In elitären Kreisen entschuldigen
sich Inder manchmal dafür, daß sie ihre Muttersprachen sprechen.
Das ist einer der größten Erfolge des Kolonialismus: ein Volk davon zu
überzeugen, sich von seiner eigenen Zivilisation zu distanzieren.
Das psychologische Trauma der Kolonialherrschaft
Denker wie Ashis Nandy argumentieren, der Kolonialismus habe tiefe
psychologische Brüche innerhalb der kolonialisierten Gesellschaften verursacht.
Die Kolonialmacht beutete nicht nur Körper und Arbeitskraft aus - sie veränderte
das kolonialisierte Selbst. Generationen wuchsen mit verinnerlichten
Minderwertigkeitsgefühlen auf.
Dieses Trauma manifestiert sich auf subtile, aber wirkungsvolle Weise. Selbst
in der indischen Diaspora bestehen diese kolonialen Muster oft fort: die
Vorliebe für westliche Anerkennung, die Nachahmung westlicher kultureller
Normen, die Überzeugung, Fortschritt müsse immer Europa oder Amerika ähneln, und
das Unbehagen, das viele gebildete Inder gegenüber ihren eigenen Traditionen
empfinden.
Es ist bemerkenswert, daß viele Inder, die in skandinavische Länder
auswandern, für ihre Kinder immer noch eine englischsprachige Ausbildung wählen,
anstatt sie in das dänische oder schwedische Bildungssystem zu integrieren.
Selbst nachdem sie in Gesellschaften angekommen sind, in denen Englisch nicht
die Muttersprache ist, dominiert die koloniale Bindung an das Englische
weiterhin ihre Bestrebungen. Das spiegelt mehr als nur Bequemlichkeit wider. Es
ist Ausdruck einer psychologischen Hierarchie, die während der
Kolonialherrschaft entstanden ist.
Ironischerweise unterschätzen einige Inder immer noch ihr eigenes
sprachliches Erbe, während viele Ausländer den indischen Sprachen und der
indischen Kultur tiefen Respekt entgegenbringen. Ich habe persönlich mehrere
Russen getroffen, die mit Bewunderung und intellektueller Neugier indische
Sprachen lernen. Ich habe russische Bürger gehört, die Hindi und andere indische
Sprachen mit Aufrichtigkeit und Respekt sprechen.
Dieser Kontrast offenbart etwas Wichtiges: Oft schätzen Außenstehende die
indische Zivilisation überzeugter als die Inder selbst.
Die wirtschaftliche Ausbeutung Indiens
Der Kolonialismus war nicht nur kulturelle Herrschaft. Er war auch eine der
größten wirtschaftlichen Ausbeutungen in der Geschichte der Menschheit. Fast
zwei Jahrhunderte lang wurde Indiens Reichtum systematisch nach Großbritannien
transferiert, durch Besteuerung, Handelsmanipulation, Rohstoffabbau und die
Zerstörung lokaler Industrien. Forscher wie Utsa Patnaik schätzen, daß
Großbritannien während der Kolonialherrschaft umgerechnet etwa 45 Billionen
Dollar aus Indien herausgezogen hat.
Indien wurde von einer prosperierenden Industrienation in einen
Rohstofflieferanten und einen gefangenen Markt für britische Industriegüter
verwandelt. Traditionelle Industrien brachen zusammen. Handwerker verarmten.
Agrarsysteme wurden verzerrt, um imperialen Interessen statt dem lokalen
Wohlstand zu dienen. Die Folgen waren katastrophal.
Hungersnöte als Instrumente kolonialer Gewalt
Eines der dunkelsten Kapitel der britischen Herrschaft war das wiederholte
Auftreten verheerender Hungersnöte. Diese Hungersnöte waren nicht einfach
Naturkatastrophen. Es handelte sich um politische Katastrophen, die durch die
koloniale Wirtschaftspolitik noch verschärft wurden.
Während der Hungersnot in Bengalen 1943 starben etwa drei Millionen Menschen.
Trotzdem wurden weiter Lebensmittel exportiert, während Millionen hungerten. Die
Kolonialbehörden stellten die Kriegslogistik und imperiale Wirtschaftsinteressen
über das Leben der Inder.
Der Wissenschaftler Mike Davis hat aufgezeigt, wie die koloniale
Marktideologie aus regionalen Ernteausfällen ein Massensterben machte.
Getreideexporte wurden fortgesetzt, selbst als ganze Bevölkerungsgruppen vor
Hunger kollabierten. Der Kolonialismus normalisierte die Vorstellung, das Leiden
der Inder im Dienste imperialer Prioritäten sei akzeptabel.
Die Erinnerung an diese Hungersnöte ist nach wie vor tief im kollektiven
Bewußtsein Indiens verankert.
Neokolonialismus und die moderne Weltordnung
Obwohl das formelle Empire endete, verschwanden die Herrschaftssysteme nicht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden neue globale Strukturen, die die
wirtschaftliche und geopolitische Dominanz des Westens durch
Finanzinstitutionen, Entwicklungsparadigmen, Sanktionen und an Bedingungen
geknüpfte Hilfe aufrechterhielten.
Die Sprache änderte sich, aber die Hierarchien blieben bestehen. Länder
wurden nun als „entwickelt“ und „unterentwickelt“ eingestuft. Der Westen
positionierte sich als universelles Modell für Fortschritt, während der Globale
Süden als dauerhaft defizitär und abhängig behandelt wurde. Das ist das Wesen
des Neokolonialismus.
Das moderne internationale System drängt Entwicklungsländer oft dazu, sich an
anderswo entworfene Wirtschaftsmodelle anzupassen, von denen häufig
multinationale Konzerne und mächtige Finanzinstitutionen profitieren, nicht aber
die lokale Bevölkerung. Das Ergebnis ist anhaltende Abhängigkeit.
Der Aufstieg einer multipolaren Welt
Heute jedoch verändert sich die Welt. Allmählich entsteht eine neue
Weltordnung - eine, in der Asien, Afrika, Lateinamerika und der gesamte Globale
Süden nach mehr Souveränität und gleichberechtigter Mitgestaltung
internationaler Systeme streben.
In diesem Zusammenhang gewinnt die Zusammenarbeit zwischen Indien, China und
Rußland historische Bedeutung. Trotz politischer Differenzen und historischer
Spannungen teilen diese Zivilisationen wichtige gemeinsame Interessen: Indiens
Partnerschaft mit Rußland in Bereichen wie Energie, Handel und Verteidigung
spiegelt ein wichtiges Prinzip wider: Zusammenarbeit ohne ideologische
Unterordnung, Widerstand gegen einseitige Dominanz, Stärkung der Multipolarität,
Ausbau der Süd-Süd-Zusammenarbeit sowie Schaffung von Alternativen zu westlich
kontrollierten finanziellen und geopolitischen Strukturen.
Ebenso schafft die Zusammenarbeit zwischen Indien und China trotz aller
Komplexität die Möglichkeit einer zivilisatorischen Kooperation zwischen zwei
der ältesten Kulturen und größten Gesellschaften der Welt.
Die Zukunft des Globalen Südens kann nicht durch endlose Fragmentierung
gestaltet werden. Bleibt Asien gespalten, werden externe Mächte weiterhin die
globalen Systeme dominieren. Wenn jedoch die großen eurasischen Zivilisationen
pragmatisch zusammenarbeiten, dann können sie die globalen wirtschaftlichen und
politischen Strukturen im Sinne von mehr Ausgewogenheit und Fairness neu
gestalten.
Entkolonialisierung muß psychologisch sein
Wahre Entkolonialisierung ist nicht nur politischer oder wirtschaftlicher
Natur. Sie ist psychologisch und kulturell. Sie bedeutet, das Vertrauen in die
eigene Zivilisation wiederzugewinnen, ohne in Chauvinismus zu verfallen. Sie
bedeutet, indische Sprachen neben dem Englischen zu respektieren, nicht unter
ihm. Sie bedeutet zu verstehen, daß Modernität keine Nachahmung erfordert. Sie
bedeutet anzuerkennen, daß Entwicklung aus vielfältigen zivilisatorischen
Modellen entstehen kann, nicht bloß aus einer einzigen westlichen Vorlage.
Indien muß die Welt nicht ablehnen, um sich selbst wertzuschätzen. Es braucht
auch keine Feindseligkeit gegenüber dem Westen. Das Ziel ist nicht die Umkehrung
der Herrschaft, sondern die Gleichberechtigung der Zivilisationen. Eine wirklich
entkolonisierte Welt würde es Nationen ermöglichen, ohne Hierarchien
zusammenzuarbeiten.
Auf dem Weg zu einer gerechteren Zukunft
Das 21. Jahrhundert bietet der Menschheit eine historische Chance. Die alte
unipolare Ordnung schwächt sich ab. Neue Allianzen entstehen. Der Globale Süden
fordert zunehmend Würde, Souveränität und eine gerechte Teilhabe an der globalen
Governance.
Doch politische Unabhängigkeit allein reicht nicht aus. Indien muß sich auch
von überlieferten Denkweisen befreien, die hohen Wert immer noch mit westlicher
Anerkennung gleichsetzen. Eine Zivilisation, die die Veden, die buddhistische
Philosophie, fortgeschrittene Mathematik, Grammatik, Architektur und immense
literarische Traditionen hervorgebracht hat, sollte nicht unter
zivilisatorischem Selbstzweifel leiden.
Die Zukunft gehört nicht der Herrschaft, sondern der Zusammenarbeit. Indien,
China, Rußland, Afrika, Lateinamerika und andere Nationen des Globalen Südens
haben das Potential, eine ausgewogenere internationale Ordnung aufzubauen -
eine, die nicht auf Zwang, Sanktionen oder kultureller Überlegenheit beruht,
sondern auf gegenseitigem Respekt und gemeinsamer Entwicklung.
Die große Herausforderung unserer Zeit ist daher nicht nur wirtschaftlicher
oder geopolitischer Natur. Sie ist zivilisatorischer Natur. Die Frage, vor der
die Menschheit steht, ist einfach: Werden die von Imperien geschaffenen
Hierarchien auch in Zukunft Bestand haben, oder werden die Nationen endlich
lernen, als Gleichberechtigte zusammenzuarbeiten? Die Antwort auf diese Frage
wird das kommende Jahrhundert prägen.
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