„Das tiefer liegende Problem ist die neokoloniale strukturelle Abhängigkeit“
Von Abbey Makoe
Abbey Makoe ist Gründer und Chefredakteur des Global South Media Network.
In der abschließenden Sitzung der Berliner Konferenz des Schiller-Instituts am
31. Mai 2025 sagte er folgendes. (Übersetzung aus dem Englischen.)
Diese Konferenz findet vor dem Hintergrund eines raschen Rückgangs der
internationalen Zusammenarbeit statt. Mächtige Wahnsinnige zwingen ihren
geopolitischen Gegnern ihren Willen auf. Feige Nationen verstecken sich hinter
Schweigen. Globale Institutionen sind zu einer Farce verkommen. Allein in dieser
Woche hat der Weltfußballverband FIFA nichts gesagt - und nichts unternommen -,
als die US-Regierung der iranischen Fußballnationalmannschaft untersagte, sich
während der Weltmeisterschaft 2026 auf US-amerikanischem Boden aufzuhalten, und
der Mannschaft befahl, das Land nach jedem Spiel auf US-amerikanischem Boden
unverzüglich in das benachbarte Mexiko zu verlassen. Das völkermordende Israel
nimmt nach wie vor am Eurovision Song Contest teil und ist die einzige Nation
des Nahen Ostens, die an europäischen Fußballwettbewerben teilnimmt.
Während ich daher die Einschätzung des Schiller-Instituts hinsichtlich „der
dringenden Notwendigkeit einer globalen Sicherheits- und
Entwicklungsarchitektur“ voll und ganz teile, möchte ich der Auffassung
widersprechen, daß die Welt am „Ende von 500 Jahren Kolonialismus“ angelangt
sei.
Die westliche Hegemonie bleibt das Joch, das Afrika und den Globalen Süden an
der Entwicklung hindert. Der Wettlauf um Afrika geht in anderer Gestalt weiter.
Fünfhundert Jahre Kolonialismus bestehen bedrohlich fort.
Die Realität vor Ort
Professor Fadhel Kaboub, renommierter tunesisch-amerikanischer Politökonom,
gab kürzlich eine schonungslose Einschätzung des Würgegriffs ab, den die
fortbestehenden Züge des Neokolonialismus weiterhin auf dem afrikanischen
Kontinent ausüben. Von noch größerer Bedeutung als seine empirischen Belege für
die oft subtile Unterwerfung des Kontinents durch westliche Mächte waren die
düsteren Erkenntnisse, die Prof. Kaboub - der Präsident des Global Institute for
Sustainable Prosperity ist - am 25. Mai, dem Afrika-Tag, vorstellte. „An jedem
Afrika-Tag“, so Prof. Kaboub, „hören wir dieselben Reden über ‚Africa Rising‘
(Afrika steigt auf). Und jedes Jahr treten Millionen weiterer junger Afrikaner
in Volkswirtschaften ein, die nach wie vor Rohstoffe exportieren, Lebensmittel
und Treibstoff importieren, Auslandsschulden in Fremdwährungen bedienen und am
unteren Ende der globalen Wertschöpfungskette gefangen bleiben.“
Prof. Kaboub ist an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Denison
University in den USA tätig. Er merkte ferner an: „Afrika ist strukturell
entmachtet, verarmt und wirtschaftlich kolonialisiert. Diese Unterscheidung ist
von Bedeutung. Der Kontinent verfügt über einige der weltweit größten Vorkommen
an grünen Mineralien, die jüngste Bevölkerung der Erde, ein außergewöhnliches
Potential an erneuerbaren Energien, enorme landwirtschaftliche Kapazitäten und
strategischen geopolitischen Einfluß in einer zunehmend zersplitterten
Weltordnung. Dennoch finanziert Afrika weiterhin den Wohlstand anderer, während
es sich teuer verschuldet, um zu überleben. Das ist kein Zufall der Geschichte.
Es ist die koloniale Architektur der Weltwirtschaft.“
Die USA und die europäischen Länder sind in jedem Winkel von Mutter Afrika
verzweifelt aktiv. Ihre Aktivitäten sind oft aggressiv und bedrohen die
Souveränität der afrikanischen Nationalstaaten. Ihr vorrangiges Ziel ist es, die
Seltenen Erden und andere Bodenschätze des Kontinents abzubauen und unter ihre
Kontrolle zu bringen. Wir sehen dies in der Sahelzone, wo Frankreich von Burkina
Faso, Mali und Niger in ihrem gemeinsamen Streben nach wahrer Unabhängigkeit
hinausgeworfen wurde. Der Reputationsschaden durch diese Demütigung Frankreichs
ist immens.
Der Westen wendet viele Tricks an, um Afrika auszuplündern. Um auf den
afrikanischen Märkten Fuß zu fassen, nutzt der Westen insbesondere seine Soft
Power. Er finanziert und kontrolliert NGOs und die Medien, die er dazu einsetzt,
die öffentliche Meinung zu manipulieren, die Agenda zu bestimmen und die
Narrative zu kontrollieren.
Vor diesem Hintergrund findet diese Konferenz statt, was deutlich macht, wie
wichtig und aktuell sie ist.
Merkmale des „Strong-Man-Syndroms“
Ich bin sicher, daß Prof. Kaboub und viele andere Wissenschaftler zustimmen
werden, daß unsere internationale Weltordnung in der Tat dringend eine „neue
globale Sicherheits- und Entwicklungsarchitektur“ benötigt. Jeden Tag werden wir
mit immer mehr Beweisen für die verheerenden Auswirkungen des Unilateralismus
auf die Weltpolitik konfrontiert. Der Völkermord in Gaza bleibt eine
Angelegenheit, die wahrscheinlich ungestraft bleiben wird. Die Trump-Regierung
steht, genau wie die von Biden, Obama und anderen vor ihnen, dem Internationalen
Strafgerichtshof (ICC) skeptisch gegenüber. Die USA sind zudem kein
Unterzeichnerstaat des Römischen Statuts und sind daher der Ansicht, daß der ICC
keine Zuständigkeit für die skrupellosen Aktivitäten der USA oder ihrer treuen
Verbündeten wie Israel hat. Washington hat Sanktionen gegen jeden ICC-Beamten
angedroht, der gegen die außenpolitischen Interessen Washingtons gehandelt haben
soll.
Der Zusammenbruch der Gründungsprinzipien der UN-Charta zeugt vom allgemeinen
Verfall unserer globalen Regierungssysteme. Israel zerstört gerade in diesem
Moment furchtlos die Landschaft des Libanon, vertreibt Millionen Menschen und
tötet täglich Dutzende. Die mutwillige Zerstörung geht unvermindert weiter,
trotz der Gerüchte über einen von den USA vermittelten Waffenstillstand, der
eine offensichtliche Nebelwand darstellt.
Darüber hinaus geht der von Präsident Donald Trump und Benjamin Netanjahu
gewählte Krieg gegen den Iran unvermindert weiter. In allen globalen Konflikten
ist die UNO nicht präsent, was der Ansicht Glaubwürdigkeit verleiht, daß das,
was von der UNO übrig bleibt, nichts weiter als eine leere Hülle ihres früheren
Selbst ist.
Diese abscheulichen Handlungen, die die Merkmale des „Strong-Man-Syndroms“
tragen, legen die dringende Notwendigkeit einer neuen globalen Architektur
offen. Die internationale Gemeinschaft verlangt nach einer Wiederherstellung der
globalen Diplomatie im Zentrum der internationalen Beziehungen, die durch
multilaterale Vorhersehbarkeit und friedliche Koexistenz gekennzeichnet
sind.
Einen Präsidenten und seine Frau mitten in der Nacht im Schlaf zu entführen,
mit dem venezolanischen Präsidentenpaar illegal die Grenze zu überqueren und sie
vor ein zweifelhaftes Gericht statt vor einen internationalen Gerichtshof zu
stellen, ist ein Verhalten, das das Gesetz des Dschungels widerspiegelt. Auch
die Androhung der Annexion anderer Nationen wie Grönland, Kanada und Mexiko ist
ein Affront gegen zivilisierte internationale Normen und Standards. Die
Weltwirtschaftsorganisation (WTO) zu ignorieren und eine Flut wahlloser Zölle
loszulassen, spiegelt das Verhalten von Wahnsinnigen wider, die durch absolute
Macht korrumpiert sind.
All diese Beispiele und viele weitere, die hier nicht alle genannt werden
können, sprechen für einen Wandel, und dem Internationalen Schiller-Institut
gebührt große Anerkennung dafür, daß es ein Licht auf solche wichtigen
geopolitischen Fragen wirft.
Prof. Kaboub stellt zutreffend fest, daß an diesem Scheideweg die zentrale
Frage nicht mehr lautet, ob Afrika sich innerhalb des bestehenden
internationalen Wirtschaftssystems, das Afrika erstickt, „entwickeln“ kann.
Anläßlich des 500-jährigen Jubiläums des Kolonialismus sollte die Frage lauten,
ob „Afrika endlich bereit ist, die Regeln des Systems selbst neu zu
gestalten“.
Die Agenda 2063 der Afrikanischen Union fordert „Das Afrika, das wir wollen“.
Im Idealfall wird ein „integrierter, prosperierender, souveräner Kontinent“
angestrebt, „der in der Lage ist, seine eigene Entwicklung zu finanzieren und
globale Angelegenheiten mitzugestalten“. Prof. Kaboub und viele andere sind
jedoch der Ansicht, daß diese Vision reine Rhetorik bleiben wird, solange Afrika
sich nicht mit den tieferen Strukturen der Abhängigkeit auseinandersetzt, die
sein Wirtschaftsmodell weiterhin prägen.
Er argumentiert, daß das Problem nicht einfach Korruption, Versagen der
Regierungsführung oder mangelnder Unternehmergeist sei (auch bekannt als die
bevorzugten Erklärungen im Mainstream-Entwicklungsdiskurs). Das tiefer liegende
Problem sei die neokoloniale strukturelle Abhängigkeit.
Die meisten afrikanischen Volkswirtschaften bleiben auf folgende Weise in
kolonialen Wirtschaftsmustern gefangen: Sie exportieren Rohstoffe, importieren
Industriegüter, sind auf externe Finanzierung angewiesen und geben nur allzu
gerne ihren nationalen politischen Handlungsspielraum an Gläubiger und
internationale Finanzinstitutionen ab.
Laut dem Bericht „State of Commodity Dependence 2025“ („Stand der
Anhängigkeit von Rohstoffen 2025“) der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung
(UNCTAD) bleibt die Rohstoffabhängigkeit eines der bestimmenden Merkmale von
Entwicklungsländern, insbesondere in Afrika. In vielen Ländern machen Rohstoffe
mehr als 60% der Exporteinnahmen aus. Prof. Kaboub zufolge ist „dies der Kern
der Schuldenfalle“.
Fazit
Abschließend ist es meine bescheidene Meinung, daß Afrika in diesem Zeitalter
der Aufklärung seine Zersplitterung beenden und der internationalen Gemeinschaft
als geeinte Front gegenübertreten muß, um gegenseitigen Respekt und
Gleichberechtigung in Gedanken, Worten und Taten einzufordern.
Auf diese Weise wäre Afrikas geeinte Stimme zu laut, um ignoriert zu werden.
Vereint durch die AU sollten Afrika und der Rest des Globalen Südens von den
Europäern, die den Kontinent kolonialisiert haben, Reparationszahlungen
einfordern. Und sollten diese sich weigern, muß Afrika solche Schuldigen auf
eine schwarze Liste setzen. Das Internationale Schiller-Institut hätte ein
großes Ziel erreicht, wenn es in seiner abschließenden Liste von Resolutionen
oder seinem Kommuniqué die Zahlung von Reparationen durch Europa fordern
würde.
|