Was Deutschland von China lernen muß
Von Claudio Celani
Im Krisenforum des Schiller-Instituts „Der freie Fall der
deutschen Wirtschaft muß gestoppt werden! Deutschland muß vor dem Ausverkauf
gerettet werden!“ am 1. September hielt Claudio Celani, Mitherausgeber des
EIR Strategic Alert, den folgenden Vortrag. Der Text wurde leicht
bearbeitet, Zwischenüberschriften hinzugefügt.
Ich denke, es ist wichtig, daß man erfährt, wie man Deutschland in diesem
Moment aus dem Ausland betrachtet. Man macht sich sehr, sehr viele Sorgen. Man
versteht nicht, was in Deutschland passiert. Sind die Deutschen alle verrückt
geworden? Sie machen ihre Industrie kaputt – ohne den Aspekt zu betrachten, daß
zum Beispiel ein wichtiger Teil der Zulieferer für die Autoindustrie in
Deutschland aus Italien kommt, und so weiter. Aber es ist klar, diese Frage wird
gestellt.
Daß die deutsche Wirtschaft in freiem Fall ist, sieht man am besten oder am
schlimmsten in der Autoindustrie. Die Nachrichten von gestern und heute über die
Krisensitzung der Spitzen von Volkswagen machen es deutlich, daß sie in eine
extrem schwierige Lage sind. Und sie sehen keine Alternative dazu, vier
Produktionsstätten zu schließen. Viele wissen es wahrscheinlich nicht, aber in
Deutschland schließen 21 Firmen pro Stunde. Das ist dramatisch.
Ich werde kurz über die Krise der Autoindustrie sprechen, und dann auch über
den Maschinenbau, denn die Autoindustrie ist nicht der größte
Industriearbeitsgeber Deutschlands, es ist die Maschinenbaubranche mit über
einer Million Beschäftigten. Die Krise der Maschinenbaubranche scheint weniger
schwer als die der Autoindustrie. Aber immerhin, die Branche hat in einem Jahr
22.000 Jobs verloren, das ist schon viel. Dieses Jahr wurde sie nur durch zwei
große Auslandaufträge gerettet, von denen ich vermute, daß sie mit der
Aufrüstung verbunden sind. Und am Ende werde ich auch ein bißchen über Energie
und Infrastruktur reden.
Die Krise der Autobauer
Die Krise der Autoindustrie: Man muß die Ursachen der Krisen kennen, um eine
Lösung zu finden. Die Ursachen sind aber sehr klar. Das Management von
Volkswagen weiß genau, was die Ursachen sind. Die Ursachen sind: Energiepreise,
Green Deal und Bürokratie.
Bürokratie, das heißt auch „Green Deal“. Man fragt sich, warum man so eine
Entscheidung getroffen hat? Denn man hätte durch eine auch nur halbwegs seriöse
Marktanalyse vorhersehen können, daß es die Autoindustrie in Deutschland einfach
zerstören würde, wenn man die Verbrennermotoren verbietet.
Da sind Entscheidungen getroffen worden, vor allem von der Regierung. An
erster Stelle sind die Politiker schuld, die genau übernommen haben, was in
Brüssel entschieden wurde.
Die Linie kam also aus Brüssel. Und die EU-Leute reden jeden zweiten Satz vom
Markt. Die EU ist durch einen längeren Prozeß entstanden, am Anfang gab es den
gemeinsamen europäischen Markt, den Binnenmarkt. Aber sie haben genau das
Gegenteil gemacht: Sie haben eine Politik gegen den Markt verabschiedet, die –
ich benutze hier die Begriffe der EU und der Marktwirtschaft – von den
Konsumenten völlig abgelehnt wurde.
Was dann am Ende passiert ist: Die Exporte nach China und die Verkäufe in
Deutschland sind eingebrochen. Volkswagen hat eine halbe Million weniger
Verkäufe gemeldet in einem Jahr. Eine halbe Million!
Warum? Weil die Deutschen verunsichert sind. Die Deutschen wissen nicht, wenn
sie heute ein Elektroauto kaufen, wo sie das Auto aufladen können. Meistens ist
ein E-Auto auch zu teuer. Aber die Leute kaufen auch keinen Verbrenner, weil sie
denken, in einigen Jahren werde ich das nicht mehr benutzen können. So ist die
Nachfrage kollabiert in Deutschland. Die Leute kaufen einfach nicht. Und als
Ergebnis ist der Kfz-Bestand immer älter geworden, das heißt, es fahren immer
mehr ältere Autos auf deutschen Autobahnen und Bundesstraßen. Die Leute kaufen
keine Autos.
Und warum sind die Verkäufe in China eingebrochen? Weil die Chinesen
vornehmlich E-Autos gekauft haben und kaufen – was aber nicht bedeutet, daß
reine E-Autos den Markt in China dominieren. Nein, ein Großanteil der
sogenannten E-Autos sind Hybride. Ich erzähle das, weil es wichtig ist, um zu
verstehen, wie dumm die Entscheidungen sind, die in Europa getroffen wurden.
Hybride bedeutet: ein Elektromotor und ein Verbrennermotor. Das hätten zum
Beispiel die Autoproduzenten in Deutschland gut machen können. Aber genau das
haben sie vernachlässigt. Sie haben alles auf reine E-Autos gesetzt, Milliarden
investiert. Aber die Chinesen waren viel, viel fortgeschrittener, und die
Deutschen konnten und können das jetzt nicht nachholen.
Am Ende ist also viel Geld rausgegangen, viel Geld ist verloren gegangen, und
jetzt steht die Autoindustrie in Deutschland vor der Frage: Wie geht es weiter?
Wenn die Regierung nicht die EU-Politik, also den Green Deal, ablehnt, dann
geht es weiter mit dem Verbot der Verbrennermotoren. Das Datum wurde nur ein
bißchen später gelegt, und die EU hat als Möglichkeit die Genehmigung für
Plug-in-Hybride eingeführt, das heißt Autos, die nicht zu 100%
CO2-frei sind, aber zu 90%. Aber irgendwann ist auch damit Schluß.
Die EU hat also nur den Titel des Films geändert, von Stirb langsam in
Stirb langsamer.
Der „Green Deal“ der Finanzwelt
Was sollte man also tun? Wie ich gesagt habe, die EU-Politik muß abgelehnt
werden.
Ich muß jetzt einen kleinen Einschub machen. Der Green Deal der EU kommt
direkt von den Finanzmärkten. Die Geschichte des Green Deals fing an – die
neueste Geschichte, denn es war schon im Great Reset, da kann man das lesen –,
aber die neueste Welle kam durch die Initiative der Zentralbanker, vor allem von
Mark Carney, der damals der Gouverneur der Bank von England war, der hat damals
zusammen mit seinen französischen Kollegen das sogenannte „Netzwerk für die
Vergrünung des Finanzsystems“ gegründet. Und danach kam es zu einer Welle von
Begeisterung in den Finanzkreisen, in der Londoner City. Man hat damals
geschrieben: „Grün ist das neue Gold!“
Dann kamen die EU und Ursula von der Leyen als Kommissionchefin – die wurde
von links und rechts gewählt und dann wiedergewählt. Und diese Idee der
Finanzmärkte wurde dann im „Green Deal“ durch Ursula von der Leyen, Timmermans
und die anglo-holländischen Netzwerke durchgesetzt.
Da stehen wir. Was ist jetzt zu tun? Eine Nichtlösung wären hohe Zölle gegen
die chinesischen E-Autos. Aber das bringt nichts, das bringt nur Ärger, das
bringt eine Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Deutschland und China –
und wahrscheinlich ist das genau das, was die EU-Kommission will.
Ich sehe jetzt zwei Möglichkeiten:
- Die deutsche Industrie holt sich Kooperation aus China, Autobauer
aus China, und produziert zusammen mit den Chinesen in Deutschland für den
europäischen Markt. Aber wie gesagt, die Voraussetzung dafür ist, daß das Verbot
der Verbrennermotoren weg muß.
Die Möglichkeit, mit China einige Zölle zu verhandeln, ist eine Option,
natürlich nur im Einvernehmen mit den Chinesen; man könnte über Quoten reden.
- Die andere Option wäre alternativ, man holt die Chinesen, um in
Deutschland zu produzieren, und verzichtet auf Zölle und akzeptiert, daß die
deutsche Autoindustrie sich ein bißchen verkleinert.
Eine dritte Option wäre die Umstrukturierung der Autoindustrie, aber nicht,
wie es die Verfechter der Aufrüstung wollen, sondern in die andere Richtung. Es
gab eine Studie von einem Institut in der Schweiz, in Basel, von Prognos –
vielleicht haben Sie davon gehört, vor einigen Wochen oder Monaten – die
behauptet, daß ungefähr die Hälfte der deutschen Industrie Dual use ist.
Dual use kennt man von der Verteidigung, vom Militär. Das sind
Technologien, die sowohl für zivile und auch für militärische Zwecke benutzt
werden können. Sie haben diesen Bericht veröffentlicht, um die Umwandlung in
Rüstungsindustrien zu fördern.
Aber wenn das geht, kann man diese Realität auch in die andere Richtung
drehen. Ich habe mich ein bißchen auch mit Hilfe von künstlicher Intelligenz
informiert: Eigentlich gibt es viele Möglichkeiten, daß man aus der
Autoindustrie Kapazitäten und Aspekte holen könnte, um andere Branchen der
Zivilwirtschaft zu entwickeln und dort zu investieren.
Was China richtig und Deutschland falsch gemacht hat
Kurz zu China, wir kommen zu Energiefragen: China hat zuerst die
Energiekapazität aufgebaut, das Netz aufgebaut zum Aufladen der Autos, und
danach hat China Autos produziert. Das Ergebnis ist, daß es heute in China eine
Säule pro zwei Autos gibt.
In Europa kommen mehr als zehn Autos auf eine Säule. China hat also nicht den
Fehler von Deutschland gemacht. Es hat auch eine Menge sogenannte „Erneuerbare“
gebaut, das muß man auch sagen, aber nicht so, daß sich die ganze
Energieversorgung völlig auf Erneuerbare verläßt. China hat Kohle,
Atomkraftwerke, Wasserwerke und so weiter, womit sie im schlimmsten Fall die
gesamte Energienachfrage ohne die Erneuerbaren decken können. Das heißt, China
benutzt durchaus die Erneuerbaren, wenn Wind da ist und Sonne da ist, dann kommt
da Energie. Aber es wird nie eine Gefahr für China geben, daß China ohne Strom
bleibt.
In Deutschland haben wir das! Deutschland ist gefährdet durch dieses System:
Mal gibt es zu viel, mal zu wenig Wind, mal zu viel Sonne, mal zu wenig Sonne.
Und dann muß Deutschland eine Situation managen, die immer weniger zu managen
ist.
Um nicht zu lange zu reden: Wie ich gesagt habe, ist die
Maschinenbauindustrie der größte Arbeitsgeber Deutschlands, und sie stecken in
der Krise. Ohne diese beiden großen Aufträge, die ich erwähnt habe, würden sie
heute rote Zahlen schreiben, und wie gesagt, letztes Jahr haben sie 22.000 Jobs
verloren.
Ich habe dazu ein wenig mit der KI gespielt und gefragt: Wie wäre es, wenn
man Aufträge aus dem Ausland für den deutschen Maschinenbau schafft? Wie viele
Aufträge bräuchte man zum Beispiel, um diesen Verlust zu kompensieren, also
22.000 Jobs in Deutschland zu schaffen?
Das Ergebnis war: Nimmt man das Beispiel von Siemens in Ägypten, wo Siemens
riesige Gaskraftwerke, aber auch Windparkanlagen gebaut hat – ich glaube, das
hat zwischen 5 und 6 Milliarden gekostet. Und die KI hat mir gesagt: Man
bräuchte jedes Jahr ein solches großes Projekt.
Dann bin ich weitergegangen und habe gesagt, oh sieh mal, hier gibt es ein
großes Projekt namens „Transaqua“. Da müssen zwischen 20 und 30 Staudämme gebaut
werden, im Kongo und in Zentralafrika, und am Ende werden sie pro Jahr 35
Terawatt Strom produzieren. Kannst du bitte ausrechnen: Wie wäre es, wenn
Deutschland – das ist natürlich theoretisch – die Hardware dafür produziert und
liefert, also Turbinen, Transformatoren, Rohre etc.?
Die Rechnung war sehr interessant, denn sie kam auf bis zu 40.000
Personenjahre. Das heißt, wenn das in einem Jahr gebaut wird, dann haben wir
40.000 neue Jobs.
Natürlich braucht Transaqua 8 bis 12 Jahre, man muß das also verteilen. Aber
es kommt der Bau der ganzen Infrastruktur hinzu – die Staudämme, die Straßen,
die Entwicklung der Region. Da entstehen Märkte, und Deutschland kann dann eine
günstige Lage gewinnen, wo Deutschland in dieser Region viel machen kann. Und
auch zuhause kann man damit rechnen, daß nicht nur Jobs kommen, sondern auch
Wertschöpfung, die dann reinvestiert werden kann, und Steuereinnahmen.
Ich glaube, ich kann hier aufhören, sonst werde ich zu lange sprechen;
stellen Sie gerne Ihre Fragen.
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