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Schiller-Institut e. V.
"Zweck der Menschheit ist kein anderer als die
Ausbildung der Kräfte des Menschen, Fortschreitung."
Friedrich Schiller

 

„Gemeinsam die nächsten fünfzig Jahre gestalten”

Von Purnima Anand

Purnima Anand ist Präsidentin des BRICS Forum Indien. Für den dritten Abschnitt der Berliner Konferenz des Schiller-Instituts am 31. 5. 2026 übermittelte sie den folgenden Vortrag. (Übersetzung aus dem Englischen.)

I. Einleitung: Die Ausgangsbasis globaler Transformation

Exzellenzen, verehrte Vertreter staatlicher und zivilgesellschaftlicher Institutionen, geschätzte Vertreter der internationalen Presse und Kollegen, ich gratuliere Ihnen allen dazu, daß Sie sich an einem einzigartigen Wendepunkt der Menschheitsgeschichte in Berlin versammelt haben – einer Stadt, die genau versteht, wie sich die Geographie der Macht verschieben, zerbrechen und letztendlich wieder aufbauen kann.

Rund fünf Jahrhunderte lang waren globale Systeme – unsere wichtigsten Handelsrouten, unsere grundlegenden Finanzarchitekturen und unsere internationalen Rechtsrahmen – weitgehend von einseitigen, westlich geprägten Perspektiven geprägt. Heute müssen wir die intellektuelle Ehrlichkeit und die strategische Klarheit besitzen, um zu erkennen, daß wir nicht den chaotischen Niedergang einer einzelnen Region oder Nation erleben. Vielmehr erleben wir den natürlichen, historischen Höhepunkt eines 500-jährigen Zyklus. Wir treten entschlossen und unwiderruflich in ein wahrhaft globales, multipolares Zeitalter ein.

Unsere gemeinsame Herausforderung heute – und die zentrale Verantwortung der in diesem Raum vertretenen Institutionen – besteht darin, sicherzustellen, daß dieser tiefgreifende Wandel zu kooperativer Stabilität führt und nicht zu fragmentierten Reibungen. Diese Abkehr vom bisherigen globalen Management muß als konstruktive Chance für gegenseitiges Wachstum betrachtet werden, statt als feindselige Nullsummen-Konfrontation.

II. Die historische Analyse und Chronologie des Zusammenbruchs des Imperiums

Um zu verstehen, warum dieser 500-jährige Zyklus heute kulminiert, müssen wir den Mut aufbringen, genau zu untersuchen, wie er begann und wie er sich systematisch auflöste. Der globale Kolonialismus entstand nicht aus dem Nichts; er entwickelte sich durch spezifische historische Triebkräfte, technologische Veränderungen und unternehmerische, ressourcenausbeuterische Strukturen.

Er begann 1453 mit einem tiefgreifenden geopolitischen Auslöser: dem Fall Konstantinopels. Als das Osmanische Reich die traditionellen Landwege der Seidenstraße sperrte, sah sich Westeuropa mit einer existentiellen Krise der Lieferketten konfrontiert. Dies zwang die europäischen Königreiche, ihren Blick nach außen auf die offenen Ozeane zu richten, um sich direkten Zugang zu den asiatischen Märkten zu sichern.

Portugal und Spanien waren die ersten Nationen, die Fernseereisen unternahmen, angetrieben von drei Hauptmotiven, die oft als Gold, Ruhm und Gott zusammengefaßt werden. Angetrieben von wirtschaftlichem Reichtum, politischem Prestige und ideologischer Expansion schufen die frühen Pioniere ein internationales System, das von territorialen Eroberungen und staatlich lizensierten Aktiengesellschaften geprägt war.

Das formelle Ende von 500 Jahren europäischer globaler Vorherrschaft erreichte Mitte bis Ende des 20. Jahrhunderts durch eine massive Welle der Entkolonialisierung seinen historischen Höhepunkt. Diese Ära, die 1492 mit der europäischen Expansion nach Amerika begann, erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg den Zusammenbruch ihrer traditionellen, physischen Imperien.

Die strukturellen Grundlagen dieser Ära brachen nicht auf einen Schlag zusammen; der Niedergang dieser Ära vollzog sich in deutlichen, monumentalen historischen Phasen: zunächst in der ersten Welle (1776–1820er Jahre), als die geopolitische Architektur zerbrach, als sich Amerika von der britischen, spanischen und portugiesischen Kolonialherrschaft löste.

Dann folgte die Nachkriegsumkehr (1947–1960er Jahre), in der der Zweite Weltkrieg das Erbe der europäischen Mächte faktisch zunichtemachte und eine unaufhaltsame Welle der massiven Entkolonialisierung in Asien und Afrika auslöste, sowie die letzte Phase mit dem afrikanischen Wendepunkt (1975), als der plötzliche Zusammenbruch des portugiesischen Imperiums die älteste und am längsten andauernde europäische territoriale Präsenz auf dem afrikanischen Kontinent offiziell beendete.

Das letzte symbolische Finale (1997-1999) endete mit den historischen Übergaben von Hongkong und Macau, die still und leise den endgültigen Vorhang über die formelle europäische Territorialverwaltung in Asien fallen ließen.

Heute müssen wir anerkennen, daß sich die traditionellen strukturellen Fundamente dieses 500-jährigen imperialen Gefüges dauerhaft und vollständig aufgelöst haben.

III. Die Demokratisierung der globalen Governance

Die formellen Übergaben am Ende des 20. Jahrhunderts waren lediglich die letzten Kapitel der territorialen Verwaltung. Die Phase, die wir heute durchleben, ist die Demokratisierung der globalen Governance selbst.

Seien wir pragmatisch: Das heutige internationale System erfordert dringend eine strukturelle Architektur, die die aktuellen demographischen und wirtschaftlichen Realitäten widerspiegelt, nicht die erstarrten Nachkriegskompromisse von 1945. Wenn wir die prägenden, existentiellen Herausforderungen unserer Generation betrachten – von den komplexen Realitäten des Klimawandels und den ethischen Grenzen der Regulierung künstlicher Intelligenz bis hin zur tiefgreifenden Sicherheit globaler Lieferketten –, dann besitzt keine einzelne Hauptstadt, kein einzelner Kontinent alle Antworten.

Der Globale Süden ist nicht länger eine passive Arena für Außenpolitik oder gut gemeinte Entwicklungshilfe. Er hat sich zu einem aktiven, unverzichtbaren Labor für globale Lösungen gewandelt. Diese Transformation wird von einer immensen demografischen Vitalität, schnell wachsenden Technologiezentren und einem unerschütterlichen Wunsch nach Selbstbestimmung angetrieben.

Je nach dem spezifischen Schwerpunkt dieser Konferenz bilden drei Rahmenkonzepte den Kernbereich:

  1. Der Ansatz der institutionellen Reform konzentriert sich auf die Umstrukturierung des UN-Sicherheitsrats, des IWF und der Finanzarchitekturen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, um den Schwellenländern ein proportionales Stimmrecht zu gewähren.

  2. Der Ansatz der wirtschaftlichen Autonomie konzentriert sich auf „lokale Wertschöpfung“, den Widerstand gegen die Rohstoffgewinnung und den Aufbau unabhängiger digitaler und finanzieller Zahlungsinfrastrukturen.

  3. Der pragmatische Multi-Alignment-Ansatz betont, daß sich Entwicklungsländer nicht an einem neuen „Kalten Krieg“ beteiligen, sondern stattdessen auf der Grundlage nationaler Interessen Partnerschaften sowohl mit dem Osten als auch mit dem Westen eingehen werden.

VI. Umgang mit systemischen Ängsten und Mißverständnissen

Als Experten und politische Entscheidungsträger müssen wir anerkennen, daß moderne Souveränität letztlich durch Handlungsfähigkeit und Wahlfreiheit definiert wird. Das Entstehen neuer wirtschaftlicher Rahmenwerke und Koalitionen - wie das erweiterte BRICS-Netzwerk, modernisierte regionale Handelsblöcke und unabhängige Finanzabwicklungsmechanismen – sollte von Europa nicht als Bedrohung für die internationale Ordnung angesehen werden.

Stattdessen sollten sie als stabilisierende Säulen innerhalb einer diversifizierteren, widerstandsfähigeren und ausgewogeneren globalen Architektur verstanden werden. Souveräne Staaten praktizieren heute strategische Mehrfachausrichtung. Sie wählen Partnerschaften auf der Grundlage gegenseitigen Respekts, innerstaatlicher Entwicklungsziele und gemeinsamer pragmatischer Interessen, anstatt sich an alten, starren ideologischen Blöcken zu orientieren.

Es gibt Stimmen innerhalb traditioneller Institutionen, die befürchten, daß eine multipolare Welt inhärente Instabilität mit sich bringt. Einige argumentieren, die Alternative zu einem unipolaren System sei ein chaotisches Machtvakuum oder eine gefährliche neue Hegemonie. Auf diese Befürchtung antworte ich klar und deutlich: Die Alternative zu einer unipolaren Welt ist nicht das Chaos. Die Alternative ist ein robustes, regelbasiertes, dezentralisiertes Netzwerk regionaler Anker, die gemeinsam daran arbeiten, das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.

In ähnlicher Weise wird in den internationalen Medien häufig argumentiert, daß aufstrebende Mächte kleinere Nationen lediglich in neue, ausgefeilte Formen wirtschaftlicher Abhängigkeit und Verschuldung drängen. Doch ich behaupte vor diesem Publikum, daß jede souveräne Nation das uneingeschränkte Recht besitzt, ihre eigenen Entwicklungsbedingungen auszuhandeln.

Die Lösung für diese Herausforderungen besteht nicht darin, daß traditionelle Mächte ihre Wahlmöglichkeiten paternalistisch einschränken oder ihnen Vorträge über Abhängigkeiten halten. Die Lösung besteht darin, auf der globalen Bühne wirklich wettbewerbsfähige, faire und transparente Alternativen anzubieten.

Lassen Sie uns schließlich gegenüber jenen, die diesen historischen Wandel betrachten und ihn als gefährlichen Revisionismus bezeichnen, ganz klar sein: Dies ist kein Revisionismus; es ist institutionelle Evolution. Wir streben nicht danach, die internationale Ordnung zu zerstören. Wir wollen sie stärken, legitimieren und bewahren, indem wir sie zu einem echten Abbild der heutigen Welt machen und so ihr langfristiges Fortbestehen sichern.

V. Schlußfolgerung: Gemeinsam die nächsten fünfzig Jahre gestalten

Lassen Sie uns die Offenheit walten lassen, die diplomatische Räume erfordern: Das größte Risiko, vor dem wir heute stehen, ist nicht ein Mangel an Ressourcen oder an Intellekt; es ist ein tiefgreifendes Vertrauensdefizit. Um diese strukturelle Kluft zu überbrücken, müssen sich unsere multilateralen Institutionen weitaus schneller anpassen. Wir müssen uns bewußt von den nachwirkenden Dynamiken von Gönner und Klient lösen und in eine Ära echter, gleichberechtigter Partnerschaften übergehen.

Für die rohstoffreichen Nationen der Welt bedeutet wahre Souveränität absolute wirtschaftliche Autonomie. Es bedeutet, in der Wertschöpfungskette aufzusteigen – weg von der traditionellen Rohstoffgewinnung hin zu lokaler Produktion, industrieller Wertschöpfung und gemeinsamer technologischer Integration. Partnerschaften mit Industrienationen wie Deutschland müssen in Form von gemeinsamen Investitionen und Technologietransfers erfolgen, nicht nur als Handelsabkommen über Rohstoffe. So bauen wir eine Weltwirtschaft auf, die systemischen Schocks standhalten kann.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Vertreter der Presse: Lassen Sie uns den Schwerpunkt dieser Konferenz nicht darauf setzen, endlos über die Mißstände der letzten 500 Jahre zu streiten, sondern aktiv und auf saubere Weise gemeinsam die Architektur der nächsten 50 Jahre zu gestalten.

Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, eine internationale Ordnung zu schaffen, die gerade deshalb robust ist, weil sie fair ist, und gerade deshalb beständig, weil sie den kollektiven, demokratischen Willen der gesamten Weltgemeinschaft repräsentiert.

Vielen Dank.