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Schiller-Institut e. V.
"Zweck der Menschheit ist kein anderer als die
Ausbildung der Kräfte des Menschen, Fortschreitung."
Friedrich Schiller

 

Wirtschaftliche Erholung
durch Kooperation mit China in Afrika

Der folgende Beitrag stammt aus einer Studie des Schiller-Instituts, die im Sommer 2025 im Auftrag der Vorsitzenden des Instituts, Helga Zepp-LaRouche, als Diskussionsanstoß für eine Neuausrichtung der europäischen Politik gegenüber China und Afrika erstellt worden war. Koordinator des Projektes war Claudio Celani, Beiträge zu der Studie kamen von Dean Andromidas, Rainer Apel, Tobias Faku und Karel Vereycken.

Die Zusammenarbeit mit China in einer Zeit schwerer Wirtschaftskrisen in allen europäischen Ländern, die von De-Industriali­sie­rung bedroht sind, kann einen notwendigen Impuls für die Erholung liefern. Die beiden Hauptursachen der Krise sind

    1. der Anstieg der Energiepreise infolge der EU-Sanktionen gegen Rußland und

    2. der ideologische Ansatz der EU-Politik zur „Dekarbonisierung“, der sog. „Green Deal“. Leider wurde bisher beides nicht aufgegeben, weshalb die Aussichten auf eine eigenständige Erholung düster sind.

Der neue Plan „RearmEurope“ für massive Verteidigungsausgaben wird die Lage ebenfalls nicht verbessern. Wie der italienische Zentralbanker Fabio Panetta betonte, trägt die Produktion von Kriegsmaterial nicht zur Steigerung des Wachstumspotentials eines Landes bei. Wir schlagen anstelle des „Kriegs-Keynesianismus“ eine Strategie produktiver Investitionen vor, in deren Mittelpunkt die Schaffung externer Nachfrage für alle Fertigungssektoren steht. Die Zusammenarbeit mit China bei der Industrialisierung Afrikas kann eine solche Nachfrage schaffen.

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen China und den EU-Ländern haben sich nach jahrelanger Verbesserung zuletzt verschlechtert. Der geopolitische Ansatz der Europäischen Kommission, der von fast allen Mitgliedsländern übernommen wurde, hat erst eine Politik der „Entkopplung“ und schließlich eine der „Risikominderung“ eingeleitet, unter der sowohl der Handel als auch die ausländischen Direktinvestitionen (ADI) leiden.

Der Handel zwischen der EU und China ist von 561 Milliarden Euro im Jahr 2019 auf 856 Mrd. Euro im Jahr 2022 gestiegen, um dann deutlich auf 739 Mrd. Euro im Jahr 2023 und 731 Mrd. Euro im Jahr 2024 zu sinken. 2022 war China noch der wichtigste Handelspartner der EU, inzwischen sind es die USA.

Die Politik der „Entkopplung“ bzw. „Risikominderung“ wirkte sich auch auf die chinesischen Direktinvestitionen in der EU aus. Von 10,6 Mrd. Euro im Jahr 2019 sanken sie auf 7,9 Mrd. im Jahr 2022 und 6,8 Mrd. im Jahr 2023, den niedrigsten Stand seit 2010. 2024 kam es zu einer Erholung, die durch die Nachfrage des EU-Green-Deal nach Elektrofahrzeug- und Batterieprojekten angetrieben wurde. Die ungewisse Zukunft des Green Deal, der von vielen als zu ideologisch angesehen wird, könnte jedoch das weitere Wachstum in diesen Sektoren gefährden.

Die Erholung der produzierenden Wirtschaft kann jedoch durch die Nachfrage nach Investitionsgütern aus gemeinsamen Projekten im Rahmen der Neuen Seidenstraße (Gürtel- und Straßen-Initiative, BRI) vorangetrieben werden, wobei der Schwerpunkt auf Afrika liegt.

Kooperationschancen in Afrika

Warum Afrika?

    1. Afrika hat dank seiner Bodenschätze und seiner jungen Bevölkerung ein enormes Zukunftspotential;

    2. Ohne eine wirtschaftliche Entwicklung Afrikas wird der Trend zur illegalen Einwanderung nach Europa weiter zunehmen.

Die Einleitung einer neuen Phase der Zusammenarbeit in Drittländern ist auch ein Weg, um Vertrauen aufzubauen und das von der EU geschaffene feindselige Umfeld für chinesische Direktinvestitionen in Europa zu umgehen. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit in Drittländern wird die Grundlage dafür schaffen, diese Hindernisse schließlich abzubauen.

Gemeinschaftsprojekte in Drittländern sind für China nichts Neues. China hat schon mit vielen europäischen Ländern – darunter Frankreich, die Niederlande, Belgien, Spanien und Österreich – Kooperationsabkommen für Drittmärkte abgeschlossen.

Diese Abkommen brachten allerdings nicht den gewünschten Erfolg, vor allem aufgrund von Meinungsverschiedenheiten bei der Auswahl der Projekte. Vielversprechende Perspektiven wurden durch Medienkampagnen behindert, in denen China zu Unrecht unredliche Absichten und unseriöse Geschäftspraktiken vorgeworfen wurden, die teilweise sogar als „unvereinbar“ mit dem dargestellt wurden, was manche als das „normenbasierte“ europäische Imperium bezeichnen.

Das zugrundeliegende Problem besteht unserer Ansicht nach in den Überresten der kolonialen Mentalität seitens der Europäer, die geopolitische Interessen über die Interessen der afrikanischen Länder gestellt haben. Die Idee, einzelne Abkommen mit Drittländern zu unterzeichnen, statt sich der Gürtel- und Straßen-Initiative anzuschließen, spiegelte die von Brüssel ausgehende geopolitische Herangehensweise wider. Deshalb wurde ihr Potential nie ausgeschöpft.

So war das erste Abkommen dieser Art das mit Frankreich, das 2015 geschlossen wurde. Wie das Montaigne-Institut in einer Umfrage aus dem Jahr 2019 berichtete, strebt Frankreich eher eine „punktuelle Zusammenarbeit in Drittmärkten“ als eine Absichtserklärung zur BRI an und mißt den (westlichen) „Governance-Prinzipien“ für Konnektivitätsprojekte große Bedeutung bei.

In der Praxis war es für beide Seiten nicht einfach, sich auf eine gemeinsame Projektliste zu einigen. Während des Besuchs des französischen Premierministers in China im Juni 2018 wurde der chinesischen Seite eine Liste mit 12 Bereichen bzw. Projekten vorgeschlagen. China antwortete mit einer alternativen Liste von 12 Initiativen. Die heutige Liste umfaßt nur fünf Projekte, dies liegt vor allem am Widerstand Frankreichs gegen Chinas Beharren darauf, daß Afrika bei der Zusammenarbeit auf Drittmärkten Vorrang haben sollte, daß Kernenergie einbezogen oder Projekte innerhalb der EU (ein Binnenmarkt aus Sicht aller ihrer Mitglieder) in Betracht gezogen werden sollten.

Dennoch enthielt das chinesisch-französische Abkommen eine interessante Lösung für die Frage der Finanzierung. 2016 gründeten beide Seiten den Chinesisch-Französischen Drittinvestitionsfonds, der gemeinsam vom chinesischen Staatsfonds CIC und der französischen öffentlichen Investitionsbank BPI verwaltet wird. Ein solches Modell kann erfolgreich sein, wenn Klarheit und Einigkeit über das zu finanzierende Projekt herrschen.

Ein weiterer interessanter Präzedenzfall ist die Absichtserklärung (MoU) zur BRI, das Italien und China 2019 unterzeichnet haben, das erste seiner Art von einem G7-Land. Auch wenn Afrika darin nicht ausdrücklich erwähnt wird, hat der Architekt des MoU, der ehemalige Staatssekretär Michele Geraci, in jüngsten Artikeln und Interviews betont, daß es implizit enthalten ist. Leider hat die 2022 gewählte Regierung Meloni unter geopolitischem Druck beschlossen, die nach fünf Jahren ausgelaufene Absichtserklärung nicht zu verlängern.

Die bisherigen Mißerfolge der Zusammenarbeit zwischen europäischen Ländern und China sollten uns nicht davon abhalten, dasselbe Ziel erneut zu verfolgen. Tatsächlich haben sich die Rahmenbedingungen geändert, weshalb Dinge, die in der Vergangenheit nicht funktionierten, in Zukunft funktionieren könnten.

Insbesondere veranlaßt die aktuelle Krise die europäische Industrie, ihre Regierungen unter Druck zu setzen, ihre Chinapolitik zu überdenken, um diesen wichtigen Markt nicht zu verlieren. Darüber hinaus hat die Drohung der Vereinigten Staaten mit Einfuhrzöllen sogar die Europäische Kommission veranlaßt, sich China zuzuwenden, um mögliche Verluste auf dem US-Markt auszugleichen. Mit anderen Worten, die Bedingungen verbessern sich, um vom alten geopolitischen Ansatz auf einen Ansatz der Zusammenarbeit überzugehen.

Während für den Mittelstand (KMU) zwischenstaatliche Abkommen unverzichtbar sind, um einen Rahmen für ihre Beteiligung an Entwicklungsprojekten zu schaffen, benötigen europäische Großunternehmen einen solchen Rahmen nicht, da sie sich direkt engagieren können. Konzerne wie Alstom und Siemens sind bereits erfolgreich an einer Reihe großer Infrastrukturprojekte in Afrika beteiligt. Paradoxerweise haben sie es bisher vorgezogen, daß die Regierungen sich heraushalten, da deren Beteiligung automatisch bürokratische Hürden mit sich bringt. Sie haben auch kein Problem damit, sich als Subunternehmer an BRI-Projekten zu beteiligen, selbst wenn die EU dies politisch mißbilligt.

Unter den maßgeblichen politischen Strömungen in Afrika wächst der Konsens, daß Afrika durch eine ehrgeizige, auf Infrastruktur orientierte Wirtschaftspolitik das nächste „Wirtschaftswunder“ der Welt werden muß, um die industriellen und technologischen Kapazitäten zu schaffen, mit denen das immense kreative Potential der afrikanischen Bevölkerung für die Menschheit genutzt werden kann. Mit einer Bevölkerung von mehr als 1,5 Milliarden Menschen auf dem größten Kontinent der Welt, mit enormen Reserven an Bodenschätzen und landwirtschaftlichem Potential sowie einer jungen Bevölkerung ist Afrika mehr als gut gerüstet, um im Laufe weniger Generationen zur weltweit führenden Industriemacht aufzusteigen und sogar China Konkurrenz zu machen. Diesem Zweck dienen nicht zuletzt die Vorzeigeprojekte der Agenda 2063 der Afrikanischen Union, aufgeführt in dieser Ausgabe.

Anders als bei früheren „Wirtschaftswundern” in China, Japan und Südkorea verfügt Afrika selbst über alle mineralischen und landwirtschaftlichen Ressourcen, um eine führende Industriemacht zu werden. Diese Rohstoffe werden in Zukunft vor dem Export veredelt werden: Eisenerz wird zu Walzstahlprodukten oder halbfertigen Stahlgußprodukten verarbeitet, Bauxit wird zu Aluminium geschmolzen und so weiter, und landwirtschaftliche Erzeugnisse werden verarbeitet, um Verluste zu vermeiden. Die Eisenbahn wird diese Produkte durch ganz Afrika und über ein friedliches, sich entwickelndes Südwestasien zu den internationalen Märkten außerhalb des Kontinents transportieren.

Die Strategie: Elektrifizierung

Im Mittelpunkt dieser Politik steht die Energieversorgung. Der verstorbene amerikanische Ökonom und Staatsmann Lyndon LaRouche betonte die Bedeutung der „Energieflußdichte” von Technologien, also die Qualität und Menge der Energie, die dem Produktionsprozeß zugeführt wird. Fortschritte in der Energieflußdichte, von menschlicher und tierischer Muskelkraft über Wind und Wasser – am unteren Ende – über Kohle, Erdöl und Erdgas bis hin zu Kernspaltung und Fusionsenergie verbessern die Erzeugung von Wärme, mechanischer Bewegung, Elektrizität und mehr. Möglichst hohe Energieformen sollten zusammen mit Infrastruktur wie Straßen, Eisenbahnen und Kommunikationsinfrastruktur in Entwicklungskorridoren eingesetzt werden, die sich über den gesamten Kontinent erstrecken und die 54 souveränen Nationen Afrikas in einem integrierten agroindustriellen Netzwerk verbinden.

Die afrikanischen Regierungen sind sich bewußt, daß sie für ihre angestrebten Ziele das enorme Energiedefizit des Kontinents schnell überwinden müssen. Afrikas Reichtum an Kohle, Erdöl, Erdgas und Uran muß dabei eine zentrale Rolle spielen. Bisher haben immer noch 580 Millionen Afrikaner, fast ein Drittel der Bevölkerung des Kontinents, keinen Zugang zu Elektrizität, was Afrika zur Region mit dem größten Energiemangel der Welt macht.

Ebenso wichtig wie Energie ist die Entwicklung einer gut ausgebildeten, gesunden und gut ernährten Bevölkerung. Dazu wird Elektrizität benötigt, um Schulen, Krankenhäuser, Gesundheitszentren und die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte für die wachsende Bevölkerung mit Strom zu versorgen.

Um das zu erreichen, muß die Freihandels-Ideologie des IWF, der Weltbank und der Finanzoligarchie für immer begraben werden. Es darf nicht länger toleriert werden, daß diese Neoimperialisten behaupten, große Stromerzeugungsprojekte könnten nicht finanziert werden, weil die Nachfrage zu gering sei. Keine Nachfrage – wenn 580 Millionen Menschen in Afrika ohne Stromanschluß sind?

Jedes moderne Wirtschaftswunder beruhte auf der flächendeckenden Elektrifizierung. Präsident Franklin Roosevelts Programm zur Elektrifizierung des ländlichen Raums verwandelte die US-amerikanische Landwirtschaft in die produktivste der Welt. 1965, zwölf Jahre nach dem verheerenden Koreakrieg, war Korea nur zu 20% elektrifiziert. Es startete ein Programm zur flächendeckenden Elektrifizierung, wodurch das Land bis Mitte der 1970er Jahre zum zweiten Wirtschaftswunder Asiens (nach Japan) wurde und heute zu den am stärksten industrialisierten Nationen der Welt zählt. Chinas Weg des Wirtschaftswachstums müssen wir nicht im einzelnen beschreiben, er ist für jedermann sichtbar.

Quelle: efisha.com, IEA data

Prozentualer Anteil der Menschen mit Stromanschluß in Afrika.

Elektrizität ist der Ausgangspunkt für das, was zu tun ist. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) haben 580 Millionen Afrikaner keinen Zugang zu Elektrizität. Dabei gibt es auf dem Kontinent große Unterschiede, von über 99% der Bevölkerung mit Elektrizität in Ägypten bis zu 18% in Somalia. Am stärksten betroffen sind die Länder in Zentralafrika mit weniger als 10%.

2023 betrug Afrikas gesamte installierte Kapazität zur Stromerzeugung nur 246 Gigawatt. Dagegen verfügt China über eine Kapazität von 2920 Gigawatt und die Europäische Union über mehr als 1000 Gigawatt. Hochentwickelte Volkswirtschaften Europas haben eine durchschnittliche, installierte Kapazität von etwa 1 Gigawatt pro einer Million Einwohner. Auf Afrika übertragen, liegt das Potential dort dementsprechend bei mindestens 1500 und bis zu 3000 Gigawatt.

Hinzu kommt, daß mehr als die Hälfte der Stromerzeugung des Kontinents auf nur drei Länder entfällt: Südafrika mit 60 GW, Ägypten mit 59 GW und Algerien mit 35 GW. Ihre Bevölkerung beträgt zusammengenommen 217 Millionen Menschen.

Die Situation erfordert Maßnahmen in Bezug auf Kohle und Gas, die neben Wasserkraft die schnellsten Mittel zur Installation von Erzeugungskapazitäten sind, sowie den Umstieg auf Kernenergie.

Kohle, Gas und Öl. Kohle-, Öl- und Gasvorkommen gibt es an vielen Stellen in den ausgedehnten Sedimentgebieten des Kontinents und vor der Küste. Ein Beispiel dafür, wie schnell ein Gaskraftwerk gebaut werden kann, kommt aus Ägypten. 2015 wurde die deutsche Siemens AG mit dem Bau eines Gas- und Dampfturbinenkraftwerks beauftragt. Es wurde in nur 28 Monaten fertiggestellt und ging 2018 in Betrieb. Die wichtigsten Komponenten wurden im Werk vorgefertigt und vor Ort montiert. Mit einer Leistung von 14,4 Gigawatt ist es das weltweit größte Kraftwerk dieser Art.

Dies zeigt den Weg auf. Um diesem Modell zu folgen, muß das Paradigma der Exportorientierung für Kohle, Öl und Gas oder gar Strom aus Nordafrika nach Europa beendet werden. In Afrika gibt es zahlreiche Pipelines und Gasanlagen, aber ein großer Teil davon dient dem Export.

Zentralafrika. Es gibt Bestrebungen, ein Zentralafrikanisches Pipelinesystem (CAPS) zu schaffen, das Erdgas in der gesamten Region verteilen soll. Der Plan sieht die Verlegung einer 6500 km langen neuen Pipeline durch elf afrikanische Länder vor. Im Januar 2023 unterzeichneten zahlreiche Nationen und die African Petroleum Producers Organization (APPO) eine Absichtserklärung, Zentralafrika bis 2030 zu einer „energiearmutsfreien Zone” zu machen. Das Treffen wurde vom Central Africa Business and Energy Forum (CABEF) organisiert, zu den Unterzeichnerstaaten gehörte auch Angola, das nach Nigeria und Algerien der drittgrößte Ölexporteur Afrikas ist.

Allein in Zentralafrika gibt es Ölreserven von schätzungsweise mehr als 31 Milliarden Barrel Öl, fünf der zehn afrikanischen Ölförderländer liegen in dieser Region. Neben Angola sind dies Gabun, die Republik Kongo, Äquatorialguinea und der Tschad. Die China National Petroleum Corporation (CNPC) ist in dieser Region aktiv.

Karte: MapPorn, cc
Die geplante 5600 km lange Marokko-Nigeria-Gaspipeline wird 400 Millionen Afrikaner
mit Strom versorgen. Sie wird auch eine Verbindung nach Cádiz in Spanien herstellen.
CS = Kompressorstation; RS = Empfangsstation.

Pipelines. Es gibt mehrere wichtige Pipeline-Vorschläge. Die geplante Marokko-Nigeria-Gaspipeline (MNGP) soll über eine Länge von 5660 km zahlreiche Länder – Nigeria, Benin, Togo, Ghana, Elfenbeinküste, Liberia, Sierra Leone, Guinea, Guinea-Bissau, Gambia, Senegal und Mauretanien – verbinden, und sie soll in Tanger in Marokko und Cádiz in Spanien enden. Praktisch würde sie in Ghana begin­nen, wo die bestehende Pipeline zwischen Nigeria, Benin, Togo und Ghana endet. Dieses Projekt ist wahrhaft „transformativ“, wie es König Mohammed VI. von Marokko bei seiner Rede auf dem African Investment Forum im November 2024 in Marrakesch beschrieb: Alle Länder entlang der Route würden zuverlässig mit reichlich Strom versorgt, und auch die wirtschaftliche Integration würde voranschreiten. Darüber hinaus wird die Pipeline den Transport von Gas von der Küste in die Binnenländer der Sahelzone erleichtern, die derzeit die niedrigste Elektrifizierungsrate aufweisen.

Die MNGP und die Gaskraftwerke würden 400 Millionen Afrikanern in dieser Region Strom liefern. Die Machbarkeits- und Ingenieursstudien wurden mit finanzieller Unterstützung der Islamischen Entwicklungsbank und des OPEC-Fonds für Internationale Entwicklung durchgeführt.

Hinzu kommen weitere Projekte, darunter kleinere Vorläufer dessen, was möglich ist. An der Ostküste exportiert Mosambik, das über Offshore-Gasvorkommen verfügt, Gas über bestehende Pipelines in das benachbarte Simbabwe und nach Südafrika, wobei neue Pipelines in Planung sind. Im Norden arbeiten Uganda und Tansania gemeinsam an der Ostafrikanischen Rohölpipeline EACOP, die das kürzlich entdeckte Öl aus Uganda nach Tansania für den weiteren Export transportieren wird. Tansania plant, bis 2030 vollständig elektrifiziert zu sein. Tansania wird auch mit Kenia zusammenarbeiten, um Gas über die 600 km lange Pipeline Mombasa-Daressalam nach Kenia zu transportieren; der Bau soll in Kürze beginnen.

Kernkraft. Ägypten wird demnächst sein 4,8-Gigawatt-Kernkraftwerk (KKW) russischer Bauart in Betrieb nehmen und es ist zu erwarten, daß weitere folgen werden. Viele afrikanische Länder bauen Kernreaktoren oder bereiten dies vor, aber bisher hat nur Südafrika ein Kernkraftwerk in Betrieb.

Die Zukunft der Kernkraft in Afrika bietet u.a. die hervorragende Aussicht auf den Bau eines in Südafrika entwickelten 100-Megawatt-Reaktors. Der südafrikanische HTMR-100-Reaktor ist bereit für den Bau eines Demonstrationsmodells. Er wurde vom Unternehmen Stratek Global entwickelt, dessen Gründer und Chef der Kernphysiker und Ingenieur Dr. Kelvin Kemm ist.

Zusammenarbeit in der Nahrungsmittelproduktion

Ernährungssicherheit auf dem afrikanischen Kontinent zu schaffen, ist ein entscheidender Schritt hin zu einem prosperierenden und stabilen Kontinent, der immer noch unter Kriegen, Hunger, Armut und damit unerträglichen Lebensbedingungen für seine Bevölkerung leidet. Das ist der Hauptgrund dafür, daß Flüchtlinge die lebensgefährliche Reise durch die Sahara und über das Mittelmeer auf sich nehmen.

Die landwirtschaftliche Entwicklung der afrikanischen Nationen kann diese Situation lindern und ist eines der Ziele der Agenda 2063 der Afrikanischen Union. Sie fordert die Schaffung einer „modernen Landwirtschaft für mehr Produktivität“.1

Eine trilaterale Zusammenarbeit zwischen China, Europa und den afrikanischen Ländern kann dazu beitragen, diese schreckliche Situation so schnell wie möglich zu überwinden. Die europäischen Nationen und China könnten sich in einer gemeinsamen Resolution verpflichten, Hand in Hand an der Umsetzung der Agenda 2063 der Afrikanischen Union zu arbeiten. Das Ziel wäre, Afrika mittelfristig zum Selbstversorger zu machen, angefangen mit der Montage in Europa und China vorgefertigter Traktoren, um dann mittelfristig lokale Produktionskapazitäten in vollem Umfang aufzubauen. Dies würde Hand in Hand gehen mit den anderen in diesem Bericht diskutierten Aspekten, wie der Nutzung günstiger und zuverlässiger Energiequellen, die den Aufbau einer Agrartechnik-Industrie unterstützen. Es könnte auch gemeinsame Unterstützung bei der Anwendung von IoT-Technologie geben (die direkte Verbindung von Geräten über das Internet), um die Auslastung bereits vorhandener Landmaschinen zu erhöhen.

Im privaten Sektor gibt es schon heute eine enge Zusammenarbeit zwischen europäischen und chinesischen Unternehmen für Schwermaschinen und Hochtechnologie. So hat beispielsweise die Muttergesellschaft von Weichai Lovol, Chinas größtem Landmaschinenhersteller, Weichai Power, 2016 das deutsche Unternehmen Linde Hydraulics übernommen, das hocheffiziente Kraftübertragungssysteme für schwere Baumaschinen, Traktoren und Erntemaschinen herstellt, und 2018 den traditionellen deutschen Motorenbauer Deutz gekauft. Weichai nutzt diese Technologien heute, um die Energieeffizienz seiner Produkte zu verbessern, die derzeit weltweit auf höchstem Niveau sind. Dies führte zu einer engen Zusammenarbeit mit anderen deutschen Landmaschinenherstellern, beispielsweise Claas.

Chinas Präsident Xi Jinping betonte in seiner Rede auf einer Konferenz zur Arbeit in ländlichen Gebieten die zentrale Bedeutung der landwirtschaftlichen Entwicklung: „Ein Land muß als erstes seine Landwirtschaft stärken, um selbst stark zu werden, und nur wenn die Landwirtschaft stark ist, kann das Land stark sein.“

China ist dabei, seine Produktion von Hochtechnologie und intelligenter Agrartechnologie erheblich zu steigern. Ein bemerkenswertes Beispiel dafür ist die neue Traktorenfabrik von Weichai Lovol Smart in Weifang. Die Fabrik nahm am 5. Mai 2025 nach nur anderthalb Jahren Bauzeit die Produktion auf. Sie verfügt über eine beeindruckende Produktionskapazität von 100.000 mittelgroßen Traktoren pro Jahr, was mit dem gesamten Markt für mittelgroße Traktoren in Europa vergleichbar ist und sie zu einer der größten Traktorenfabriken der Welt macht. Weichai Lovol arbeitet im Rahmen der BRI mit den meisten afrikanischen Ländern zusammen, um die Mechanisierung der Landwirtschaft auf dem Kontinent voranzutreiben, und hat lokale Montagewerke für seine Traktoren in Mali und Kenia errichtet.

Wenn Europa und China ihre technologischen und produktiven Kapazitäten bündeln, können sie zweifellos einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, Hunger und Armut endgültig zu beseitigen.


Anmerkung

1. „Second Continental Report on the Implementation of Agenda 2063”, PDF,
    Website der African Union Development Agency (AUDA-NEPAD), Februar 2022.