Kreativität: Die Grundlage der physischen Wirtschaft
Von Jason Ross
Dieser Artikel basiert auf dem Vortrag, den der Autor am 24. Mai
im dritten Abschnitt der Konferenz „Eine schöne Vision für die Menschheit in
Zeiten großer Turbulenzen!“ des Schiller-Instituts gehalten hat. Die
Vortragsrunde befasste sich mit LaRouches Ansatz zur wirtschaftlichen
Entwicklung und dem konkreten Ausdruck davon im Oasenplan für Südwestasien. Die
Rede wurde aus dem Englischen übersetzt, Zwischentitel wurden hinzugefügt.
Im Jahr 1995 schrieb Lyndon LaRouche:
„Jeder Mensch verfügt über ein intellektuelles Potential, das kein Tier
besitzt, nämlich die Fähigkeit, sich nicht nur Naturzustände vorzustellen, die
es im Universum noch nie gegeben hat, sondern diese Ideen unter bestimmten
Einschränkungen auch effizient auf das Universum insgesamt anzuwenden. Die
Voraussetzung dafür ist, daß diese Vorstellungskraft mit den universellen
Gesetzen in Einklang gebracht wird. Diese so definierte Kreativität ist Ausdruck
des Intellekts des einzelnen Menschen, der nach dem Bild des effizienten
schöpferischen Intellekts Gottes geschaffen ist. Auf diese Weise wird man in die
Lage versetzt, unter den eigenen effizienten intellektuellen Zuständen eine
Eigenschaft zu erkennen, die ein Spiegelbild Gottes ist.“
(Lyndon LaRouche, Was ist Gott, daß der Mensch nach seinem Ebenbild ist?)
Was bedeutet es, daß der Intellekt des einzelnen Menschen „nach dem Bild von
Gottes effizientem schöpferischen Intellekt geschaffen“ ist? Menschliche
Kreativität bringt Ideen hervor. Und wenn diese Ideen gültig sind, schwingen sie
mit dem Universum in einer Weise mit, daß unsere Gattung die Kräfte der Natur
beherrschen kann, um neue Existenzzustände, neue Ebenen der Produktivität zu
erreichen. Wenn unsere Ideen nicht mit grundlegenden physikalischen Ursachen im
Einklang stünden, wären unser explosives Bevölkerungswachstum, unsere Reisen zum
Mond und zu anderen Körpern im Sonnensystem, unsere verbesserte Lebenserwartung
und Gesundheit nicht möglich.
Einstein drückte eine ähnliche Meinung prägnant aus: „Das ewig Unbegreifliche
an der Welt ist ihre Begreiflichkeit...“ (1936)
Wir sind dazu bestimmt, das Universum zu begreifen und dieses Wissen zu
nutzen, um unsere Beherrschung der Natur zu verbessern und unsere kulturellen
Vorstellungen, unsere Sicht auf den Menschen als Individuum, zu verbessern.
Unter dem malthusianischen Paradigma, das die meisten transatlantischen
Institutionen dominiert, ist das Verhältnis zwischen Mensch und Natur auf den
Kopf gestellt. Kindern wird seit Jahren beigebracht, menschliche Eingriffe in
die „natürliche“ Welt seien grundsätzlich schlecht, weil sie einen vermeintlich
idealen, vom Menschen unberührten Naturzustand verletzen. Nach dieser Sichtweise
ist unsere Gattung schuldig, bis ihre Unschuld bewiesen ist.
Dieses grüne Paradigma muss überwunden werden, nicht nur um alle Regionen der
Welt zu entwickeln, sondern um unsere Gattung von neokolonialen Fesseln zu
befreien, die sich als „Umweltschutz“ präsentieren.
Die wichtigste Umwelt für den Menschen ist nicht die sogenannte „natürliche”,
vorgefertigte Umwelt, sondern die synthetische Umwelt, die durch unsere
Verbesserungen geschaffen wurde und die unsere potentielle Produktivität und
unseren Lebensstandard erhöht. In den Vereinigten Staaten hat die Tennessee
Valley Authority eine Reihe von Dämmen gebaut, um Überschwemmungen zu
verhindern, Bewässerung zu gewährleisten, Strom zu erzeugen und die
Flussschifffahrt zu verbessern. Der Drei-Schluchten-Damm in China hat die
regelmäßigen Todesopfer und Zerstörungen durch Überschwemmungen am Jangtsekiang
gestoppt. Hochgeschwindigkeitszüge, Straßen, Stromnetze, Wasserversorgungsnetze,
Abwassersysteme, U-Bahnen, Schulen, Museen – all dies schafft eine Plattform,
auf der wirtschaftliche und wissenschaftliche Produktivität gedeihen kann.
Im Gegensatz zur Seereise ermöglicht die landgestützte Vernetzung zwischen
Nationen eine Entwicklung entlang der gesamten Reiseroute. Der Vorschlag von
LaRouche für eine Weltlandbrücke – heute veranschaulicht durch Chinas Belt and
Road Initiative – sieht ein Netzwerk von Entwicklungskorridoren vor, die sich
über den gesamten Globus erstrecken und das Produktivitätspotential und die
potentielle Bevölkerungsdichte der Menschheit erhöhen. Die Weltlandbrücke ist
nicht nur ein konkreter Plan für Wachstum, sondern auch eine Ablehnung des
wachstumsfeindlichen Hegemonialismus in Form von Neokolonialismus und grünem
Malthusianismus.
Der Oasenplan
Ohne einen solchen Plan ist eine friedliche und prosperierende Zukunft für
den Nahen Osten unmöglich. Lyndon LaRouche hat vor 30 Jahren diese
Zukunftsperspektive entworfen. Sie heißt Oasenplan.
Unmittelbar nach der Unterzeichnung des Osloer Abkommens durch die
israelischen und palästinensischen Führer im Weißen Haus im Jahr 1993 forderten
Lyndon LaRouche und seine Mitarbeiter die Parteien und die internationale
Gemeinschaft nachdrücklich auf, wirtschaftliche Entwicklungsprojekte zur
Aufrechterhaltung und Förderung des Friedensprozesses umzusetzen. LaRouche und
seine Mitarbeiter entwickelten den Oasenplan, der sowohl bestimmte
wirtschaftliche Aspekte des Anhangs IV des Osloer Abkommens von 1993 – das
sogenannte „Protokoll über die israelisch-palästinensische Zusammenarbeit bei
regionalen Entwicklungsprogrammen“ – enthielt als auch zusätzliche wichtige
Wasser-, Energie- und andere Projekte forderte, deren Notwendigkeit LaRouche
bereits Mitte der 1970er Jahre erkannt hatte.
Der Oasenplan konzentrierte sich in erster Linie auf die Beseitigung des
größten Hindernisses für die Entwicklung in der Region – den Mangel an Süßwasser
– durch den Bau eines Netzes von Entsalzungsanlagen, die das reichlich
vorhandene Meerwasser in Süßwasser umwandeln könnten. Diese Anlagen sollten
nicht nur an der Mittelmeerküste entstehen, sondern entlang zweier neuer Kanäle:
einer Verbindung zwischen dem Roten Meer und dem Toten Meer und einer Verbindung
zwischen dem Toten Meer und dem Mittelmeer.
Zur Klarstellung: Diese neuen Kanäle oder Aquädukte sind nicht für den
Güterverkehr als Alternative zum Suezkanal gedacht – ihr Zweck ist der Transport
von Wasser. Aufgrund der geringen Höhe des Toten Meeres, das mehr als 400 Meter
unter dem Meeresspiegel liegt, könnte das fließende Wasser unterwegs auch
Wasserkraft liefern, die zur Stromversorgung der Entsalzungsanlagen und zur
allgemeinen Entwicklung beitragen könnte. Die Anlagen könnten auch mit den
großen Mengen an Erdgas vor den Küsten Gazas, Israels, des Libanon, Syriens und
Ägyptens betrieben werden.
Am wichtigsten ist jedoch, daß der Oasenplan über Wasserkraft und chemische
Brennstoffe hinausgeht und den Bau von Kernkraftwerken entlang dieser Kanäle und
an den Küsten des Mittelmeers und des Roten Meeres vorsieht, um reichlich Strom
zu produzieren, Meerwasser zu entsalzen, die riesigen Wüsten der Region zu
begrünen und einen Industrialisierungsprozess in Palästina, Israel, Jordanien,
Syrien, im Libanon und in Ägypten in Gang zu setzen.
Die Nutzung der Kernenergie würde die Kohlenwasserstoffressourcen der Region
für die chemische Verarbeitung freisetzen, um über petrochemische
Zwischenprodukte industrielle Werkstoffe herzustellen. Die Kernkraftwerke
könnten mit von Natur aus sicheren hochtemperaturgasgekühlten
Kugelhaufen-Reaktoren des gerade in Betrieb genommen Typs im chinesischen Shidao
Bay betrieben werden.
Die durch Entsalzung geschaffenen neuen künstlichen Flüsse würden das
Potential für die agroindustrielle Entwicklung in der gesamten Region enorm
erweitern und die Wüsten – und die Wirtschaft – zum Blühen bringen!
LaRouche erklärte die Notwendigkeit der Erschließung neuer Wasserquellen in
einer Rede im Jahr 1994. LaRouche:
„Unter den gegenwärtigen Bedingungen kann der Wasserverbrauch einer modernen
Bevölkerung, sowohl der palästinensischen als auch der israelischen, nicht
gedeckt werden. Es gibt einen Konflikt um Wasser, weil die Israelis, offen
gesagt, ihre Eroberungen genutzt haben, um allen das Wasser abzugraben. Das ist
einer der Konflikte mit Syrien um die Golanhöhen. In Libanon geht es um den
Litani-Fluß und ähnliche Dinge.“
Die Entwicklung der Energie- und Wasserversorgung muss mit einem Netz von
Verkehrsinfrastrukturen einhergehen, das die physische Anbindung aller Länder
der Region verbessert und so eine Konfliktregion, die ein Hindernis für die
Vernetzung darstellt, in einen Knotenpunkt der Interaktion, in eine Drehscheibe
verwandelt. Eine Autobahn, die das Westjordanland mit dem Gazastreifen verbindet
und den palästinensischen Staat vernetzt, ist ein absolut wesentlicher
Bestandteil dieses Netzes. Regionale Autobahnen und Schienennetze werden es der
gesamten Region ermöglichen, von einer höheren wirtschaftlichen Plattform aus zu
agieren.
LaRouche schlug auch eine Erweiterung des Suezkanals mit Industriezonen auf
beiden Seiten vor, eine Aufgabe, die Ägypten in den letzten Jahren bereits
umgesetzt hat.
LaRouche argumentierte seit 1975, daß diese Region, die sich am Schnittpunkt
der Zivilisationen befindet und geographisch zwischen dem Indischen Ozean und
dem Mittelmeer sowie zwischen Europa, Asien und Afrika liegt, eine einzigartige
Position als Industrie- und Logistikzentrum einnimmt. Öl und Erdgas werden als
Rohstoffe für die industrielle Produktion von Kunststoffen, Farben und vielen
anderen nützlichen Materialien dienen, anstatt als Rohstoffe exportiert und
hauptsächlich für einfache Verbrennungszwecke verwendet zu werden.
Die Verbesserung der Konnektivität, um ein höheres Entwicklungsniveau zu
erreichen, ist ein wesentliches Merkmal der 2013 von China begonnenen Belt and
Road Initiative.
Die Nutzung dieser Region als Landbrücke zwischen den Kontinenten, an deren
Entwicklung Großmächte wie die USA, China, Rußland und die EU beteiligt sind,
wird die Region stabilisieren und gleichzeitig dazu beitragen, die besseren
Beziehungen zwischen den Supermächten zu festigen, die für ihre Verwirklichung
notwendig sein werden.
Wissenschaftliche, technologische und kulturelle Zusammenarbeit und Austausch
sind Schlüsselelemente des Transformationsprozesses, den der Oasenplan
darstellt. Durch die Zusammenarbeit im Kampf gegen die Wüste statt gegeneinander
werden die Menschen in der Region besser in der Lage sein, die Menschlichkeit
ineinander zu erkennen, die gemeinsame Fähigkeit der Menschen, Naturgesetze zu
entdecken und unsere Beziehung zur Umwelt zu verändern. Der Mensch ist kein
Tier.
Die Wüsten der Region schreien nach massiven Veränderungen der Umwelt und der
Menschen.
Dieser Plan ist keine ferne Vision von etwas, das erst in ferner Zukunft nach
dem Frieden erreicht werden kann. Nur durch ein Paradigma der internationalen
Beziehungen, das diesen Ansatz unterstützt – wie es heute in der ersten
Podiumsdiskussion erörtert wurde –, ist Frieden überhaupt möglich!
Jede Minute, in der der Völkermord weitergeht, bringt mehr Tod, mehr
Bitterkeit und mehr Schwierigkeiten bei der Verwirklichung gemeinsamen
Wohlstands. Er muss beendet werden! Und das geopolitische Paradigma, das die
meisten Konflikte in der heutigen Welt verursacht, muss durch eine neue
Sicherheits- und Entwicklungsarchitektur ersetzt werden, und zwar auf globaler
Ebene!
Dies ist kein regionales Problem.
Eine historische Parallele
Auch wenn es schwierig sein mag, sich einen dauerhaften, sinnvollen Frieden
zwischen Israelis und Palästinensern vorzustellen, können wir einen Blick auf
die historische Parallele des Dreißigjährigen Krieges werfen, der Europa in
blutige Religionskriege stürzte. (Ich behaupte nicht, daß der
israelisch-palästinensische Konflikt grundlegend religiös ist.) Katholiken
töteten Protestanten, und Protestanten töteten Katholiken in einer Spirale der
Rache, die einige Regionen mit weniger als der Hälfte ihrer Vorkriegsbevölkerung
zurückließ.
Der Westfälische Frieden von 1648 beendete die jahrzehntelangen Kriege auf
Grundlage einer Zukunftsorientierung, des Interesses am Wohl des anderen und der
Vergebung.

Unterzeichnung des Spanisch-Niederländischen Vertrags in Münster am 15. Mai 1648. In dem Gemälde von Gerard ter Borch wird die feierliche Beschwörung des Westfälischen Friedens im Rathaussaal von Münster festgehalten.
Artikel 1 enthält folgenden Text:
„Es soll ein christlicher, allgemeiner und ewiger Friede und eine wahrhaftige
und aufrichtige Freundschaft herrschen... Und dieser Friede soll so aufrichtig
und ernsthaft gewahrt und gepflegt werden, daß jede Seite die Vorteile, die Ehre
und das Wohl der anderen fördert... Die Nachbarschaft soll erneuert werden und
zu Frieden und Freundschaft gedeihen und wieder aufblühen.“
Und Artikel 2 besagt:
„Beide Seiten sollen alles, was seit Beginn der Unruhen, wie auch immer und
wo auch immer, von der einen oder anderen Seite geschehen ist, für immer
vergessen und vergeben, damit niemand aus diesem Grund oder aus irgendeinem
anderen Grund oder Vorwand Feindseligkeiten, Unfreundlichkeiten, Schwierigkeiten
oder Hindernisse gegenüber Personen, ihrem Status, ihrem Eigentum oder ihrer
Sicherheit selbst, oder durch andere, heimlich oder offen, direkt oder indirekt,
unter dem Vorwand der Autorität oder des Gesetzes oder durch Gewalt innerhalb
des Reiches oder außerhalb desselben begehen oder zulassen, und frühere,
widersprüchliche Verträge sollen dem nicht entgegenstehen.
Statt dessen soll die Tatsache, daß jeder einzelne, von der einen wie von der
anderen Seite, sowohl vor als auch während des Krieges, Beleidigungen,
Gewalttaten, Feindseligkeiten, Schäden und Verletzungen begangen hat, ohne
Rücksicht auf Personen oder Folgen, vollständig beiseite gelegt werden, damit
alles, was man unter seinem Namen von einem anderen verlangen könnte, für immer
vergessen wird.“
Dieses weitsichtige westfälische Friedensprinzip wird heute von den
malthusianischen Kräften angegriffen, die einen Zustand des permanenten Krieges
aufrechterhalten wollen, angeführt von Tony Blair von der Londoner City, der
1999 verkündete, das westfälische Modell sei gescheitert. Und dieser kranke Mann
wurde nun als Berater hinzugezogen, um beim „Wiederaufbau“ Gazas zu helfen.
LaRouche schrieb 1978 in seinem Artikel „Eine machiavellistische Lösung für
Israel“:
„Das einzig Menschliche ist, dem Leben und Leiden der Toten einen Sinn zu
geben, nicht nur durch die Herstellung des Friedens im Nahen Osten, sondern
durch die Schaffung einer Grundlage für den Frieden, die den gegenwärtigen und
zukünftigen Generationen der Palästinenser und anderer Araber ein erfülltes
Leben ermöglicht und damit dem heiligen Leben der Toten einen Sinn und eine
Erfüllung gibt.“
Das gilt natürlich auch für die Israelis.
Zehntausende Palästinenser sind bereits als tot bestätigt, und zweifellos
sind auch Zehntausende Vermisste bereits ums Leben gekommen. Hunderttausende
werden die Narben tragen, die ihnen der Staat Israel zugefügt hat.
Werden Sie handeln, um dem Leben derer, die umgekommen sind, und denen, die
gelitten haben, einen Sinn zu geben?
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