Das Unerklärliche erklären
Von Ray McGovern
Ray McGovern ist ehemaliger Analyst der Central Intelligence
Agency (CIA) und Mitbegründer der Veteran Intelligence Professionals for Sanity
(VIPS).
Hier sind Worte von George P. Shultz, den ich sehr respektiere und dem ich
jeden zweiten Morgen einen Lagebericht gab, als er Außenminister war. Lassen
Sie mich Ihnen vorlesen, was Minister Shultz sagte, der das reife Alter von 100
Jahren erreichte. Er sagte:
„Ich möchte einige Überlegungen anstellen, um zu untermauern, was wir für
das Wichtigste in menschlichen und internationalen Angelegenheiten halten, und
das ist die Frage des Vertrauens. Vertrauen ist in internationalen
Angelegenheiten genauso wichtig wie in menschlichen Angelegenheiten. Wir alle
wissen, daß gute Beziehungen gedeihen, wenn Nachbarn einander vertrauen, und
daß das Leben miserabel werden kann, wenn Mißtrauen und Zweifel an die Stelle
von Vertrauen treten. Es kann sogar eine Entscheidung zwischen Krieg und
Frieden auf der Grundlage von Vertrauen geben, und das wird die Nationen und
die Beziehungen zwischen den Nationen prägen.“1
Das sagte er im November 2020, kurz bevor er starb.
Nun hat Lawrow zu Botschafter Burns gesagt: „Sehen Sie, ,Njet‘ bedeutet
,Njet‘. Wenn Sie die Ukraine in die NATO aufnehmen, ist das für uns eine rote
Linie. Wir werden wahrscheinlich einmarschieren müssen. Es wird dort einen
Bürgerkrieg geben. Tun Sie das nicht! ,Njet‘ heißt ,Njet‘.“ Woher wissen wir
das? Wir kennen das entsprechende Kabel der Moskauer Botschaft, und wenn ich
eines dieser Kabel gesehen habe – ich habe insgesamt etwa 400.000 bis 500.000
davon gesehen –, dann weiß ich, daß es echt ist. Und was hier steht, ist das,
was Botschafter Burns berichtet hat: Das war am 1. Februar 2008. Zwei Monate
später, am 3. April 2008, erklärte die NATO in ihrer „Weisheit“, daß die
Ukraine und Georgien Mitglieder der NATO werden sollen.
Weiter geht es im März 2012: Obama spricht mit Medwedew, dem damaligen
Präsidenten Rußlands, und das wird bei einem Gipfel in Seoul in Südkorea am
Mikrofon aufgeschnappt: Medwedew sagt: „Hören Sie, Wladimir möchte, daß Sie
über dieses Raketensystem in Osteuropa sprechen. Er ist sehr daran
interessiert. Können wir darüber reden?“ Und Obama antwortet: „Nun, lassen Sie
uns warten, bis ich meine Wiederwahl gewonnen habe, dann können wir darüber
reden.“ Und danach hat Obama offenbar sein Versprechen vergessen, und gab keine
wirklichen Verhandlungen.
Nun gut, es gab einen, man könnte sagen, Kurzauftritt von Vertrauen. Und das
war im September 2013, als Obama persönlich zusammen mit Wladimir Putin
persönlich einen Krieg in Syrien verhindert hatte. Es war einfach: Sie einigten
sich darauf, alle syrischen Chemiewaffen auf einem dafür ausgerüsteten Schiff,
einem US-Schiff unter UN-Aufsicht, zu vernichten. Es gab keinen Krieg. Die
Neokonservativen, die diesen Krieg wollten, waren darüber sehr wütend.
Warum erwähne ich das? Weil dies das letzte Aufblitzen von Vertrauen
war.
Wladimir Putin veröffentlichte am 12. September 2013 in der New York
Times einen Gastkommentar, in dem er sinngemäß schrieb: Ich begrüße es
wirklich, einen Krieg in Syrien zu vermeiden. Ich schätze wirklich das
wachsende Vertrauen, nicht nur zwischen unseren Nationen, sondern auch zwischen
mir und Präsident Obama persönlich. Es gibt nur eine Sache, in der ich mit
Präsident Obama nicht übereinstimme; er sagte erst letzte Woche in einer Rede,
die Vereinigten Staaten seien „außergewöhnlich“. Dem kann ich nicht zustimmen,
ich glaube nicht, daß irgendein Land außergewöhnlich ist – schreibt Putin –,
ich denke, es gibt große Länder, kleine Länder, Länder, die der Demokratie
näher sind, andere Länder, die ihr nicht so nahe sind – aber wenn Gott auf die
Welt herabschaut, betrachtet er alle Nationen als gleich.2
Nun, das war der Schlüssel. Der amerikanische Exzeptionalismus sollte sich
durchsetzen, und es dauerte nur etwa sechs Monate, bis die Neocons, die
tatsächlich Obamas und Bidens Politik steuerten, einen Putsch auf dem Maidan in
Kiew inszenierten, die ordnungsgemäß gebildete, ordnungsgemäß gewählte
Regierung von Kiew stürzten und eine Gruppe einsetzten, die stark von
Nazi-Freunden beeinflußt war. Das war der Auslöser des Ganzen, und darüber hört
man in der westlichen Presse nichts – das ist sehr merkwürdig. Das war also das
letzte bißchen Vertrauen. Nach dem Staatsstreich am 22. Februar 2014 war das
Vertrauen weg.
Der Maidan-Putsch von 2014 und die Folgen
Falls Sie noch Zweifel daran haben sollten, daß die USA diesen
Staatsstreichs inszeniert haben: Der Grund, warum er als der krasseste
Staatsstreich der Geschichte gilt, ist der, daß die Verschwörer zweieinhalb
Wochen vor dem Staatsstreich in einem Telefongespräch abgehört wurden, das auf
YouTube veröffentlicht wurde! Eine der Verschwörerinnen, die damalige
stellvertretende US-Außenministerin für europäische Angelegenheiten, Victoria
Nuland, sagte: „Wir werden ,Yats‘ (Jazenjuk) reinbringen, wir bringen Jazenjuk
an die Macht. Vizepräsident Biden wird kommen, um das zu konsolidieren.“ Und
dann fragte unser Botschafter in Kiew [Geoffrey Pyatt], was denn mit der EU
wäre, das werde ihnen nicht gefallen. Und sie benutzte das berühmte Wort, das
mit „f“ anfängt, das ich hier nicht verwenden werde. Sie sagte: „F- die EU!“
Nun, ich denke, Deutschland ist Teil der EU, ebenso wie Frankreich. Doch
niemand beschwerte sich, soweit ich weiß. Wenn das jemand zu mir sagen würde,
dann würde ich protestieren.
Aber was geschah dann? Kiew wurde von diesen Leuten besetzt. Die Krim wurde
annektiert, was angesichts der Provokationen zu erwarten war. Und das ganze
wurde einfach provoziert. Die Annexion der Krim: Wenn Sie nicht glauben, daß
das provoziert wurde, dann ist es egal, was John McCain oder andere zu der Zeit
sagten. Es wurde ganz sicher durch den Putsch in Kiew provoziert! Ich habe
einen Brief an den Herausgeber der Washington Post geschrieben, in dem
es heißt: Sehen Sie, McCain liegt hier wirklich falsch. Es gibt nicht den
geringsten Beweis dafür, daß Putin die Krim vor dem Putsch am 22. Februar 2014
in der Ukraine annektieren wollte.
Nun, als nächstes kam Minsk, und es wurde hier wirklich sehr gut erklärt,
was in Minsk passiert ist. Man sieht den Verrat, man sieht die Prahlerei: „Wow!
War das nicht clever? Wir haben die Russen abgewehrt. Die Ukraine war nicht in
der Lage, den Russen die Stirn zu bieten. Aber wir haben John Brennan, den
CIA-Chef, im April 2014 nach Kiew geschickt, und er gab ihnen grünes Licht:
Macht weiter und blutet diese Leute in Lugansk und Donezk aus, laßt sie richtig
schön bluten, und dann machen wir in Minsk eine vorgetäuschte
Vereinbarung.“
Wir haben darüber gesprochen, was in Minsk passiert ist, und wie Angela
Merkel und François Hollande und Poroschenko selbst gesagt haben, so etwas sei
ein guter alter Trick. Und wir wissen, wie Putin darüber denkt.
Wir werden sich die Deutschen verhalten?
Ich möchte mich jetzt einfach auf das konzentrieren, was ich über die
Reaktion in Europa und speziell in Deutschland weiß – ich habe fünf Jahre lang
in Deutschland gelebt, ich habe dort gedient. Ich weiß ein wenig über die
deutsche Geschichte, vielleicht sogar mehr als ein wenig. Und ich würde gerne
darüber nachdenken, wo wir jetzt in Bezug auf das deutsche Volk und seine
Regierung stehen.
Ich habe hier ein sehr, sehr lehrreiches Buch. Es ist von Sebastian Haffner,
dem Pseudonym von Raimund Pretzel. Er war 1933 Richter in Ausbildung in Berlin.
Er war ein Augenzeuge von so vielem, was dort geschah. Und er schrieb ein
Tagebuch, das erst nach seinem Tod von seinen Kindern entdeckt wurde. Er war
ein ziemlich berühmter Journalist oder Schriftsteller in Deutschland nach dem
Krieg – Sebastian Haffner. Und was er geschrieben hat, ist für mich sehr
aufschlußreich, und es wirft wirklich ernste Fragen auf. Hier ist es: Er
spricht darüber, was 1933 geschah, und wie alle plötzlich einknickten:
„Wie kann man es erklären, das scheinbar Unerklärliche? Die völlige
Abwesenheit von einem festen, durch Druck und Zug von außen nicht zu
erschütternden Kern? Eine Härte, eine allerinnerste, gerade erst in der Stunde
der Prüfung mobilisierbaren Reserve an Stolz, Selbstgewißheit, Würde: das haben
die Deutschen nicht. Der März 1933 hat es bewiesen. Im Augenblick der
Herausforderung erfolgte in Deutschland ein Nachgeben und Kapitulieren, kurz
und gut: ein Nervenzusammenbruch.“3
Das war 1933. Das ist jetzt 90 Jahre her. Jetzt sind es mehr als 70 Jahre
nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ich weiß nicht, ob Raimund Pretzels
Diagnose dessen, was die meisten Deutschen 1933 fühlten, richtig ist oder
nicht. Aber ich habe noch keine bessere Erklärung für „das scheinbar
Unerklärliche erklären“ gesehen.
Und so frage ich mich, ob man nicht 90 Jahre zurückblicken kann, um zu
erkennen, wer hier wen betrügt? Sich hinstellen und Fragen stellen?
Ich habe Fragen, die Ihre Außenministerin stellen könnte. Die eine wäre,
sich an Washington zu wenden: „Wissen Sie, wer Nord Stream 2 in die Luft gejagt
hat? Ich meine, John Brennan sagt, es waren wahrscheinlich die Russen. Es macht
nicht viel Sinn, daß es die Russen waren, aber wissen Sie...? Aber wir wissen
es nicht.“
Ich bin sicher, daß wir es wissen. Hat Baerbock Angst zu fragen?
Erlebnisse mit deutschen Politikern
Nun, ich habe drei Dinge, auf die ich hinweisen möchte, und das geht auf das
Jahr 2016 zurück, das letzte Mal, als ich wichtige Leute in Deutschland
getroffen habe. Wenn man „Beziehungen“ hat, wie es so schön heißt, dann kann
man wichtige Leute treffen.
Das erste Treffen wurde von meinem guten Freund Norman Birnbaum vermittelt,
der ein wirklich enger Freund von einem Mann namens Frank-Walter Steinmeier
war. Steinmeier wies einen seiner obersten Mitarbeiter an, mich zu empfangen
und über alles zu sprechen, worüber ich sprechen wollte. Und so gingen ein
Kollege und ich in dieses sehr edle Büro, ein sehr hoher Beamter, vielleicht
nicht der Stellvertreter, aber nahe dran, das sah man an der Größe des Büros.
Und wir fingen an zu reden. Ich bin es gewohnt, offene Worte zu verwenden, wie
Sie vielleicht wissen – und wir sprachen über den Putsch, den Staatsstreich in
Kiew. Sein Name war Philip Ackermann. Er sah mich an und fragte: „Welcher
Putsch?“ Und ich antwortete: „Nun, der Putsch am 22. Februar 2014. Steinmeier,
Ihr Chef, war doch dabei.“ „Welcher Putsch?“ Da stand ich auf und ging raus.
Das war das eine Beispiel.
Später wurde ich vom Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses des
Bundestages empfangen. Sein Name war Wolfgang Hellmich, ein sehr netter Kerl.
Auch hier hatten wir die „Beziehungen“ genutzt. Es war zufällig der Tag, an dem
die Operation Anaconda, das größte Manöver seit dem Zweiten Weltkrieg
begonnen hatte: verbündete Streitkräfte, NATO-Truppen in unmittelbarer Nähe der
russischen Grenze. Und so fragte ich ihn: „Sir, was halten Sie von Anaconda?“,
und er schaute irgendwohin und sagte: „Ach! Deutschland ist nicht beteiligt.“
Und ich sagte: „Aber Herr Hellmich, Ihre Soldaten sind daran beteiligt.“ „Ah,
ja, aber es ist nicht – äh, ähm...“
Nun, mindestens aus seiner Körpersprache ging klar hervor, daß er strikt
dagegen war, daß er es für töricht hielt. Und in der Tat, es war töricht, in
höchstem Maße. Eine vergleichbare Aufstellung der Kräfte wie vor Hitlers
Einmarsch in Osteuropa.
Also war meine Frage: „Nun, Herr Hellmich, können Sie nichts dagegen tun?“
Und die Antwort war die, die ich erwartet hatte: „Nein.“
Auf derselben Reise wurde ich gebeten, auf einer Fraktionssitzung der Partei
Die Linke zu sprechen. Ich hatte zehn Minuten Zeit. Der Abschuß von [Malaysian
Airlines] MH17 am 17. Juli 2014 war damals in aller Munde. Und so habe ich
ihnen erklärt, daß es berechtigte, sehr berechtigte Zweifel daran gibt, wer das
Flugzeug abgeschossen hat, und daß ich überzeugt bin – lassen Sie es mich so
ausdrücken –, wenn die von den USA behaupteten Beweise stichhaltig wären, dann
würden sie die auch vorlegen! Schließlich hatte der damalige Außenminister
Kerry in einem seiner Interviews gesagt: „Wir haben den Start der Rakete
gesehen, wir haben die Flugbahn gesehen, wir haben den Einschlag gesehen, wir
haben das Flugzeug vom Radarschirm verschwinden sehen. Es ist also wirklich
kein Geheimnis, woher es kam.“
Nun gut: Zeigen Sie uns diese Beweise! Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe auf
der Fraktionssitzung der Linken gesagt, daß es Beweise gibt. Ich bin mir zu 90%
sicher: Ich weiß genug über die Fähigkeiten der US-Geheimdienste in diesem
Bereich, um zu wissen, daß die Vereinigten Staaten wissen, wer das Flugzeug
abgeschossen hat. Warum sträuben sie sich dann, die Beweise zu veröffentlichen?
Ich hatte erwartet, daß sie sagen würden: „Wow, da müssen wir nachhaken!“
Doch statt dessen hieß es: „Kommen wir zum nächsten Tagesordnungspunkt.“ Ich
meine, das war doch keine Kleinigkeit! Denn es war ja nicht die Annexion der
Krim, es war der Abschuß von MH17, der zu den Sanktionen führte, diesen
Sanktionen, die im großen Stil und sehr ernst von Europa und den Vereinigten
Staaten gegen Rußland verhängt wurden, weil sie Rußland beziehungsweise die
prorussischen Kräfte für den Abschuß verantwortlich machten.
Was ich damit sagen will: Nach diesen drei Erfahrungen – mit Herrn
Ackermann, mit der Fraktion Die Linke und mit Herrn Hellmich – frage ich mich,
ob sich in den letzten 90 Jahren viel verändert hat. Ich weiß es nicht. Ich
hoffe es. Aber wenn nicht, dann sind wir in größeren Schwierigkeiten, als
irgend jemand wirklich erwartet, denn Deutschland ist wirklich der Dreh- und
Angelpunkt.
Die Welt ist heute eine ganz andere, der blütenweiße Westen steht gegen den
Rest der Welt mit überwiegend farbigen Menschen: China, Indien, der ganze Rest
der Welt. Hier kann Deutschland als Dreh- und Angelpunkt fungieren, als ein
rationales, interessiertes und wohlgesinntes Land agieren, jedenfalls nicht als
feindseliges, und dazu muß es als erstes erkennen, was in der Ukraine vor sich
geht und was die Gründe sind, warum Putin kein Vertrauen hat.
Der letzte Punkt, den ich dazu sagen möchte, ist der: Der NATO-Beitritt, das
ist ja für die Ukraine eine große Sache. Aber faktisch war die Ukraine bereits
Mitglied der NATO, sie hatte die zweitstärkste Armee in Europa, vom Westen
ausgebildet und ausgerüstet. Und sie hatte alles, was sie brauchte, um diesen
unsinnigen Versuch zu unternehmen, nicht nur die östlichen Gebiete, sondern
auch die Krim zu erobern.
Was wird aus unseren Kindern, wenn wir schweigen?
© Ray McGovern (Twitter)
Als Ray McGovern 2018 mit 79 Jahren gegen die Ernennung von Gina Haspel zur
Direktorin der CIA protestierte, wurde er verhaftet.
Was würde ich also zum Schluß sagen? Ich würde sehr gerne noch ein letztes
Bild zeigen. Da ist es (siehe Abbildung). Ich wollte, daß Sie das sehen,
denn das ist mir passiert, als ich mich im Kongreß zu Wort meldete und sagte:
„Wenn Sie die Nominierung von Gina Haspel, der ,obersten Folterin‘ im ersten
,black site‘ (Geheimgefängnis) der CIA genehmigen, dann ist das ein Schandfleck
für die CIA und für unser Land.“ Ich meldete mich sehr lautstark zu Wort und
rief: „Sie wissen, daß sie diese Folterkammer geleitet hat, mit Waterboarding
und anderen abscheulichen Verbrechen. Wollen Sie trotzdem ihre Nominierung
genehmigen?“
Nun, Sie sehen, was mit mir geschah: Ich wurde buchstäblich zu Boden
geworfen. Und natürlich haben sie es genehmigt! Also, Folter ja bitte! Übrigens
ist morgen der Jahrestag davon, als die ersten Gefangenen nach Guantanamo
gebracht wurden, ohne Rechtsmittel, ohne Möglichkeit, ihre Gefangenschaft
anzufechten.
Und so möchte ich mit diesem Satz schließen: Daniel Berrigan, einer meiner
Förderer und Lehrer, hat das geschrieben, und es hat damit zu tun, was wir tun,
außer uns zu informieren und zu hören, was passiert. Das hat Dan geschrieben:
„,Wir wollen Frieden!‘, rufen wir. Gleichzeitig soll aber alles normal
bleiben. Wir wollen ungestört leben. Wir wollen nicht ins Gefängnis kommen oder
beschimpft werden oder daß Familie und Freunde sich von uns abwenden... Es gibt
keinen Frieden, weil es keine Friedensstifter gibt. Es gibt keine
Friedensstifter, weil das Schaffen von Frieden mindestens so kräftezehrend ist
wie das Schaffen von Krieg – mindestens so anstrengend, mindestens so störend,
mindestens so anfällig für Schande, Gefängnis und Tod.“
So lauten die Worte von Daniel Berrigan.
Zuletzt möchte ich sagen: Als er in der Karwoche in Südafrika sprach und den
Menschen dort sagte, daß sie für Rassengerechtigkeit kämpfen müßten – das ist
jetzt 40 Jahre her –, da kamen die Gläubigen nach seiner Predigt zu ihm und
sagten: „Aber Pater Berrigan, wenn wir unsere Meinung sagen, dann werden wir
vielleicht ins Gefängnis geworfen, und was wird dann aus unseren Kindern? Was
ist mit unseren Kindern?“ Und Dan antwortete ohne zu zögern: „Nun, wenn ihr
nichts sagt, wenn ihr nicht verhaftet werdet – was wird dann aus euren
Kindern?“
Ich denke, wir müssen das tun, was 1933 nicht getan wurde. Wir dürfen uns
nicht von den Mächtigen lähmen lassen. Wir müssen unsere Stimme erheben und
einen gewissen Glauben, eine gewisse Zuversicht haben – nicht nur die
Amerikaner, sondern auch das deutsche Volk. Und wenn die Menschen erst einmal
die Wahrheit kennen, dann wird die Wahrheit sie frei machen und einen Krieg
verhindern.
Und ich applaudiere Helga und anderen dafür, daß sie dieses Seminar
zusammengestellt haben. Ich hoffe nur, daß alle, die zuhören, darüber
nachdenken, was sie tun können, und sich nicht einfach zurücklehnen und sagen:
„Ach, war das nicht interessant?“, so wie es die Linke-Fraktion damals im Jahr
2016 tat. Ich danke Ihnen sehr herzlich.
Anmerkungen
1. Siehe https://afsa.org/on-trust
2. Siehe https://www.nytimes.com/2013/09/12/opinion/putin-plea-for-caution-from-russia-on-syria.html
3. Aus Sebastian Haffner, Geschichte eines Deutschen.
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