Die Energiekrise und der Krieg
zwischen der Ukraine und Rußland
Von Juan Pari
Juan Pari ist ehemaliger Kongreßabgeordneter in Peru.
Frieden ist die wichtigste Voraussetzung für das Überleben unseres
Planeten. Mit Frieden können wir daran arbeiten, den Hunger zu beseitigen. Mit
Frieden können wir die Auswirkungen des Klimawandels eindämmen, der durch die
rücksichtslosen Wirtschaftsmodelle des Menschen und durch die Natur verursacht
werden. Mit Frieden können wir lernen, menschlicher zu sein, und menschlicher
zu sein bedeutet, daß wir eine echte Gemeinschaft von Nationen aufbauen
müssen, um die Welt zu regieren, mit Toleranz, Koexistenz, ohne Unterwerfung
oder ausländische Einmischung in die Entscheidungen der Nationen. Dies
bedeutet eine multipolare Welt mit unterschiedlichen Standpunkten, mit
verschiedenen Kulturen und der Befähigung zu gegenseitigem Verständnis.
Heute erleben wir einen militärischen Konflikt zwischen Rußland und der
Ukraine, aber nicht nur diese beiden Länder sind daran beteiligt: Die
Europäische Union und die Vereinigten Staaten stecken dahinter und drohen,
diesen Konflikt um die geopolitische Kontrolle des Planeten auszuweiten. Und
die Auswirkungen dieses Konflikts sind nicht nur lokal, sondern erstrecken
sich auf die ganze Welt und auf viele verschiedene Arten: auf die Produktion
von Nahrungsmitteln, Düngemitteln und Treibstoff sowie auf die Störung der
Märkte.
Dieses Kriegsszenario hat auch die Verwundbarkeit vieler Nationen
offenbart, die keine Ernährungssouveränität und erst recht keine
Energiesouveränität haben. In unserem Land Peru ging die Entwicklung dieser
Anfälligkeit mit der Schwächung des Staates einher, in die wir durch die
neoliberale Politik der 1990er Jahre getrieben wurden. Im peruanischen Fall
führte die Umsetzung dieser Politik zur Zerschlagung der staatlichen
Erdölgesellschaft Petroperu, die bis dahin den Bedarf des Landes gedeckt
hatte, gerade zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte unseres
Landes.
Im Jahr 1994 belief sich die Ölproduktion auf 127.000 Barrel pro Tag (bpd),
was der damaligen Nachfrage auf dem Markt entsprach. Doch mit der Zerschlagung
des Staatsunternehmens und der Privatisierung seiner Produktionseinheiten, wie
z.B. der Bildung privater Einzelbetriebe und der Privatisierung jedes Teils
der Versorgungskette, ist die Produktion zurückgegangen. Heute, im Jahr 2022,
ist die Rohölproduktion bei einer höheren Kraftstoffnachfrage von 250.000 bpd
auf 40.000 bpd gesunken. Die Talara-Raffinerie wurde stillgelegt, um an ihrer
Stelle eine neue Raffinerie zu bauen, wodurch die Raffineriekapazitäten des
Landes über viele Jahre hinweg vernichtet wurden. Petroperu wurde zu einem
Treibstoffimporteur und Großhändler ohne die Möglichkeit zur Belieferung des
Endverbrauchers und mit gebrochenem Marktanteil degradiert.
Der Korruptionsrahmen, der diese Zerstörung und Schwächung des Staates
ermöglichte, wurde auf verschiedenen Regierungsebenen befördert. Die
Anfälligkeit, die durch diese schlechte nationale Politik verursacht wurde,
ist in diesem Konflikt spür- und sichtbar. Nach Angaben von Petroperu, das für
die Erkundung und Vergabe von Konzessionen für fossile Energieträger zuständig
ist, verfügt Peru über ein Potential von 10 Milliarden Barrel Erdöläquivalent
auf seinem gesamten Staatsgebiet, einschließlich der Offshore-Reserven.
Mit den derzeitigen Reserven könnte Peru 190.000 Barrel pro Tag fördern.
Das Land verfügt über 18 Becken mit einer Fläche von 83 Millionen Hektar, von
denen die meisten nachweislich über Ölpotential verfügen. Wir verfügen über
die Ressourcen, um einen großen Teil des Bedarfs des Landes zu decken, indem
wir andere Energiealternativen kombinieren und entwickeln, die es uns
ermöglichen könnten, eine neue Matrix aufzubauen. Wir haben Gas, und aufgrund
unserer geographischen Lage und der vielfältigen Ökosysteme unseres Landes
wird es möglich sein, Wind-, Sonnen-, Wasser- und Wärmeenergie zu
entwickeln.
Ja, es ist möglich, ein Land mit Energiesicherheit und Souveränität für
seine Entwicklung zu werden. Natürliche Ressourcen sind die Antwort auf diesen
historischen Moment, und darüber müssen wir uns im Klaren sein.
Auf unserem Kontinent gab es die Eisen- und Bronzezeit. Im letzten
Jahrhundert führten Peru, Chile und Bolivien einen Krieg, der als Krieg um
Guano oder Salpeter bekannt ist und der die Antwort auf eine bestimmte
historische Periode war. Wer kämpft heute um Guano oder Salpeter?
Nun, heute erfordert die Situation, daß wir uns um den Bedarf kümmern, der
mit den verfügbaren und angemessenen Mitteln gedeckt werden kann. Wir müssen
auf den tatsächlichen Bedarf reagieren, und dazu gehören immer noch
Kohlenwasserstoffe. Wir wissen, daß fossile Brennstoffe irgendwann Geschichte
sein und durch sauberere und effizientere Energieformen ersetzt werden, aber
wir müssen uns mit der Gegenwart auseinandersetzen und gleichzeitig vielleicht
damit beginnen, eine neue Energiematrix aufzubauen und uns auf die neuen
Anforderungen vorzubereiten, die das Leben, die Wirtschaft und die Entwicklung
unserer Nationen an uns stellen.
Der Krieg zwischen Rußland und der Ukraine erfordert, daß die Nationen der
Welt Energiesicherheit und -souveränität aufbauen. Wir dürfen unsere Nationen
nicht durch die Unwägbarkeiten der Globalisierung aufs Spiel setzen. Es gibt
Dinge wie Lebensmittel und Energie, die nicht den kleinlichen Interessen von
Großmächten unterworfen werden dürfen. Wir müssen erkennen, daß es viele
Schwächen in den Ländern gibt, und wir müssen daran arbeiten, sie zu
überwinden. Es gibt Schwächen im Staat und Schwächen in den Institutionen.
In Peru leben wir in einer politischen Krise, einer Krise der Parteien, der
Ideologisierung sowohl der Rechten als auch der Linken, die sich von der
Realität und den Bedürfnissen des Landes entfernt haben, mit einer unklaren
strategischen Politik, einer Politik der Ernährung, der Energie, der Industrie
und der Entwicklung der Kapazitäten des Landes.
Und sie setzen sich fort, solange in Politik und Wirtschaft noch immer
perverse Interessen herrschen, die über dem öffentlichen Interesse stehen und
zu korrupten Praktiken auf verschiedenen Ebenen des Staates führen. Diese
Schwächen tragen dazu bei, die Schwachstellen zu verstärken, die durch eine
Politik verursacht werden, die in einigen Fällen falsch und in anderen Fällen
unterwürfig ist, obwohl die Realität die Herstellung von Energiesicherheit
erfordert.
Leider gibt es heute Stimmen, die das Credo des Globalismus wiederholen,
daß die Kräfte des Marktes, jetzt international, alles regeln werden. Sie
sagen uns: Warum produzieren? Wozu sich um Energiesicherheit sorgen? Die
Energie kann gekauft werden, und dann ist alles in Ordnung. Unter Ausnutzung
der kombinierten Schwachstellen, die durch die vielen Fehler entstanden sind,
fordern sie die Zerschlagung der verbliebenen Reste von Petroperu, das allen
Peruanern gehört. Die Realität ist klar. Die Realität stellt Anforderungen an
uns. Ohne Energiesicherheit können wir die Entwicklung des Landes nicht
garantieren.
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