Die Verantwortung Europas für diesen Krieg
Von Eric Denécé
Eric Denécé ist Direktor des Französischen
Zentrums für Geheimdienstforschung (CF2R). Auf der Internetkonferenz des
Schiller-Instituts am 26. Mai 2022 hielt er die folgende Rede (im Original
Französisch).
Hallo, bevor ich die Ukraine-Krise analysiere, möchte ich
einige einleitende Bemerkungen machen.
Zunächst möchte ich den Menschen, die Opfer dieser Krise
sind, mein Mitgefühl aussprechen, und auch sagen, daß man einerseits den
russischen Angriff anprangern sollte, daß es aber auch angebracht ist, alle
Verstöße gegen das Völkerrecht anzuprangern - nämlich diejenigen Verstöße, die
zur ukrainischen Aggression im Donbaß geführt haben, und leider auch diejenigen
Verstöße, die unsere amerikanischen Verbündeten regelmäßig im Namen des Kampfes
gegen den Terrorismus in der ganzen Welt begehen, vor allem seit 2003.
Wie es zu dem Krieg kam
Heute scheint es mir wichtig, daran zu erinnern, wie es zu
diesem Krieg kam, der niemals hätte stattfinden dürfen. Es geht nicht darum,
pro- oder anti-ukrainisch, pro- oder antirussisch zu sein, sondern darum, die
Tatsachen mit der nötigen Kaltblütigkeit und Rationalität zu analysieren.
Zuallererst ist es wichtig, sich daran zu erinnern, daß
dieser Krieg niemals hätte stattfinden dürfen. Es handelt sich um einen
Konflikt, der hätte vermieden werden müssen und für den letztlich alle heute
direkt oder indirekt beteiligten Akteure mitverantwortlich sind.
Man muß zunächst an eine für mich wesentliche Tatsache zu
erinnern, nämlich daß die NATO am Ende des Kalten Krieges hätte aufgelöst
werden müssen. Sie ist eine Organisation, deren einziger Zweck es war, den
Westen vor der sowjetischen Bedrohung, vor der Ausbreitung der proletarischen
Revolution und vor der sowjetischen militärischen Bedrohung zu schützen, und
sie hätte mit dem Ende des Kalten Krieges verschwinden müssen.
Allein die Tatsache, daß sie beibehalten wurde, war eine der
Ursachen für die Probleme, denen wir heute gegenüberstehen.
Wir dürfen auch nicht vergessen, daß es 30 Jahre lang, ob es
uns nun gefällt oder nicht, eine wahre Demütigung Russlands und nicht
eingehaltene Versprechen des Westens gab, was nicht nur Unzufriedenheit,
sondern auch russische Ressentiments gegenüber dem Westen verstärkt hat. Die
Lügen, die Moskau im Laufe der Jahre regelmäßig aufgetischt wurden, haben die
Kluft zwischen den beiden Teilen des europäischen Kontinents nur vergrößert.
Und dann war da natürlich noch der Putsch auf dem Maidan.
Ich erinnere daran, daß Präsident Janukowitsch - so korrupt er auch war, wie
alle seine Vorgänger an der Spitze der Ukraine -, rechtmäßig gewählt und von
den Vertretern der OSZE anerkannt worden war und daß es sich daher um einen
revolutionären Staatsstreich handelte, der mit Unterstützung des Westens und
letztlich unter Verstoß gegen alle demokratischen Regeln durchgeführt wurde, um
ihn von der Macht zu entfernen.
Es folgte recht schnell die Ausgrenzung der
russischsprachigen Bevölkerung des Donbaß und sehr schnell eine militärische
Aggression der Kiewer Kräfte gegen diese Bevölkerung, die keine Separatisten
sind, wie allzu oft in den Medien verkündet wurde, sondern „Autonomisten“, die
ihre Autonomie innerhalb der ukrainischen Republik und vor allem den freien
Gebrauch ihrer Sprache, das Russische, anerkannt haben wollten, aber natürlich
sofort von den Machthabern in Kiew bekämpft wurden, die sie auf Linie bringen
wollten.
Ich denke, daß die innenpolitischen Ereignisse in den
Vereinigten Staaten eine wichtige Rolle gespielt haben. Die Rückschläge von Joe
Biden seit seiner Wahl zum Präsidenten - der katastrophale Rückzug aus
Afghanistan und die großen Haushaltsprobleme - haben zu einer Verschärfung der
amerikanischen Politik geführt, die den Krieg verursacht hat.
Ich kann auch die ukrainische Verantwortung nicht vergessen,
allem voran natürlich die Haltung gegenüber dem Donbaß. Aber auch die sehr
provokante Rede, die Selenskij schließlich auf der Münchner Tagung Anfang des
Jahres gehalten hat, in der er laut und deutlich sagte, daß für ihn drei
Bedingungen erfüllt sein müssen:
1. die Integration in die NATO, was er immer wieder bekräftigt hat,
2. die gewaltsame Übernahme des Donbaß und
3. der Anspruch, über Atomwaffen verfügen zu können.
Wenn wir all dies zusammennehmen, können wir die russische
Reaktion auf alle diese gegen sie inszenierten Verhaltensweisen verstehen -
verstehen heißt aber nicht entschuldigen.
Ich denke, wir sollten auch nicht vergessen, daß Putin
wiederholt erklärt hat, daß die Militarisierung der Ukraine und ihre
Integration in die NATO eine existentielle Bedrohung für Rußland darstelle. Wir
haben das nicht berücksichtigt, wir haben die Ukrainer immer mehr in eine
extrem harte Position gegenüber Moskau und gegenüber dem Donbaß gedrängt.
Leider haben wir erreicht, was wir heraufbeschworen haben, und das hat diese
russische Offensive ausgelöst.
Diese russische Offensive ist eine Falle, in die Putin in
vollem Bewußtsein hineingegangen ist. Ich würde sagen, daß er es um so
bereitwilliger getan hat, als keiner seiner Vorschläge zur Schaffung einer
neuen Sicherheitsarchitektur in Europa beachtet wurde.
Elemente des aktuellen Konfliktes
Zweitens: Worum geht es in diesem Konflikt seit dem 24.
Februar? Ich würde sagen, daß es letztlich ein Krieg ist, den die Ukraine nicht
gewinnen kann. Zunächst einmal müssen wir anerkennen, auch wenn wir gegen
diesen russischen Angriff sind, daß es sich um eine Sonderoperation handelt und
nicht um den Wunsch, die Ukraine zu besetzen, wie es von den osteuropäischen
Ländern und der NATO allzu oft behauptet wurde.
Erinnern wir uns zunächst an die Zahl der Truppen: 150.000
Mann waren an der Operation beteiligt. Zum Vergleich: An der illegalen Invasion
des Irak 2003 durch Amerikaner und Briten waren 250.000 Amerikaner und 30.000
Briten beteiligt, also insgesamt 280.000 Soldaten, und das gegen eine Armee,
die nicht einmal ein Zehntel der Effizienz der ukrainischen Armee hatte.
Deshalb ist die Behauptung, Putin wolle die Ukraine besetzen, absolut falsch.
Die Militäroperation hatte anfänglich einige Mißerfolge und
Fehlfunktionen, aber im Moment sieht es so aus, als ob die Kriegsziele, die
sich Rußland gesetzt hat, erreicht werden können, nämlich den Donbaß zu
schützen und letztlich die russischsprachigen Provinzen im Süden der Ukraine zu
übernehmen, die allerdings weniger russischsprachig sind als Donezk und
Lugansk.
Leider gab es viele voreilige Urteile über die
Militäroperation, die trotz der Verluste auf beiden Seiten nicht der
Vernichtungsfeldzug ist, der der russischen Armee nachgesagt wird, und das wird
eine der wichtigen Lektionen sein, die wir lernen müssen.
Andere Elemente verdienen Erwähnung: so die massive
Lieferung von Waffen, insbesondere von leichten Waffen, Panzerabwehrraketen und
Flugabwehrraketen des Westens an die Ukraine, die zwar teilweise oder sogar
größtenteils in dem Konflikt eingesetzt werden, aber auch der Versorgung von
Mafia- und kriminellen Netzwerken und dem Weiterverkauf an Terrornetzwerke in
der Dritten Welt dienen, da sie ohne jegliche Kontrolle verteilt werden.
Ich möchte noch zwei weitere Punkte betonen. Die Reaktionen
und Sanktionen, die gegen Rußland verhängt wurden, haben zwar eine
internationale Rechtsgrundlage, sind jedoch in wirtschaftlicher wie auch in
kultureller Hinsicht völlig unverhältnismäßig. Wir haben den Gipfel der
Dummheit erreicht, indem wir Sportlern, Musikern und Opernsängern verboten
haben, ihren Beruf auszuüben, egal ob sie für oder gegen Putin sind. Wir haben
einen Totalitarismus des Denkens erreicht, der völlig überzogen ist.
Das gleiche gilt für die Medien. Vor allem ist der
Informationskrieg, der gegen Rußland geführt wird, letztendlich ein Angriff auf
die Pressefreiheit. Und die Tatsache, daß wir nicht wissen, was auf der anderen
Seite passiert, erlaubt uns letztlich keine objektive Sicht der Dinge.
Abschließend möchte ich noch auf die Rolle hinweisen, die
Selenskij und seine „PR-Berater“ heute spielen, indem sie ihre Version der
Fakten im Ukraine-Konflikt verbreiten.
Wenn das Land angegriffen wird, ist es natürlich legitim,
daß die Ukrainer zu den Waffen greifen, um sich zu verteidigen, doch halte ich
es für unerläßlich, darauf hinzuweisen, daß gegenwärtig 90% der Kämpfe in
russischsprachigen Gebieten stattfinden, daß es also nicht ethnische Ukrainer
oder „Galizier“ sind, die unter diesen Kämpfen leiden. Es sind aber überwiegend
diese ethnischen Ukrainer, die das Land verlassen, es gibt keine
Fluchtbewegungen aus russischsprachigen Gebieten. Das ist die Lage. Und
gleichzeitig ist der westliche Teil des Landes, der zwar unter russischem
Beschuß steht, im eigentlichen Sinne kein Konfliktgebiet.
Der letzte Punkt, der mir in diesem Konflikt wichtig
erscheint, ist, von der Kriegsbeteiligung des Westens zu reden, denn die Art
und Weise, wie wir Waffen und Munition liefern und den Ukrainern mit
Geheimdienstinformationen helfen, ist keine indirekte Hilfe mehr. Das bedeutet,
daß wir uns heute in einer Situation direkter Kriegsbeteiligung befinden. Es
ist überhaupt nicht damit vergleichbar, was 1979-89 in Afghanistan geschah, wo
die Rolle, die wir damals gegen Moskau spielten, eine heimliche Hilfe war. Es
ist auch nicht mit der Unterstützung während des iranisch-irakischen Krieges
vergleichbar, wo sich der Westen und insbesondere Frankreich eindeutig auf die
Seite des Irak stellte. Heute befinden wir uns tatsächlich in einer Situation
der Kriegsbeteiligung, und das nicht nur in Bezug auf die Lieferung von Waffen.
Gibt es einen Ausweg?
Ich möchte mit einem kurzen dritten Punkt schließen: Ist ein
Ausweg aus der Krise möglich? Unter den Lehren, die wir heute aus den Krisen
und Ereignissen ziehen können, steht an erster Stelle der angebliche „Sieg der
Geopolitik“. Ich glaube, wir müssen das laut und deutlich sagen: Die Lehre der
Geopolitik ist, daß kein Staat seine Sicherheit auf Kosten seines Nachbarn
erreichen kann. Und hier hat die Ukraine genau das Gegenteil getan, weil sie
glaubte, ihre Interessen durchsetzen zu können, indem sie alle russischen
Warnungen und Forderungen in den Wind schlug, die vielleicht manchmal
übertrieben waren, aber absolut nicht beachtet wurden.
Darüber hinaus gibt es in diesem Konflikt eine Reihe von
Gewinnern und Verlierern. Rußland und die Vereinigten Staaten sind derzeit
teilweise Gewinner. Die Amerikaner, weil es ihnen gelungen ist, durch diese
Krise ihr Image wiederherzustellen und vor allem die Europäer zu zwingen, sich um
die USA und um die NATO zu scharen. Das ist zwar ein Sieg, aber es gibt
inzwischen erhebliche Folgen für die amerikanische Politik, vor allem auf
internationaler Ebene, weil nur wenige außerhalb des Westens die Position der
Europäer und Amerikaner unterstützen, und vor allem, weil es wirtschaftliche
Folgen gibt, besonders die Inflation, unter der die Vereinigten Staaten leiden.
Für die russische Seite ist es auch eine Art Sieg, denn die
Russen haben gezeigt, daß sie den Westen endlich herausfordern können, auch
wenn es für sie eine Reihe negativer Konsequenzen gibt, u.a. auf
wirtschaftlicher Ebene. Auf jeden Fall haben sie aus ihrer Sicht nicht
aufgegeben, und es kommt zu einer Art Neuaufteilung der Welt, in der der Westen
nicht mehr die Zügel in der Hand hält.
Und dann gibt es noch Akteure, die bei diesem Konflikt
verlieren. Allen voran die Ukrainer mit der totalen Zerstörung des Landes. Aber
auch, und das betone ich nachdrücklich, die Regierung Selenskij, denn sie trägt
dafür die Hauptverantwortung. Und dann die Europäer, die den Amerikanern
blindlings in diesen Konflikt folgen, der sie nichts angeht. Denn man darf
nicht vergessen, daß die Ukraine weder Mitglied der Europäischen Union noch der
NATO war, sie hatte kein Verteidigungsabkommen mit den westlichen Ländern,
insbesondere nicht mit Frankreich, während für uns Europäer die
wirtschaftlichen Sanktionen viel, viel schwerwiegender sind, was die Folgen
angeht, als für die Amerikaner.
Alles in allem haben wir also einen Konflikt, der hätte
vermieden werden müssen. Und hier ist die europäische Verantwortung
überwältigend. Es sei daran erinnert, daß dieser Konflikt vielleicht hätte
vermieden werden können, wenn Frankreich und Deutschland, die maßgeblich an den
Minsker Vereinbarungen beteiligt waren, die Ukraine gezwungen hätten, diese
Minsker Vereinbarungen einzuhalten. Aber natürlich spielte die Einmischung der
Vereinigten Staaten, die nicht an den Minsker Vereinbarungen beteiligt waren,
eine wichtige Rolle.
Der Konflikt hätte also vermieden werden müssen; denn die
Ukraine kann den Krieg nicht gewinnen - ich glaube, das muß man ganz klar
sagen. Leider zeichnet sich auch kein Ausweg aus der Krise ab, weil die
Zuspitzung der Extreme, die Sturheit der Amerikaner, die Gefolgschaft der
Europäer und die russische Haltung, die darin einen existentiellen Konflikt für
Moskau sieht, mir keine Hoffnung auf etwas Positives machen - es sei denn, es
gibt eine 180-Grad-Wende des einen oder anderen Akteurs. Ich glaube, das ist
es, worauf wir in den kommenden Wochen hoffen müssen.
Die jüngsten Äußerungen Henry Kissingers, der erklärt hat,
daß die Ukraine unbedingt Gebiete an Rußland abtreten müsse, scheinen mir
äußerst relevant zu sein, aber die hartnäckige Weigerung der ukrainischen
Regierung, dies zu tun, läßt mich nicht glauben, daß Verhandlungen möglich
sind.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
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