Was man von China bei der Pandemie-Bekämpfung lernen kann
Von Dr. Ole Doering
Dr. Doering ist Sinologe und Philosoph in Berlin, Er hielt den
folgenden Vortrag, der für den Abdruck leicht überarbeitet wurde, am 3.
Februar im Rahmen des Internetseminars des Schiller-Instituts.
Im Lunyu, also in dem Buch mit den gesammelten Worten des Konfuzius, heißt
es:
三人行,必有我師焉:擇其善者而從之,其不善者而改之。
„Wenn drei zusammen gehen, ist darunter sicher jemand, von dem ich lernen
kann: dem Guten und Schönen, das sich mir zeigt, folge ich, das Schlechte
nehme ich zum Anlaß, mich zu bessern.“ (Lunyu)
Wir lernen von den Erfolgen und von den Fehlern, die uns in Gesellschaft
vor Augen treten. Natürlich betrifft das nicht nur die Gesellschaft von zwei,
drei Menschen, sondern diese zwei, drei Menschen stehen für das ganze
Universum der Menschheit, und natürlich betrifft das das globale Lernen
voneinander, über verschiedene Kulturen und Länder hinweg.
1. Wie stehen wir jetzt da?
Was lernen wir von und mit China und unserem Umgang mit COVID-19? Deswegen
möchte ich zunächst einmal bei uns selbst anfangen und fragen: Wie stehen wir
jetzt da – heute, am 3. 2. 2021?
Viele sehnen sich nach einem Ende des grauen, zähen Elends, nach einem
„großen Neustart“ („Great Reset“). Diese Haltung ist ein wohlbekannter
Nährboden für ungesunde Dynamiken, die für manchen Gewinne verheißen, für die
Menschheit aber Dissonanz und geistige Verwahrlosung nach sich ziehen.
Indem wir uns den Spielern dieses großen Spiels und ihren großen Lösungen
anvertrauen, unterwerfen wir uns einer Finanz-Technokratie, die von
Beherrschung träumt. Zugleich arrangieren wir uns mit der eigenen
„selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (I. Kant) durch Betäubung (Konsum und
Zerstreuung), „amüsieren uns“ – noch nicht ganz – zu Tode (N. Postman), wohl
aber ins geistige Jammertal. COVID-19 zeigt, wie krank wir sind.
Als der damalige Bundespräsident Roman Herzog am 26. April 1997 seine
Berliner „Ruck-Rede“ hielt, mahnte er, ganz Deutschland solle sich aufraffen:
Weg mit Ängstlichkeit und Innovationsstau! Mehr Freiheit wagen (wie Amerika),
mehr Leistung bringen (wie China) – so Herzogs Appell. Und es passierte –
genau das Falsche. „Die Politik“ wurde immer ausgeprägter paternalistisch, die
Bürger politisch korrekt infantilisiert. Sicher lag das auch an der
Zeitgeist-Koalition mit dem Neoliberalismus. Wo aber blieb die kulturelle
Abwehr des Verfassungs-Patriotismus (D. Sternberger), wo die Begeisterung
dafür, „mehr Demokratie“ (W. Brandt) und „Verständigung“ (E. Bahr) zu
wagen?
Im selben Jahr 1997 veröffentlichte Arnulf Baring seinen Bestseller
Scheitert Deutschland? Er resümierte in seinen Kapitelüberschriften:
„Versäumte Innovationen“, „Skandalöse Subventionen“, „Lähmende
Überbürokratisierung“, „Verrottetes Bildungswesen“, „Misere der
Krankenversicherung“, „Vergreisung der Gesellschaft“, „Große Müdigkeit im
Land“.
Das war 1997. Die Entwicklung der folgenden 24 Jahre hat diese Diagnose
nicht nur bestätigt, sondern detailreich illustriert, besser geworden ist
wenig. Weiter gilt die Analyse des Bundespräsidenten Horst Köhler: „Warum
findet der Ruck nicht statt? Weil alle auf ihn warten.“ Der Ruck findet nur
statt, wenn alle zusammen arbeiten! (Dazu detailliert mein Buch vor der und
für die COVID-Krise: Das Luther-Gen. Zur Position der Integrität in der
Welt, 2019)
Heute, am 3.2.2021, wird gemeldet, daß die Arzneimittelabgabenverordnung
dahingehend geändert wurde, daß Apotheken Antigenschnelltests an
Privatpersonen zum „freiwilligen Selbsttest“ abgeben dürfen.1
Testen ist die Grundlage, um überhaupt wissen zu können, womit wir es zu tun
haben. Nachdem wir monatelang darauf verzichten mußten (weil der Bürger für
unmündig erklärt, aber weder Infrastruktur noch Personal für Gesundheit
vorgehalten wurde).
Die Wertschätzung des Testens kommt ein Jahr zu spät (gerechnet von der
Erklärung des Pandemie- und internationalen Krisenfalles – PHEIC – durch die
WHO am 30.1.2020), es kann heute sein wichtigstes Ziel nicht mehr erfüllen:
die Ausbreitung früh zu dokumentieren und ggf. gezielte Maßnahmen zu
ergreifen, um die Pandemie wirksam einzudämmen. Nachdem die deutsche „App“
versagt hat und die Gesundheitsämter weiterhin nicht differenziert, zeitnah
und flächendeckend reale Fälle melden können, nachdem durch eine Serie
halbherziger „Lockdowns“ und schwachbrüstiger „Bazookas“ die Wirtschaft und
die Moral so weit unterminiert sind, daß man schon aus Verzweiflung nach jedem
Strohhalm greift, der Halt zu versprechen scheint, ist dies jetzt ein geradezu
zynisches Signal. Der Bürger hat Geduld, der Bürger tut was man ihm sagt, der
Bürger hat Schuld. Wozu haben wir einen Staat?
Seit einem Jahr hören wir Widersprüchliches unter dem Etikett
„Wissenschaft“ und Irreführendes aus der Politik: Anstatt die mangelhafte
Infrastruktur für gesundheitlichen Katastrophenschutz, die über mehrere
Legislaturen verschleppte Lösung des Personalnotstands in der
Gesundheitsversorgung und die ausgebliebene Aufstockung und Modernisierung der
öffentlichen Gesundheitsdienste in der gebotenen Klarheit zu benennen und
konsequent anzugehen, delegiert man Verantwortung – bis sie die Hilflosesten
erreicht. Und dabei spreche ich noch nicht von den Hilflosesten weltweit, um
die es eigentlich gehen müßte, sondern ich spreche davon, daß wir zugelassen
haben, daß sich quer durch unser eigenes Land ein neues Prekariat entwickelt.
Anstatt globale Verantwortung zu üben in Zeiten, in denen es uns sehr gut
ging, haben wir also unsere Ressourcen verschwendet, und uns damit
verantwortungslos gezeigt.
Verantwortung wird durch die Politik ins Private verdrängt, der Staat hat
vor seiner fundamentalen Aufgabe und wichtigsten Daseinsberechtigung
kapituliert: den Mehrwert der Gesellschaft so zu organisieren, daß ein Leben
in Sicherheit, Freiheit, Würde geschützt und ermöglicht wird. Hier wäre das
recht einfach gewesen, vor einem Jahr: nicht indem jeder machen kann, was er
will, also auch testen, und dann an Fehlern selbst schuld ist, sondern indem
man genügende Kompetenz in die Gesellschaft bringt, Gesundheit und Bildung von
Grund auf ertüchtigt, anstatt sie zu Problemfeldern zu machen.
Unsere Gesellschaft sollte das dürfen und können – lernen, schulen und
helfen, anstatt jammernd auf andere zu zeigen. Denn unsere Larmoyanz und
Wellness-Mentalität unterscheidet uns von China, wo vermeintlich „deutsche
Tugenden“ trotz allem hoch im Kurs stehen.
2. Was hat China richtig gemacht?
China hat nichts anderes gemacht, als die Methoden der Volksgesundheit
(Neudeutsch: Public Health) anzuwenden, die es aus dem Westen gelernt
und seit SARS1 selbst weiter entwickelt hat. Dazu gehören ganz einfache
technische, politische Maßnahmen: Kontaktverfolgung, gezielte Intervention,
Quarantäne bzw. Isolation – die in China mit zunehmend effizientem Management
einhergingen (während Deutschland und die EU offenbar vergaßen, was wir über
Public Health gewußt, zum Teil auch selbst mit begründet hatten).
Unterstützt wurde das durch sinnvollen Einsatz von Technologie und ein Heer
von arbeitswilligen Menschen, die nicht in die kalte Isolation und Entwertung
der „Kurzarbeit“ hinein definiert, sondern in ihrer Würde durch
Sozialverpflichtung bestärkt wurden.
Diese Strategie wurde in China aber auch durch Mittel umgesetzt, die die
Schattenseiten der chinesischen Gesellschaft offenlegen, nämlich, das erfahre
ich immer wieder durch Freunde und Kollegen in China und aus China, zum Teil
mit erschreckender Brutalität, Willkür und Technokratie.
Das hat Spuren hinterlassen, um die man sich kümmern muß. Aber warum
sollten Chinesen dabei ausgerechnet auf uns hören? Was wir über die
Psychologie der Blockwarte, Kapos und Krisengewinnler gewußt haben, hat sich
offenbar in die Belanglosigkeit moralischer Rechthaberei aufgelöst. Denn die
Schlüsse, die wir daraus ziehen, sind nicht Sorge, Pflege und Unterstützung
sondern Ausgrenzung, Behinderung und Feindseligkeit. China ist noch dabei,
sich aus dem Grauen der Mao-Zeit heraus zu arbeiten, es wird noch dauern, bis
soziale Traumatisierung und kulturelles Elend überwunden werden. Niemals
sollte, in China wie in Deutschland, Angst die Politik bestimmen, sondern
Vernunft.
Was aber im Positiven festzustellen ist, ist, daß China auch anders zählt,
Daten anders verarbeitet, Daten anders meldet, und vor allem anders hinsieht.
Und das ist, glaube ich, ein sehr, sehr wichtiger Punkt, der uns in die
Geschichte Chinas zurückführt.
3. Chinas Haltung verstehen
Woher kommt diese Haltung Chinas? Wie können wir die Einstellung und die
Spannung der Aufmerksamkeit und die Bereitschaft zur Intervention auf
chinesischer Seite verstehen?
Ich behaupte: Das hat überhaupt gar nichts mit einem „kommunistischen
Regime“ zu tun, was China sowieso nicht ist, sondern es hat etwas mit der
chinesischen Kultur in dreifacher Hinsicht zu tun.
Zum einen: Seit drei Jahrtausenden ist das Leitthema der Politik das
Vermeiden von Chaos und Unordnung. Chinas bis heute entwickeltes politisches
und kulturelles Ordnungssystem mitsamt seiner Philosophie ist aufgrund der
Erfahrungen seit der „Zeit der Streitenden Reiche“ (475-221
v.u.Z.) entstanden. Das war eine Zeit, die man mit dem Dreißigjährigen
Krieg in Deutschland und Europa vergleichen kann, der dazu geführt hat, daß
hier der Westfälische Friede in Europa ein neues Modell für eine politische
Weltordnung geschaffen hat.
In China dauerte die Zeit der Streitenden Reiche über mehrere Jahrhunderte
und spielte sich auf einem ganz ähnlichen destruktiven Niveau ab. Das heißt,
man hat wirklich tief und umfassend verstanden, wie wichtig Ordnung ist und
wie gefährlich Unordnung sein kann, besonders dann, wenn sowohl die
Naturgewalten (das Wasser) als auch die Massen (die ungeordnete Bauernschaft,
ungeordnete Armeen) einfach ihren Weg gehen würden, nach eigenen Interessen,
und nicht dem Gemeinwohl untergeordnet werden.
Diese Erfahrungen machten es nötig, politische Ökonomie, Verwaltung und
Würde des Volkes aus einem Gesundheit stiftenden Ordnungsbegriff heraus zu
verstehen und nachhaltig abzusichern. Seitdem haben innere und äußere Unruhen,
Aufstände und Naturkatastrophen die Herrschenden in China immer wieder daran
erinnert, daß Früherkennung, Selbststärkung und möglichst tiefgreifende
Allianzen mit den Interessen des Volkes noch wichtiger für das Überleben sind
als äußere Macht – daß sie Kontrolle und Vertrauen begründen.
Das ist jetzt natürlich sehr stark vereinfach, und ich will das hier auch
nicht vertiefen, ich möchte nur darauf hinweisen, daß wir hier tatsächlich
über drei Jahrtausende eine sehr stark kulturell verfestigte und reiche
Erfahrungskultur haben, die sehr genau weiß, wie gefährlich Chaos und
Unordnung und Zerstörungen sind, und entsprechend die gegenteiligen Werte sehr
hoch hält.
So versteht sich auch die Metaphorik des Sprichworts „Wasser kann das Boot
tragen und es kann das Boot versenken“, die schon seit Mao benutzt worden ist,
um deutlich zu machen, wie fragil die Herrschaft in China über die gewaltigen
Volksmassen in ihrer Vielfalt und Wucht ist. Chinas Regierungen sehen sich
immer im Krisen- und Steuerungsmodus, als das Boot auf dem Wasser – stets
navigierend, sich anpassend, auf alles vorbereitet sein. D.h., für chinesische
Politiker ist eine weitsichtige Politik selbstverständlich, die sich selbst
versteht als ein Steuern der Krise, nicht als ein Abwenden oder Vermeiden von
Krisen. Die Nähe zur Krisenkompetenz wird immer gesucht und immer entwickelt.
Denn das Meer „Volk“ kann das „Boot“ Staat und Regierung mal tragen, mal
untergehen lassen. Aber das Boot auf dem Wasser ist letztendlich die einzige
Einheit, die Stabilität für die Menschen versprechen kann. Vertrauen ist ein
zentrales Thema. Die archaische und anarchische Urgewalt kann und muß in
gesellschaftliche Formen kultiviert werden.
Zum anderen: die konfuzianisch-mohistische Staatslehre enthält ein über
alle Dynastien hinweg beachtetes Wertschöpfungs- und Wohlfahrtsgebot. Chinas
Herrschaft ist seit der Antike immer als die Legitimation durch
Volkswohlstand, durch Gerechtigkeit und Menschlichkeit definiert. Ein
Herrscher, der sich nicht der Gerechtigkeit und Menschlichkeit der Bevölkerung
verpflichtet sieht, ist kein König, sondern ein Usurpator – so heißt es
übereinstimmend bei Xunzi und bei Mengzi.
Mozi, einer der weniger bekannten konfuzianischen Philosophen, man kann ihn
auch als den Ökonomen und rationalen Wissenschaftsdenker Chinas in der Antike
bezeichnen – Meister Mo, auch MoDi genannt, hat das am stärksten
ausgearbeitet, dieses Wertschöpfungsgebot. China versteht Ökonomie genau so,
wie es in dem griechischen Wort steckt, nämlich als vernünftige
Haushaltsführung, als eine ganzheitliche, diversifizierte, pragmatische und
nachhaltige Optimierung der Nutzung von Ressourcen im „Haus“ der
Gesellschaft.
Konfuzianer verbinden das mit einem Kultivierungsprozeß, der mit Frieden
und Gerechtigkeit verbunden ist. Daoisten verbinden ihn mit Gesundheit, die
immer wieder neue Zugänge zu Kreativität und Wertbildung eröffnet. Heute
bietet China sich als Partner im Kampf für die Überwindung der neoliberalen
Wert-Abschöpfungs-Ideologie an, der es sich eine Weile fügen mußte, um das
Spiel der Westmächte zu lernen und zu überwinden.
Diese Haltung bedeutet: Immer bereit sein, immer aufmerksam – auf sich
selbst, auf die kleinsten, subtilsten Handlungen, die man macht, man prüft
sich mindestens dreimal täglich, um sich selbst zu fragen, ob man mit seinem
Gewissen im Einklang handelt. Wissenschaft und Politik müssen langfristig
denken und kleinschrittig planen, der Blick geht immer aufs Große und Ganze,
durch das subtile Kleine. Dabei soll man lernen, besser zu werden. Das gelingt
selbstverständlich so gut und so schlecht wie jedes Menschenwerk.
Was aber, drittens, fehlt, zumindest in der realen chinesischen Kultur, wie
wir sie jetzt beschreiben können und wie sie sich auch selbst beschreibt, ist
eine starke, ausgeprägte Kultur der Solidarität, die sich an eine
Modernisierung gemeinschaftlicher zu gesellschaftlichen Formen (F. Tönnies)
gegenseitiger Verpflichtung gewöhnt hat. Wem wäre das nachhaltig gelungen –
ist Deutschland nach der Vereinigung ein gutes Vorbild geworden?
Besonders hapert es bei der Kommunikation. Sich in einen anderen, kulturell
Fremden hinein versetzen und empathisch auf ihn einzustellen, kommunizieren zu
können, ist etwas anderes, wenn es über den eigenen Horizont hinaus greift.
Soziale „Skills“ als Weltbürger zu entwickeln, eine zugewandte Diplomatie und
eine gute Selbstdarstellung im Sinne des Transports der eigentlichen Position
und Haltung und Erklärung der eigenen Handlungen nach eigenen Begriffen so
darzustellen, daß die andere Seite sie versteht – das ist etwas, was in China
weitgehend nicht entwickelt ist. Natürlich gibt es dafür jede Menge Anlagen
und Ansätze, aber genau das sind die Themen, die die chinesischen Kollegen
immer von Deutschland speziell, aber auch von Westeuropa und Rußland, also dem
alten kulturellen Kerneuropa, einfordern und sagen: „Das ist etwas, was ihr
entwickelt habt und wo ihr sehr viel weiter gekommen seid als wir, bitte helft
uns.“ Denn sie haben die größte Mühe, selbst in China, mit den „beleidigten
Wolfskriegern“, die nach außen hin einen großen Schaden anrichten mit dieser
Art der Diplomatie, die im Grunde nur die amerikanische Politik spiegelt.
Daß der „Drache“ für Europäer Furcht auslöst und nicht als Symbol für
Stärke, Weisheit und Glück ankommt, müssen beide Seiten verstehen. Die eigene
Geschichte so zu erzählen, daß ihre Konnotationen für andere zugänglich
werden, ist um so wichtiger, wenn man um die Irritationen weiß, die
Vorurteile, Mißverständnisse und Verzerrungen schon angerichtet haben.
Wie gut wäre es gewesen, hätte Deutschland die Ansätze des eigenen
solidarischen Sozial- und Gesundheitswesens, die Errungenschaften seiner
Bildungskultur nicht nur weiter gepflegt (anstatt sie „out-zu-sourcen“),
sondern auch für die Fähigkeit zu Verständigung und Kooperation mit China
weiterentwickelt, zum gegenseitigen Nutzen. Jetzt wurde schon viel Porzellan
zerschlagen, viel Zeit verschwendet und Vertrauensvorschuß verspielt. Daß das
dringend nötig werden würde, konnte jeder spätestens vor 20 Jahren wissen.
Wir lernen aus unserem Versagen: Die innere Verknüpfung von Ökonomie und
Sozialethik wird besonders in den beiden Stiefkindern der deutschen Politik
deutlich, nämlich Gesundheit und Bildung. Dafür sind politische Entscheidungen
verantwortlich. Das heißt, es ist eine dringende politische Aufgabe, das
aktuelle Krankheits-Managementsystem in ein Gesundheitswesen zurück zu
verwandeln.
Das ist in China genau gegenläufig, da wird alles in Bildung investiert,
und sehr vieles in Gesundheit. Sehr vieles, sage ich etwas einschränkend, weil
der Staat erst relativ spät seiner Verantwortung für die Gesundheit und
Volksgesundheit nachgekommen ist, nach einem großen Hiatus, aber die
Bevölkerung, die Familien untereinander immer das Thema Gesundheit an erste
Stelle gestellt haben, was natürlich abhängig ist von ihrem wirtschaftlichen
Entwicklungsgrad.
4. Es geht nur mit China – aber wie?
Von China können wir nur wieder neu lernen, was wir früher gewußt und
gekonnt haben, wir können selbst von China für diese Krise eigentlich nichts
ganz neues lernen. Aber wir können uns erinnern an das, was wir eigentlich
selber gewußt haben über den Umgang mit Seuchen und Pandemien.
Mit China können wir aber sehr vieles lernen für die Zukunft, wir können
uns gemeinsam konsequent für diese Zukunft stärken; Stichworte hierfür sind,
und die sind auch schon genannt worden von Frau Zepp-LaRouche: Seidenstraße,
Afrika, Jugend – ganz besonders in den Bereichen Bildung, Gesundheit…
Nachdem China COVID-19 mit großem Vorsprung einigermaßen in den Griff
bekommen hat – COVID-19 wird nicht weggehen, genauso wie andere virale
Pandemien auch nicht verschwinden werden, aber wir gehen damit um und es
werden auch weitere auf uns zukommen, auf die wir dann vorbereitet sind -;
aber China kann sich jetzt, nachdem es sich auf seine Situation eingestellt
hat, sie in den Griff bekommen hat, mit großer wirtschaftlicher Kraft den
eigentlich wichtigen Aufgaben zuwenden. Auf die nächsten Pandemien, sicher,
aber vor allem auf den Aufbau einer gerechten Weltordnung und die Stärkung des
inneren Friedens, und daran sollten sich Deutschland und Europa entsprechend
beteiligen. Das ist gut für die deutschen Firmen, die sich fest in China
eingebunden haben und nun von dort zu unserem Wohlstand beitragen.
Was ich Ihnen vorgetragen habe, ist kein Plädoyer für einen starken Staat
im Sinne der VR China. Die Diskussion über die Vertrauenswürdigkeit der
Regierenden ist in China mindestens so kontrovers wie in Deutschland.
Vertrauensbereitschaft wird durch wahrgenommene Erfüllung von Ankündigungen,
Versprechen und Transparenz gestärkt. In China ist die übergroße Mehrheit
zufrieden bzw. arrangiert sich, weil die Regierung per Saldo liefert und
zugleich die Soft Power zunehmend in den Blick nimmt. Solange die Millionen,
die jedes Jahr China als Touristen oder zu beruflichen Zwecken verlassen,
freiwillig in ihre Heimat zurück gehen, oft bestärkt in ihrem jungen
Patriotismus, weiß sich die Regierung auf der sichern Seite. Der Umgang mit
Dissens bleibt aber problematisch. Während sich in Deutschland überwiegend
Partikularinteressen wirkmächtig zum Ausdruck bringen und politische
„correctness“ soziale Kontrolle übernimmt, läßt man in China das Private
privat und die Verantwortlichen regieren.
Der Gedanke des Gemeinwohls wurde auch in China (Mao) massiv
instrumentalisiert. Das entsprechende historische Bewußtsein wurde aber nicht
annähernd so tief und breit in die Gesellschaft gebracht (Bildung,
Wissenschaft, Diskurs) wie bei uns. Das Problem in Deutschland ist, daß sich
das aufgeklärt kritische politische Bewußtsein zunehmend zu moralischer
Rechthaberei verengt und nicht mit der Zeit wächst. So wird hier die Regierung
ebenso unglaubwürdig wie die sie kritisierende „geistige Elite“ der Talkshows.
Aus chinesischer Sicht sind die Sünden der Vergangenheit Marginalien, die dem
Pragmatismus nachgeordnet werden. Da hilft ein positives Selbstbild zunächst
mehr.
Es geht auch anders als viele der Maßnahmen, die man in China gesehen hat,
es geht mit mehr Augenmaß, es geht mit besserer Arbeitsteilung, es geht mit
Vernunft. Aber es geht, und das hat China eben auch gezeigt, nur mit
Verantwortung. Wir können niemand anderem die Schuld geben, wenn wir es
schlechter machen. Wir müssen den Neoliberalismus abwickeln und unserer
Verfassung wieder Geltung verschaffen, die die Würde des Menschen in den
Mittelpunkt stellt, und nicht das „Leben“, weil nur das Leben als wertvoll
verstanden wird, wenn man es mit Würde verknüpft.
Wir können viel von anderen Ländern lernen, gerade auch von China. Auch
wenn wir es durch unsere fahrlässige Anti-China-Demagogie provozieren, hoffen
wir doch, daß China sich nicht an eine Strategie des „Blaming“ – andere Leute
zu beschuldigen und verantwortlich zu machen – gewöhnt, die besonders von den
USA forciert wird. Damit würde China nicht nur die eigene kulturelle Würde
verletzen, sondern das Falsche des Kolonialismus hätte dann gesiegt.
„Die Pandemie besiegen“ – bzw. unsere Unfähigkeit, vernünftig damit zu
leben – ist eine so gewaltige Aufgabe, daß sie den überfälligen Wandel des
globalen Systems der Ökonomie und Gesellschaftsordnung zur Erfüllbarkeit der
selbst gesetzten Ziele z.B. der Vereinten Nationen – der SDGs
(UN-Nachhaltigkeitsziele) – entweder beleben oder auch abtöten kann.
Entscheiden wir uns für das Leben, dann stehen weltweit salutogene Ansätze zur
Verfügung, die auf ihre Befreiung warten und eine „glokale“
Kooperationsstrategie informieren können. Das beginnt in den Herzen und in den
Köpfen, bei der Sprache und im Umgang miteinander, mit Ehrlichkeit und
Integrität. Für all dies müssen wir endlich beginnen, mit China
zusammenzuarbeiten.
Neulich – vergangene Woche – hieß es in einem Tweet: „Wir verstehen, daß
die Welt komplex ist und Veränderungen nicht über Nacht möglich sind. Doch
ihr“ – das sind die Regierenden oder die Wirtschaftsführer – „doch ihr hattet
jetzt mehr als drei Jahrzehnte Blabla. Wieviel mehr braucht ihr?“ So die
Ungeduld der Jugend, in Gestalt von Greta Thunberg.
Ich zitiere nur ganz selten Frau Thunberg, aber hier finde ich das einmal
sehr passend. Wir können uns dieses Blabla nicht länger leisten. Der Ruck, um
den es heute geht, ist kein zentraler „Neustart“, sondern die Belebung eines
Aufklärungsprogramms, das die Köpfe und Herzen aller Menschen weltweit
anspricht. Wir haben alles Wissen und alle Ressourcen, die wir brauchen, um
Gerechtigkeit, Teilhabe und Gesundheit weltweit zu sichern. Genug für alle,
aber nicht für aller Gier (M. Gandhi). Es fehlt nicht nur am Mut, den eigenen
Verstand zu gebrauchen, sondern am Zutrauen, daß wir lernen können, unseren
eigenen Ansprüchen selbst gerecht zu werden, ehe wir andere belehren – vor
allem moralisch. Wir brauchen jeden Funken Verstand, mit China für eine
gesunde Welt.
Was wir von China lernen können? Arbeiten wir endlich zusammen und finden
es heraus! So drehen wir die Logik der sich selbst erfüllenden Prophezeiung
von Katastrophen-Szenarien um, zu salutogener Kooperation. Chinas
(konfuzianisches) Menschenbild kann die kreative Vernunft unterstützen und
treibt sie zur Kultivierung voran.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, und ich bin gespannt, welche
Diskussionspunkte jetzt kommen.
Anmerkung
1. https://www.apothekerkammer-hamburg.de/infos-fuer-apotheken/poc-antigentest/
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