Zur Universalität des Volksliedes
Von Willis Patterson,
Baßbariton, Prof. em., Vizedekan der Michigan School of Music, Theatre and Dance
Prof. Patterson übermittelte der Konferenz des
Schiller-Instituts den folgenden Beitrag.
Mein Name ist Willis Patterson, und ich möchte kurz mit Ihnen über den Wert
des Volksliedes als Mittel sprechen, das für Klarheit und die dringend
benötigte Erleichterung sorgt, in diesen gefährlichen Zeiten, in denen wir
Menschen derzeit leben. Ich meine nicht nur das COVID-19-Virus, das unser
Leben und den Planeten, auf dem wir leben, bedroht, sondern auch den
gesellschaftlichen Bedarf an Verbesserungen in Bezug auf Trost und Verständnis
füreinander. Das ist ein Thema, mit dem wir Menschen seit Ewigkeiten gerungen
haben, um dringende, sinnvolle Verbesserungen zu erreichen, und als sinnvolle
Alternative zu unseren vielen Kriegen.
Philosophen und Denker haben zu allen Zeiten intelligentere und fähigere
Anstrengungen zur erfolgreichen Bewältigung dieses ärgerlichen Problems
angeboten, als meine einfachen Worte und aufrichtigen Absichten bieten können.
Aber wenn ich über meinen persönlichen Lebensweg nachdenke, ist das ein Anlaß,
über die Rolle nachzudenken, die Lieder im allgemeinen und Volkslieder im
besonderen gespielt haben, und über ihre Rolle für mein Verständnis und
Bedürfnis, mich und andere besser zu verstehen und sich anzupassen – erst
Trost und Verständnis für mich selbst und dann für andere: Eltern,
Geschwister, Freunde, Bekannte, Menschen, mit denen ich täglich oder nur
gelegentlich in Kontakt komme.
Da ich bekanntlich ein langsamer Lerner bin, habe ich diesen Lernprozeß nur
teilweise abgeschlossen, aber diese Anstrengung ist durch meine lebenslange
Faszination, die Volkslieder zu lieben und zu leben, viel angenehmer und
vollständiger geworden.
Nur damit Sie verstehen, was ich meine, wenn ich das Wort „Volksmusik“
verwende, biete ich hier eine Definition an: Ich beziehe mich auf die Musik,
die ihren Ursprung in der traditionellen Volkskultur hat und in ihrem Stil
geschrieben oder aufgeführt wird. Diese Musik ist in der Regel für die
Aufführung durch Gesangssolisten, Gruppen – Chöre oder kleine Ensembles oder
beides – geschrieben, erscheint aber oft auch in instrumentaler Form. Dieser
Musik steht die klassische Musik gegenüber, von der auch ein großer Teil auf
Themen und Motiven alteingesessener Volksmusik gründet und aufbaut, die aber
bewußt von vielen Komponisten in allen Kulturen komponiert wird.
Dabei ist Improvisation derselbe spontane, kreative Impuls, der für einen
Großteil des Wachstums der Kreativität in den Wiederholungsteilen in den Opern
des 16. und 17. Jahrhunderts und in einem Großteil der Barockmusik
verantwortlich war. Dieselbe Tradition der Kreativität ist auch ein
Hauptmerkmal der vom Spiritual inspirierten Improvisation, die es der
Volksmusik ermöglicht, im Volk, aus dem diese Musik entsprungen ist, soviel
Zuneigung und Anziehungskraft auszulösen.
Aber die Hauptzutat, die auf diese Beteiligung des Volkes zurückgeht, ist
das Vorhandensein eines Textes, der in seiner klaren, nicht-komplexen
Bedeutung und Inspiration hervortritt. Das Fehlen eines festen Schemas von
Melodie, Rhythmus und Gesamtform ermöglichte es dem Volk, seine Sorgen,
Freuden, Liebe und Ängste und andere tiefe Gefühle musikalisch auszudrücken.
Kulturelle und regionale Unterschiede, geographische Entfernungen oder
klimatische Einflüsse konnten den natürlichen Impuls nicht aufhalten, diesen
tief empfundenen Gefühlen und Bedeutungen einen klaren musikalischen Ausdruck
zu verleihen und oft auch die historische Aufzeichnung wichtiger Ereignisse
und Zeiten in ihrer Musik und in klarer, eindeutiger Sprache zu
ermöglichen.
Als Afroamerikaner bemühte ich mich, die historische Notlage und das Rätsel
meines Volkes besser zu verstehen, und zu verstehen, wie sich dies auf meine
persönliche Entwicklung und mein geistiges Wachstum auswirkte. Dieses Rätsel
kam einer Lösung näher durch mein enges Verhältnis zu der Geschichte des
jungen afrikanischen Sklaven, der seinen Gott in Frage stellt, im Text des
Liedes Lord, How Come Me Here?
Anknüpfend an solche Arbeitslieder und Spirituals war ich motiviert, mich
allmählich vertrauter und sachkundiger mit der Geschichte der Sklaverei,
Diskriminierung und Rassentrennung in diesem und in den meisten anderen
sogenannten „entwickelten Ländern“ der Welt zu machen. Dies führte mich zu
einer engen stimmlichen und künstlerischen Verbindung zu anderen Negro
Spirituals, die über das innere Leid und Trennungen von Familien sprachen, die
mich und viele meiner Zeitgenossen beeinflußten, die wir uns an unsere Zeit
und unsere Lebensumstände anpaßten. (An dieser Stelle folgt ein Video mit dem
Spiritual Sometimes I Feel Like a Motherless Child.)
Ich habe meine persönlichen Erfahrungen und Abenteuer meines Lebens
genutzt, um ein Gefühl von Selbstvertrauen, Persönlichkeit und
Selbstbewußtsein zu entwickeln, als Mittel zum Wandel von extremer
Unsicherheit und einem unbeholfenen, unsicheren Selbstgefühl hin zu einem
relativ gesünderen und kompetenteren Selbstgefühl. Ich habe zwar noch nicht
die Vollkommenheit erreicht, aber vielleicht bin ich durch die Beschäftigung
mit der Kunst und mit Hilfe der Musik und der Volkslieder einem besseren
Daseinszustand näher gekommen, indem ich daran arbeitete, meine zaghaften und
unsicheren Anfänge zu erleichtern. Ich verdanke einen Großteil meines Gefühls
innerer Verwandlung der glücklichen Bekanntschaft mit der musikalischen Kunst
während meiner unsicheren, tastenden Anfänge, was für mich ein Segen ist. Ich
bin mehr als zuversichtlich, daß ähnliche Ergebnisse erzielt werden könnten,
wenn die Menschen sich allgemein mehr in die Kunst der Volkslieder vertiefen
würden.
Nach den Arbeitsliedern und Spirituals war ich motiviert, mich allmählich
mit Musik und anderen Künsten vertraut zu machen, die zur Lösung der Probleme
der kulturellen Spaltungen und Rassenkonflikte in diesem Land und auf
internationaler Ebene verfaßt und aufgeführt wurden. Meine frühe
Auseinandersetzung mit den Segnungen der Volksmusik war verbunden mit der Gabe
einer angenehmen Stimme – damals und auch heute noch, für mich und wenigstens
einige verbliebene andere, die trotz meines fortgeschrittenen Alters sagen,
daß sie mich gerne hören.
Dies ist mein ständiges Bekenntnis zur Kraft der Kunst, zu heilen und die
Probleme der Welt besser zu lösen als Kriege. Ich weiß, daß die Gabe der
Volksmusik in fast allen, wenn nicht sogar allen Kulturen und Gesellschaften
der Welt existiert. Ihr Segen und ihr Potential für die notwendige Förderung
des inneren Wachstums des Einzelnen und der zwischenmenschlichen und
internationalen Wertschätzung jedes Menschen ist der eigentliche Inhalt von
Schillers Ode an die Freude.
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