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Schiller-Institut e. V.
"Zweck der Menschheit ist kein anderer als die
Ausbildung der Kräfte des Menschen, Fortschreitung."
Friedrich Schiller

 

Zur Universalität des Volksliedes

Von Willis Patterson,
Baßbariton, Prof. em., Vizedekan der Michigan School of Music, Theatre and Dance

Prof. Patterson übermittelte der Konferenz des Schiller-Instituts den folgenden Beitrag.

Mein Name ist Willis Patterson, und ich möchte kurz mit Ihnen über den Wert des Volksliedes als Mittel sprechen, das für Klarheit und die dringend benötigte Erleichterung sorgt, in diesen gefährlichen Zeiten, in denen wir Menschen derzeit leben. Ich meine nicht nur das COVID-19-Virus, das unser Leben und den Planeten, auf dem wir leben, bedroht, sondern auch den gesellschaftlichen Bedarf an Verbesserungen in Bezug auf Trost und Verständnis füreinander. Das ist ein Thema, mit dem wir Menschen seit Ewigkeiten gerungen haben, um dringende, sinnvolle Verbesserungen zu erreichen, und als sinnvolle Alternative zu unseren vielen Kriegen.

Philosophen und Denker haben zu allen Zeiten intelligentere und fähigere Anstrengungen zur erfolgreichen Bewältigung dieses ärgerlichen Problems angeboten, als meine einfachen Worte und aufrichtigen Absichten bieten können. Aber wenn ich über meinen persönlichen Lebensweg nachdenke, ist das ein Anlaß, über die Rolle nachzudenken, die Lieder im allgemeinen und Volkslieder im besonderen gespielt haben, und über ihre Rolle für mein Verständnis und Bedürfnis, mich und andere besser zu verstehen und sich anzupassen – erst Trost und Verständnis für mich selbst und dann für andere: Eltern, Geschwister, Freunde, Bekannte, Menschen, mit denen ich täglich oder nur gelegentlich in Kontakt komme.

Da ich bekanntlich ein langsamer Lerner bin, habe ich diesen Lernprozeß nur teilweise abgeschlossen, aber diese Anstrengung ist durch meine lebenslange Faszination, die Volkslieder zu lieben und zu leben, viel angenehmer und vollständiger geworden.

Nur damit Sie verstehen, was ich meine, wenn ich das Wort „Volksmusik“ verwende, biete ich hier eine Definition an: Ich beziehe mich auf die Musik, die ihren Ursprung in der traditionellen Volkskultur hat und in ihrem Stil geschrieben oder aufgeführt wird. Diese Musik ist in der Regel für die Aufführung durch Gesangssolisten, Gruppen – Chöre oder kleine Ensembles oder beides – geschrieben, erscheint aber oft auch in instrumentaler Form. Dieser Musik steht die klassische Musik gegenüber, von der auch ein großer Teil auf Themen und Motiven alteingesessener Volksmusik gründet und aufbaut, die aber bewußt von vielen Komponisten in allen Kulturen komponiert wird.

Dabei ist Improvisation derselbe spontane, kreative Impuls, der für einen Großteil des Wachstums der Kreativität in den Wiederholungsteilen in den Opern des 16. und 17. Jahrhunderts und in einem Großteil der Barockmusik verantwortlich war. Dieselbe Tradition der Kreativität ist auch ein Hauptmerkmal der vom Spiritual inspirierten Improvisation, die es der Volksmusik ermöglicht, im Volk, aus dem diese Musik entsprungen ist, soviel Zuneigung und Anziehungskraft auszulösen.

Aber die Hauptzutat, die auf diese Beteiligung des Volkes zurückgeht, ist das Vorhandensein eines Textes, der in seiner klaren, nicht-komplexen Bedeutung und Inspiration hervortritt. Das Fehlen eines festen Schemas von Melodie, Rhythmus und Gesamtform ermöglichte es dem Volk, seine Sorgen, Freuden, Liebe und Ängste und andere tiefe Gefühle musikalisch auszudrücken. Kulturelle und regionale Unterschiede, geographische Entfernungen oder klimatische Einflüsse konnten den natürlichen Impuls nicht aufhalten, diesen tief empfundenen Gefühlen und Bedeutungen einen klaren musikalischen Ausdruck zu verleihen und oft auch die historische Aufzeichnung wichtiger Ereignisse und Zeiten in ihrer Musik und in klarer, eindeutiger Sprache zu ermöglichen.

Als Afroamerikaner bemühte ich mich, die historische Notlage und das Rätsel meines Volkes besser zu verstehen, und zu verstehen, wie sich dies auf meine persönliche Entwicklung und mein geistiges Wachstum auswirkte. Dieses Rätsel kam einer Lösung näher durch mein enges Verhältnis zu der Geschichte des jungen afrikanischen Sklaven, der seinen Gott in Frage stellt, im Text des Liedes Lord, How Come Me Here?

Anknüpfend an solche Arbeitslieder und Spirituals war ich motiviert, mich allmählich vertrauter und sachkundiger mit der Geschichte der Sklaverei, Diskriminierung und Rassentrennung in diesem und in den meisten anderen sogenannten „entwickelten Ländern“ der Welt zu machen. Dies führte mich zu einer engen stimmlichen und künstlerischen Verbindung zu anderen Negro Spirituals, die über das innere Leid und Trennungen von Familien sprachen, die mich und viele meiner Zeitgenossen beeinflußten, die wir uns an unsere Zeit und unsere Lebensumstände anpaßten. (An dieser Stelle folgt ein Video mit dem Spiritual Sometimes I Feel Like a Motherless Child.)

Ich habe meine persönlichen Erfahrungen und Abenteuer meines Lebens genutzt, um ein Gefühl von Selbstvertrauen, Persönlichkeit und Selbstbewußtsein zu entwickeln, als Mittel zum Wandel von extremer Unsicherheit und einem unbeholfenen, unsicheren Selbstgefühl hin zu einem relativ gesünderen und kompetenteren Selbstgefühl. Ich habe zwar noch nicht die Vollkommenheit erreicht, aber vielleicht bin ich durch die Beschäftigung mit der Kunst und mit Hilfe der Musik und der Volkslieder einem besseren Daseinszustand näher gekommen, indem ich daran arbeitete, meine zaghaften und unsicheren Anfänge zu erleichtern. Ich verdanke einen Großteil meines Gefühls innerer Verwandlung der glücklichen Bekanntschaft mit der musikalischen Kunst während meiner unsicheren, tastenden Anfänge, was für mich ein Segen ist. Ich bin mehr als zuversichtlich, daß ähnliche Ergebnisse erzielt werden könnten, wenn die Menschen sich allgemein mehr in die Kunst der Volkslieder vertiefen würden.

Nach den Arbeitsliedern und Spirituals war ich motiviert, mich allmählich mit Musik und anderen Künsten vertraut zu machen, die zur Lösung der Probleme der kulturellen Spaltungen und Rassenkonflikte in diesem Land und auf internationaler Ebene verfaßt und aufgeführt wurden. Meine frühe Auseinandersetzung mit den Segnungen der Volksmusik war verbunden mit der Gabe einer angenehmen Stimme – damals und auch heute noch, für mich und wenigstens einige verbliebene andere, die trotz meines fortgeschrittenen Alters sagen, daß sie mich gerne hören.

Dies ist mein ständiges Bekenntnis zur Kraft der Kunst, zu heilen und die Probleme der Welt besser zu lösen als Kriege. Ich weiß, daß die Gabe der Volksmusik in fast allen, wenn nicht sogar allen Kulturen und Gesellschaften der Welt existiert. Ihr Segen und ihr Potential für die notwendige Förderung des inneren Wachstums des Einzelnen und der zwischenmenschlichen und internationalen Wertschätzung jedes Menschen ist der eigentliche Inhalt von Schillers Ode an die Freude.