Ernährt die Zukunft: Essen ist ein moralisches Recht
Ein Dialog mit amerikanischen Farmern
© Schiller-Institut
Bob Baker, Virginia, Landwirtschafts-Koordinator des Schiller Instituts.
Bob Baker: Ich möchte dem Schiller-Institut und auch Helga
LaRouche für die Gelegenheit danken, diese sehr wichtigen Fragen aufzugreifen.
Die Welt steht vor der größten Nahrungsmittelkrise der Geschichte. Dazu
gehören auch die Vereinigten Staaten. Was war die Lage vor sechs Monaten? In
Europa waren Tausende von Landwirten mit ihren Traktoren auf den Straßen von
Berlin, Paris und Madrid; und Monat für Monat verstopften sie die europäischen
Städte und Hunderte von Kilometern von Autobahnen. In den Vereinigten Staaten
verließen im vergangenen Jahr Hunderte von Landwirten ihre Farmen und Felder
und zogen zu Massenversammlungen im Farmbelt. Warum? Das Finanz- und
Wirtschaftssystem war so desolat geworden, daß sie für das Recht auf
Nahrungsmittelproduktion demonstrierten. So war es auch in anderen Teilen der
Welt, wo Menschen aus Südafrika, Südamerika und dem Nahen Osten auf der Straße
waren. Sie konnten es sich nicht mehr leisten zu essen! In Afrika ist fast die
Hälfte des gesamten riesigen Kontinents auf Nahrungsmittelimporte angewiesen,
während er mit der richtigen Technologie die ganze Welt ernähren könnte.
Wir wußten also bereits, daß wir ein neues System brauchen. Dann, peng! –
hat das neue Virus zugeschlagen. Jetzt müssen wir dieses bösartige,
zusammenbrechende Spekulationssystem der Wall Street, City of London sofort
durch ein neues Produktionssystem ersetzen. Und den Landwirten kommt dabei
eine besondere Rolle zu, denn sie haben als Lebensmittelproduzenten Autorität.
Nahrung ist ein moralisches Recht.
Ich bin sehr stolz auf dieses Team von sechs Landwirtschaftsvertretern, die
sich hier und heute dafür einsetzen. Sie stehen den Bauern auf der ganzen Welt
zur Seite, aber sie kämpfen auch für die Städte, die Nahrung brauchen. Und
jetzt, im Gefolge der Krise, unterstützen wir die Wiedergeburt eines Systems
souveräner Nationen, jede mit ihrer eigenen autarken Lebensmittelversorgung,
so daß keine internationale Bank oder kein Unternehmensmonopol jemals wieder
die Lebensmittelproduzenten und die arbeitenden Menschen ausplündern wird.
Dies ist eine echte Harmonie der Interessen, wie es Abraham Lincolns
Wirtschaftsberater Henry Carey forderte.
Wir werden gleich Stimmen aus dem gesamten Mittleren Westen der Vereinigten
Staaten hören, aus Indiana, Missouri und Kansas, aus dem Flußbecken des
Mississippi, aus den High Planes, aus Montana und Colorado und aus
Kalifornien. Ich selbst stamme aus Iowa, wo fast meine ganze Familie Mais und
Sojabohnen anbaut und Rinder und Schweine züchtet. In jeder Botschaft werden
Sie verschiedene Grundprinzipien hören, die wir durchsetzen müssen, wie z.B.
faire Preisgestaltung, kein Ausspielen einer Nation gegen eine andere mehr,
keine Mega-Lebensmittelkartelle mehr, kein Abzocken in den Supermärkten mehr.
Wir müssen handeln. Die weltweite Hungerpandemie ist neben der Viruspandemie
eine echte Gefahr.
Zuerst brauchen wir Sofortmaßnahmen, um überall sämtliche
landwirtschaftlichen Kapazitäten zu retten. Retten wir die Herden, die Ernten,
die Bauernhöfe und die Bauernfamilien auf dem Land. Einkommensbeihilfen, wo es
erforderlich ist, einen Paritätspreis, keine Zwangsvollstreckungen von
Bauernhöfen oder landwirtschaftlichen Betrieben und vieles mehr. Die
Lebensmittel müssen dorthin gelangen, wo sie hin müssen. Planung und
Verteilung von Getreide an die 36 Länder, die vollständig von Lieferungen von
außen abhängig sind. Planung in Stufen. Nutzen wir den Vorschlag des
Welternährungsprogramms für humanitäre Drehscheiben, und sorgen wir dafür, daß
es funktioniert.
Zweitens: Setzen wir auf längere Sicht alle Maßnahmen zum Aufbau einer
Agrar- und Industrieproduktion in allen Ländern um. Kein Outsourcing von
Nahrungsmitteln durch die imperialen Kreise mehr. Das bedeutet Zusammenarbeit;
deshalb sind wir heute hier. Das bedeutet, daß alle essen sollen, und das ist
die Zukunft. Aus diesem Grund ist die Kultur, über die im letzten Panel
diskutiert wurde, sehr wichtig als ein Aspekt, die Landwirtschaft wieder zu
einer Kultur zu machen.
Hören wir nun die Berichte der Landwirte. Der erste ist Joe Maxwell. Ich
danke Ihnen vielmals.
© Joe Maxwell
Joe Maxwell, Missouri, ehem. stellv. Gouverneur von Missouri und Mitgründer
der Family Farm Action Alliance.
Joe Maxwell: Ich möchte dem Schiller-Institut dafür danken,
daß ich heute hier sein darf, und ich danke Ihnen allen, daß Sie sich uns
angeschlossen haben. Ich bin Joe Maxwell. Ich bin Mitbegründer der Family
Farm Action Alliance. Ich leite einen Familienbetrieb in der vierten
Generation in den Vereinigten Staaten. Meine Farm liegt im Bundesstaat
Missouri, etwa 100 Meilen westlich des Mississippi. Heute sind wir alle
bedroht; eine Bedrohung, die von der COVID-19-Pandemie ausgeht. Sie bedroht
unsere Gesundheit, die Gesundheit unserer Familien und die Gesundheit unserer
Nachbarn auf der ganzen Welt. Sie ist auch eine Bedrohung für unsere
Wirtschaft, für unsere Lebensweise. Weltweit sind Menschen entlassen worden.
Landwirte und Viehzüchter haben keinen Markt mehr. Die Verbraucher werden in
den Supermärkten über die Preise ausgebeutet. Das bedroht unsere Lebensweise.
Die Bedrohung geht ebenso sehr von der Pandemie wie von den Monopolen aus, die
den Markt und unsere Wirtschaft kontrollieren.
In den letzten 30 oder 40 Jahren haben unsere Regierungen einer Handvoll
Unternehmen erlaubt, unsere Lebensmittel und unsere Landwirtschaft zu
kontrollieren. Das geschah im Namen der Effizienz, doch viele von uns empörten
sich über das unhaltbare System und seine Schwächen. Doch wir wurden nur
selten gehört.
Was heute unsere Wirtschaft bedroht, ist, daß unsere Regierungen die
Existenz dieser globalen Giganten zugelassen haben. Als Beispiel: JBS, der
weltgrößte Fleischproduzent, hatte im letzten Quartal im Vergleich zum Vorjahr
einen Umsatzanstieg von 322%, während bäuerliche Familienbetriebe, Viehzüchter
und Kleinunternehmer weltweit in Konkurs gehen. Als ehemaliger Vizegouverneur
des Bundesstaates Missouri kann ich Ihnen sagen, daß wir jede Art von
Wirtschaft haben können, die wir wollen, aber die Politik muß sie
unterstützen. Die Wirtschaft, die von großen Monopolen gekapert wurde, ist das
Resultat davon, daß unsere Regierungen dies zugelassen haben. Wenn es etwas
Gutes an einer Pandemie geben kann, wie wir sie weltweit erleben, dann das,
daß wir alle mit einer Stimme sprechen, Farmer und Viehzüchter zusammen mit
den Arbeitern, Arbeiter zusammen mit den Farmern und Viehzüchtern,
Kleinunternehmer mit den Farmern, die sich für die Arbeiter in den Betrieben
einsetzen. Zusammenstehen, eine Stimme erheben und einen Paradigmenwechsel,
d.h. einen Wandel in unserer Wirtschaft fordern. Wir müssen die Wirtschaft den
Konzernriesen wie JBS aus den Händen reißen und sie wieder in unsere Hände
legen. Die Wirtschaft gehört dem Volk, und wir haben das Recht, Veränderungen
zu fordern. Dann kann die Pandemie etwas Gutes bewirken.
© Bill Bullard
Bill Bullard, Montana, Vorstandschef R-CALF USA.
Bill Billard: Hallo, ich bin Bill Bullard, Vorsitzender von
R-CALF USA, dem größten Erzeugerverband, der ausschließlich Rinderzüchter in
den Vereinigten Staaten vertritt. Die Rinderzucht ist das größte Segment der
amerikanischen Landwirtschaft und erwirtschaftet jährlich etwa 67 Milliarden
Dollar aus dem Verkauf von Rindern und Kälbern. Die Viehproduzenten sind über
alle 50 Bundesstaaten verstreut, und unsere Lebendrinder-Industrie ist wohl
der wichtigste Eckpfeiler für das gesamte ländliche Amerika.
Doch unsere Rinderindustrie schrumpft schnell. In nur wenigen Jahrzehnten
haben wir über eine halbe Million Viehzüchter verloren. Vier von zehn
Rinderproduzenten, die 1980 im Geschäft waren, sind heute verschwunden. Unsere
Rinderherden sind um 15% geschrumpft; unsere Mutterkuhherden haben sich um
mehr als 5 Millionen Tiere verringert. Wir haben 75% unserer unabhängigen
Rinderfutterbetriebe verloren.
Diese Schrumpfung der Lebendviehkette fällt mit einer massiven
Konzentration in der Vermarktungsstruktur unserer Branche zusammen. Ein
Viertel der lokalen und regionalen Viehauktionshöfe unseres Landes sind
verschwunden, und eine Reihe von Fleischverarbeitungsbetrieben sind
weggefallen, wobei jetzt nur noch vier große Unternehmen die Schlachtung von
etwa 85 % der etwa 25 Millionen Rinder kontrollieren, die in Amerika jedes
Jahr anfallen.
Unsere Lebendviehkette schrumpft auch aufgrund einer verfehlten
Handelspolitik. In den letzten 25 Jahren wurde die Einfuhr von billigem
Rindfleisch und Rindern erleichtert, ohne den hiesigen Viehzüchtern die
Möglichkeit zu geben, ihr eigenes Rindfleisch von diesen Billigimporten zu
unterscheiden. Nur eine kurze Zeitlang wurde den US-Rinderproduzenten ein
obligatorisches Länder- oder Herkunftsetikett auf Rindfleischprodukte gewährt,
das ihnen für diesen kurzen Moment erlaubte, auf ihrem eigenen Markt zu
konkurrieren.
Unsere Rinderindustrie ist der einzige verbleibende Viehzuchtsektor in
Amerika, der noch über die kritische Masse an wettbewerbsfähigen
Vermarktungskanälen verfügt, um mit dem Wiederaufbau einer robusten,
wettbewerbsfähigen Industrie zu beginnen. Die Schweine-, Geflügel- und
Schafzuchtindustrie ist so weit geschrumpft worden, daß sie von Grund auf neu
aufgebaut werden muß, weil sie nur noch aus sehr wenigen Betrieben
besteht.
Die Schrumpfung, von der ich spreche, besteht in der vertikalen
Integration; und das tötet den Wettbewerb. Die amerikanische Schweine- und
Geflügelindustrie wird heute vom Ei bis zum Verbrauch oder von der Geburt bis
zum Verbrauch von multinationalen Fleischverarbeitungskonglomeraten
kontrolliert.
Unsere Lebendvieh-Industrie ist die letzte Bastion, die die multinationalen
Fleischverarbeiter noch erobern müssen. Aber wir werden das nicht zulassen.
Wir wehren uns an vielen Fronten. Im US-Kongreß streben wir Reformen an, um
unsere kaputten Märkte wieder aufzubauen. Die Praktiken der Fleischverarbeiter
müssen verboten werden, die auf dem Markt ein völliges Ungleichgewicht
zwischen Rinderproduzenten und -verarbeitern geschaffen haben. Bei der
Regierung streben wir Reformen der Handelspolitik an, die jetzt die
Viehzüchter benachteiligt und die multinationalen Unternehmen begünstigt. In
Justizbereich setzen wir in einer historischen Sammelklage die amerikanischen
Anti-Trust-Gesetze gegen die vier größten Rindfleischverarbeiter durch, denen
vorgeworfen wird, unrechtmäßige Absprachen getroffen zu haben, um die
Erzeugerpreise zu drücken und gleichzeitig ihre eigenen Gewinne in die Höhe zu
treiben.
R-CALF USA wird weiter für Amerikas Rinderzüchter kämpfen, bis wir
gewinnen. Ich danke Ihnen.
© Tyler Dupy
Tyler Dupy, Kansas, Exekutivdirektor der Kansas Cattlemen’s Association.
Tyler Dupy: Mein Name ist Tyler Dupy, und ich möchte Ihnen
danken, daß ich heute zu Ihnen sprechen darf. Es ist inspirierend zu sehen,
wie mit ein wenig Einfallsreichtum und harter Arbeit so viele große Geister
virtuell während dieser COVID-Pandemie zusammenkommen können.
Es gibt eine Kluft zwischen Verbrauchern und Nahrungsmittelproduktion, und
sie vergrößert sich derzeit noch. Die Nahrungsmittelproduktion der Konzerne
wächst in einem ungeahnten Ausmaß, während die unabhängige Landwirtschaft
schrumpft. Die Ernährung ist zu einem Nebenprodukt der Lebensmittel geworden,
wobei im Fernsehen nur noch Kochsendungen gebracht werden, in denen jemand
eine Mahlzeit zubereitet, ohne irgendeinen Hinweis darauf, wo die Lebensmittel
tatsächlich angebaut oder wie sie tatsächlich geerntet werden. Die
Landwirtschaft ist die eigentliche Quelle von Lebensmitteln und Ballaststoffen
und muß dem Verbraucher die Fakten und keine Fiktion nahebringen.
Die unabhängige Landwirtschaft befindet sich bereits jenseits der Krise.
Wir befinden uns inmitten einer Katastrophe noch nie dagewesenen Ausmaßes.
Viehzüchter und Landwirte sehen sich täglich Widrigkeiten ausgesetzt; und an
der wetterunabhängigen Front erleben wir gesetzgeberische und
ordnungspolitische Maßnahmen zur Förderung von Unternehmensinteressen, die so
gierig sind, daß alles gegen uns spielt. Für Landwirte ist es nicht nur
schwierig, sondern fast unmöglich, Zugang zu Finanzmitteln zu finden. In den
meisten Bereichen kontrollieren die Lebensmittel- und Chemiekonzerne die
Warenflüsse und Finanzmittel. Gesetze machen traditionelle Bankfinanzierungen
nahezu unmöglich. Bei der Vermarktung unserer Produkte erzeugen die
spekulativen Terminmärkte Erschütterungen in der gesamten Branche. Die Händler
in Chicago und New York füllen ihre Taschen bis zum Rand, während die
Produzenten völlig leer ausgehen. Es müssen gezielte Schritte unternommen
werden, um die weitere Schrumpfung der Agrarlandschaft und die endgültige
vertikale Integration der Nahrungsmittelproduktion zu verhindern. Bald wird
das Konzern-Amerika die gesamte Nahrungsmittelproduktion kontrollieren. Wir
sind auf dem Weg zu einer Mentalität von Hungerspielen, bei der Nahrung die
Belohnung für Wohlverhalten gegenüber dem Unterdrücker ist.
Ich danke Ihnen. Ich weiß es zu schätzen, daß ich heute zu Ihnen sprechen
durfte.
© Frank Endres
Frank Endres, Kalifornien, seit 63 Jahren Mitglied der National Farmers
Organization.
Frank Endres: Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, zu
sprechen, und ich möchte auch Helga LaRouche und dem Schiller-Institut dafür
danken, uns die Zeit zu geben, unsere Ansichten darzulegen. Ein wenig über
mich selbst: Ich bewirtschafte hier zusammen mit meinen beiden Söhnen eine
Ranch im westlichen Sacramento Valley in Nordkalifornien. Wir züchten Vieh und
bauen Getreide an.
In den Nachrichten hört man jetzt viel über Ernährungssicherheit, und zwar
wegen der COVID-19-Epidemie. Deshalb möchte ich darüber ein wenig sprechen.
Einer der Gründe für die Besorgnis über unsere Ernährungssicherheit ist der
Verlust von Ackerland. Mehr als 5000 Morgen pro Tag werden der
Nahrungsmittelproduktion durch den Bau von Einkaufszentren, Schulen,
Parkplätzen, Wohnungen usw. entzogen. Eine neue zusätzliche Bedrohung sind die
großen Flächen erstklassigen Ackerlandes, die für Sonnenkollektoren benötigt
werden. Dadurch droht uns ein großer Verlust an Ackerland.
Dazu kommt eine alternde Landbevölkerung. Unter 35 Jahre alt sind nur 5%
der Farm-Bevölkerung, während am anderen Ende des Spektrums über 65% der
Farm-Bevölkerung 65 Jahre und älter sind.
Eine weitere Bedrohung, und wahrscheinlich die größte Gefahr für unsere
Ernährungssicherheit, sind die niedrigen Rohstoffpreise. Die Art und Weise,
wie sich das Einkommen der Farmer zusammensetzt, ermöglicht eine massive
Plünderung der Bauernhöfe und Ranchs unseres Landes. Denn der Preis, den die
Farmer heute erhalten, wird mit dem Preis verglichen, den er vor einem Jahr,
vor zwei Jahren, vor fünf Jahren erhielt. Das hat nichts mehr mit heute zu
tun. Ein Preis, den der Landwirt oder jeder andere erhält, muß mit allem
verglichen werden, was er heute für seinen Betrieb aufwenden muß.
Darüber hinaus muß er eine zusätzliche Vergütung für seine
Lebenshaltungskosten erhalten. Darum geht es beim Paritätspreis.
Bezogen auf die Kaufkraft oder Parität des Erzeugers liegen die
durchschnittlichen Agrarpreise heute 30% niedriger als während der
Weltwirtschaftskrise 1933, als die Agrarpreise 64% der Parität ausmachten.
Landwirte und Viehzüchter haben heute über 70% ihrer Kaufkraft verloren. Die
einzige Möglichkeit, diesen Verlust auszugleichen, besteht darin, immer mehr
Kredite aufzunehmen. Dies hat dazu geführt, daß die Selbstmordrate unter
Landwirten heute höher ist als in den 1980er Jahren.
Abschließend möchte ich sagen, daß ein Mensch vielleicht einmal im Leben
wirklich einen Arzt, einen Anwalt, einen Geistlichen braucht. Aber dreimal am
Tag braucht ein Mensch einen Landwirt, der ein Lebensmittelproduzent ist.
Damit möchte ich schließen und sagen, daß auch in vielen anderen Ländern der
Welt die Ernährungssicherheit bedroht ist, und das muß korrigiert werden. Ich
danke Ihnen.
© James Benham
James Benham, Landespräsident der Indiana Farmers Union und Mitglied des
nationalen Vorstands der National Farmers Union.
James Benham: Mein Name ist James Benham. Ich bin
Landespräsident der Indiana Farmer's Union und sitze auch im nationalen
Vorstand der National Farmer's Union. Ich bin Landwirt; ich züchte Mais und
Sojabohnen. Ich habe in der Vergangenheit Tabak angebaut, und als das
politisch nicht mehr korrekt war, sind wir alle aus diesem Geschäft
ausgestiegen. Aber ich möchte ein wenig über das Problem sprechen, das wir
heute mit der Landwirtschaft haben, wobei ich mehr auf das eingehen will, was
in den Vereinigten Staaten vor sich geht als in anderen Ländern, aber ich
werde versuchen, mein Bestes zu tun, um die ganze Welt so gut wie möglich
einzubeziehen. Ich möchte auch dem Schiller-Institut und Helga LaRouche dafür
danken, daß ich heute hier teilzunehmen kann. Sie leisten alle eine großartige
Arbeit, und wir müssen sie dabei auf jede nur erdenkliche Weise
unterstützen.
Ich möchte ein wenig über zwei Viren sprechen, die wir uns eingefangen
haben. Das erste ist natürlich das Coronavirus, das für die Welt verheerend
ist und das weltweit Milliarden und Abermilliarden Dollar an verlorenen
Arbeitsplätzen, Einkünften und Möglichkeiten kostet. Doch es gibt auch das
Wallstreet-Virus, das uns jeden Tag verfolgt. Gestern war es da, und es wird
auch morgen noch da sein; man läßt uns einfach weiter bluten durch ihre
Spekulationen und wie sie über die Märkte denken. Die Bauern haben keine
Kontrolle über den Preis – er steigt und fällt wie ein Jo-Jo. Die Theorie von
Angebot und Nachfrage, die von den Spekulanten bemüht wurde, ist wie
weggeblasen. Es geht nur noch um Dollar und Cent und wie man am besten alles
zusammenbringt. Ich denke, hierbei muß es um Glass-Steagall gehen – dafür
kämpfen wir schon eine ganze Weile. Wir müssen die Monopolbanken an der Wall
Street zerschlagen und wieder dahin zurückkommen, wo die Landwirte verstehen,
wie sie sich Geld leihen können, und das Geld in die Hände der Leute kommt,
die es brauchen.
Wie werden wir langfristig die Bedürfnisse der Menschen auf der ganzen Welt
befriedigen können? Das bringt uns zu der Frage, was die Menschen zu essen
brauchen. Was wollen wir für sie produzieren? Das größte Problem, das ich
sehe, ist, daß wir in den USA, in Afrika und anderswo Verantwortung dafür
tragen, daß alle regelmäßig etwas zu essen bekommen und wir uns vor
Nahrungsmittelknappheit schützen können. Jetzt ist alles hier in den USA auf
das Coronavirus zurückzuführen. Diese Krise ist für uns eine Gelegenheit,
langfristige Lösungen für die Ernährungs- und Agrarsysteme zu suchen. Dazu
gehört auch die Preisfestsetzung, die wir haben, und andere Mißbräuche durch
die Marktmacht der Fleischverarbeitungsindustrie sowie die Anpassung des
Angebots bei Milch an die Nachfrage. Es ist kein Geheimnis, daß die Engpässe,
die wir erleben, darauf zurückzuführen sind, daß die Hälfte unseres
Nahrungsmittelsystems verloren gegangen ist. Bei der anderen Hälfte, die sich
in unseren Supermärkten befindet, wo die Menschen ihren Bedarf für die Woche
kaufen, gibt es keine Konkurrenz mehr. Dieses „Just-in-time“, an das wir uns
alle gewöhnt haben, entspricht nicht unseren heutigen Bedürfnissen.
Auf der anderen Seite haben wir nicht genügend Landwirte, um die Menge an
Produkten zu erzeugen, und wir haben auch nicht die Verarbeitungsbetriebe, um
die Nachfrage in jeder Krise zu befriedigen. Es gibt ein oder zwei Betriebe
hier in den Vereinigten Staaten, die ein Coronavirus-Problem hatten; sie haben
ihre Verarbeitung für einen Monat stillgelegt. Das ist ein großer Mangel. Die
Nachfrage nach Rindfleisch sinkt, was den Markt für Rindfleisch zum Erliegen
brachte. Die Landwirte leiden also ohne eigenes Verschulden, und sie können
all die Produkte, die sie erzeugt haben, nirgendwo loswerden. Viele von ihnen,
was das Gemüse und so weiter betrifft, pflügen es um; die Farmer töten ihre
Tiere, weil sie es sich nicht mehr leisten können, sie zu ernähren.
Um die Sache noch schlimmer zu machen, gebe ich Ihnen nur ein Beispiel. Der
Verkaufspreis für ein Pfund Schinkenspeck beträgt 5 Dollar; der Anteil des
Landwirts, wenn sein Produkt beim Verbraucher ankommt, beträgt 63 Cents.
Schauen wir auf den Weizen, der auf der ganzen Welt angebaut wird: Ein Laib
Brot von zwei Pfund kostet im Einzelhandel 3,99 Dollar; der Anteil des
Landwirts ist nur 12 Cents. Man könnte ewig so weitermachen. Diejenigen unter
Ihnen, die gerne Bier trinken, zahlen für ein Sechserpack Bier 9,99 Dollar im
Einzelhandel; der Anteil des Landwirts beträgt 4 Cents. Diese Dinge sind
einfach unerhört.
Es ist an der Zeit, daß wir die Dinge ändern. Wir müssen als globale
Industrie zusammenarbeiten und versuchen, Lebensmittelpreise so zu gestalten,
daß sie für alle Menschen auf der Welt tragbar sind, daß alle eine faire und
gerechte Chance haben und die Spekulationsprobleme aus der Welt geschafft
werden. Ich danke Ihnen vielmals. Gott segne Sie alle, und ich hoffe, etwas
hilfreich gewesen zu sein.
© Mike Callicrate
Mike Callicrate, Kansas/Colorado, Vorstandsmitglied der Organization for
Competitive Markets, Inhaber von Ranch Foods Direct.
Mike Callicrate: Wo wir hier jetzt über das COVID-19-Thema
sprechen, denke ich, daß das Versagen unseres industriellen
Lebensmittelsystems überdeutlich geworden ist. Es gab noch nie mehr Geld im
Nahrungsmittelgeschäft als heute. Die Verbraucher haben noch nie mehr für
Lebensmittel bezahlt. Und die Erzeuger dieser Lebensmittel, ob die
Landarbeiter, die Lebensmittelverarbeiter oder die Landwirte oder Viehzüchter
selbst, haben noch nie so wenig von den Lebensmittel-Dollars auf der
Verbraucherebene erhalten. Es ist also ein guter Zeitpunkt, um einmal über ein
alternatives Ernährungssystem zu sprechen und damit zu beginnen, es umzusetzen
- ein System, das eher lokal und regional ausgerichtet ist. Mit Ranch Foods
Direct machen wir das seit etwa 20 Jahren. Ich wurde vor 20 Jahren
praktisch dazu gezwungen, als ich mein Vieh nicht mehr verkaufen konnte. Ich
sagte mir, man könnte zwar prozessieren oder Gesetze erlassen, aber warum
machen wir nicht etwas anderes? Warum bauen wir nicht einen alternativen Weg
zum Verbraucher auf? Das ist es, was wir heute hier mit Ranch Foods Direct
machen.
Wir züchten unsere Tiere in St. Francis, Kansas; wir verarbeiten sie dort.
Wir zerteilen sie in Schlachtkörper; diese werden nach Colorado Springs
transportiert, wo sie weiter zerlegt und direkt an die Verbraucher verkauft
werden. Wir haben das System selbst aufgebaut, und das war harte Arbeit. Wir
sind auf alle möglichen Hindernisse und Probleme gestoßen, aber wir sind immer
noch da. Ich glaube, heute ist der richtige Zeitpunkt, dies auch in anderen
Landesteilen auszubauen. Solange das Land mit den Städten in Verbindung treten
kann, läßt sich so etwas auf der ganzen Welt verwirklichen. Es muß mit dem
Ziel geschehen, das Einkommen auf den Höfen und Ranchs zu erhöhen und den
Arbeitern einen fairen Lohn für ihren Lebensunterhalt zu zahlen.
Wenn man heute überlegt, warum Schweinefleischbetriebe geschlossen werden,
weil darin so viele COVID-Fälle aufgetreten sind, warum werden diese Leute
krank? Weil sie auf engstem Raum arbeiten; sie essen auf engstem Raum; sie
fahren zusammen im selben Auto; sie leben in mehreren Familien in Wohnungen.
Warum tun sie das? Weil sie schlecht bezahlt werden; sie erhalten keinen
existenzsichernden Lohn, und sie leben wirklich im Abseits. Die meisten von
ihnen sind nicht legal hier, deshalb haben sie Angst.
Ich sage, laßt es uns für alle besser machen; vom Landwirt über den
Viehzüchter bis hin zum Arbeiter, und für den Verbraucher, damit er gute und
gesunde Lebensmittel bekommt, im Gegensatz zu den verarbeiteten
Fertigprodukten, die dem Verpacker und dem Einzelhändler viel Geld einbringen;
aber die Produzenten und die Verbraucher kommen zu kurz.
Ich denke, jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Wir müssen heute etwas Neues
aufbauen. Aber wir brauchen Verordnungen, die zu diesem Konzept passen. Und
wir brauchen eine Regierung, die der Idee freundlich gesinnt ist. Das wird
wahrscheinlich eine der größten Herausforderungen sein, denn die muß von allen
finanziert werden; nicht nur auf dem Rücken der Landwirte, nicht nur auf dem
Rücken der Viehzüchter und schon gar nicht auf dem Rücken der Arbeiter, die
die Lebensmittel verarbeiten, bevor sie zum Verbraucher gelangen. Es muß von
allen finanziert werden. Und im Moment haben die Menschen auf den Farmen und
Ranchs wirklich kein Geld. Sie sind schon so lange ausgeplündert und
ausgesaugt worden. Sie haben keinerlei Rücklagen; sie können kein Geld
verdienen, weil es keine fairen Märkte gibt, auf denen sie ihre Produkte
verkaufen können. Wir müssen hier wirklich als Gesellschaft auftreten und all
diese Dinge finanzieren, aufbauen und unterstützen.
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