Kurswende zurück zum Ziel einer vollkommeneren Union
Von Dr. Joycelyn Elders
Dr. Joycelyn Elders, ehemals Surgeon General der Vereinigten
Staaten, hielt in der Internetkonferenz des Schiller-Instituts am 6. September
den folgenden Vortrag.
Vielen Dank für die Gelegenheit, auf den Konferenzen des Schiller-Instituts
zu sprechen. Die heutige Konferenz soll sich mit einem neuen Paradigma
befassen, das auf die gemeinsamen Ziele der Menschheit ausgerichtet ist.
In einem Wirbelsturm von Katastrophen erleben wir alle eine weltweite
Pandemie des neuen Virus, mangelnde medizinische Vorbereitung, Mangel an
Schutzausrüstung, Krankenhausbetten und medizinischem Personal, unvorbereitete
Regierungen, Wirtschaftsrezessionen, Arbeitslosigkeit, eine riesige Zahl
hungriger, hilfloser Menschen und Polizeibrutalität. Wir sind Zeugen von
Ungleichheiten in den USA und auf der ganzen Welt, die wir seit vielen Jahren
wegwünschen wollten. Wir werden das Jahr 2020 nicht so bald vergessen.
Es ist, als ob alle die Traumata der Krankheit, die uns umgibt und fast
verzehrt, die Balken von unseren Augen gerissen hätten, und jetzt sehen wir
mit dem Blick von 2020. Wie konnten wir diese Katastrophen nicht kommen sehen?
Die Mehrheit der Menschen ist unzufrieden mit den Ungerechtigkeiten und
Ungleichheiten. Sie sehen jetzt mit dem Blick von 2020 in allen Bereichen, ob
wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit oder Medizin.
Ganze Länder sind weitgehend lahmgelegt. Die Menschen auf der Welt sind wie
auf Eis gelegt. Jetzt fragen sich alle diese Menschen in der Warteschleife:
Was tun wir in dieser neuen Welt?
Was können wir also tun?
Wir haben die Vorarbeit schon geleistet, als wir alle Bereiche der
Wirtschaft, sozialer Gerechtigkeit und Medizin, alle Aspekte des Lebens eines
Menschen, unter die Lupe nahmen und sie als „soziale Determinanten der
Gesundheit“ bezeichneten. Wir wissen, daß die Gesundheit eines Menschen mehr
ist als nur ein Keim oder eine Verletzung. Vielmehr wird die Gesundheit
bestimmt durch ein vernetztes System von allem, was in einer Gesellschaft ist.
Wir wissen, daß die sozialen Determinanten von Gesundheit eher Fakten als eine
politische Haltung sind.
Wir haben die Menschen nicht den Unterschied zwischen Glauben und Fakten
gelehrt. Viele scheinen die Bedeutung der öffentlichen Gesundheit und
Wohlfahrt nicht zu erkennen. Ein Mensch ist nur so gesund wie der am wenigsten
gesunde und wohlhabende Mensch unter uns. Damit die öffentliche Gesundheit gut
ist, müssen Gesundheitsfürsorge und Wohlstand auf alle ausgedehnt werden.
Jeder Mensch in unserer Menschheit braucht die gleichen Dinge, um ganz und
gesund zu sein. Die sozialen Determinanten der Gesundheit tragen diesen
Bedürfnissen Rechnung.
Natürlich müssen wir uns mit der Pandemie COVID-19 befassen, an der
Menschen auf der ganzen Welt sterben. Wir wenden Verfahren und Prinzipien an,
die über Jahrhunderte entwickelt wurden, und wir wissen, was wir gegen diese
Infektion tun müssen. Wir wissen, daß sie über die Luft übertragen wird, wir
wissen, daß wir Masken tragen müssen, daß wir Abstand von anderen halten
müssen, daß wir uns nicht in Gruppen versammeln dürfen, daß wir zu Hause
bleiben müssen, daß wir Zoom verwenden müssen. Wir sind dabei, bessere Tests
und Impfstoffe zu entwickeln, und wir lernen langsam etwas über Behandlungen
und über bekannte Medikamente, die bei der Behandlung von Covid-19 wirksam
sind.
Dies ist eine kurzfristige Lösung für das unmittelbare Problem. Aber die
Angst, die wir empfinden, rührt nicht nur von COVID-19 her. Den meisten von
uns ist klar, daß Ungleichheit und Ungerechtigkeit Menschenleben kosten, daß
wir nur so gesund sind wie unsere am wenigsten gesunden Menschen. Diejenigen,
die Geld haben, sind genauso verletzlich wie diejenigen, die kein Geld haben.
Die höheren Kasten sind genauso krank wie die niedrigeren Kasten. Wir müssen
unser Gesundheitssystem verändern, und dazu gehört auch eine Veränderung
unseres Sozialsystems.
Aber ist das der richtige Zeitpunkt – mitten in einer Pandemie eine
gewaltige Veränderung in Angriff zu nehmen?
Wir wissen, was getan werden muß
Die medizinische Wissenschaft kann etwas bieten, und ich denke, wir möchten
der ganzen Welt bessere Gesundheits- und Wohlfahrtssysteme bieten. Wir wissen
schon, was getan werden muß. Wie das erreicht werden kann, steht noch aus. Und
so wie es aussieht, denken viele darüber nach, wie man einen großen Wandel
herbeiführen kann.
Wir müssen entscheiden, was wir nach der Bildung als nächstes tun müssen.
Wir kennen unser Ziel: eine große Veränderung in unserer Gesellschaft, um die
sozialen Determinanten der Gesundheit zu einer allgemeinen Erkenntnis aller zu
machen. Ich denke, wir alle wollen uns dem Aufbau des öffentlichen
Gesundheitssystems zuwenden, das werden die Heere für eine gerechte Gesundheit
und Wohlfahrt sein. Wir brauchen ein ganzes Heer von Menschen, um diese
Veränderungen herbeizuführen. Helga LaRouche hat die Bildung des Ausschusses
für die Koinzidenz von Gegensätzen gefordert. Diese Initiative wird einen
internationalen Chor ins Leben rufen, der sich für die Schaffung einer Art
Apollo-Projekt im Weltgesundheitswesen einsetzt, genauso plötzlich und doch so
inspirierend, wie es John F. Kennedys unglaubliches Mondprojekt war.
Es ist ja auch nicht so, daß das, was wir vorschlagen, neu wäre.
Mitarbeiter des öffentlichen Gesundheitswesens waren seit den 1860er Jahren in
weiten Teilen der Vereinigten Staaten eine feste Größe. Wir schlagen vor, daß
weltweit junge Menschen aus den Altersgruppen von High School, College und
danach in einen internationalen „Gesundheitsberatungsdienst“ aufgenommen
werden, der die personell unzureichend besetzten medizinischen Bedürfnisse der
Regierungen weltweit ausfüllt. Wie ich bereits auf einer früheren Konferenz
des Schiller-Instituts sagte, als Helga die Idee des Ausschusses zum ersten
Mal vorschlug: „Wir brauchen eine ganze Reihe von Menschen – von den
Gesundheitshelfern vor Ort über die unmittelbaren Vorgesetzten, über Leute mit
einer gewissen medizinischen Ausbildung bis hin zu Pflegeassistenten,
praktischen Ärzten und anderen, bis hin zur Ebene von hervorragenden
Spezialisten. Wir leisten oft zuviel fachärztliche Behandlung und nicht genug
grundlegende öffentliche Gesundheitsfürsorge, die weit mehr zur Erhaltung
unserer Gesundheit beitragen würde als hundert Chirurgen.“
Die Mitarbeiter des öffentlichen Gesundheitswesens in diesen öffentlichen
Gesundheitssystemen sind keine Ärzte oder Krankenschwestern. Für das Verteilen
von Masken, Temperaturmessung und sogar für die Kontaktverfolgung und einige
Diagnosen muß man keinen medizinischen Abschluß haben oder zwölf Jahre lang
zur Schule gegangen sein. Es handelt sich um ein öffentliches
Gesundheitskorps, das mit dem Ingenieurkorps der Armee und vielen anderen
staatlichen Behörden zusammenarbeiten könnte. Wir brauchen Millionen von
Mitarbeitern des öffentlichen Gesundheitswesens, und die Welt braucht Dutzende
von Millionen.
Das ist eine der effizientesten wirtschaftlichen Investitionen, die überall
auf der Welt getätigt werden können, insbesondere wenn Millionen arbeitslos
sind. Die öffentlichen Gesundheitssysteme in jedem Land, die in ein globales
öffentliches Gesundheitssystem eingebunden sind, könnten eine bessere
Gesundheitsversorgung und ein besseres Wohlergehen für Hunderte von Millionen
Menschen erreichen.
Die Organisation für Afrikanische Einheit hat Pläne ausgearbeitet, um viele
Aspekte eines kontinentalen Gesundheitsplans anzugehen. Äthiopien und viele
andere Länder haben erfolgreich eine große Zahl von
Gemeinde-Gesundheitshelfern geschaffen und ganze Lehrpläne entwickelt, wie
Gemeindegesundheit unterrichtet werden kann. Vieles ist getestet worden. Die
globale Sorge füreinander wird der Beginn eines öffentlichen
Gesundheitssystems sein, denn das ist es, was die öffentliche Gesundheit für
das Wohlergehen der anderen tut. Um diese und zukünftige Pandemien zu
überleben, müssen wir die gesicherte Gesundheitsversorgung für alle Menschen
überall auf der Welt sichern. Wir müssen alle zusammenarbeiten, egal wie
gegensätzlich wir sind - aus der ganzen Welt.
Es ist eine große Aufgabe. Die Ungleichheiten in den Bereichen Gesundheit,
Bildung, Wohnen, Arbeit und soziale Fehler müssen nicht nur angegangen,
sondern auch beseitigt werden. Gerechtigkeit kann das Stichwort für das Jahr
2020 sein. Streben wir nach einer gerechten Welt!
Die heutige Weltgesundheitssituation ist vielleicht beängstigend, muß aber
nicht unser Schicksal sein. Etwas anderes zu sagen, hieße falsch und ängstlich
reden. Die Welt kann sich schnell genug vom Kurs der Spaltung abwenden, um
Zigmillionen vor dem Tod zu bewahren. Um die sicher noch bevorstehenden
Pandemien zu überleben, müssen wir die gesicherte Gesundheitsversorgung für
alle Menschen auf der ganzen Welt sichern. Wir müssen alle zusammenarbeiten,
egal wie gegensätzlich wir sind, von überall auf der Welt. Das ist es, was wir
unter einem Zusammentreffen von Gegensätzen verstehen: eine höhere Allianz,
die auf den Prinzipien „niemandem etwas Böses und Nächstenliebe für alle“
beruht. Das kann unser dauerhaftes Überleben und die Gesundheit der Menschheit
sichern.
Vielleicht werden Kinder in Zukunft das Jahr 2020 als das Jahr der
Wasserscheide betrachten und erkennen, daß das herausragende Ereignis nicht
die Pandemie und die darauf folgenden Katastrophen waren, sondern, daß die
Welt begann, sich zu verändern, um ein besserer Ort für die Menschheit zu
werden.
Wir müssen dabei die Führung übernehmen. Dazu müssen wir lernen, was die
Gemeinschaft braucht, um sicherzustellen, daß wir verstehen, was vor sich
geht, so daß wir für das sorgen können, was bereitgestellt werden muß. Wir
müssen alle Menschen erziehen und befähigen und unsere Jugend erziehen und
befähigen, damit alle einbezogen werden können, und damit wir alle planen
können, zu tun, was wir tun müssen, um etwas zu bewirken. Wir brauchen
„entschlossene Kühnheit“, wie ich es nenne: die Kühnheit, hinauszugehen und
die Probleme genau dort anzupacken, wo sie sind, und zu tun, was wir tun
müssen, um etwas zu verändern, Wir können es tun, wir wissen wie, also laßt
uns anfangen! Vielen Dank.
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