China und der Westen: Rivalität oder Kooperation?
Von Alexander Hartmann
Das Schiller-Institut und die spanische Denkfabrik Cátedra
China veranstalteten eine Onlinekonferenz über die Beziehungen zwischen dem
Westen und China.
Wie sollten sich die Länder Europas und die Vereinigten Staaten in diesem
kritischen Augenblick der Geschichte gegenüber China verhalten? Und auf
welchen kulturellen und philosophischen Grundlagen sollte dieses Verhältnis
beruhen? Diese dringenden Fragen waren am 21. Oktober Gegenstand einer
vierstündigen Videokonferenz, die vom Schiller-Institut und der Denkfabrik
Cátedra China, die sich in Spanien für enge Beziehungen mit China einsetzt,
veranstaltet wurde.
Die Veranstaltung trug den Titel „China und der Westen von Angesicht zu
Angesicht: Rivalität oder Kooperation?“ und fand auf Spanisch und Englisch
jeweils mit Simultanübersetzung statt. Die Teilnehmer kamen aus 30 Ländern,
darunter waren hochrangige diplomatische Vertreter mehrerer
iberoamerikanischer Nationen und Chinas. In den Vorträgen wurde dargestellt,
welche gemeinsamen Prinzipien die Entwicklung Chinas wie auch westlicher
Länder geleitet haben, und begründet, warum die Unterschiede zwischen beiden
keineswegs unversöhnlich sind, sondern einander ergänzen, wenn die Lösung sich
um die Idee des Gemeinwohls konzentriert. Die Vorträge führten dann zu einer
lebhaften Diskussion über die konfuzianische Philosophie und ihre Einstellung
zu Innovation und Kreativität sowie über die Tradition der europäischen
Renaissance, u.a. mit Leibniz.
Die Idee dieser Konferenz war in Gesprächen nach der letzten Konferenz des
Schiller-Instituts Anfang September entstanden, bei der der Präsident von
Cátedra China, Marcelo Muñoz, gesprochen hatte (siehe Neue Solidarität
43/2020). Muñoz war 1978 zum ersten Mal in China und hat daher ähnlich wie die
Vorsitzende des Schiller-Instituts Helga Zepp-LaRouche, die 1971 erstmals in
China war, einen unmittelbaren Eindruck davon gewonnen, wie sich dieses Land,
das wie kein anderes aus armen, unterentwickelten Zuständen einen Riesensprung
gemacht hat, in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat.
„Eine andere Welt“
Muñoz betonte in seiner Rede, am meisten habe ihn die Entdeckung
überrascht, daß China „eine andere Welt“ war. „Und ich habe sie in den letzten
42 Jahren immer wieder entdeckt, bestätigt und studiert. Leibniz drückte es
mit anderen Worten aus: ,China ist ein anderer Planet.’ ... Wir im Westen
wissen das nicht, wir akzeptieren es nicht oder haben es zumindest nicht
verinnerlicht, und nur wenige unserer Intellektuellen und Politiker sind sich
dessen bewußt. Im allgemeinen denken wir, ja wir sind sogar davon überzeugt,
daß unsere Welt die einzige und einzigartige ist, und daß alles, was nicht in
diese, ,unsere’ Welt paßt, nicht gültig, nicht akzeptabel oder nicht richtig
ist.“
China sei die älteste kontinuierliche Zivilisation der Welt und das einzige
Land, das sich, abgesehen von kurzen Perioden von Umwälzungen oder
dynastischen Veränderungen, über Jahrhunderte hinweg auf ungefähr dem gleichen
Territorium und mit den gleichen ethnischen Gruppen weiterentwickelt hat. Und
der chinesische Staat gründe – mit wenigen Ausnahmen – seit 2300 Jahren „auf
philosophischen, ethischen und politischen Grundlagen, die sich von denen des
Westens stark unterscheiden: auf der konfuzianischen Philosophie, die alle
Staatsdiener studieren mußten, bevor sie erst nach sehr anspruchsvollen
Prüfungen zu ihren politischen Ämtern zugelassen wurden“.
Der Konfuzianismus sei sozusagen die „Festplatte“ der chinesischen
Zivilisation, „eine Welt von Ideen und Werten, die sich sehr vom westlichen
Denken unterscheidet. Zum Beispiel herrscht im konfuzianischen Denken das
Kollektiv über das Individuum, das Wohl der Gesellschaft steht über dem Wohl
des einzelnen. Der ,Chinesische Traum’ ist nicht der Triumph des Individuums,
auch nicht der persönliche, individuelle Erfolg; vielmehr ist er der Erfolg
der Gemeinschaft, der Gesellschaft, des Wohlstands aller, und nur in diesem
kollektiven Kontext wird dem persönlichen Erfolg Beifall gezollt.“
Muñoz gab dann einen Überblick über die Entwicklung der Beziehungen
zwischen China und dem Westen in der Zeit seit dem Altertum, in der China
lange die kulturell und wirtschaftlich führende Weltmacht war, bis es in den
letzten Jahrhunderten durch die westlichen Kolonialmächte erniedrigt wurde.
Nun kehre China auf die Weltbühne zurück. „Das China, das heute entstanden
ist, verwandelt sich zur zweiten Weltmacht, es kehrt mit neuer Kraft in die
internationale Sphäre zurück, und es ist zurückgekehrt, um zu bleiben. Und der
Westen ist überrascht und verärgert: Er hat es weder erwartet noch akzeptiert
er es. Wir waren so sehr in ,unsere’ Welt eingetaucht, daß wir diese andere
Welt, nämlich China, das den Sprung aus der Armut in eine beschleunigte
Entwicklung vollzog, weitgehend ignorierten... Und wir sind überrascht und
irritiert, daß China nun beabsichtigt, in der internationalen Gemeinschaft den
Platz einzunehmen, der ihm angesichts seines wirtschaftlichen, technologischen
und politischen Gewichts zusteht.“
Muñoz schloß seinen Vortrag: „Viele von uns politischen Analysten fordern
und begründen die Notwendigkeit einer neuen Weltordnung, welche die
Weltordnung, die wir im Westen nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet haben,
schrittweise ersetzt. Wir sind nicht allein auf der Welt, wir haben weder das
Recht, uns anderen aufzudrängen, noch unsere Spielregeln durchzusetzen. Es
gibt bereits neue Akteure auf der Bühne der internationalen Beziehungen, und
weitere werden in Kürze auftauchen; und wir müssen ihnen Platz machen, selbst
wenn wir stark genug wären, sie aufzuhalten oder zu verlangsamen. Und der
erste dieser neuen Akteure ist angesichts seiner Bedeutung China, jene ,andere
Welt’, die wir kennen und verstehen müssen und mit der wir zum Dialog und zu
Verhandlungen verpflichtet sind.“
Wirtschaftliche Vorteile für alle Seiten
Yao Fei, Gesandter-Botschaftsrat der chinesischen Botschaft in Madrid, hob
die enge wirtschaftliche Verflechtung zwischen China und dem Westen hervor:
„Im Jahr 2018 stieg der Warenhandel zwischen China und den USA auf 633,5
Milliarden Dollar. Die bilateralen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen
erhalten 2,6 Millionen Arbeitsplätze in den USA und helfen jeder
amerikanischen Familie, 850 Dollar im Jahr zu sparen. Heute gibt es mehr als
70.000 amerikanische Unternehmen, die in China investieren, von denen 97%
Gewinne erwirtschaften... Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die
Vorstellung, daß ,die USA verlieren’, der Realität widerspricht, da beide
Seiten große Nutznießer waren.“ Auch die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen
zwischen China und der EU seien in ähnlicher Weise von gegenseitigem Nutzen
und „Win-Win-Kooperation“ geprägt.
China sei dazu bereit, noch mehr Zusammenarbeit mit der westlichen Welt zu
entwickeln. „Es wird sich zunehmend stärker öffnen, denn diese neue
Konstellation wird das Potential seines Binnenmarktes freisetzen und dem
Wachstum der Nationen der Welt eine nachhaltige Triebkraft verleihen. Das
bessere Leben für 1,4 Milliarden Chinesen, das China anstrebt, muß angesichts
der globalen Herausforderungen notwendigerweise ein internationales Umfeld des
dauerhaften Friedens und der Beteiligung an der internationalen Zusammenarbeit
einschließen.“
In einer für einen chinesischen Diplomaten ungewöhnlichen Deutlichkeit
äußerte er seinen persönlichen Ärger über die Art und Weise, wie China
behandelt wird:
„Doch trotz unserer Klarstellung wird China nach wie vor als Gegner
definiert, und die Realität wird durch Spekulationen über China verzerrt, mit
Rhetorik wie: ,Der Handel mit China ist unfair’, ,China stiehlt geistiges
Eigentum’, ,Militarisierung des Südchinesischen Meeres’, ,Sicherheitsprobleme
mit Huaweis 5G’, ,Umerziehungslager in Xinjiang’ und ,Hongkongs Autonomie’,
und anderem. Schlimmer noch, indem sie die Pandemie ausnutzen, greifen [diese
westlichen Stimmen] China schamlos an und schlagen vor, sich von China
abzukoppeln... Es scheint, daß in einigen westlichen Nationen die Kritik an
China politisch korrekt geworden ist, und die Praxis, China einzudämmen und zu
stoppen, fand Eingang in die US-Präsidentschaftswahlen und in die
Parteipolitik der USA. Wenn der Westen jedoch Illusionen hegt, daß China sich
einer solchen Eindämmung unterwerfen wird, dann begeht er einen naiven
Fehler.“
Er schloß seinen Vortrag mit dem Appell:
„Es ist verständlich, daß es Konkurrenz und unterschiedliche Meinungen
zwischen Partnern gibt, aber Differenzen sollten auf der Grundlage
gegenseitigen Respekts angemessen gelöst werden. Beide Parteien sollten an
friedlicher Koexistenz, Öffnung, Kooperation, Multilateralismus, Dialog und
Konsultation festhalten.
Abschließend möchte ich darauf hinweisen, daß es normal ist, daß sich China
in Geschichte, Kultur, Traditionen sowie politischen und wirtschaftlichen
Systemen vom Westen unterscheidet, doch heute geht man davon aus, daß diese
Unterschiede die beiden Parteien nicht daran hindern, sich gemeinsam den
globalen Herausforderungen zu stellen, um ihre beste Entwicklung zu erreichen.
Ich bin überzeugt, daß die Zukunft der Menschheit eine bessere sein wird,
solange China und der Westen den Weg der Stärkung ihrer Zusammenarbeit
beschreiten.“
Nicht der Hysterie des Augenblicks folgen
Prof. Michele Geraci war als Staatssekretär für wirtschaftliche Entwicklung
der Architekt der italienischen Chinapolitik und hat das Memorandum über
Italiens Kooperation mit der Gürtel- und Straßen-Initiative ausgehandelt. Er
begann seinen Vortrag mit der Feststellung: „Ich habe gerade Gespräche mit
einigen meiner Kollegen und ehemaligen Kollegen in Europa geführt. Dabei ist
wieder einmal ein Problem aufgetaucht, das ich bereits in den letzten Jahren
gesehen habe, nämlich, wie Europa mit China umgeht. Ich denke, wir verwechseln
dabei geopolitische Freundschaften oder Bündnisse mit dem Wunsch oder der
Notwendigkeit, manchmal Geschäfte zu machen und Beziehungen zu anderen Ländern
zu unterhalten.“
Viele im Westen seien von Chinas wachsender Wirtschaftsmacht überrascht
worden. „Diesem plötzlichen Auftauchen einer aufstrebenden Wirtschaft kann man
auf viele Arten begegnen. Natürlich nicht militärisch, glücklicherweise, doch
auch die wirtschaftliche Konkurrenz wird jetzt ein wenig hart, weil wir ein
wenig zu spät dran sind. Einige von Ihnen haben über Technologie gesprochen,
wo China vorne liegt. Selbst die politische und soziale Organisation in China
stellt unser System der liberalen Demokratien auf die Probe, denn nicht nur in
wirtschaftlicher Hinsicht, sondern auch bei der Bewältigung der Krise hat
China anscheinend viel besser abgeschnitten als andere Teile der Welt.“
Da man diese Herausforderung nicht militärisch lösen und ihr auch nicht mit
wirtschaftlichen Mitteln begegnen könne, werde nun Druck auf Europa ausgeübt.
„Wir werden ersucht, Partei zu ergreifen, was Europa aber gar nicht kann, weil
Europa keine wirtschaftliche Unabhängigkeit hat. Wir in Italien treiben viel
Handel mit den USA, mit China weniger, aber Deutschland allein setzt 100
Milliarden Dollar um, und Deutschland ist eine große treibende Kraft in
Europa. Holland ist ein kleines Land, spielt aber eine größere Rolle, als
seine Größe verrät, wegen der Häfen und des Handels. Auch die nordeuropäischen
Länder haben ein Interesse an engen Beziehungen zu China. Frankreich verkauft
Hunderte von Airbus-Maschinen, und so weiter. Ich denke also, Europa steckt in
der Mitte fest. Es wird aufgefordert, Partei zu ergreifen, was es aber nicht
kann.“
Er riet zur Besonnenheit: „Meine Empfehlung, wie ich sie auch gegenüber den
Medien und auch gegenüber meinen ehemaligen Kollegen in der Regierung geäußert
habe, ist im wesentlichen, Zeit zu gewinnen. Reagieren wir nicht auf die
Hysterie des Augenblicks mit Slogans und sagen ja oder nein – ja zu diesem, ja
zu jenem. Warten wir lieber ab... Setzen wir mehr auf die Analyse; weniger
Hysterie; weniger Politik über Twitter; und wir brauchen Zusammenarbeit. Denn
die Grundlage für die Lösung dieses Problems ist immer ein gemeinsames
Verständnis.“
Gegen die geopolitische, malthusianische Zerstörung
Der frühere französische Präsidentschaftskandidat Jacques Cheminade begann
seinen Vortrag mit der Feststellung: „Wir sind an einem entscheidenden Moment
in der Weltgeschichte angelangt, an dem die Fähigkeit der Menschheit, zu
überleben, in jedem von uns auf die Probe gestellt wird. Grund zum Pessimismus
haben wir nur, wenn wir dem Problem aus dem Weg gehen oder weiter so denken
wie bisher, was uns in die Situation gebracht hat, in der wir uns jetzt
befinden. Die Geopolitik ist eines der vier Viren, die diesen
selbstmörderischen Trend zum Ausdruck bringen, zusammen mit dem Finanzvirus,
dem malthusianischen Virus und dem Virus der Bürokratie – die vier Reiter der
Apokalypse unserer Zeit, oder um es in Begriffen asiatischer Kultur
auszudrücken, die vier Drachen, die die Welt bedrohen.“
Das Wort „Geopolitik“ werde nur allzu oft von wohlmeinenden Dummköpfen
benutzt, doch die Oligarchie verstehe darunter „ihren Schein nie endender
Macht, ausgeübt durch einen permanenten Kriegszustand. Es ist eine Welt wie an
einem geographischen Spieltisch, wo der Gewinner alles abräumt, unterstützt
von bürokratischen Croupiers, die den vom oligarchischen Kasinobesitzer
zugelassenen Spielern die Karten geben. Chips und Karten bedeuten in der
realen Welt natürlich Waffen, und aus den Kasinos sind Megabanken geworden. Um
dieses große selbstmörderische Spiel herum entwickelt sich eine Kultur des
Todes, denn diese Spielsucht zerstört unsere in einer rationalen Welt
entwickelte menschliche Kreativität.“
Cheminade beschrieb die Entwicklung und die Folgen des geopolitischen
Denkens, das zu den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert geführt hat, und
stellte fest: „Angesichts der Weltlage sollten wir alle Kräfte unterstützen,
die gegen die anglo-amerikanische geostrategisch-malthusianische
Zerstörungspolitik vorgehen. Das bedeutet, wirtschaftliche Koexistenz als eine
Änderung der weltweiten Richtung und Denkweise zu unterstützen. De Gaulle
nannte das früher ,Detente, Entente und Kooperation’. Lyndon LaRouche und
Helga Zepp-LaRouche nennen es das Zusammentreffen der Gegensätze, d.h. ein
höheres Prinzip zur Lösung scheinbarer Widersprüche, die auf einer tieferen
Ebene bestehen.“
Konfuzius und Schiller
Helga Zepp-LaRouche griff Marcelo Muñoz’ Feststellung auf, China sei „eine
andere Welt“, und sagte: „Ja, der Westen und China sind zwei sehr
unterschiedliche Welten. Als ich 1971, mitten in der Kulturrevolution, zum
ersten Mal nach China reiste, hatte ich einen echten Kulturschock, weil es
völlig anders war als alles, was ich bis dahin in Europa gesehen hatte. Aber
abgesehen von den substantiellen Unterschieden in Kultur, Geschichte, Sprache,
Philosophie und Werten zwischen den beiden Zivilisationen gibt es auch
gemeinsame universelle Prinzipien, die, wenn man sie einmal entdeckt hat, es
viel leichter machen, sich auf die andere zu beziehen.“
Allerdings dächten einige im Westen, wir befänden uns heute „mit China in
einem Wettbewerb der Systeme, und in gewisser Weise sind wir das auch. Wenn
die gegenwärtigen politischen Trends auf beiden Seiten jeweils fortgesetzt
werden, ist das Ergebnis klar: Der Westen wird katastrophal verlieren, und
zwar nicht wegen irgend etwas, was China tut, sondern wegen eines
selbstzerstörerischen Paradigmenwechsels im Westen, bei dem Europa und Amerika
ihre besten Traditionen aufgegeben haben, während China im Gegenteil mit Deng
Xiaopings Politik der Reform und Öffnung zu seiner jahrtausendealten
konfuzianischen Tradition zurückgekehrt ist. In Europa hingegen gibt es
gegenwärtig einen gigantischen Gedächtnisverlust in Bezug auf die
fortgeschrittensten Perioden der europäischen Geschichte, wie die griechische
Klassik, Italiens Goldene Renaissance und die deutsche Klassik, und zwar so
sehr, daß die Menschen nicht einmal mehr eine Ahnung haben, was sie vergessen
haben.“
An die Stelle dieser besten Tradition in der klassischen Wissenschaft, der
humanistischen Kultur und der Sorge um das Gemeinwohl seien eine alles
überragende Orientierung auf Profitmaximierung und eine Gegenkultur getreten,
die dem liberalen Prinzip „Alles ist erlaubt“ folge.
Grundlage des chinesischen Erfolgs sei das im Konfuzianismus gründende
System der Meritokratie. „Und dort findet man eine außerordentliche
Ähnlichkeit, insbesondere zwischen Konfuzius und dem deutschen Dichter
Friedrich Schiller in Bezug auf die Methode der moralischen Verbesserung des
Menschen: die ästhetische Erziehung. Konfuzius entwickelte seine Philosophie
der kontinuierlichen Selbstvervollkommnung durch lebenslanges Lernen als einen
Weg, Harmonie im Individuum, in der Familie und im Staat zu schaffen. Es war
Konfuzius’ geniale Art und Weise, eine Methode zu entwickeln, wie die
Gesellschaft dem Chaos und dem Durcheinander der Periode der Streitenden
Reiche, in der er lebte, entkommen konnte.“
So betone Xi Jinping schon seit langem die Bedeutung der ästhetischen
Erziehung für die Entwicklung eines schönen Geistes der Schülerinnen und
Schüler, und Chinas Zentralbehörde habe gerade erst neue Richtlinien für ein
diversifiziertes, qualitativ hochwertiges System der körperlichen und
ästhetischen Erziehung herausgegeben. „Kunstklassen wie Musik, Malerei,
Kalligraphie, Tanz, Schauspiel und Oper werden auf die gleiche Stufe gestellt
wie die MINT-Fächer,1 in denen China bereits jetzt in der
Spitzengruppe der PISA-Rangliste liegt.“
Sie schloß: „Ich bin überzeugt, wenn die Menschen in Europa beginnen, mit
Hilfe dieses Steins von Rosette – der Rolle der ästhetischen Erziehung – die
chinesische Kultur zu studieren, dann werden zu der gleichen Schlußfolgerung
kommen wie Goethe, der in einem Gespräch mit Eckermann am 31. Januar 1827 über
China sagte: ,Die Menschen denken, handeln und empfinden fast ebenso wie wir,
und man fühlt sich sehr bald als ihresgleichen, nur daß bei ihnen alles
klarer, reinlicher und sittlicher zugeht.’
Wenn die Welt aus der unglaublichen Kombination von Pandemie,
Welthungersnot und sozialem Chaos in vielen Ländern herauskommen soll, dann
können wir von Konfuzius, Leibniz und Schiller viel über die nötigen
Heilmittel lernen. Wenn uns das aber nicht gelingt, könnten wir dem Rat
Goethes folgen, der in einem Brief aus Weimar, in dem er seine intensiven
China-Studien kommentierte, am 10. November 1813 schrieb: ,Ich hatte mir
dieses wichtige Land gleichsam aufgehoben und abgesondert, um mich im Fall der
Not, wie es auch jetzt geschehen, dahin zu flüchten... Sich in einem ganz
neuen Zustande auch nur in Gedanken zu befinden, ist sehr heilsam.’“
China und die IT-Technologie
Der Informatiker Angel Alvarez sprach über „Chinas Stärken und Schwächen in
der IT-Technologie im Hinblick auf den aktuellen Konflikt mit den USA“. Er kam
zu dem Schluß: „Trotz der großen technischen und wissenschaftlichen
Fortschritte, die China in letzter Zeit in allen Bereichen erzielt hat, leidet
seine fundamentale Infrastruktur in den grundlegendsten IT-Bereichen, sowohl
bei der Hardware wie auch der Software, unter bestimmten Schwächen, die
gravierend sind, wenn man das Tempo bedenkt, mit dem sich diese Technologie
entwickelt.“
Er beschrieb dann Stärken und Schwächen des chinesischen Computersektors,
der in wichtigen Bereichen immer noch auf westlichen Entwicklungen fuße. Er
schloß seine Ausführungen mit der These: „Richtig ist, daß China in bestimmten
Bereichen wie der Hochfrequenzdatenverarbeitung, der künstlichen Intelligenz
und der Quantenkommunikation bereits über unbestreitbare Stärken verfügt, und
diese Stärken werden noch zunehmen. Jedoch ist es nicht zuletzt so, daß der
Konfuzianismus – die in China seit mehr als 20 Jahrhunderten vorherrschende
Ideologie – keine Hilfe bei der Innovation darstellt, sondern das genaue
Gegenteil. Denn er begünstigt die Anpassung an die Gruppe, aber nicht
querschießendes und eigenständiges Denken.“
Konfuzianismus und Kreativität
Dies führte zu einer hochinteressanten Kontroverse über die Frage: Ist der
Konfuzianismus der Kreativität dienlich oder blockiert er sie? Helga
Zepp-LaRouche widersprach Alvarez’ These und verwies auf die Erkenntnis ihres
verstorbenen Ehemanns Lyndon LaRouche, wonach die großen
naturwissenschaftlichen Erfindungen und die großen Schöpfungen der Schönen
Künste aus der gleichen schöpferischen Kraft des menschlichen Geistes
hervorgehen. Deshalb sei die vom Konfuzianismus geförderte und geforderte
ästhetische Erziehung im Bereich der Künste die beste Voraussetzung für die
Beförderung von kreativen Entdeckungen in allen Bereichen.
Sie verwies nochmals auf den Beschluß der chinesischen Regierung, im
Schulunterricht den klassischen Künsten das gleiche Gewicht zu geben wie dem
Unterricht in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Wenn China
dies tue, werde es nicht nur in den PISA-Studien in den
naturwissenschaftlichen Fächern vorne liegen – was es zusammen mit vielen
anderen asiatischen Staaten tut –, sondern das auch im Bereich der moralischen
Ausbildung des Charakters schaffen, sowie auch der künstlerischen Fähigkeiten.
Eine solche Renaissance der klassischen Kultur auch im Westen sei schon lange
ein zentrales Anliegen des Schiller-Instituts.
Es lohnt zweifellos, diese Diskussionen weiter zu vertiefen. Den Mitschnitt
der Vorträge mit deutscher Simultanübersetzung finden Sie auf der
Internetseite des Schiller-Instituts unter: https://schillerinstitute.com/de/blog/2020/10/13/conference-china-and-the-west-face-to-face-rivalry-or-cooperation/
Anmerkung
1. MINT-Fächer: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.
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