Deutsche Klassik – das Aschenputtel von Berlin
Von Christa Kaiser
Wenn Politik jeglicher Staatskunst spottet, reinen Privatinteressen
unterworfen ist, Rückschritt als Fortschritt verkauft wird und Parteiengezänk
das Klima verpestet, ist es Zeit, sich der helleren Seiten der deutschen
Geschichte zu erinnern: der deutschen Klassik.
Entgegen der allgemeinen Meinung, Dichtkunst sei unnütz oder eine
Spielwiese für Träumer, sind „Dichter die nicht anerkannten Gesetzgeber“, wie
der englische Dichter Percy Shelley in seiner Verteidigung der
Dichtkunst schrieb.
Doch wie ist das möglich? Was hat Dichtkunst mit Politik zu tun? Ein
Beispiel jüngerer Geschichte lieferte Staatspräsident Charles de Gaulle, der
„eine bestimmte Idee“ von Europa hatte. Ihn leitete eine Vision.
Er vertrat Maßstäbe und Werte, die schon seiner Mitwelt längst abhanden
gekommen waren oder bestenfalls Sarkasmus hervorriefen. Der deutsche
Militarismus war ihm genügend bekannt. Dennoch trieb ihn eine Neugier, ein
Entdeckertrieb, die positiven Seiten Deutschlands aufzuspüren. Er fand sie
auch in der Poesie.
Die Poesie habe „trotz der erbitterten Kämpfe zwischen den Völkern tastend
in der Finsternis den Weg gesucht“. In seiner Rede an die Jugend 1962 in
Ludwigsburg überraschte er mit dem Satz:
„Die Deutschen sind ein großes Volk... Sie haben uns wissenschaftlich,
künstlerisch und technisch bereichert. Sie haben bewiesen, schaffensfreudig zu
sein... Es liegt jetzt an Ihnen, der Jugend, einen Fortschritt für alle zu
schaffen – eine Zukunft des Schönen, Gerechten und Guten.“
Dieser Einblick war das Ergebnis eines intensiven Studiums der deutschen
Geschichte und Literatur. Eine ähnliche Beharrlichkeit wandte er bei der
politischen Annäherung an Deutschland an, die schließlich zur Begegnung
zwischen ihm und Bundeskanzler Adenauer vor der Kathedrale in Reims und zur
Überwindung einer 200jährigen Erbfeindschaft führte.
Seine Gegner nannten ihn spöttisch „Jeanne d'Arc“ und förderten damit
ungewollt den Mythos seiner Berufung. Diese Berufung leitete ihn auch in der
Résistance gegen den Faschismus, aber auch später als Staatschef, der in
seinen Reden an sein Volk ein poetisches Talent zeigte. Er vertraute auf ein
positives Menschenbild. Für ihn bedeutete Menschsein, Verantwortung für ein
zukünftiges, moralisches und antikolonialistisches Frankreich zu übernehmen.
Seine Mission schöpfte nicht aus dem Dämon des Vergangenen, sondern aus seiner
poetischen Vision eines guten Frankreichs und freundschaftlicher nachbarlicher
Beziehungen.
Ohne Mission
Warum wurde die Chance von 1989-91 nicht in diesem Geist genutzt? Warum
reagierte die europäische Elite, angeführt von der britischen
Premierministerin Thatcher und Präsident Mitterrand, nicht mit Hoffnung und
Zuversicht, die ehemals kommunistischen Länder durch wirtschaftlichen Aufbau
zu Partnern zu machen? Warum wurde de Gaulles Idee vom „Europa der
Vaterländer“ nicht aufgegriffen, ein humanistisch-christliches Europa vom
Atlantik bis zum Ural zu schaffen?
Die britische Regierung unter Frau Thatcher war nicht erfreut über den
Freiheitsdrang der unterdrückten Völker und wollte die Spaltung Europas
erhalten, indem sie sich für den Erhalt des östlichen Militärbündnisses, des
Warschauer Paktes, einsetzte.
Als sie scheiterte, kam ihr der Gesinnungsgenosse Samuel Huntington zu
Hilfe, der eng mit Sir Henry Kissinger und Zbigniew Brzezinski
zusammenarbeitete und nach dem Sturz des Kommunismus einen
Ersatzkriegsschauplatz erfand: den „Kampf der Kulturen“. Schon 1993 wurde das
gleichnamige Buch als Bestseller vermarktet, das den „Zusammenprall der Völker
nichtwestlicher Kulturen mit dem Westen“ prognostiziert.
Die Medien und „Intellektuellen“ verbreiteten gehorsam diese These eines
neuen, bevorstehenden Konfliktes, diesmal nicht Ost-West, sondern Nord-Süd.
Ein Dialog der Kulturen auf Basis universeller Werte wurde von ihnen
verworfen. Generell sei die Vermittlung westlicher Werte durch Modernisierung
der Volkswirtschaften unmöglich. „Wirtschaftliche Entwicklung wird abgelehnt,
da sie das Gleichgewicht zwischen den Ländern störe“, schrieb Huntington.
Letztlich ist seine Staatsidee nur eine Neuauflage des britischen
Hofphilosophen Thomas Hobbes, der den Menschen als Bestie unter Bestien ansah.
„Jeder ist des anderen Wolf.“
Rückblickend sehen wir, daß seine Thesen nur eine Rechtfertigung der Kriege
auf dem Balkan und im Nahen Osten waren.
Beginn der Flüchtlingsströme
Mit dem terroristischen Angriff auf das World Trade Center in New York 2001
schien sich Huntingtons These von 1993 zu bestätigen. Der Krieg Nord gegen Süd
begann, die USA und ihre Verbündeten griffen Afghanistan und Irak auf Basis
von Lügen an. Die Bush/Cheney-Regierung vertuschte die saudi-arabische
Verwicklung in den Terrorakt (der von mehr als einem Dutzend saudischen
Staatsbürger verübt wurde). Anstatt diese Spur zu verfolgen, ließen die
Geheimdienste sie fallen.
Saudi-Arabien war aber nicht nur durch seinen Botschafter in den USA, Prinz
Bandar, aufs engste privat mit US-Präsident G.W. Bush verbunden, sondern auch
mit Großbritannien. Es liefert einen Großteil des Öls für die britischen
Ölkonzerne und ist der größte Käufer des britischen Rüstungskonzerns BAE.
Die neuen Nord-Süd-Kriege zerstörten die Infrastruktur Afghanistans und des
Irak, Brücken, Straßen, Wasserversorgung, Elektrizität, Krankenhäuser und
Schulen, dies führte zur Auflösung der Staaten und stürzte sie in die Zeiten
der Stammeskonflikte zurück. Für die Menschen wurde ein Leben immer
unerträglicher und viele entschieden sich zur Flucht, selbst unter Gefahr
ihres Lebens. Dabei war der Haß gegen den Westen so hoch wie nie und ein
Nährboden für Terroristen wie z.B. den saudischen Staatsbürger Osama bin
Laden, der Zigtausende für seine Verbrechen rekrutieren konnte.
Die Religion der Terrorgruppe ISIS ist der Wahabismus, der auch die
Staatsreligion Saudi-Arabiens ist. Hierbei handelt es sich um eine islamisch
Sekte aus dem ersten nachchristlichen Jahrtausend, die die Tötung aller
Andersgläubigen fordert, seien es Moslems, Juden oder Christen.
Diese Sekte exportiert Saudi-Arabien mit Milliarden Dollar durch Moscheen
und Gebetsschulen in die ganze Welt, so daß der Eindruck entsteht, daß dieser
mittelalterliche Mörderkult gleichbedeutend mit dem Islam sei. Dies ist aber
nicht der Fall.
Die imperialen Kreise hinter dem „Kampf der Kulturen“ finden hierin aber
ein ideales Werkzeug, da eine Sekte, die Andersgläubige umbringen will und
nicht zum Dialog bereit ist, einen ewigen Krieg ermöglicht.
Blind für eine Lösung
Seit dem 11. Jahrhundert haben die Kreuzzüge europäischer Länder gegen den
Islam viele Konflikte geschaffen.
Der humanistische Dichter Gotthold Ephraim Lessing (1729-81) läßt sein
Theaterstück Nathan der Weise in der Zeit der Kreuzzüge spielen. Darin
steht ein Jude vor dem Richterstuhl des moslemischen Machthabers und fürchtet,
zum Tode verurteilt zu werden. Durch die Ringparabel versucht der Jude Nathan,
sein zu Leben zu retten:
Ein im Sterben liegender Vater besitzt einen Ring, der dem Träger eine
besondere Kraft verleiht, „vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer in
dieser Zuversicht ihn trug“. Weil der Vater aber keinen der drei Söhne
bevorzugen will, scheut er kein Geld, zwei perfekte Kopien anfertigen zu
lassen, und schenkt jedem einen Ring. Es kommt, wie es kommen mußte – zum
Streit. Jeder der Söhne glaubt, den echten Ring zu besitzen.
Nathans Lösung dieses Streits besteht darin, daß jeder der drei Söhne –
gemeint sind Judentum, Christentum und Islam – künftig seine Liebe zu
Gott und den Menschen beweisen möge; denn nur so werde sich erweisen, wer den
echten Ring trage.
Lessing belebt hier die große Tradition des Dialogs der Kulturen des 15.
Jahrhunderts wieder, als auf der Basis des Monotheismus des Judentums,
Christentums und Islam friedliche Lösungen der Konflikte in Europa gesucht
wurden. Eine gemeinsame Suche nach der Wahrheit wird zum Weg der Aussöhnung.
Nur indem man die Lösung des Konfliktes auf einer höheren Ebene sucht, gibt es
einen Ausweg. In Nathans Worten wird nur die Zukunft für das Wohl der
Menschheit über den richtigen Weg entscheiden.
Die Wirkung dieses Theaterstückes war gewaltig. Goethe wurde nicht müde,
den Nathan als das höchste Meisterstück menschlicher Kunst zu preisen.
Seit der Weimarer Aufführung 1801, die Schiller durch eine Bühnenbearbeitung
bewerkstelligte, eroberte der Nathan alle Bühnen bis heute.
Moses Mendelssohn
Wer war der Nathan, der Erzähler der Parabel, im wahren Leben? Es war der
berühmte Philosoph und Schriftsteller Moses Mendelssohn (1729-86), eine
politische Gestalt des damaligen Berlins. Ihn verband die engste Freundschaft
mit Lessing. Dabei kamen sie aus verschiedenen Religionen. Lessing war Sohn
eines protestantischen Predigers und Mendelssohn Sohn eines jüdischen
Thoraschreibers. Ihre Zusammenarbeitet bereitete der Hochphase der deutschen
Renaissance der Weg. Ohne ihr Wirken wäre die deutsche Klassik mit Goethe,
Schiller und Humboldt nicht möglich gewesen.
Dabei war Mendelssohns Werdegang alles andere als einfach. Er kam aus dem
jüdischen Ghetto. Die Lage der Juden war Anfang des 18 Jhs. entwürdigend und
ohne Menschenrechte. Der Westfälische Frieden hatte zwar das Toleranzedikt für
Katholiken, Lutheraner und Reformierte erwirkt, aber nicht für die Juden. Sie
besaßen weder staatlichen Schutz noch ein Recht auf Ansässigkeit. Zudem
bevorzugte man Juden, die zum Christentum übertraten.
Die Unterdrückung führte zur Selbstisolierung. In ihrem Ghetto war es nur
erlaubt, Jiddisch zu sprechen, Deutsch zu sprechen war verpönt und deutsche
Bücher zu lesen sogar verboten. Diese Isolierung verhinderte den Anschluß an
das geistige Leben und die Integration.
Es gehörte für Moses Mendelssohn schon außerordentlicher Mut dazu, sich aus
der Rückständigkeit und der gesellschaftlichen Ächtung zu befreien. Er nahm
sich den jüdischen Renaissance-Philosophen Moses Maimonides aus Cordoba zum
Vorbild. Dessen Buch Führer der Unschlüssigen bestärkte ihn in seiner
Ansicht, daß es zwischen Vernunft und Glauben keinen Widerspruch gebe. Sein
Glaube an die schöpferische Vernunft des Menschen sollte ihn sein ganzes Leben
nicht verlassen.
Mit 15 Jahren ging er von Dessau nach Berlin, um zu lernen. Er studierte
den Protestantismus, Latein, Griechisch, Deutsch, Englisch, Französisch,
Mathematik und Musik. Seine Vorliebe galt vor allem dem Werk von Gottfried
Wilhelm Leibniz. Er wurde einer der gebildetsten Männer Preußens. Aber selbst
als er ein angesehener Schriftsteller und anerkannter Philosoph in Europa war,
blieb er ausgegrenzt.
Über Nacht wurde er zu einer Berühmtheit. Was war geschehen? Er
veröffentlichte eine zeitgemäße Neuübersetzung von Platons Dialog
Phaidon über die Unsterblichkeit der Seele und wurde seitdem der
„Sokrates von Berlin“ genannt. Damit erreichte er zweierlei: Er machte Platon
wieder lebendig und erzeugte eine politische Debatte über die Gleichheit aller
Menschen durch ihre schöpferische Fähigkeiten, auf deren Grundlage allein ein
Dialog der Kulturen stattfinden kann.
Dies ist ein revolutionärer Gedanke, den die Oligarchie immer bekämpfte.
Klärung der Begriffe
Um die Jugend und die zukünftigen Träger des Staates für seine Ideen zu
gewinnen, unterrichtete Mendelssohn selbst. Zu seinen Schülern gehörte nicht
nur sein Sohn, sondern eine Schar von Jugendlichen, sehr wahrscheinlich auch
die Brüder Humboldt. Der eigene mutige Bildungsweg war für ihn Maßstab. Eigene
Entdeckungen sollten die Schüler mit ihrem Geist bekannt machen. Bildung
sollte nicht Ansammlung von Wissen sein, sondern den Charakter bilden.
Alle Erkenntnisse, die man später im Humboldtschen Bildungssystem von
Natur- und Geisteswissenschaft wiederfindet, zeugen von dieser Methode. Sie
sollte zum ungeahnten Aufbruch der deutschen Wissenschaft führen.
Große Bedeutung legte er auf die Klärung der Begriffe. In den Morgenstunden
gab er Vorlesungen über das Dasein Gottes, das er – wie in der Ringparabel –
als gemeinsames Bindeglied der drei monotheistischen Religionen sah. Er impfte
die Jugendlichen gegen philosophische Irrtümer wie Egoismus, Skeptizismus,
falsch verstandenen Idealismus wie Schwärmerei; denn diese leugnen die
Fähigkeit, wahrhafte Ideen zu bilden.
Festigkeit der Begriffe war für ihn die Voraussetzung für klares Denken und
Handeln, die er bei Leibniz bewunderte. Nur so sei Wahres von Falschem zu
unterscheiden.
Inspiriert durch seine Freundschaft mit Schiller konnte Wilhelm von
Humboldt 1809 diese Denkmaximen im Schulwesen Preußens verwirklichen. Sie
brachten eine Reihe von naturwissenschaftlichen Genies hervor, von denen hier
nur Carl Friedrich Gauß, Bernhard Riemann, Max Planck, Albert Einstein und
Otto Hahn zu nennen wären. Ihre wissenschaftlichen Durchbrüche schufen die
Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands in
Elektrotechnik, Röntgenwissenschaft, Kernphysik, Chemie, Medizin etc., die
Deutschland zu einer modernen Nation machten.
So triumphierte im Erziehungswesen und in den Naturwissenschaften das
Menschenbild von Moses Mendelssohn über das von Thomas Hobbes.
Dialog der Kulturen heute
Das Schiller-Institut unter seiner Vorsitzenden Helga Zepp-LaRouche schafft
seit langem, in der Tradition von Lessing und Mendelssohn, eine Alternative
zum Krieg der Kulturen. In den letzten Jahren wurde Frau Zepp-LaRouche
wiederholt nach China eingeladen, um u.a. über die deutsche Klassik und deren
Rolle für Wissenschaft und den Aufbau von Nationen zu sprechen.
Zudem hat sie eine Verwandtschaft zwischen dem heute wieder sehr
einflußreichen chinesischen Gelehrten Konfuzius (551-479 v.Chr.) und Friedrich
Schiller aufzeigen können. Hier ist eine unentdeckte Quelle für ein tieferes
Verständnis der Kulturen Chinas und Deutschlands zu erschließen.
Das Britische Empire dagegen nutzt die mangelhafte Kenntnis über die
chinesische Kultur aus, um primitive Vorurteile und Ängste in der Welt zu
schüren, so wie auch gegenüber Rußland.
Rückblickend sehen wir heute, 30 Jahre nach dem Fall des Kommunismus in
Osteuropa, daß die Mächte hinter dem „Kampf der Kulturen“, die niemals Frieden
wollen, wieder eine wichtige Rolle spielen. Im Jahr 2001 waren wir mit der
Vernichtung von fast 2000 Mittelstreckenraketen und Marschflugkörpern auf dem
Weg, ein gemeinsames Haus Europa zu schaffen. Jetzt werden diese Anfänge
wieder rückgängig gemacht.
In welchem Geisteszustand befinden wir uns, da wir nach mehreren
gescheiterten Kriegen seit 2002 und nicht endenden Flüchtlingswellen weiter am
„Kampf der Kulturen“ festhalten?
In unserer eigenen Geschichte finden wir die Perlen für eine neue
Renaissance. Die „nicht anerkannten Gesetzgeber“, die eine bessere Zukunft der
Welt entwerfen, sollten uns leiten. Nur sie bewahren die Regungen des
Göttlichen im Menschen vor dem Vergehen. Es waren moralische Visionen, die es
Staatspräsident de Gaulle ermöglichten, aus Feinden Freunde zu machen, statt
den Staat den marodierenden Privatinteressen zu opfern.
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