Die USA und China:
Natürliche Verbündete für Gerechtigkeit, Frieden und Wohlstand
Von Dr. Wenji Victor Chang
Dr. Chang vom Institut für Sinostrategische Studien in Whittier
(Kalifornien) hielt die folgende Rede auf der Konferenz der Schiller-Instituts
in San Franzisko am 29. Juni 2013.
Die Welt befindet sich in einer kritischen Übergangs- und
Neubestimmungsphase, wie die Finanzkrise von 2007-2009 schmerzlich gezeigt
hat. Die politischen und wirtschaftlichen Systeme, die seit mehreren hundert
Jahren von Finanzoligarchen dominiert werden, haben gegenüber allen Völkern
auf der Welt versagt und müssen geändert werden. Ich fühle mich deshalb
geehrt, auf dieser wichtigen Konferenz des Schiller-Instituts „Die Zweite
Amerikanische Revolution und ein neues Paradigma für die Menschheit“ sprechen
zu dürfen.
Friedrich Schillers Dramen zeigen immer wieder, daß die Pflichten eines
Menschen über seinen persönlichen Neigungen liegen; daß er immer zugleich
Patriot und Weltbürger sein muß. Und die wahren Interessen einer Nation können
nie im Widerspruch zu den Interessen der Welt als Ganzer liegen. In diesem
Geiste sind seine Lehren so wichtig für unseren Versuch, ein neues Paradigma
durchzusetzen.
Jeder rational denkende Mensch kann zustimmen, daß es zur Überwindung der
jetzigen Finanz- und Wirtschaftskrise konstruktive Partnerschaften zwischen
den Ländern und Völkern in diesem globalen Dorf braucht. Die Welt ist jedoch
nach der Finanzkrise von 2008 noch instabiler geworden. Politische Umwälzungen
haben alle Kontinente von Afrika bis Amerika erfaßt. Warum? Wegen der
zunehmenden Polarisierung in der Reichtumsverteilung unter den Ländern und
unter den Bürgern einzelner Staaten.
Selbst in Ostasien, einer vor 2008 relativ ruhigen Region, sind Spannungen
aufgeflammt. Einer der Gründe hierfür ist die lautstarke Ankündigung einer
Neuordnung der amerikanischen Streitkräfte: 60% ihrer Marinestreitkräfte
werden in Asien stationiert.
Als Amerikaner, der ursprünglich aus dieser Region stammt, stimme ich
völlig zu, daß Asien für das zukünftige Wohlergehen dieses Landes von großer
Bedeutung ist. Doch dient eine Destabilisierung der Region wirklich den
Interessen dieses Landes, wirklich den Interessen der asiatischen Länder und
wirklich den Interessen der ganzen Welt? Natürlich ist die Antwort der meisten
rational denkenden Menschen ein klares Nein. Doch warum handeln unsere
Politiker dann so?
Wie Lyndon [LaRouche], Helga [Zepp-LaRouche] und viele Fachleute hier
betont haben, ist die Wurzel des Übels die Finanzoligarchie, die die
US-Verfassung verraten und immer mehr die Kontrolle über die US-Politik
übernommen hat, seit 1913 die Federal Reserve gegründet wurde. In meiner Rede
möchte ich vor allem damit beschäftigen, warum die USA und China natürliche
Verbündete sind und wie die strategische Beziehung gestärkt werden kann.
Die USA und China: Konvergierende Interessen
Wie die frühere US-Außenministerin Hillary Clinton am 7. März 2012
bemerkte, sind die amerikanisch-chinesischen Beziehungen in der Geschichte der
Nationen einmalig. Die Vereinigten Staaten versuchten, mit einer aufstrebenden
Macht zusammenzuarbeiten, um deren Aufstieg als aktiv Mitwirkende für globale
Sicherheit, Stabilität und Prosperität zu fördern, und dabei aber auch die
amerikanische Führung in einer sich verändernden Welt zu erhalten und zu
sichern. Die beiden Länder zusammen bauen an einem Modell, in dem beide Länder
ein beiderseitig akzeptables Gleichgewicht zwischen Zusammenarbeit und
Wettbewerb herstellen. Das ist unbekanntes Terrain. Und das müssen wir gut
hinbekommen, weil soviel davon abhängt.
Natürlich gibt es viele Differenzen zwischen den beiden politischen und
wirtschaftlichen Systemen, den zwei kulturellen und historischen Erfahrungen.
Eine davon ist das US-Handelsdefizit mit China von 300 Mrd.$ pro Jahr, das auf
konstruktive Weise angegangen werden muß und nicht zu gegenseitigen
Schuldzuweisungen verkommen darf.
Gleichwohl gibt es viele konvergierende Interessen zwischen den USA und
China. Ich möchte nur einige nennen:
- Beide Länder brauchen ein friedliches und stabiles internationales
Umfeld.
- Beide Länder sind in jeder Beziehung unentrinnbar voneinander
abhängig.
- Beide Länder oder zumindest die meisten Menschen in beiden Ländern wollen
eine kooperative Partnerschaft auf Grundlage gegenseitigen Vorteils und
gegenseitiges Respekts aufbauen.
- Beide Länder suchen eine Beziehung mit beiderseitigem Gewinn anstatt
eines Nullsummenspiels.
- Beide Länder haben es mit einer zunehmenden Polarisierung der
Wohlstandsverteilung in ihren jeweiligen Gesellschaften zu tun. Die Bürger
dieses Landes müssen ihre Regierung aus den Händen der Finanzoligarchen
befreien. China muß die Vetternwirtschaft loswerden.
China und die Vereinigten Staaten können nicht alle Probleme dieser Welt
lösen, aber ohne Zusammenarbeit läßt sich wohl überhaupt kein Problem
lösen.
Es gibt auch viele Ähnlichkeiten zwischen den beiden Ländern.
- Ihre Größe nahezu gleich; beide nehmen jeweils fast genau 6,5% der
Landmasse der Erde ein.
- Beide sind Vielvölkerstaaten.
- Beide sind religiös tolerante Länder, vielen Hetzkampagnen gegen China
zum Trotz. Blickt man in China zurück, fällt eines auf: In der mehr als
4000jährigen Geschichte hat es keinen Religionskrieg gegeben. Selbst das
kommunistische China war in den letzten Jahren sehr tolerant den verschiedenen
Religionen gegenüber, solange die religiösen Gruppen ihre Religion nicht als
Vorwand für Subversion und andere illegale Aktivitäten benutzten.
Besonders wichtig ist, daß Chinesen und Amerikaner die gleichen tiefsten
Überzeugungen und Wünsche in Herz und Seele teilen, wie an den Ähnlichkeiten
zwischen den Lehren der amerikanischen Gründerväter und den Lehren der alten
chinesischen Philosophen und der chinesischen Führer heutiger Zeit deutlich
wird. Genau in diesem Sinn sind die USA und China natürliche Verbündete.
Ich möchte deshalb im Rest meines Vortrags auf diese gemeinsamen Werte
eingehen.
Abb. 1: Das chinesische Schriftzeichen für den Begriff der „Güte“ hat eine
weitergehende Bedeutung als im Deutschen, nämlich, das richtige Verhalten
zweier Menschen zueinander; etwa wie in den deutschen Sprichwörtern „Was du
nicht willst, das man’s dir tu’, das füg auch keinem andern zu“ und „Behandle
andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst“.
Abb. 2: Aus der Liebe zu den Menschen erwächst die Opferbereitschaft für
das höhere Wohl der Gesellschaft. Aus der Verbindung von Harmonie und
(Chancen-) Gleichheit erwächst der Frieden.
Abb. 3: Kalligraphie eines Leitsatzes der chinesischen Gelehrten:
Richte das Denken auf Himmel und Erde,
Sichere den Menschen das Leben und Glück
Gebe die Lehren der alten Weisen weiter
So schaffst du Frieden für alle Zeiten.
Abb. 4: Der chinesische Traum: eine Welt bauen, die allen gehört.
Das Prinzip „Zuerst das Volk“
Das Gründungsprinzip der USA kommt am besten in der Präambel der
amerikanischen Verfassung zum Ausdruck. Die Grundabsicht ist, „das allgemeine
Wohl zu fördern“ und „das Glück der Freiheil uns selbst und unseren Nachkommen
zu bewahren“. Unsere Regierung ist nach den Vorstellungen unserer Gründerväter
eine „Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk“, wie sich
Präsident Abraham Lincoln so treffend in seiner berühmten Gettysburg-Rede
ausgedrückt hat. Diese Idee hat chinesische Führer unserer Zeit wie Dr. Sun
Yat-sen, Tschian Kai-tschek, Mao Zedong, Tschou En-lai, Deng Xiao-ping, Jiang
Zemin u.a. maßgeblich beeinflußt.
Dieses Prinzip „Zuerst das Volk“ ist auch die tiefste Überzeugung in der
chinesischen Seele, wie sich in den Lehren der alten chinesischen Weisen
ausdrückt.
Die wichtigsten Konzepte von Konfuzius und der alten chinesischen
Philosophie äußert sich an mehreren einfachen chinesischen Schriftzeichen. Das
erste Grundkonzept wird gewöhnlich mit „Güte“ übersetzt (Abbildung 1).
Seine Bedeutung ist in Wirklichkeit aber noch viel tiefer und reicher als
„Güte“. Wie man sieht, besteht das Schriftzeichen aus zwei Teilen. Der linke
Teil, der wie ein Mensch aussieht, ist das chinesische Zeichen für Person. Der
rechte Teil ist, wie man sich leicht vorstellen kann, das chinesische Zeichen
für zwei. Im übertragenen Sinn bedeutet dieses Zeichen zwei Personen, was man
dazu erweitern kann, wie sich zwei Menschen einander gegenüber richtig
verhalten.
Konkreter gefaßt ist der Ausgangspunkt von Güte Liebe. Man muß seine
Freunde und seine Nächsten lieben. Wie übt man Liebe aus? Konfuzius lehrte
uns, daß man die chinesische Ethik der Gegenseitigkeit ausüben müsse, was
übersetzt bedeutet: „Was du nicht willst, das man’s dir tu’, das füg auch
keinem anderen zu“, was die negative Form der Goldenen Regel ist. In den
meisten westlichen Kulturen gilt eher die positive Form der Goldenen Regel:
„Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“ Dieser
kleine Unterschied zwischen den beiden Kulturen hat tiefe Auswirkungen auf das
Denken der beiden Völker.
In der nächsten Darstellung (Abbildung 2) werden die nächsten
Grundbegriffe zusammengefaßt. Das erste Zeichen bedeutet, daß man sich für das
höhere Wohl der Gesellschaft und der ganzen Welt opfern werde. Dieses
chinesische Zeichen besteht aus zwei Teilen. Der erste (oder obere) Teil ist
das Lamm. Das Lamm gilt schon seit der Antik als Opfertier. Opfer für was? Für
das höhere Wohl seiner Gruppe. Der zweite (oder untere) Teil ist „ich“ oder
„mich“. Anders gesagt, man ist bereit, als Lamm für das höhere Wohl der
Gesellschaft aufzutreten. Das ist ein sehr wichtiger Wert in der
traditionellen chinesischen Kultur.
Der nächste Begriff ist „Harmonie“. Man sucht stets nach Harmonie, sei es
in der Musik oder anderen Dingen, und man versucht, die Extreme zu vermeiden.
Das letzte Zeichen ist „Gleichheit“ oder „Chancengleichheit“. Kombiniert man
die letzten zwei, ergibt sich das Schriftzeichen für „Frieden“. Anders gesagt,
im chinesischen Denken läßt sich ein dauerhafter Frieden nur auf Harmonie und
Gleichheit aufbauen.
Bewußtsein für Himmel und Erde
Diese Darstellung zeigt eine wunderschöne chinesische Kalligraphie eines
Leitsatzes, der von Generationen klassischer chinesischer Gelehrter geschätzt
wurde (Abbildung 3). Ich möchte die Bedeutung dieses Leitsatzes
erklären. Der Leitsatz besteht aus vier Teilen. Was bedeutet das? Ich erlaube
mir, es zu übersetzen.
Der erste Teil ist, ein Bewußtsein für Himmel und Erde zu erlangen. Wie ist
das möglich? Nach der chinesischen Philosophie ist Tao der Weg der
Natur, wovon Sie vielleicht gehört haben. Als Gelehrter muß man sich den Weg
der Natur nutzbar machen, damit alle Menschen und die Welt davon Nutzen haben.
Dann kommt das Bewußtsein für Himmel und Erde. Man beobachtet zum Beispiel die
Bewegung der Sonne und deren Beziehung zu den verschiedenen Jahreszeiten, die
man zum Vorteil der Menschen nutzbar machen kann. Das führt ganz natürlich zum
zweiten Teil, der darin besteht, das Leben und Glück der Menschen zu sichern.
Das ist die große Liebe.
Der dritte Teil ist, die besten Lehren der alten Weisheiten wie die
von Konfuzius, Menzius u.a. fortzuführen. Wofür? Das ist der letzte Teil: Um
Frieden für alle zukünftigen Generationen zu erreichen.
Das ist der wichtigste Leitspruch für die traditionellen chinesischen
Gelehrten. Und meiner Ansicht nach decken sich die in diesem Leitspruch
ausgedrückten chinesischen Werte mit denen unserer Gründerväter und denen von
Schiller. Deswegen glaube ich, daß die USA und China natürliche Verbündete
sind, denn sie teilen in ihrem Herz und ihrer Seele die gleichen
Grundwerte.
Die Zusammenarbeit fördern
Was kann man somit in praktischer Hinsicht tun? Wir sollten die von Lyndon
LaRouche und seiner Gruppe entwickelten Ideen aufgreifen. Wir sollten die
Zusammenarbeit fördern, und nicht die Konfrontation. Wir sollten unsere
Zusammenarbeit auf Grundlage von Wissenschaft, Technologie und Entwicklung
aufbauen.
Nehmen wir den Fernen Osten als Beispiel, wo es viele Spannungen gibt -
Spannungen zwischen Rußland und Japan, zwischen Japan und China, zwischen
Nord- und Südkorea usw. Wenn man die wahren Bedürfnisse der Region rational
betrachtet, gibt es wirklich keinen Konflikt von grundlegenden und
langfristigen Interessen.
Es besteht ein großer Bedarf an weiterer Entwicklung. Wie bereits in
anderen Reden zuvor erwähnt, sollten wir NAWAPA bis nach Sibirien und
Nordasien ausdehnen; wir sollten die Eurasische Landbrücke auf die USA und den
amerikanischen Kontinent ausdehnen. Wir müssen die riesigen Gebiete Sibiriens,
Koreas, Chinas usw. erschließen. Auf der Grundlage dieser neuen Entwicklungen
können wir neue Grenzbedingungen und einen neuen Geist schaffen.
Ein weiteres Feld der Zusammenarbeit ist die Weltraumforschung. Erst vor
ein paar Tagen haben drei Astronauten Chinas längsten bemannten Raumflug
beendet und sind sicher zur Erde zurückgekehrt, womit China einen weiteren
Schritt in Richtung auf das Ziel getan hat, bis 2020 eine permanent bemannte
Raumstation aufzubauen. Die USA und Rußland waren einst die Pioniere der
Weltraumforschung. Jedoch in den letzten Jahren sind die amerikanischen
Anstrengungen deutlich zurückgegangen. Ich meine, in der Zukunft liegen viele
Möglichkeiten der Menschheit im Weltraum, und unsere Herausforderungen und
Bedrohungen werden eines Tages ebenfalls aus dem Weltraum kommen. In diesen
schwierigen Zeiten macht es meines Erachtens viel Sinn, die Ressourcen zu
bündeln, um gemeinsam das Weltall zu erkunden.
All die eben erwähnten Dinge werden für die Zukunft beider Länder hilfreich
sein, aber am allerwichtigsten ist es, eine Umgebung der Zusammenarbeit zu
schaffen. Auf diesem Bild ist eine ideale Welt dargestellt, wie sie Konfuzius
und den alten chinesischen Philosophen vorschwebte; sie nennt sich der
chinesische Traum (Abbildung 4). Der Traum ist, eine Welt von
großer Harmonie und Gleichheit zu bauen, was bedeutet, die Welt gehört allen.
Meiner Ansicht nach ist dieser Traum auch der amerikanische Traum des
„allgemeinen Wohls“, wie es in der Präambel der amerikanischen Verfassung
ausgedrückt ist.
Dieses Ideal zu verwirklichen, ist der chinesische Traum, der im Wesen
weder kommunistisch noch nichtkommunistisch, sondern einfach chinesisch ist.
Er verkörpert den Geist von Entwicklung und Fortschritt nicht nur für China,
sondern für die Welt. Ich hoffe, daß dies auch der Traum aller Menschen auf
der Welt sein möge.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
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